Männlichkeit 2019

Ein Bettler schreitet durch die U-Bahn. Aufrecht. Er streckt die Hand aus. Er sagt etwas, ich verstehe es nicht, es ist mehr ein Grunzen. Er bettelt nicht, er fordert, herrisch, der Bettler ist ein Herr. Er fordert Respekt, für seine Männlichkeit. Ich sitze in der U-Bahn, Männlichkeit schreitet an mir vorüber, eine Performance, die offenbar sich selbst genügt, denn sie bringt dem Performer nichts ein – außer der Gewissheit, dieses Eine verlässlich verweigert zu bekommen, Respekt, so dass er ihn in alle Ewigkeit weiter einfordern kann, mit ausgestreckter Hand und regelmäßigem herrischen Grunzen.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Irgendwohin musste die Männlichkeit alter Schule ja sein, und da war sie nun, in der Berliner U-Bahn-Linie 8 im Jahre des Herrn 2019, in Gestalt eines Bettlers, der mit seinem schweren stolzen Gang durch die Waggons einen unbegreiflichen Verlust beklagte. Etwas Selbstverständliches war ihm abhanden gekommen, und ihm fehlte das Verständnis für das Neue, das es ersetzte. Nur eines konnte er noch, herrisch fordern, mit ausgestreckter Hand und ohne jemals etwas zu fassen zu bekommen. Damit hätte man es als Mann früher weit bringen können, mit reinem herrischen Fordern. Mir sind viele erfolgreiche Männer begegnet, die offenbar über nichts anderes verfügten als über die Begabung zu dieser Männlichkeitsperformance, und vielleicht hatte auch er es einmal weit gebracht.

Er kam von weit her, aus dem Mittleren Osten, der arabischen Welt. Er schritt in Fahrtrichtung davon und entschwand. Er würde früher in den Bahnhof einfahren als ich, insofern war er mir voraus.

Mein Onkel ist gestorben. Er ist 96 Jahre alt geworden. Er hat Hitler geholfen, Norwegen zu besetzen. Er hat gesagt: »Ich habe niemanden totgeschossen.« Nach dem Krieg hat er geheiratet und ein Einfamilienhaus gebaut, genau wie sein Bruder, genau wie seine Schwester, meine Mutter. Er ist in einem hellblauen Mercedes Benz durch die Bundesrepublik gerast, als Vertreter der Firma Leitz Wetzlar, Mikroskope und Objektive. Die Ehe war kinderlos.

Ich bin meinem Onkel nur ein paar Mal begegnet, aber er war mein Lieblingsonkel, weil ich ihn nett fand, netter als seinen Bruder, der härter und zynischer war und sich während des Russlandfeldzugs ins Bein geschossen hatte, um wieder nach Hause zu können. Mein Vater war bei der Handelsmarine und musste nicht an die Front, dafür wurden seine Schiffe drei Mal auf hoher See von englischen Fliegern versenkt, und er musste um sein Leben schwimmen. Beim letzten Mal war der Krieg eigentlich schon vorbei. Dänische Fischer haben ihn gerettet und ihn dann verprügelt, weil er Deutscher war.

(…)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere