Fakten, Fakten, Fakten. Über den Siegeszug des Positivismus im Kielwasser des Postfaktischen

»›Fact, fact, fact!‹ said the gentleman. And ›Fact, fact, fact!‹ repeated Thomas Gradgrind.« So ließ 1854 Charles Dickens in seinem Roman Hard Times die Vertreter des englischen Bürgertums in der Epoche von Utilitarismus und Industrialisierung ihre Weltsicht in ihren eigenen Worten zusammenfassen – aber nur, um sodann zum schauerlichen Vergnügen des Lesers diese hard fact fellows mit der Einfalt ihrer Tatsachengläubigkeit, die so etwas wie Moral, Religion, Pädagogik und Wirtschaftswissenschaft in einem Entwurf darstellte, jämmerlich an der Realität scheitern zu lassen. Die »Logik der Tatsachen« entlarvte Dickens als ziemlich kurzsichtig.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Mit dieser Kritik der »Tatsachen« stünde Dickens heute ziemlich verloren da. Es stimmt zwar, dass sozialwissenschaftliche Theorien zur »Konstruktion« von Tatsachen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts eine beachtliche Konjunktur erlebten. Erster Höhepunkt war das 1966 erschienene Buch Die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit des amerikanischen Soziologen Peter L. Berger und seines deutsch-amerikanischen Kollegen Thomas Luckmann. Darauf folgte der Auftritt Bruno Latours, der sich Anfang der achtziger Jahre als Enfant terrible der Wissenschaftsforschung etablieren konnte: Er ging in ein biochemisches Labor, um als Ethnologe den »Stamm« der experimentierenden Wissenschaftler und ihre eigentümlichen Sitten zu erforschen. 1 Wenig erinnerte in dem Labor an die aufgeräumte und saubere empirische Methode, die sich Francis Bacon 1620 für die Wissenschaft zurechtgelegt hatte: Verschaffe Dir eine Übersicht über alle Fälle, dann folgt die Induktion!

In der Laborrealität wird alles messy , wenn man sich den Prozess der Forschung aus nächster Nähe anschaut. Über das Mikroskop gebeugt »verhandeln« Wissenschaftler regelrecht darüber, was sie dort eigentlich sehen, und versuchen ihre Befunde mit allerlei Provisorien und Kunstgriffen zu stabilisieren. Provokantes Hauptergebnis Latours: Die »Tatsachen« stehen gar nicht am Anfang der wissenschaftlichen Arbeit, sondern an ihrem – je vorläufigen – Ende. Die Befunde der Wissenschaftler nehmen erst allmählich die Form einer stabilen Tatsache an. Tatsachen werden also im wahrsten Sinne des Wortes hergestellt. Bacon, der an den Anfang seiner Wissenschaftslehre die Kritik der »Idole und falschen Begriffe« gestellt hatte, schien mit der Vorstellung einer induktiven Methode nur ein neuerliches Idol errichtet zu haben.

Dieser akademischen Tatsachen-Kritik gesellte sich auch eine politische bei. Ivan Illich war in denselben Jahrzehnten vermutlich der populärste Kritiker einer entmündigenden Expertenherrschaft, die er in der modernen Welt von Waren, Diensten und Expertisen ausgemacht hatte. »Die Glaubwürdigkeit des wissenschaftlichen Experten, sei er Ingenieur, Therapeut oder Manager«, so stellte er fest, »ist die Achillesferse des Industriesystems.« Der erste Schritt für eine demokratische Erneuerung der Gesellschaft »ist eine skeptische, respektlose Einstellung der Bürger gegenüber dem wissenschaftlichen Experten«. 2

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Bruno Latour /Steve Woolgar, Laboratory Life. The Construction of Scientific Facts. Beverly Hills: Sage 1979.
  2. Ivan Illich, Fortschrittsmythen. Reinbek: Rowohlt 1978.

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