Ganz schön erhaben

Gesang ist es nicht, Sprechgesang auch nicht. Es sind Geräusche mit dem Mund, mit oder ohne Ober- und Untertöne, mal als Worte erkennbar, manchmal ganze Sätze bildend, dann wieder Schnalzen, Knurren, Krächzen, Rufen, Schreien und Flüstern. Die instrumentelle Begleitung beschränkt sich auf ein Schlagholz, eine Triangel, ein Klatschen. Zuweilen gibt der Dirigent den Takt an, zuweilen sitzt er am Rand und hört zu, zuweilen gibt er dem Publikum den Einsatz, zu klatschen. Die Sänger stehen mal in der Reihe, mal im Kreis, mal vor dem Publikum, mal hinter ihm, mal laufen sie in wechselnden Formationen durch den Raum.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Mit dem Titel Vox Populi?! wendet sich das Dresdner Ensemble AuditivVokal unter der Leitung von Olaf Katzer gegen eine Verengung der Kunst auf die klassische Kultur. Die Sprache und Stimmen der Gegenwart sind nicht nur die der Klassik. Aber mit welchen Argumenten begründet man das Interesse an einer zeitgenössischen Vokalmusik? Was hat diese mit einem Interesse an Demokratie und an einem vielfältigen, offenen Europa zu tun?

Die Demokratie, das vergisst man zuweilen, ist eine Form der Herrschaft, die von einem demos, nicht von einem ethnos ausgeht. Ein demos ist eine Gruppe von Wahlbürgern, die sich bezogen auf ein bestimmtes Gemeinwesen, eine polis, das aktive und das passive Wahlrecht aussprechen und dabei nahezu zwangsläufig andere Menschen ausschließen, bei den alten Griechen vor allem Frauen, Kinder, Zugewanderte und Sklaven. Eine Demokratie ist keine »Ethnokratie«, also keine Form der Herrschaft, in der das gesamte, auf einem Territorium vorfindliche Volk seine Geschicke in die Hand nimmt. Nicht Natur, Blut und Boden, Sprache und Religion bestimmen ein demos, sondern ausschließlich der künstliche Akt der Selbstbestimmung einer Gruppe von Leuten, die dazu die Mittel und die Macht haben, in der Regel Patrizier.

Der Akt der Eingrenzung einer Demokratie ist zugleich ein Akt der Ausgrenzung, mit welcher Form der Fürsorge für Frauen und Kinder und mit welcher Form der Gewaltherrschaft gegenüber Sklaven dies auch immer begründet wird. Der Akt der Stiftung einer Demokratie ist im Kern unbestimmt, riskant und gefährlich. Wenn man so will, steht er von Anfang an zur Diskussion, setzt sich dem Streit aus und rechnet mit Widerstand und Widerspruch. Risiko und Gefahr sind notwendig, denn nur aus dem Umgang mit ihnen entstehen Macht und Herrschaft. Verstünde sich die Demokratie von selbst, wäre Herrschaft unnötig.

Die vox populi, nicht zu verwechseln mit der vox civis, der Stimme der Wahlbürger, ist unter diesen Umständen die Stimme der gesamten Bevölkerung, die ein Gemeinwesen besiedelt. Sie umschließt diejenigen, die sich zu Wahlbürgern gemacht haben, und diejenigen, die nicht wählen und nicht gewählt werden dürfen. Diese Stimme ist daher zugleich die Stimme des Einschlusses und des Ausschlusses selbst. In ihr wird die Differenz hörbar, die die einen von den anderen unterscheidet. Diese Differenz ist ein mal offener, mal stillgestellter Konflikt. Je nachdem, wie fürsorglich das Gemeinwesen aufgestellt ist, kann der Widerstand gegen die Ausschlüsse größer oder geringer sein. Formulierungen wie jene der Französischen Revolution von der »Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit« liefern eine normative Reserve, die jederzeit gegen konkrete Formen der Herrschaft in Stellung gebracht oder auch zur Begründung neuer Formen der Herrschaft ausgenutzt werden kann.

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