Aby Warburg, der Ethnologe

Es ist bezeichnend, dass am Beginn der jüngeren Rezeptionsgeschichte Aby Warburgs eine Biografie steht. Ernst Gombrich, seit 1959 Direktor am Warburg Institute in London, dürfte sich schon von Amts wegen verpflichtet gefühlt haben, endlich das nachzuholen, was seine Vorgängerin Gertrud Bing trotz jahrelanger Vorbereitung nicht abschließen konnte: eine erste umfassende Gesamtdarstellung zu Warburg. Auf Englisch erschien Gombrichs Buch zuerst 1970, eine deutsche Übersetzung sollte elf Jahre später folgen.

(Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

Allerdings war es auf vertrackte Weise beides zugleich: ein ebenso verdienst- wie verhängnisvoller Versuch, Aby Warburgs Bedeutung für die Geistesgeschichte des 20. Jahrhunderts zu umreißen. Einerseits machte Gombrich von seinem Privileg des kurzen Dienstwegs reichen Gebrauch: Den im Londoner Institut aufbewahrten Nachlass wertete er umfassend aus. Auf diese Weise wurde eine stattliche Zahl bis dahin nicht publizierter Dokumente wenigstens in Ausschnitten überhaupt zugänglich.

Andererseits aber kam mit diesem Buch ein Deutungsmuster in die Welt, das sich, bezogen auf Warburg, seither kaum noch verrücken ließ: der Biografismus. Man wird Gombrich nicht vorwerfen können, aus seiner Idee ein großes Geheimnis gemacht zu haben. Bereits im Untertitel hatte er deutlich genug angekündigt, eine »intellektuelle Biografie« vorzulegen. Ursprung und Entwicklung von Warburgs wissenschaftlichem Denken, seiner Forschungsinteressen wie Thesen werden hier aus den Umständen der persönlichen Biografie abgeleitet – und umgekehrt. Zugespitzt gesagt: Der Mann ist das Werk, und das Werk ist der Mann.

Zur Rechtfertigung solcher Kurzschlüsse bietet Warburgs äußerer Lebensweg mythisch aufgeladene Ereignisse in überreicher Zahl: vom Verzicht auf das Erstgeborenrecht zugunsten seines jüngeren Bruders Max, solange ihm dieser nur ein Leben lang jedes gewünschte Buch kaufen würde (dass das einmal auf 60 000 Bände hinauslaufen würde, konnte der Zwölfjährige nicht ahnen) bis hin zum fast fünf Jahre dauernden Aufenthalt in verschiedenen psychiatrischen Kliniken, aus denen sich Warburg durch die Wiederaufnahme seiner wissenschaftlichen Arbeit gewissermaßen selbst befreit habe.

Auf biografisch gestimmte Interpreten jedenfalls übt Warburg unverkennbar Anziehungskraft aus. Das kann zu lesenswerten Büchern führen, die etwa Der junge Aby Warburg oder Aby Warburg und der Antisemitismus heißen. 1 Es kann aber auch auf skandalöse Weise danebengehen. Gezeigt hat das vor inzwischen mehr als zehn Jahren der Band Die unendliche Heilung . Was genau sich die Medizinhistorikerin Chantal Marazia und der Literaturwissenschaftler Davide Stimilli davon versprachen, jene Krankenakten zu veröffentlichen, die in den von Warburg aufgesuchten Psychiatrien in Jena und Kreuzlingen über ihn geführt worden waren, wird deren Geheimnis bleiben. Der Erkenntniswert, der sich aus den beklemmenden Patientenprotokollen ziehen lässt, steht jedenfalls in umgekehrt proportionalem Verhältnis zum Voyeurismus, der sich mit dieser Edition verbindet.

Warburg war ein skrupulöser, wenig produktiver Autor. Die zu seinen Lebzeiten veröffentlichten Texte machen im Ganzen kaum mehr als sechshundert Druckseiten aus. Charlotte Schoell-Glass hat es einmal überschlagen: Jeder einzelnen publizierten Seite entsprechen bei Warburg ungefähr einhundert nicht veröffentlichte Manuskriptseiten, einhundert Büchern in seiner Bibliothek, noch einmal so viele Briefe sowie wenigstens zweihundert Karteikarten. Selbst wenn Warburg mit einer solchen Methode der Verdichtung nicht allein stehen sollte, in einem zeichnet sich sein wissenschaftliches Werk auf sonderbare Weise aus: Zugänglich war es, sozusagen bis vorgestern, nur unter erschwerten Bedingungen.

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