Schleichendes Gift – die Gegenwart des Ressentiments

Ressentiment ruht auf einem Komplex schleichend einwachsender, niedriger Gefühle – Groll, Unmut, Missgunst, Animosität, Übellaunigkeit –, die allesamt derart unangenehm sind, dass sie es als solche schwer haben, zu Bewusstsein zu kommen. Wenn sie bewusst wären, würden sie kein gutes Licht auf den eigenen Charakter werfen, was wir stets sorgfältig zu vermeiden versuchen, vor anderen ebenso wie vor uns selbst. Auch wenn Ressentiment zu kulturellen und politischen Großwetterlagen eskalieren kann, wächst der innere Grimm doch in der Regel eher klein und spießig im normalen Alltag heran, wenn wir uns wieder einmal über eine Welt empören, in der alles und jeder nur dazu da zu sein scheinen, uns den Tag zu vermiesen.

(Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

In This is Water hat David Foster Wallace das charakteristische Profil dieser Haltung herausgearbeitet, die nicht das Ergebnis einer bewussten Entscheidung darstellt, sondern mit der wir morgens aufwachen: »Es hat ganz den Anschein, als stünde die ganze Welt mir im Weg , und wer zum Teufel sind diese ganzen Leute, die mir im Weg stehen? Und wie abstoßend die meisten von denen aussehen, und wie dämlich, strohdoof, bräsig und nicht menschlich sie in der Kassenschlange wirken, oder wie grob und unhöflich es ist, dass sie mitten in der Schlange lauthals in ihre Handys sprechen, und ist das alles vielleicht nicht wahnsinnig ungerecht: Da habe ich mich den ganzen Tag krumm und lahm geschuftet, bin am Verhungern und todmüde, aber wegen all dieser blöden Rindviecher kann ich nicht mal nach Hause, was essen und ausspannen.« 1

Ressentiment ist reaktiv – das Selbst empfindet sich dabei nicht als handelnden Akteur. Ich fühle mich einer Situation ausgesetzt, gegenüber der ich machtlos bin, und diese Machtlosigkeit ist es, die mich klein macht, unbedeutend, ein Opfer der Umstände. Die Inhalte, also das, worüber sich der Erzähler echauffiert, sind vergleichsweise läppisch und eigentlich austauschbar. Foster Wallace wählt die Situation des Feierabendeinkaufs, aber es könnte ebenso gut um etwas anderes gehen, etwa um den Job – irgendetwas läuft nicht, die Verwaltung stellt sich stur, der Kollege, der erst ein Jahr da ist, wird befördert, während ich übergangen werde etc.

Bemerkenswert ist deshalb weniger, woran der stumpfe Groll sich jeweils entzündet, bemerkenswert ist vielmehr die blinde, als fremdgesteuert erlebte Dynamik, mit der das Ressentiment, einmal in Gang gesetzt, sich vom konkreten Anlass löst und verselbständigt. Wie man an Foster Wallace’ Darstellung, die vom abendlichen Lebensmitteleinkauf sehr schnell zum Weltuntergang voranschreitet, sehr schön beobachten kann, weist diese Dynamik eine Tendenz zur Eskalation auf. Zugleich schlägt die zunächst nach außen gerichtete Bewegung aber sofort auf das Subjekt zurück und erodiert es moralisch, emotional und offenbar auch intellektuell.

(…)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere