Die Farben der Elster

Die Elster, eine schwarzweiße Bewegung, ein Ruf aus der Baumkrone. Amseln flattern in Deckung, Tauben benehmen sich unauffällig. Der Schrei einer Elster verspottet die Welt. Jeder Märchenkonsument weiß: Die Elster ist ein böser Vogel, sprichwörtlich diebisch ist sie. Ich sitze im Süden, in Frankreich, und stehle meine eigene Zeit. Ich habe die notwendige Muße, um Elstern zu beobachten. Sie jagen sich von Baum zu Baum am Rande des Sees, lange schwarze Bindestriche zwischen der Vegetation, und schackern metallisch. Nur wenn die Rohrweihe über den Schilfgürtel gleitet, geben sie Ruhe.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Das Verhältnis zwischen Mensch und Elster ist nicht gut. Der Mensch nennt die Elster »Singvogel«, meint es aber nicht so. Die Elster sitzt im Baum gegenüber des Menschen Schlafzimmerfenster und krächzt und schackert und pflanzt sich fort, was wiederum zu noch mehr Gekrächz und Geschacker führt. Der Mensch schimpft dem langen Schwanz der Elster hinterher.

Die Elster narrt den Menschen mit ihrem vermeintlich schwarzweißen Federkleid, das in Wirklichkeit dunkelblau und grünlich irisierend glänzt und subtil auf eine Farbwelt hinweist, die sich dem nackten menschlichen Auge niemals erschließen wird. Die dunklen Federn der Elster schillern, sind nicht eindeutig, also verdächtig. Die Elstern sind Raubvögel, plündern gerne die ersten Amselnester des Jahres.

Die Kinder der Elstern sind hartnäckige Wesen, die sich ungern ignorieren lassen. Schenken die Eltern ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit, hopsen sie ihnen hinterher und zupfen sie wiederholt an den Schwanzfedern, bis sie endlich gefüttert werden. Laut sind sie, die Elsternbanden. Sie streiten gern.

Junge Elstern sitzen auf den Schultern der zwei jungen Burschen, die der französische Journalist Franck Pourcel 1995 für eine Reportage über eine Wallfahrt der Roma in der Camargue fotografiert hat. »Roma-Kinder, Elstern auf der Schulter« heißt es in der Bildbeschreibung. Die Gesichter der Menschenkinder zeigen schieres Entzücken über die vertrauensvolle Nähe der wilden Vögel. Die Elstern scheinen zufrieden.

Auf dem Weg zum Strand des Orts Saintes-Maries-de-la-Mer sehe ich an einem Parkplatz ein Schild, das vor Dieben warnt. Es zeigt eine Elster, die eine goldene Kette im Schnabel trägt, die Schwanzfedern triumphal aufwärts gereckt. La pie voleuse, la gazza ladra, eine Operettenidee. Die Elstern sind hier allgegenwärtig, schackern im Gebüsch, gleiten in flachen Parabeln zwischen den Gärten. Ihnen gehört hier die ökologische Rabenvogelnische, die in Wien die Nebelkrähen besetzt halten, aber nicht ganz. Sie sind in keiner Landschaft wirklich Charaktervögel, außer vielleicht an Flughäfen, den prototypischen Unorten, wo sie gern in den kurzgemähten Wiesen jagen. Krähenschwärme jagt man davon, die einzelne Elster aber segelt immer unterm Radar durch.

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