Im Badambaum

Was die Klimakatastrophe angeht (nur um einen der wild herumflatternden Fäden der letzten Kolumne wieder aufzunehmen): Wenn man das Melodramatische hasst, aber die Welt so dramatisch wird, dass man nicht mehr über sie schreiben kann, ohne dramatisch zu klingen und aus alter Gewohnheit den angemessen dramatischen Ton verächtlich für melodramatisch hält, muss man sich trotzdem abfinden mit dem Drama. Auch mit der Angst. Es nützt nicht viel, vor Angst nicht zu schreien in einem Augenblick, in dem vor Angst zu schreien nötig ist, nur weil man das Schreien vor Angst einfach nicht so richtig elegant findet.

So wichtig Eleganz auch ist. Und sie ist sehr wichtig.

(Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

Nachdem die letzte Kolumne zu einem kapitalismuskritischen rant ausgeartet ist, der sich kaum wieder einkriegen konnte, soll diesmal hemmungslos geliebt werden, und zwar auch, weil in meinem großartigen neuen Büro halb unter einer Ostberliner Allee auf einem Sims eine Karte mit der Aufschrift »Hass schadet der Seele« steht, mit freundlichen Empfehlungen der Evangelischen Kirche in Steglitz und Teltow-Zehlendorf.

Liebe! Liebe! Liebe! Geliebt werden sollen hier: der Badambaum. Die Krähe (insbesondere im Badambaum). Der Riesenflughund (insbesondere über dem, auch im Badambaum). Der Baum an sich, als Universum (am Beispiel des Banyanbaums). Und Plastik. Jawohl, Plastik, der neue Globalbösewicht, der sich als Mikroplastik schon im Bauch jeder Tiefseegarnele im tiefsten Tiefseegraben finden lässt, jede Mikrofaser Zeugnis unserer Schande, unserer Verdorbenheit, unserer Bequemlichkeit im Supermarkt, wenn wir zur Plastiktüte greifen, und immer wenn wir das tun, stirbt eine kleine Tiefseegarnele. Ich liebe Plastik. Ich könnte Ewigkeiten in Billigläden voller kreischbunter Gießkannen, Putzeimer und Waschkörbe zubringen, die nach China riechen. Ich liebe das Infantile des Sortiments, das Egalitäre, Demokratische, Demokratisierende der Massenproduktion, die Einfachheit der Ware, ich liebe die Gleichmacherei: ein Plastikstuhlmodell, Monoblock weiß, für die ganze Welt. Der Abschied vom Plastik wird mir schwerfallen bei unserem Übergang in die Manufactum-Gesellschaft, die mit der Vergötzung, der Vergötzkubitschekkung des angeblich Echten die Tiefseegarnele zu retten behauptet.

(…)


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