Unser Onkel Palamède. Prousts Figur des Baron de Charlus und die Genealogie des europäischen Geistesmenschen

In Marcel Prousts Pantheon nimmt der Baron de Charlus – oder »Mémé«, wie seine Schwägerin, die Herzogin von Guermantes, ihn liebevoll zu nennen pflegt, – eine ganz besondere Stellung ein. Er gehört zu den farbigsten und eindringlichsten Gestalten des Romanwerks, und er ist eine der wichtigsten Kontrastfiguren, in denen der Erzähler seinen eigenen Weg vom jugendlichen Snobismus bis hin zur ernsthaften Schriftstellerei spiegelt. Proust widmet dem Baron große Sorgfalt, schont ihn aber nicht. Dessen gesellschaftlicher Abstieg, selbst verschuldet ebenso wie von Feinden befördert, sein Bedeutungsverlust als arbiter elegantiarum der mondänen Gesellschaft, die kühle Zurückweisung, die er am Ende sogar in seiner angestammten Welt des Faubourg Saint-Germain erfährt, all das wird mit Ausführlichkeit geschildert. Daneben wirkt die gelegentliche Empathie des Erzählers für den Unglücklichen beinahe boshaft. Trotzdem ist die literarische Kälte ein Zeichen echten Interesses.

(Der Essay ist im Maiheft 2019, Merkur # 840, erschienen.)

Mémé verkörpert die große Welt, die für den Erzähler mit einem Geheimnis versehen ist und die es in diesem Roman eines Lebens und einer Zeit zu entdecken gilt. Proust benutzt mehrfach das Bild des Kaleidoskops, um einen für die Beteiligten kaum spürbaren Wandel in seinem gesellschaftlichen Panorama zu benennen. Kaleidoskope zeigen Bilder, die schon bei leisester Berührung einstürzen, um wieder und wieder den Zufall triumphieren zu lassen. Die kaleidoskopische Gesellschaft kennt kein Entwicklungsgesetz, und niemand, der in ihr zugrunde geht, kann noch aus einem Heilsversprechen oder aus einer Geschichtsphilosophie tröstenden Sinn schöpfen. Naturgemäß sehen Prousts Figuren das anders. Als Angehöriger der allerhöchsten Aristokratie, heißt es über den Baron, gehöre er im Grunde einem »unbeweglichen« Stand an, einer Schicht, die weder Aufstiegsehrgeiz kenne noch Abstiegsfurcht, ja deren Selbstverständnis die Vorstellung von so etwas wie Wandel ausschließt. Was dann in der sozialen Welt tatsächlich mit einem Aristokraten geschieht, wäre danach bloßes Widerfahrnis, sagt aber nichts über die gesellschaftliche Ordnung aus. Der Aristokrat mag unter den akzidentiellen Vorkommnissen der Zeit leiden, seine soziale Ontologie bleibt davon unberührt. Daher ist es nicht verwunderlich, dass Proust gerade diesem funkelnden Fragment in seinem Kaleidoskop Aufmerksamkeit zuwendet, diesem solide gefassten Stein in einem alten Geschmeide, der trotzdem bunt durchs Bild purzelt.

Die Bedeutung der Charlus-Figur reicht noch weiter. Ihre Geschichte wird nicht etwa im Stil eines braven Erzählrealismus deutscher Manier geschildert, wonach ein würdiger Majoratsherr einsehen muss, dass die bürgerlichen Zeiten übermächtig geworden sind. Palamède de Charlus ist kein Dubslav von Stechlin. Für Charlus ist die kaleidoskopische Welt nicht das letzte Wort. Er streitet vielmehr gegen seine Zeit, er intrigiert, nimmt Risiken auf sich, redet mit Zungen, speit Galle und inszeniert die eigene Existenz als große Oper. Ein wohlintegriertes Mitglied seiner »unbeweglichen« Kaste ist er wiederum auch nicht, das verhindern schon seine Egozentrik, seine Arroganz und seine Homosexualität, auch sein geschärftes Stilgefühl und sein unbestechlicher Intellekt. Es existiert gar nichts Festes um ihn; da ist in Wahrheit nichts Unbewegliches. Es existiert nur die Kaste des ortlosen Hochadels, die letzte Sicherheit aus großen Vermögen zieht, alles Weitere hängt an einem skurrilen Verhaltensprotokoll, das am Beginn des Romans wenigstens noch im Faubourg gilt. Der Erzähler erkennt bereits, dass die Welt der Guermantes eine Art Revueveranstaltung ist, sobald er sich als ganz junger Mann in die Herzogin verliebt. Er nimmt das »Eintagspanorama« wahr, erweckt durch den atmosphärischen Zauber bloßer »Namen«.

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