Thymos

I

Seit einigen Jahren wird ein Begriff der antiken Seelenlehre zur Diagnose unserer Gegenwart gebraucht: »Thymos«. Übersetzbar im Bedeutungsfeld von Mut, Tatkraft, Zorn, dient er zur Erklärung von Willensbekundungen gegen Flüchtlinge, die politische Linke, die Presse oder die Bundeskanzlerin. Auch die Veränderung der politischen Sprache fällt unter die Ausübung des Thymos. Vom »Zorn der freien Rede« sprach ja schon Ernst Moritz Arndt, und bereits bei ihm ging dieser Zorn mit der Missachtung einher, die heute zu beobachten ist. All das entspringt einem Gefühl des Mangels, genannt »thymotische Unterversorgung«. 1 Es gründet in der Auffassung, dass Mut, Tatkraft und Zorn, notwendige Faktoren unserer seelischen Verfassung, im politischen Raum keinen Ort mehr fänden, so dass eine Unterversorgung eingetreten sei, die sich in jenen Phänomenen Luft verschaffe. Die lange Zeit stillgestellten Bürger wehrten sich endlich. So gesunde der Seelenhaushalt – und mit ihm das Gemeinwesen, das seit alters als ein Bild der Seele verstanden werden kann.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

II

Im Hintergrund dieser Erklärung steht Peter Sloterdijks Buch Zorn und Zeit. Seit der Kritik der zynischen Vernunft sind Sloterdijks Bücher die Seismografen bedeutsamer Stimmungen ihrer jeweiligen Zeit. Von der Universitätsphilosophie als unseriös verachtet, bleiben sie bedenkenswert, weil sie Zeitströmungen eine Sprache verleihen, die gar keine seriöse Sprache sprechen können, aber politisch von Belang sind. Zorn und Zeit tut das im Rückgriff auf die antike Seelenlehre.

Denn Sloterdijks Buch will »griechische Prämissen moderner Kämpfe« aufzeigen: in der »Lehre vom thymós «. 2 Das Buch beginnt mit »Europas erstem Wort«, dem Zorn des Achill in der Ilias, entfaltet hieraus »die thymotische Welt: Stolz und Krieg«, will damit »jenseits der Erotik« gelangen und gewinnt aus »Nietzsches Augenblick« die Möglichkeit, den Verzicht auf den Thymos mit latentem Ressentiment und seine Rehabilitation mit dem Ausleben von Freiheit zu identifizieren. Auf diese vier Eckpunkte stellt es ein Panorama des Zorns, das vom zornigen Gott – der »metaphysische[n] Rachebank« – über die Revolution – der »kommunistische[n] Weltbank des Zorns« – bis zur »Zornzerstreuung« der Gegenwart reicht. Eine Konklusion auf den Zorn »jenseits des Ressentiments« beendet das Panorama. Die Eckpunkte umreißen präzise den Kerngedanken.

In der Tat lautet ja der erste Vers der Ilias: »Den Zorn singe, Göttin, des Peleus-Sohns Achilleus«. Aus ihm lässt sich die Auffassung gewinnen, dass Homers Epos den Zorn »in den Rang der Substanz, aus der die Welt gefertigt ist«, erhebt, wie Sloterdijk schreibt. Deren Deutung als einer »von einem glücklichen Bellizismus ohne Grenzen erfüllten Welt« liegt darum nicht ganz fern. Hierbei ist wichtig, dass der Zorn als Weltsubstanz keine aggressive Charaktereigenschaft eines Subjekts im modernen Sinn darstellt. Denn reflektierende Innerlichkeit gibt es bei Homer nicht. Stattdessen bildet der homerische Held ein Feld von Energien, die über ihn hinausreichen und letztlich mit den Göttern verbunden sind. Der Zorn ist eine solche Energie. In Sloterdijks Worten: Zorn »stellt ein energetisches Supplement der heroischen Psyche dar, nicht deren persönliche Eigenschaft oder intimen Komplex«. 3 Der Regungsherd im Helden, in dem die Zornesenergie aufwallt, heißt nun »Thymos«. Mit diesen Strichen hat Sloterdijk darum die thymotische Welt gekennzeichnet. Sie bildet eine glücklich-bellizistische Welt von Kriegern, deren Thymos die Invasion des Zorns als Gabe der Götter verkörpert.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. So Marc Jongen im Gespräch mit Justus Bender und Reinhard Bingener: Die wehrhafte Wut des Winkelzahnmolches. In: FAS vom 10. Januar 2016. Auf der aktivistischen Ebene fand das Zustimmung: »›Thymotische Unterversorgung‹ als philosophisches Erklärungsmuster hinter der Entmännlichung unseres Volkes bei gleichzeitiger Forderung nach einem überlebensnotwendigen Wechsel in diese Tonlage des Zorns: Das ist ein unserer Lage angemessener Ansatz.« Götz Kubitschek, Hygienefimmel und Thymos-Regulierung. In: Sezession, Nr. 70, Februar 2016.
  2. Peter Sloterdijk, Zorn und Zeit. Politisch-psychologischer Versuch. Frankfurt: Suhrkamp 2006.
  3. Im Hintergrund steht eine grobe Rezeption von Bruno Snell, Die Auffassung des Menschen bei Homer. In: Ders., Die Entdeckung des Geistes. Studien zur Entstehung des europäischen Denkens bei den Griechen. Hamburg: Claassen & Goverts 1946. Alle Mangelerscheinungen des Thymos (keine Intensität, keine Zwiesprache, keine Steigerungsfähigkeit, keine echte Entscheidung des Menschen), die Snell ebenso herausarbeitet wie seine Eigenbestimmtheit, überliest Sloterdijk.

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