Erscheinen und Verschwinden des Lehrkörpers. Bildungskolumne

Die Gefahr übertriebener Eleganz bei Lehrpersonen sei nicht groß, meinte der Präsident des Dachverbands Lehrerinnen und Lehrer Schweiz in der Neuen Zürcher Zeitung. 1 Dort wurde auch von einer Studie berichtet, derzufolge Lehrpersonen, die nicht nur fachlich gut, sondern auch in Kleiderfragen stilsicher seien, zu einem erfolgreichen Lernklima beitragen könnten. Das ist schön. Konkret: Hemd, Bluse und Jackett passen immer, Faserpelzjacken und Spaghettiträger sind zu vermeiden, ebenso kurze Röcke. Ärmellose Shirts gehen gar nicht, Kapuzenjacken sind ein anbiedernder Fehlgriff, auf Krawatten kann aber in jedem Fall verzichtet werden, gegen gesunde Schuhe hat niemand etwas, gepflegte Frisur beziehungsweise ordentlicher Haarschnitt sind wichtig, aber bitte keine fettigen Haare.

(Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

Dass Lehrpersonen mittelmäßig bis schlecht angezogen sind, ist – global betrachtet – hoffentlich ein Klischee. Auf einer Studienreise haben Studierende einen Lehrer in Palermo, der dort in einem ärmlichen Stadtviertel unterrichtete, mit der Frage konfrontiert, was er zur offensichtlichen Diskrepanz zwischen seinem Erscheinungsbild – sehr modisch, schnelle Schuhe, kurz: bella figura und in jeder Hinsicht picobello – und den nur bescheiden angezogenen Schülerinnen und Schülern zu sagen habe. Das war vor vielen Jahren, die Frage war kritisch gemeint, doch der Professore ließ sich nicht ins Bockshorn jagen und entgegnete nicht ohne Pathos: »Auch diese Kinder haben es verdient, einen gepflegten und gut angezogenen Lehrer vor sich zu haben!«

Dieser Mann hätte von der äußeren Erscheinung her auch auf einen höheren Posten in einer Bank oder der Verwaltung gepasst, aber nein, er unterrichtete diese Kinder. Sein Stil passte den Besuchern offenbar nicht, er erschien ihnen zu geckig, zu gockelhaft. Denn in der Volksschule entspricht ein leicht schludriges Äußeres mancherorts offenbar der sozialen Erwartung, es erhöht ganz sicher die pädagogische Glaubwürdigkeit, umgekehrt ist Eleganz in volkspädagogischer Hinsicht suspekt. Auf der einen Seite sollen die Lehrpersonen optisch nicht auffallen, auf der anderen Seite sind die »guten« Lehrer niemals die »typischen« Lehrer. Wie könnten typische Lehrer auch gut sein?

Schon an der Kleidung deutet sich an, dass der Lehrberuf keine Profession ist. Von einem »untypischen« Chirurgen beispielsweise möchte man dann doch lieber nicht operiert werden; wer möchte bei einem modischen Freak unters Messer, der darüber hinaus vielleicht noch wie ein Anhänger des radikalen Konstruktivismus aussieht? Ärzte und Ärztinnen sollen ein uniformiertes Erscheinungsbild und Auftreten haben, schon kleine Abweichungen – zum Beispiel komischer Schmuck – können angsteinflößend sein, jedenfalls vor der Operation. Im Finanzwesen ebenso: Bankangestellte haben eine besonders stereotype Erscheinung zu pflegen.

Zwar kann Mode als ein paradoxes Zeichensystem verstanden werden, das gleichzeitig Bedürfnisse nach Individualität wie nach Zugehörigkeit befriedigen soll (Roland Barthes), ein ewiges Spiel des Nachahmens und Abweichens (Georg Simmel), dennoch sind die Berufs- und Statusgruppen weitgehend uniformiert, selbst wenn sich der Zusammenhang von Lebenslage und Lebensstil auch in unseren Breitengraden insgesamt gelockert hat. Die Lehrperson – zumindest auf Ebene der sogenannten Volksschule – soll nicht auffallen, vor allem darf sie nicht eitel oder exzentrisch erscheinen. Dies hat mit der gesellschaftlichen Anerkennung der Pädagoginnen und Pädagogen zu tun. Dass der Lehrberuf in früheren Zeiten – im Unterschied zu heute – uneingeschränkt geachtet worden wäre, ist Wunschdenken, das vielleicht der Dramaturgie des Professionalisierungsdiskurses dienen soll.

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