Tratinčica

Im Esszimmer meiner Eltern hängt ein Foto. Aus einem unserer unzähligen Sommerurlaube. Strahlende Sonne. Funkelndes Meer. Papa steht hüfttief im Wasser, ich bin zwölf oder dreizehn oder elf und balanciere auf seinen Händen, seine Arme sind in den Himmel gestreckt.

Auf den ersten Blick sieht hier alles aus wie immer. Auf dem Fenstersims im Wohnzimmer reihen sich dieselben Blumen, auf dem Balkon steht noch derselbe dunkelbraune Tisch mit den Eisenfüßen. Das große Aber: Der Ort meiner Kindheit ist modifiziert. In meinem alten Kinderzimmer, in meinem alten Kleiderschrank lagern hochkalorische Nahrung, frische Kanülen, Notfallsets. Früher stand ich auf Händen, heute stehe ich zwischen Schläuchen und Herz-Rhythmus-Piepen, unter der Anti-Decubitus-Matratze staubt die Erinnerung an dieses unverschämte Blau des Meers schmerzhaft ein, hinter dem Atemgerät liegt der Rest unseres früheren Lebens.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Es gibt zwei Realitäten: eine bei Papa im Zimmer. Und dann die vielen Orte, an denen heimlich geweint wird. Unter der Spüle. Hinter der Trennwand im Schlafzimmer. Neben der Klobürste. Zwischen den lockeren Dielen. Beim Pflaumenbaum. Um durch den Tag zu kommen, habe ich mit viel Mühe eine Theaterkulisse über das tägliche Geschehen ausgerollt. Vorne: Heimat. Hinten: ein Begriff, der ebenso wenig statisch ist wie die Wirklichkeit, auf die er sich bezieht.

Ilva ist da. Sie bereitet in der Küche die Medikamenteneingabe vor. Wir versuchen die Hitze der letzten Tage draußen zu halten, lassen die Rollläden früh morgens runter und befeuchten ununterbrochen Waschlappen neu. Der Ventilator neigt seinen Kopf gleichmäßig von der einen Ecke in die andere. Wenn nichts zu tun ist, setzen Ilva und ich uns in den Garten. Ilva erklärt mir, sie sei eigentlich keine richtige Raucherin. Ich nicke und sehe, wie die Asche länger wird. Ilva sieht sehr elegant aus, wenn sie raucht.

Ob ich ihr erklären könnte, was »ohne Gewähr« bedeute. Ich suche in meinem Kopf das Wort. Egal in welcher Sprache der Mensch denkt, träumt oder lebt, er geht davon aus, dass es so läuft. A und B sprechen dieselbe Sprache. A sagt was, und B versteht. Muss man ja, sonst klappt das mit der Kommunikation ja noch weniger. Ein Gegenstand, ein Sachverhalt, ein Immaterielles und ein Wort ergeben etwas. Das ist ein Problem. Spoileralarm: Sie ergeben etwas, aber natürlich, wie denn auch, bilden sie Ilvas oder meine Bilder und Erinnerungen hinter den Türchen des Sprachadventskalenders nicht ab. Aber der Mensch tut trotzdem weiter so, als stünden Wort und Sinn in einem real gewachsenen Verhältnis der Natur. Ich erkläre Ilva: Gewähr, die, Substantiv, feminin, Sicherheit, die jemandem, der sich auf etwas einlässt, von jemandem oder durch etwas geboten wird. Nicht zu verwechseln mit: Gewehr, das, Substantiv, Neutrum, Schusswaffe mit langem Lauf und Kolben, die im Allgemeinen an der Schulter in Anschlag gebracht wird. Ilva schüttelt den Kopf und drückt die Zigarette aus. Das würde sie nie lernen. Musst du auch nicht, sage ich. Doch, doch, sie erklärt mir, dass das wichtig sei, die Sprache der Heimat zu kennen.

Dass sie ein Haus hatten, erklärt mir Ilva wenig später, und ich helfe ihr, Papa die Schüttelweste anzulegen. Ilva lacht, weil ich das zum ersten Mal und natürlich falsch mache. Es sei ein schönes Haus gewesen, Ilvas Stimme geht beinahe im lauten Geklacker der Maschine unter. Aber jetzt sei es eben hier schön.

Als Kind lernte ich zu schreiben, wie man spricht: reseikling, anderst, ihr seit, heimwe. Beim Kind süß, später ist der Dialekt dann halt doch problematisch. In den höheren Klassen musste ich mir meinen erworbenen Sprachschatz dann mühevoll umdrehen, ihn anpassen, weil in einer sprachgetriebenen Gesellschaft Heimweh eben nur wahrhaftig ist, wenn hinten ein H steht. Ein weiteres Problem: Alle Worte, alle Begriffe einer Sprachgemeinschaft sollen universell für sämtliche Individuen und deren Erfahrungen stehen. Wenn ich »ALS« sage: nächtliche Heulkrämpfe, Panikattacken, wenn Mamas Nummer auf dem Display steht, völlige und absolute Überforderung, Entscheidungen über lebenserhaltende Maßnahmen. Wenn unsere Ärztin »ALS« sagt: Amyotrophe Lateralsklerose (ALS), Gruppe der Motoneuron-Krankheiten, nicht heilbar, degenerative Erkrankung des motorischen Nervensystems. Wenn andere »ALS« sagen: Ähm, warte mal, was ist das noch mal?

(…)


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