Griechische Tragödie. Zu Bernd Wittes Studie »Moses und Homer«

Im August 1794 schreibt Schiller an Goethe, dieser sei ein griechischer Geist. »Wären Sie als ein Grieche, ja nur als ein Italiener geboren worden, wäre Ihr Weg unendlich verkürzt, vielleicht ganz überflüssig gemacht worden.« Nun sei er aber als Deutscher zur Welt gekommen, und es bleibe ihm daher keine Wahl, als »gleichsam von innen heraus und auf einem rationalen Wege ein Griechenland zu gebären«.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 2019, erschienen.)

Es ist der sogenannte Geburtstagsbrief, der die Freundschaft der beiden Dichter einleitet, und er ist entsprechend berühmt; freilich nur für Leser, die mit dem Bildungskanon des humanistischen Gymnasiums aufgewachsen sind. Dieser Kanon ist heute aus der Mode gekommen, und einem anders gebildeten Leser fällt auf, dass Deutschlands größter Dichter – und vielleicht auch sein zweitgrößter – sich in ihrer deutschen Haut nicht recht wohlgefühlt haben. Hier scheint die Weimarer Klassik ihre Kehrseite zu haben, und Moses und Homer, eine Studie des Düsseldorfer Germanisten Bernd Witte, wirft jetzt ein neues Licht auf sie. 1

Seine späte Sternstunde hatte der humanistische Kanon in der westdeutschen Nachkriegszeit, und das Standardwerk dazu schrieb nicht zufällig ein Bonner Romanist. 2 Ernst Robert Curtius wollte die von den Nazis zerstörte Kultur des Abendlands noch einmal zu Ehren bringen, und er bietet deshalb eine ausführliche Beschreibung dieser Kultur, kaum aber eine Kritik an ihr.

Anders ist es bei Bernd Witte. Jahrgang 1942, wuchs er in der frühen Bundesrepublik auf und erlebte ihre Verdrängungsmechanismen als Student. Zunächst wurde er als Gräzist ausgebildet – sein Lehrer Wolfgang Schadewaldt, so heißt es im Vorwort des Buchs, spielte »1933 in Freiburg bei der Inthronisierung Martin Heideggers als Rektor der Universität eine unrühmliche Rolle« –, später arbeitete er in Paris bei dem jüdischen Altphilologen Jean Bollack. Dort lernte er die Überlebenden einer in Deutschland verdrängten jüdischen Kultur kennen – Paul Celan und Peter Szondi, Hans Mayer und Gershom Scholem –, und dies bestimmte seine Forschungsinteressen. Oft gelten sie seither den jüdischen Autoren in der deutschen Literatur.

Schnell wurde Witte klar, dass sie zwar eine wichtige Rolle in dieser Literatur gespielt haben, aber immer fremd in ihr geblieben sind. 3 Dieser Fremdheit geht seine neue Studie auf den Grund, indem sie die Blickrichtung wechselt: Mit dem Wissen des Gräzisten hinterfragt Witte die ideologischen Wurzeln, aus denen das kulturelle Selbstverständnis der Deutschen erwachsen ist.

Die Vergöttlichung des Menschen

Im Europa nach 1770 macht Witte drei Legitimationsdiskurse aus, die die Freisetzung des Individuums begleiten. In der Handelsmacht England ist seine Freiheit ökonomisch, im revolutionären Frankreich politisch bedingt. In Deutschland dagegen messen »Goethe und Herder das neuzeitliche Individuum« an der »Produktivität des künstlerischen Genies«, sie etablieren »die bildende Kunst und die schöne Literatur« als den eigentlichen Freiheitsraum des Menschen.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Bernd Witte, Moses und Homer. Griechen, Juden, Deutsche: Eine andere Geschichte der deutschen Kultur. Berlin: De Gruyter 2018.
  2. Ernst Robert Curtius, Europäische Literatur und lateinisches Mittelalter. Bern: Francke 1948.
  3. Bernd Witte, Jüdische Tradition und literarische Moderne. Heine, Buber, Kafka, Benjamin. München: Hanser 2007.

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