Südwestdeutsch trifft Deutsch-Südwest. Baden-Württemberg gibt zwei kolonialzeitliche Objekte an Namibia zurück

Das Ensemble weckt Assoziationen der dunkleren Art: Eine Bibel und eine Peitsche hat das Land Baden-Württemberg Ende Februar an den Staat Namibia zurückgegeben, um ein sichtbares Zeichen für einen neuen Umgang mit dem kolonialzeitlichen Erbe zu setzen. Beide Objekte aus den Sammlungen des völkerkundlichen Linden-Museums Stuttgart weist dessen Archiv als ehemaliges Eigentum von Hendrik Witbooi aus. Witbooi führte von 1904 an Soldaten der Nama in einen Aufstand gegen General Lothar von Trotha, der begonnen hatte, Herero und Nama systematisch ermorden zu lassen. Rund 80 000 von ihnen kostete der Aufstand, der heute als Genozid gilt, das Leben.

(Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

Ins Linden-Museum kamen Witboois Habseligkeiten 1902 als Geschenke des Hofrats von Wassmannsdorf. Dieser war zwischen 1895 und 1898 kommissarischer Intendant für die Schutztruppe im damaligen Deutsch-Südwestafrika und überließ dem Museum 44 Objekte, darunter zwei aus Witboois Eigentum. Die Bibel soll 1893 bei einem Angriff auf Witboois Regierungssitz Hornkranz erbeutet worden sein. Den ideellen Wert der Objekte für die Nachkommen Witboois und für Namibia schätzt man in Stuttgart hoch ein: »Handschriftliche Notizen auf den Seiten des Buches belegen, dass der 1866 in Berlin gedruckte Band wichtiger Bezugspunkt für verschiedene Mitglieder der Witbooi-Familie war«, hatte es im Ausstellungstext zur Bibel geheißen, die das Museum vor der Rückgabe noch einmal öffentlich gezeigt hatte. Baden-Württembergs Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst, Theresia Bauer, verkündete: »Für Namibia ist die Bibel von höchster symbolischer und historischer Bedeutung.«

Der Staatsempfang, der den Objekten in Namibia bereitet wurde, belegte diese Einschätzung eindrucksvoll: Die ranghöchsten Politiker des Landes gaben sich die Ehre, obwohl die offizielle Übergabezeremonie in Gibeon stattfand, dem Familiensitz der Witboois, weitab von der Hauptstadt Windhoek. Auf ihrem Weg nach Gibeon wurden die Objekte an verschiedenen Schulen vorgezeigt, das Staatsfernsehen übertrug die Rückgabezeremonie live. Auf namibischer Seite herrschte das Gefühl, endlich Anerkennung für das während der Kolonialzeit erlittene Unrecht zu bekommen, ein Eindruck, der sich in den Verhandlungen mit dem deutschen Außenministerium über finanzielle Entschädigung nie eingestellt hatte.

Im November, nachdem sein Kabinett die Rückgabe beschlossen hatte, hatte Ministerpräsident Winfried Kretschmann die Restitutionen zu Symbolen einer neuen Landespolitik erklärt: »Baden-Württemberg stellt sich seiner historischen Verantwortung. Die Rückgabe der ›Witbooi-Bibel‹ und der Peitsche Hendrik Witboois an Namibia ist ein bedeutendes Signal und wichtiger Schritt im Prozess der Versöhnung.« 1 Zwar konnte sich die Regierungskoalition aus Grünen und CDU nicht darauf einigen, eine allgemeine haushaltsrechtliche Ermächtigung zu schaffen, die es ermöglicht hätte, Restitutionen von kolonialen Objekten auf administrativer Ebene eigenständig durchzuführen. So wird sich zunächst auch weiterhin das Parlament mit jedem einzelnen Fall befassen müssen. Trotzdem ist die Restitution der beiden Objekte kulturpolitisch bedeutsam, weil es sich um die erste Rückgabe kolonialzeitlicher Kulturgüter aus einem deutschen Museum nach Afrika überhaupt handelt. Für Baden-Württemberg soll das erst der Anfang sein. Im April restituierte das Linden-Museum menschliche Überreste an Australien, und in Namibia versprach Ministerin Bauer: »Alle Institutionen in Baden-Württemberg kriegen einen Brief von mir. Sie müssen von sich aus aktiv werden und wie das Linden-Museum ihre Sammlungen durchforschen, die Erwerbskontexte offenlegen und selbstverständlich sämtliche menschlichen Gebeine restituieren.« Das Linden-Museum hatte seit 2016 Provenienzrecherchen im Forschungsprojekt »Schwieriges Erbe« durchgeführt, in dem es zusammen mit der Universität Tübingen systematisch die Sammlungsbestände zu Namibia, Kamerun und dem Bismarck-Archipel untersuchte. 2

Die Bedeutung der Stuttgarter Restitutionen geht über die landespolitische Ebene weit hinaus. Erstens, weil die Rückgaben zu einer Zeit kommen, in der sich der hegemoniale Diskurs zum Umgang mit kolonialzeitlichem Sammlungsgut verändert hat, was maßgeblich mit den Protesten um das Berliner Humboldt-Forum und Restitutionsinitiativen in Frankreich zusammenhängt. Zweitens, weil sie die juristischen Fragen exemplarisch deutlich werden lassen, die solche Verfahren begleiten können. Drittens, weil sie im Kontext einer neuen, aktiven Außenkulturpolitik von Bund und Ländern zu diplomatischen Zwecken zu sehen sind.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Die Zitate von Bauer und Kretschmann stammen aus der Pressemitteilung des Landes zur Restitution vom 13. November 2018
  2. Linden-Museum Stuttgart, Provenienzforschung im Projekt »Schwieriges Erbe: Zum Umgang mit kolonialzeitlichen Objekten in ethnologischen Museen«. Abschlussbericht. Bearbeitet v. Gesa Grimme. Stuttgart 2018.

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