Homestorys (I). Betreutes Wohnen

Netflix, mit 140 Millionen Abonnenten und einem Bilanzgewinn in Milliardenhöhe der größte und einträglichste Online-Streamingdienst der Welt, eine Firma also mit sicherem Gespür für die Unterhaltungsbedürfnisse eines gigantischen Konsumentenpools, hat seit dem Frühjahr die erste Staffel einer Serie im Programm, bei der man anderen Menschen beim Hausputz zusehen kann. Tidying up with Marie Kondo basiert auf einer japanischen Ratgeberreihe zur optimalen Haushaltsorganisation, die innerhalb weniger Jahre, begleitet von einem bemerkenswerten Medienecho, 1 millionenfach verkauft und in mehr als drei Dutzend Sprachen übersetzt worden ist (die deutsche Ausgabe trägt den Titel Magic Cleaning).

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Dass ein Erfolg dieser Größenordnung die Beteiligten früher oder später zu der Überlegung führt, ob sich die Buchidee nicht womöglich auch noch für die Verwertung in einem anderen Medium anbieten könnte, ist kein Wunder. Und doch wüsste man gern, wie viel Überredungskunst nötig war, das Cliffhanger-Imperium Netflix davon zu überzeugen, dass ausgerechnet eine Aufräumfibel die geeignete Blaupause für ein populäres Reality-TV-Format hergeben könnte. Schließlich erfüllt das Sujet genau besehen so gut wie keine der auf diesem schwierigen Marktsegment etablierten Genrekonventionen. Tidying up with Marie Kondo gewährt keine Einblicke in Messie-Höhlen (Consumed) oder Promi-Villen (Selling Sunset) ; die Serie präsentiert keine abgedrehten Designfantasien (Amazing Interiors) oder exklusiven Architektenträume (The World’s Most Extraordinary Homes) ; sie setzt nicht auf praktische Umbauhilfen (Home Made Simple) oder das fotoshootingtaugliche Aufmotzen ungestylter Alltagsorte (Stayhere) .

Marie Kondo gibt noch nicht einmal irgendwelche Dekotipps. Stattdessen räumen Folge für Folge gänzlich unspektakuläre Menschen unter ihrer Anleitung gänzlich unspektakuläre Wohnungen auf. Dass sie dabei mitunter kubikmeterweise Zeug ausmisten, das sich im Lauf der Zeit angesammelt hat, macht die Angelegenheit nur bedingt attraktiver. Frau Kondos Klienten zelebrieren nämlich auch keinen Konsumverzichtspotlatch (für Liebhaber solch heroisch radikaler Wegwerfübungen, aus denen inzwischen ein eigenes, höchst einträgliches, populäres Sachbuchgenre hervorgegangen ist, bietet Netflix eine Doku mit dem Titel Minimalism an).

Ein typischer Teasertext liest sich deshalb etwa so: »Zwei Schriftsteller entrümpeln gemeinsam ihre Bibliothek, sortieren Erinnerungsstücke und bringen Ordnung in das Chaos aus elektronischen Geräten und Kabeln.« Oder: »Marie zeigt einem Ehepaar mit zwei Kindern und viel Krimskrams, wie man Schals richtig zusammenlegt, sich alter Spielsachen entledigt und das Chaos in der Garage bändigt.« Oder auch: »Ein frischvermähltes Paar mit zwei Hunden bringt Ordnung in das Wirrwarr an Hundeutensilien und lernt, wie man durch Kisten Ordnung in Schubladen und Schränke bringt.«

Natürlich ist es allein mit ein wenig Beiseiteräumen dann auch nicht getan. Ein Großreinemachen à la Kondo erinnert weniger an einen klassischen Frühjahrsputz als an die Vollinventur eines Warenlagers. Es umfasst die penible Durchsicht sämtlicher, aber auch wirklich sämtlicher häuslicher Habseligkeiten von der Bekleidung über die Küchenutensilien bis hin zu den Familienfotos, und es macht vor keiner Klappe, Türe, Kiste oder Lade Halt. Der Schauplatz der Serie ist insofern passend gewählt: Südkalifornien ist berüchtigt für die Konsumfreude seiner Bewohner, deren gigantische Kühlschränke häufig ebenso aus allen Nähten platzen wie die großzügig geschnittenen Einbauschränke, Speicher und Garagen. 2

Entrümpelungsaktionen ziehen sich hier deshalb nicht nur über ein paar Tage, sondern über mehrere Wochen hin, was sicherstellt, dass für die etwa vierzig Minuten jeder Folge ausreichend Bildmaterial zusammenkommt. Alle Besitztümer werden dabei nach Kategorien sortiert und gesichtet und die unterschiedlichen Objektgruppen eine nach der anderen an einem Ort zusammengetragen, also etwa sämtliche Bücher oder CDs auf dem Boden des Wohnzimmers aufeinandergetürmt. Daraufhin begutachten die Teilnehmer Stück für Stück jeden einzelnen Gegenstand und entscheiden, ob sie ihn aufheben wollen oder nicht. Die einzige Maxime, die ihnen dazu an die Hand gegeben wird, lautet, dass sie doch möglichst nur solche Dinge behalten sollten, deren Anblick oder besser noch Berührung bei ihnen ein unmittelbares Glücksgefühl auslöse (»to spark joy« lautet die Wendung im Englischen). 3 Tidying up with Marie Kondo dokumentiert also im Kern die Verrichtung einer kreuzbiederen und denkbar langweiligen Ausdauer- und Fleißübung. Warum um Himmels Willen sieht sich irgendjemand so etwas freiwillig an?

Ein Selbstversuch

Staffel eins, Folge eins – Auftritt Marie Kondo: Durch eine schnurgerade, menschenleere, von parkenden SUVs, Limousinen und Pick-ups eingefasste Straße in Lakewood, einer gediegenen Vorstadtsiedlung an der Peripherie von Los Angeles, rollt ein schwarzer Van auf die Kamera zu. Es nieselt. Der Wagen hält vor einem der freistehenden kleinen Einfamilienhäuser mit Veranda, die links und rechts hinter kurzgeschorenen Rasenstücken aufgereiht sind und einem unwillkürlich Pete Seegers Little Boxes in Erinnerung rufen: »There’s a green one and a pink one || And a blue one and a yellow one || And they’re all made out of ticky tacky || And they all look just the same«. Die Wagentür öffnet sich. Die »Bestsellerautorin und weltbekannte Aufräumexpertin« steigt aus und sieht sich neugierig um.

Marie Kondo, vierunddreißig Jahre jung, ist eine auffallend kleine, zartgebaute, mädchenhaft adrett gekleidete Person. (Dass das blütenweiße Oberteil kein Zufall ist, sondern das Markenzeichen der Kunstfigur gleichen Namens, hat man spätestens nach drei Folgen verinnerlicht.) Sie trippelt leichtfüßig energisch durch den Vorgarten der Eingangstür entgegen – die Häuserzeilen liegen einen guten Meter über dem Niveau der Fahrbahn, der Weg ins Haus führt deshalb leicht nach oben –, gefolgt von der robusteren, dunkel gekleideten Frau Iida, die einen riesigen schwarzen Regenschirm über sie hält. Frau Iida ist Dolmetscherin. Marie Kondo lebt zwar mittlerweile selbst mit ihrer Familie in Kalifornien, spricht aber nur gebrochen Englisch. Ihre Anweisungen gibt sie deshalb lieber in ihrer Muttersprache.

Dass die Unterhaltung durch Frau Iida regelmäßig unterbrochen wird, erschwert die direkte Kommunikation. Der dadurch hervorgerufene Distanzeffekt hat allerdings auch seine Vorteile. Die Übersetzungspausen unterwerfen den spontanen Gesprächsfluss einem eigenwilligen, verzögernden, emphasedämpfenden Rhythmus, der dafür sorgt, dass die herzliche Atmosphäre, die Frau Kondo mit ihrer offenen, zugewandten Art in wenigen Augenblicken zu erzeugen versteht, nie ins allzu Familiäre, Formlose abgleitet. Zugleich wird bei Klienten wie Zuschauern ganz nebenbei stets präsent gehalten, dass die Lehre von der häuslichen Ordnung, mit der sie es hier zu tun haben, nicht von irgendwoher stammt, sondern aus einem Land, das seit den achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts in der westlichen Hemisphäre für seine den gesamten Alltag durchdringende, spirituell aufgeladene, minimalistische Formstrenge gerühmt und bewundert wird. 4

In Folge eins werden Frau Kondo und Frau Iida von Familie Friend, Kevin, Rachel und ihren beiden Kleinkindern, erwartet. Die Eltern, beide wohl ebenfalls Anfang dreißig, tragen legere, aber gepflegte Freizeitkleidung, wirken sportlich, dynamisch, eloquent. Sie führen ihre Gäste in das Wohnzimmer, das den Eindruck vermittelt, als würde die Familie finanziell gut über die Runden kommen, allerdings auch Rätsel hinsichtlich der Motivlage der Friends aufgibt. Der großzügige Raum präsentiert sich zwischen Ikea-Family und Landhausstil: honigfarbene Holzdielen, lasierte Holzmöbel in offensichtlich aufeinander abgestimmten, grau-beigen Pastelltönen, und das alles so sauber und aufgeräumt, dass es fast schon aseptisch wirkt. Wenn später Küche, Kleiderschränke und Garage inspiziert werden und dabei dann doch etwas mehr Kram auftaucht als unbedingt wünschenswert, trübt sich das makellose Bild ein wenig ein. Welche größeren Herausforderungen hier auf Frau Kondo warten sollten, erschließt sich dennoch nicht.

Erst wenn die Eheleute sowohl gemeinsam als auch unabhängig voneinander vor der Kamera darüber Auskunft geben, weshalb die Hausarbeit an ihren Nerven zehrt, wird deutlich, dass es hier nicht etwa primär um organisatorische Inkohärenzen geht, sondern dass sich an der Frage nach der Ordnung im Haus immer wieder aufs Neue die nach der Ordnung der Beziehung entzündet. Allein schon der Stolz, mit dem das Paar sogleich seine immerhin schon einige Jahre alten Hochzeitsbilder vor die Kamera hält, auf denen der Start in die Ehe wie ein aufwändiger öffentlicher Facebook-Post zum Start in einen gemeinsamen Sommerurlaub inszeniert ist, lässt darauf schließen, dass beide auf die anschließenden Mühen der Ebene nicht wirklich vorbereitet waren.

Kevin hat mittlerweile einen anstrengenden Job als Vertreter im Außendienst und erwartet, dass die eigenen vier Wände, für deren Finanzierung er sich täglich krummlegt, einen harmonischen Rückzugsort umfrieden. Rachel wiederum, der die Verantwortung zugedacht ist, die Familienidylle geräuschlos herzustellen und aufrechtzuerhalten, fühlt sich schon durch das tägliche Pflichtprogramm als Hausfrau und Mutter dauerhaft überfordert. Dass ihr überdies der Rollenwechsel von der von ihrem angehenden Gatten angebeteten College-Schönheit zur dauergestressten Haushaltsmanagerin zu schaffen macht, ist unübersehbar und kompliziert die Situation zusätzlich. Aus den ständigen Bekundungen, wie ungeheuer wichtig ihnen das gemeinsame Glück im gemeinsamen Heim ist, spricht zugleich ein extremer Gelingensdruck, unter dem beide spürbar leiden. Sie muss während der Interviews immer wieder mit den Tränen kämpfen, er wiederum sich vor der Kamera dazu zwingen, den bei jeder sich bietenden Gelegenheit penetrant wiederkehrenden Appellen an das schlechte Gewissen seiner Frau wenigstens rhetorisch die Schärfe zu nehmen.

Die Ordnung der Beziehung

Auch wenn man in den weiteren Folgen noch ganz anders gestrickte Paare und Familien kennenlernt, darunter einige, bei denen nicht nur ein paar Schränke etwas zu voll geraten, sondern ganze Zimmer über die Zeit zu unwirtlichen Lagerräumen verkommen sind, vermittelt der Besuch bei den moderat desorganisierten Friends gleichwohl beispielhaft, worum es bei Tidying up with Marie Kondo geht: nämlich weniger um die häusliche Ordnung als solche als vielmehr um ein an diese Ordnung gebundenes Glücksversprechen.

Der von dem freundlichen japanischen Feenwesen bei seinen regelmäßigen Visiten wohlwollend beaufsichtigte, nach dem immer gleichen, intellektuell denkbar anspruchslosen Schema ablaufende Akt des Aufräumens ist zugleich eine erstaunlich wirkungsvolle Form indirekter Beziehungstherapie. Das gemeinsame Ritual zwingt die, die da jeweils zusammenleben, sich in ein Verhältnis zu all dem Zeug zu setzen, das sie umgibt und mit dem sie sich und damit auch einander umgeben.

Es steigert die Intensität der Auseinandersetzung, dass dieser Prozess sich über einen längeren Zeitraum erstreckt und dass keiner /keine der Beteiligten ihm ausweichen kann. Ständig müssen gemeinsame Absprachen und Entscheidungen getroffen, Besitzverhältnisse geklärt, Präferenzen kommuniziert oder der genaue Zuschnitt der verschiedenen häuslichen Verantwortungsbereiche ausgehandelt werden. Der Zwang zur Abstimmung schafft Reibungsflächen, gegenseitiger Unmut wird auf- und wieder abgebaut, Erschöpfungszustände werden gemeinsam durchlitten.

Dass die angesichts des differenzierten Objektuniversums unserer Tage hoffnungslos unterkomplexe Frage »Does it spark joy for you?« in dieser Situation als Entscheidungshilfe wenig taugt, liegt auf der Hand. Aber vermutlich ist es gerade diese Vagheit und Schlichtheit, die, indem sie die im Alltag in aller Regel ausgeblendete affektive Dimension der häuslichen Dingwelt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückt, die kathartische Wirkung der Aufräumübung befördert. Wie häufig die Beteiligten davon im Innersten berührt werden, wie häufig sie sich deprimiert, erschlagen, aufgewühlt, aber eben auch beglückt, euphorisch und positiv verwandelt zeigen, spricht jedenfalls sehr dafür, dass sie in dem Prozess mit konstitutiven Tiefenschichten ihrer Individualität und zugleich damit konfrontiert werden, wie sich vor der eigenen inneren Buchhaltung der Saldo der gemeinsamen Beziehung darstellt.

Das wiederum bestätigt einen Befund, für den der Soziologe Jean-Claude Kaufmann schon vor Jahrzehnten mit guten Gründen geworben hat: dass Zeug in aller Regel mehr ist als bloßes Zeug, gerade wenn es sich um etwas ständig Präsentes, aber eben meist nur unterschwellig Beachtetes wie profanen Hausrat handelt. In einer noch immer lesenswerten empirischen Studie – das französische Original erschien 1992, also zu einer Zeit, als die material culture studies sich als eigenständiges akademisches Forschungsfeld gerade erst zu formieren begannen – untersuchte Kaufmann, was der Umgang von Paaren mit dem Waschen, Bügeln und Ordnen ihrer Wäsche über vergangene und aktuelle Prozesse der Abgrenzung und Neujustierung und damit über den Status der Beziehung verrät.

Kaufmanns Analysen beschreiben sehr genau, was auch Tidying up with Marie Kondo anschaulich vorführt: »Allein die Tatsache, dass man zusammenlebt, auf die Ereignisse reagiert und die tausend kleinen Probleme des Alltags lösen muß, bringt ein Paar dazu, auf dem Weg zu einer stärkeren Integration weiter voranzuschreiten, seine Organisation zu vervollkommnen und das Anspruchsniveau anzuheben: Der Haushalt gewinnt immer mehr an Bedeutung«. 5

Und das, so Kaufmann, nicht zuletzt dadurch, dass er als Ort einer mal mehr, mal weniger bewussten Akkumulation materieller Objekte fungiert: »Zunächst durch die Übernahme von Sachen aus den jeweiligen Familien, dann durch die allmähliche Anschaffung von Geräten, Möbeln und Dekorationsgegenständen, die den Raum füllen, ihm Sinn und Bedeutung verleihen. Denn keines dieser Dinge ist einfach zufällig vorhanden. Interaktionen entwickeln sich nämlich nicht nur zwischen Personen, sondern ebenso im Umgang mit Dingen: Diese sind strukturierende Orientierungspunkte und Gravitationszentren. Bestimmte Lebensregeln und Gewohnheiten werden mit Hilfe dieser Welt von Objekten zum Untergrund des partnerschaftlichen Lebens, der eine relativ große Integrationskraft besitzt, da die in den Objekten verkörperte Erinnerung gemeinsam geteilt wird.«

Man räumt, wie der deutsche Designhistoriker und -phänomenologe Gert Selle etwa zur selben Zeit niederschrieb, eben »nicht nur feste Dinge, sondern auch Ereignisse, Beziehungen, Erfahrungen, also Immaterielles, Unsichtbares ein. Dieses ›Einräumen‹ können wir als unbewußt ablaufenden Akt der Vergegenwärtigung des In-der-Welt-Seins bezeichnen, der sich an einem konkreten Ort im Hier und Jetzt vollzieht.« 6 Das Aufräumen ließe sich dann analog dazu als aktive Bewusstmachungsstrategie verstehen, bei der die materielle Ordnung der Dinge den Ausgangs- und Anhaltspunkt für eine reflexive Distanznahme bildet – und damit für eine mögliche Bestätigung, aber auch Neuordnung des eigenen wie des gemeinsamen Lebensentwurfs. »Als Spiegel der eigenen Sehnsüchte«, bestätigt der Kulturanthropologe Daniel Miller, dessen Forschungsinteresse für die Beziehung von Menschen zu allen erdenklichen Arten von Zeug (»stuff«) ebenfalls auf die frühen 1990er Jahre zurückgeht, sei das Zuhause das prädestinierte »Entscheidungsfeld dafür, ob man den eigenen Idealen gerecht wird oder hinter sie zurückfällt«. 7 becomes a battlefield for the individual or couple as to whether they are living up to, or betraying, their own ideals.« Daniel Miller, Stuff. Cambridge: Polity 2010.]

Die »Tyrannei des Leblosen«

Und so entpuppt sich das Auf- und Umräumen gewöhnlicher Wohnungen dann eben doch als dankbarer Stoff für ein populäres Doku-Format. Wobei keineswegs verschwiegen werden soll, dass die einzelnen Therapiesitzungen auch eine Menge qualvoller Momente, problematischer Blickverengungen und ärgerlicher Ideologeme bereithalten, weshalb es ein Leichtes wäre, Tidying up with Marie Kondo in Grund und Boden zu schreiben und dabei die Lacher jederzeit auf seiner Seite zu haben.

Die Serie folgt einer in ihrer penetranten Fixierung auf sentimentale Momente jederzeit vorhersehbaren Dramaturgie, und sie verweigert zugleich eisern jeglichen Hinweis auf das eigene Gemachtsein, also das fiktionale Moment dessen, was da mit der Suggestion des rein Dokumentarischen auf den Bildschirm gebracht wird. Sie unterstellt, Aufgeräumtheit – und zwar eine reichlich eindimensionale, mädchenzimmerhaft setzkastenartige Form von Aufgeräumtheit – sei für ein gelingendes Dasein unabdingbar, sie behandelt das Lebensmodell der fest behausten, strebsamen bürgerlichen Kleinfamilie (oder alternativ des gleichgeschlechtlichen Paars in eheähnlicher Beziehung) wohlgemut wie eine gemeingültige Norm, sie affirmiert ziemlich unverhohlen stereotype Rollen- und Geschlechterbilder, sie suggeriert, jedes Beziehungsproblem könne letztlich mit ein wenig gutem Willen und der entsprechenden Ordnung in den Schubladen einvernehmlich gelöst werden, und so weiter und so fort.

Die Fragwürdigkeit dieser Welt ohne Abgründe, deren Betulichkeit in der zugehörigen Buchreihe noch um einiges unerträglicher ist, liegt offen zutage. Trotzdem lohnt ein zweiter Blick darauf, wie umstandslos bei Tidying up with Marie Kondo das Wohnen als eigenwilliges Beziehungsgeflecht zwischen Menschen und Dingen behandelt wird – als komplexes und dynamisches In-, Mit-, Gegen- und Zueinander, bei dem die Gegenstände nicht von vornherein und nicht ausschließlich als akzidentieller Kram begriffen werden, der das eigentliche Wesen seiner Besitzer eh nur verdecken, schmälern, verbiegen und verderben kann, sondern bei dem der häuslichen Dingwelt eine persönlichkeitsstiftende, -formende, -sichernde Kraft zugebilligt wird. Denn das ist durchaus ungewöhnlich. Seit die Frage nach dem »richtigen« Wohnen öffentlich verhandelt wird, also seitdem dank billiger Massenfertigung die Wahl der Einrichtung für den Großteil der Bevölkerung der industrialisierten Welt zu einer Konsumentscheidung unter vielen geworden ist, taucht der Kram so gut wie immer nur auf der Seite des Problems auf. Und die Lösung besteht stets darin, ihn loszuwerden (oder, jedenfalls hierzulande, ihn durch wenige, langlebige Designstücke zu ersetzen).

»[W]elche Frau und welcher Mann bringt aber den Mut auf, das im Lauf der Jahre und Jahrzehnte sich Ansammelnde an Kleinkram immer wieder zu vernichten!«, klagte etwa der Architekt Bruno Taut, einer der profiliertesten Vertreter des Neuen Bauens, im Jahr 1924 ganz in diesem Sinn. Es war die Hochzeit des sozialen Siedlungsbaus, südkalifornische Konsumverhältnisse lagen noch in weiter Ferne, für die breite Masse der Bevölkerung war nicht der Überfluss das Problem, sondern der Mangel: »Es wird ein Fetischismus mit den Gegenständen getrieben, man hat Aberglauben vor ihrer Vernichtung, und gibt ihnen damit Macht und Herrschaft, unterwirft sich der Tyrannei des Leblosen, anstatt in seinem Gehäuse selber der unanfechtbare Herrscher zu sein«. 8

Das Mantra ist im Grunde schon dasselbe wie in den Ordnungs- und Ausräumfibeln unserer Tage – auch hier besteht der erste Schritt zur Besserung darin, seine »Beziehung zu den Dingen zu überdenken«. 9 Dabei war diese These schon zu Tauts Zeiten ein ziemlich alter Hut. In dem überbordenden Schrifttum zur Wohnkultur, das die zahlreichen Lebensreforminitiativen in den Jahren um 1900 begleitete, begegnet man ihr auf Schritt und Tritt. 10

Weshalb sich Tauts Büchlein Die neue Wohnung, eine als praktischer Ratgeber für Hausfrauen verkleidete architekturpädagogische Programmschrift (und zugleich ein verkapptes Bewerbungsschreiben für Siedlungsbauaufträge), hier dennoch als Referenzgröße anbietet, hat einen anderen, doppelten Grund. Zum einen, weil Taut sich in seiner Kampagne gegen »die Duldung, Schonung und Pflege« des Überflüssigen in den »normalen bürgerlichen Wohnungen« seiner Zeit, in denen, wie er indigniert feststellt, »das Bad, Klosett und manchmal auch die Küche die einzigen guten Räume« seien, »in denen der Mensch nicht ständig durch Gegenstände und Firlefanz abgesaugt und in Anspruch genommen wird«, ausdrücklich auf das Vorbild der japanischen Wohnkultur bezieht: »Der Japaner« beschränke sich in seinem Möblierungs- und Ausschmückungsbedarf »aufs Äußerste«, so dass »der schlichte, leere Raum frei« bleibt. Zum anderen aber, weil das Vorgehen, das Taut seinen Leserinnen nahelegt, damit sie und ihre Familien in den Genuss eines ähnlich hochgestimmten Raumgefühls kommen und ihr Leben künftig »in Sauberkeit und Klarheit verlaufen« kann, sich über weite Strecken liest, als hielte man das Script für Tidying up with Marie Kondo in der Hand.

Therapiewechsel

Eine Hausfrau, die begriffen hat, dass ihre Wohnung kein Trödelladen und kein Museum ist, schreibt Taut, »wird also mit dem Speicher beginnen und zunächst, nachdem sie einige Tage für eine Generalinventur vorgesehen hat, die Kisten und Koffer im Boden und Keller auf ihren Inhalt genau durchsehen und alles dem Lumpen- und Papierhändler weggeben, mit dessen späterer Benutzung nicht zu rechnen ist […] Darauf würde die Inventur aller kleinen Einzelstücke innerhalb der Wohnung selbst folgen, der Kleider, Wäsche, des Spielzeugs und des sonstigen kleinen Hausrats, wovon das Überflüssige erbarmungslos wegzubringen, das etwa noch in späterer Zukunft Brauchbare in jene frei gewordenen Kisten auf dem Boden und im Keller zu schaffen ist […] Ist dies geschehen, so geht man die Zimmer selbst durch, ohne ihre Einrichtung bis dahin anzugreifen. Und hier derselbe Vorgang: von den Fenstern wird alles bis auf den eigentlich nötigen Vorhang weggenommen […] überflüssige Kissen, Decken, Nippes, Vasen, Bildchen, Fächer, Haussegen, Sprüche und alles dies gehen den Weg des Irdischen. Ebenso überflüssige Vorleger, Fellchen über Teppichen und noch so vielerlei, was dem klaren Verstand der Hausfrau zu entscheiden bleibt. Hat man dies herausgenommen, so wird man nach Entfernung der überflüssigen Möbel vor allem auch den Inhalt der nötigen Möbel sichten, z.B. überflüssige Bücher, Briefschaften usw. verschwinden lassen, d.h. alles, was keinen unbedingten persönlichen oder dokumentarischen Wert hat.«

Das geht noch eine gute Weile so weiter, wobei nicht nur der größte Teil des Hausrats, sondern überdies ein großer Teil des Mobiliars als überflüssig erkannt und abgestoßen wird, sofern er nicht gleich auf den Sperrmüll wandert. Doch obwohl es offensichtlich schon Mitte der 1920er Jahre um die Befreiung von häuslichem Ballast ging, gibt es einen feinen, aber wesentlichen Unterschied zu den entsprechenden Bemühungen Marie Kondos heute: Tauts durchaus zeittypische Radikalkur, bei der »aus einer Wohnung nach strengster und rücksichtslosester Auswahl alles, aber auch alles, was nicht direkt zum Leben notwendig ist, herausfliegt«, folgt einer chirurgischen Logik des Entweder-Oder – alles Überflüssige wird wie eine Geschwulst identifiziert und herausgeschnitten: »im übrigen werden die Auswüchse vom Tischler abgesägt. Man wird erstaunt sein, wie glatte saubere Möbel man herausbekommt«. Das setzt natürlich voraus, dass da einer ist, der immer schon weiß, und zwar mit untrüglicher Sicherheit, was das Richtige ist und was das Falsche. 11 Tatsachenbefunde aber können keine Verhandlungssache sein: Die Benutzer sind folglich zu instruieren, nicht zu konsultieren. 12

Deren affektive Bindung an die sie umgebende Dingwelt gilt grundsätzlich als unreif und atavistisch (»sentimentale Kinkerlitzchen«), der Gedanke, dass sie an dem Kram im eigenen Gehäuse nicht nur Verdruss, sondern womöglich auch Halt finden könnten, liegt gänzlich außerhalb dieser Vorstellungswelt. Die »Frau als Schöpferin«, die Taut als seine natürliche Verbündete im Kampf gegen die »Auswüchse« imaginiert, ist deshalb in Wahrheit eine rein rhetorische Größe – sie exekutiert letztlich nur die Planung des Experten, der ihr gegenüber qua seiner diagnostischen und therapeutischen Expertise einen uneinholbaren epistemischen Vorsprung genießt. (Nicht von ungefähr endet das Buch mit den Worten: »Der Architekt denkt. Die Hausfrau lenkt«.)

Frau Kondos dialogische Interventionen stellen also in vieler Hinsicht die genaue Umkehrung dieses Prinzips dar. Von ein paar praktischen Haushaltskniffen abgesehen, wie man sie ebenso gut in jeder Illustrierten finden kann, bringt sie keine überlegene Expertise ein, sondern vor allem Geduld und Empathie. Ob man sich für die gelegentlichen Reminiszenzen an Shintō-Zeremonien – etwa wenn Frau Kondo sich zu Beginn jeder neuen Folge erst einmal mit geschlossenen Augen auf den Boden kniet, um Haus und Hausrat zu »begrüßen« – erwärmen kann oder nicht, macht keinen Unterschied.

Es handelt sich hier um eine weltanschauungs- und bekenntnisneutrale Form sanfter Konfrontationstherapie, bei der alle Beteiligten sich einander von vornherein in einer konstruktiven Allianz zugetan wissen. Es geht um Teambuilding. Es geht darum, Gefühle des Kontrollverlusts zu bekämpfen und eine bessere Selbstregulation zu ermöglichen. Es geht darum, Läuterungserlebnisse zu kommunizieren: Es wird gelacht, es wird geweint, Menschen umarmen sich (Netflix-Tags: »feelgood«, »herzergreifend«, »inspirierend«). Wie die Wohnungen nachher im Einzelnen aussehen, ist letztlich belanglos – auf die Frage »Does it spark joy for you?« lässt sich nun einmal kein Formenkanon gründen. Das ist nicht nur deutlich freundlicher im Ton, es trägt zugleich der Tatsache Rechnung, dass den zahllosen, sich unaufhörlich vermehrenden, zunehmend mit virtuellen Erlebnisräumen amalgamierten Waren- und Objektwelten von heute mit einer simplen Entweder-Oder-Matrix ohnehin nicht mehr beizukommen ist.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Der Hype war zwischenzeitlich so groß, dass sogar die Evangelische Zentralstelle für Weltanschauungsfragen dem Druck nachgab und eine so ausführliche wie hochgradig alberne Stellungnahme zur Verträglichkeit derartiger Aufräumexerzitien mit dem christlichen Welt- und Menschenbild veröffentlichte: Haringke Fugmann, Aufräumen als heilige Handlung. Zum weltanschaulichen Hintergrund des Bestsellers »Magic Cleaning« von Marie Kondo (EZW-Texte 252). Berlin 2017.
  2. Von welchen Mengen hier die Rede ist, davon gibt eine 2012 veröffentlichte kulturanthropologische Studie Zeugnis, für die insgesamt 32 Haushalte aus der Region umfassend inventarisiert und die Besitztümer der Bewohner fotografisch dokumentiert werden sollten (Jeanne E. Arnold /Anthony P. Graesch /Enzo Ragazzini /Elinor Ochs, Life at Home in the Twenty-First Century: 32 Families Open Their Doors. Los Angeles: Cotsen Institute of Archaeology Press 2012). Nach Durchsicht der ersten drei Räume des ersten von ihnen besuchten Hauses hatten die Wissenschaftler bereits deutlich über zweitausend Gegenstände gezählt. Danach verwarfen sie das ursprüngliche Vorhaben eines exakten Bestandsverzeichnisses als unrealistisch.
  3. »Jedes Ding wird einzeln in die Hand genommen. Was Erfüllung bringt und uns glücklich macht, behalten wir, was keine Erfüllung bringt, werfen wir weg.« Marie Kondo, Magic Cleaning. Wie richtiges Aufräumen ihr Leben verändert. Reinbek: Rowohlt 2013.
  4. Dass die Bücher von Marie Kondo zunächst für ein japanisches Publikum geschrieben wurden und schon in Japan Kassenschlager waren, legt den Verdacht nahe, dass dieses Japan-Bild in erheblichem Maß auf historisch und soziologisch unzulässigen Verallgemeinerungen und der Projektion zivilisationskritischer Sehnsüchte beruht. Viele minimalismusbegeisterte Schriften zur japanischen Wohnkultur, vor allem wenn sie der elitären Ästhetik der Oberschicht der Edo-Zeit huldigen, sind jedenfalls ungefähr so plausibel wie es der Versuch wäre, eine charakteristische Wohnkultur der Deutschen aus Goethes Gartenhaus abzuleiten. Eine instruktive Kontrollpeilung zur heterogenen Wirklichkeit des Wohnens in Japan bietet der Aufsatz The »Untidy« Japanese House von Inge Maria Daniels. In: Daniel Miller (Hrsg.), Home Possessions. Material Culture Behind Closed Doors. Oxford: Berg 2001.
  5. Jean-Claude Kaufmann, Schmutzige Wäsche. Ein ungewöhnlicher Blick auf gewöhnliche Paarbeziehungen (1992). Universitätsverlag Konstanz 2005.
  6. Gert Selle, Die eigenen vier Wände. Wohnen als Erinnern. Berlin: form + zweck 2011. Eine erste, weniger umfangreiche Auflage erschien 1993 mit dem Untertitel »Zur verborgenen Geschichte des Wohnens«. Ausführlicher zu Selles Beiträgen zur Wohn- und Designforschung vgl. meine Designkolumne Theoriemüdigkeit. In: Merkur, Nr. 817, Juni 2017.
  7. »The home as a mirror of aspirations […
  8. Bruno Taut, Die neue Wohnung. Die Frau als Schöpferin. Mit einem Nachwort zur Neuauflage von Manfred Speidel. Berlin: Gebr. Mann 2001.
  9. Pars pro toto: Nagisa Tatsumi, Die Kunst des Wegwerfens. Wie man sich von unnötigem Ballast befreit und dadurch mehr Freude am Leben hat. Kandern: Unimedica 2019. Die einschlägigen zeitgenössischen Publikationen thematisieren mittlerweile nicht mehr nur die Notwendigkeit der Entsorgung analogen Gerümpels, sondern widmen sich mit gleicher Emphase der drohenden Vermüllung des digitalen Raums, also der Ordner, Schreibtische, Speicher »im« heimischen PC.
  10. In typischer Form etwa bei Hermann Muthesius, der in einer vom Dürerbund herausgegebenen Flugschrift aus dem Jahr 1905 unter dem Titel Wohnungskultur das »völlig chaotische Durcheinander« der »deutschen Wohnung« beklagte sowie den mangelnden Willen ihrer Bewohner, etwas dagegen zu unternehmen: »Man fühlt sich in dem Tohuwabohu gerade wohl.«
  11. Seine charakteristische publizistische Darstellungsform fand diese kategorische Haltung in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts in der Methode der kontrastiven Gegenüberstellung von Abbildungen vorbildlicher und abschreckender Beispiele, die Paul Schultze-Naumburg mit seiner breit rezipierten siebenreihigen Buchreihe Kulturarbeiten (1901–1917) populär machte. Genauer dazu Christian Demand, Der Fisch, der Fahrrad fährt. Architektur und Laienpredigt. In: Merkur, Nr. 760, September 2012.
  12. Mit diesem paternalistischen Gestus bewegt sich Taut ganz im Rahmen der Diskussionen seiner Zeit. »Gutes Wohnen ist noch nicht verbürgt, wenn man gute Häuser baut«, heißt es in einem anderen der vielen pädagogisierenden Einrichtungsratgeber der 1920er Jahre: »Der Hausrat kann zerstören, was der Architekt an Gutem geschaffen hat, und kann auch unter misslichen Raumverhältnissen noch viel Gutes zuwege bringen. Richtig wohnen. Das ist die Aufgabe des Bewohners« (Ludwig Neundörfer, Wie Wohnen? Königstein im Taunus: Der eiserne Hammer 1929).

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