Paneuropa, Löberitz. Dankesrede zur Verleihung des Heinrich-Mann-Preises

Wer über Wegbereiter der europäischen Einigung reden will, hat mit Heinrich Mann leichtes Spiel. Am deutlichsten zeigt sich das in den Essays der zwanziger Jahre. Einsatz für die Aussöhnung mit Frankreich? Check. Europa als Friedensprojekt? Check. Kultureller Austausch als Eckpfeiler internationaler Zusammenarbeit? Check.

Zudem kannte Heinrich Mann die richtigen Leute. Er stand in Kontakt mit Richard Coudenhove-Kalergi, jenem japanisch-österreichischen Gründer der Paneuropa-Union, dem Historiker längst einen Ehrenplatz in der Vorgeschichte der Europäischen Union zugewiesen haben.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Mann hatte zwar ein Problem damit, dass Coudenhove-Kalergi Großbritannien und Russland in der paneuropäischen Zollunion nicht dabeihaben wollte, aber an der wechselseitigen Wertschätzung der beiden Männer änderte das nichts. So wie Mann Coudenhove-Kalergis Vorstöße würdigte, so verneigte sich Coudenhove-Kalergi vor Heinrich Mann als literarischem Politiker. Im Detail mag die europäische Integration nach dem Zweiten Weltkrieg deutlich anders verlaufen sein, aber beide Intellektuelle gaben die Richtung vor. Nicht zuletzt deshalb erscheinen ihre Appelle aus der Zwischenkriegszeit im Rückblick zukunftsweisend.

Dass Heinrich Mann an Politik sonderlich interessiert war, geschweige denn irgendwas von ihr verstand, daran zweifelte wohl kaum jemand so lautstark wie der FAZ-Herausgeber Joachim Fest. Für Mann sei Politik stets nur »eine romantische Option« gewesen, »um vor der Welt und den Enttäuschungen zu fliehen«, die sie diesem »sensitiven Naturell bereitete«. Und das ist noch eine der wohlwollenderen Formulierungen, die sich in Fests langem Artikel aus dem Jahr 1982 finden. 1 Bei dessen Lektüre drängt sich ein seltsamer Eindruck auf: Gegenüber Heinrich Mann, dem das Naziregime die Staatsbürgerschaft entzog und dessen Bücher 1933 öffentlich verbrannt wurden, zeigt sich Joachim Fest längst nicht so nachsichtig wie im Umgang mit dem Generalbauinspektor, Reichsminister für Bewaffnung und Munition und verurteilten Kriegsverbrecher Albert Speer. Woran stört sich der FAZ-Herausgeber? Fest unterstellt Mann ein »Unvermögen«, die »Funktionsweise komplexer gesellschaftlicher Vorgänge hinreichend zu begreifen«. Mit dieser Unfähigkeit gehe das »Bedürfnis« einher, »für alle fehlgeschlagenen Hoffnungen die Machinationen verborgener Gegenmächte verantwortlich zu machen«.

Ob hinter jedem Werk Heinrich Manns ein kluger politischer Kopf steckt, weiß ich nicht zu beurteilen. Was ich weiß, ist, dass Heinrich Mann kein kühler Analytiker der Parteienszene war, niemand, der sich zur Gesellschaftstheorie hingezogen fühlte. Kommentierte er das politische Tagesgeschehen, ging es ihm eher selten um das nüchterne Abwägen von Interessenlagen und Sachzwängen. Das disqualifiziert ihn jedoch nicht als politischen Denker. Ideengeschichte – zumindest eine Ideengeschichte, wie sie mir vorschwebt – beschränkt sich nicht auf Verfassungslehre und politische Theorie. Sie muss sich auch anderen Bereichen zuwenden, sich mit Weltanschauungen auseinandersetzen und affektive Triebkräfte wie Hoffnung und Angst mit einbeziehen.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Joachim Fest, Ein Unpolitischer wird besichtigt. In: FAZ vom 16. Oktober 1982.

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