Volk durch Verfahren – Populismus als Diskurseffekt

Before the internet, if you had different views or interests from the people in your neighborhood, it was harder to find a community that shared your interests […] Now, you can connect with anyone and use your voice. You don’t have to go through existing institutions in the same way. People now have much greater power.

Mark Zuckerberg

Populismus ist nichts anderes als ein Diskurseffekt! 1 So hätte man jedenfalls früher nach der Foucault-Lektüre seufzend feststellen können, ohne große Widerworte erwarten zu müssen. Heute sind die Zeiten dafür aber zu ernst: Die AfD ist, so heißt es jetzt, ein politischer Ressourcenmakler und keine imaginäre Institution, Trump ist ein echter Mensch – und zwar ein echt böser – und er wird niemals »wie eine in den Sand gezeichnete Figur« verschwinden! Soziale Deprivation, kulturelles Abgehängtsein, Stadt-Land-Gefälle, die Krise der Gewerkschaften und wahrscheinlich auch die Inflation scheinen jedenfalls vielen ernstzunehmenden Beobachterinnen und Beobachtern weitaus bessere Erklärungen für den Populismus zu liefern als irgendwelche Diskurskamellen.

(Der Essay ist im Juniheft 2019, Merkur # 841, erschienen.)

Aber: Inflation hin, Landflucht her, der Populismus in seiner aktuellen Erscheinungsform ist auf jeden Fall ein Diskurseffekt – period! Er ist Folge diskursiver Verschiebungen, medialer Umbrüche und repräsentationstechnischer Erweiterungen. Der Populismus ist, das wird im Folgenden zu zeigen sein, die permanent mögliche Simulation von Volk-Sein, weil gegenwärtige Kommunikation darauf angelegt ist, sich selbst unter der Prämisse des Menge-Mehrheit-Masse-Seins zu beobachten.

Diskurse bilden sich, so zumindest der alte Merksatz, um etwas, das ohne diese Diskurse gar nicht existiert. Dieser Formel war aber immer schon falsch, weil es schon immer mehr gebraucht hat als die Sprache, um das, worüber gesprochen wird, so sichtbar zu machen, dass es auch jenseits der Sprache da ist. Genau das macht Populismus. Er ist nicht bloß ein Reden über das Volk, sondern eine Zeigehandlung: Da ist das Volk, und es tut etwas. Populismus spiegelt damit die mediale Eigenlogik von Kommunikationssystemen, die gar nicht anders können, als Welt als Zusammenhang verschiedener populi zu beschreiben – populus , so erklärt das Lateinwörterbuch, meint, »wie δῆμος, ein Volk = die Menge, die Schar, der Schwarm«.

Was für Kommunikationssysteme? Wenn der Mensch neben einem im Zugabteil Instagram prüft, tut er das über den Code viel /wenig: viel Zustimmung, viel Feedback, wenig Aufmerksamkeit, wenig Response. Die Aufruf-, Like-, Kommentarzahlen schaffen ein Wissen, dass da »ein Volk« , jedenfalls im Sinne »Menge, Schar, Schwarm« , ist, das sich durch Zustimmung /Ablehnung vereinigt. Der Instagram-Nutzer hat damit seine erste Übung in Richtung Populismus erfahren, nämlich dass das Volk durch Verfahren abgebildet und gemacht werden muss.

Das Volk errechnen

Auf dem Festival della Canzone Italiana in Sanremo, wo die RAI seit 1951 den Popsong des Jahres kürt, kam es im Februar 2019 zu einem Skandal, der ohne die gerade angedeuteten medialen Eigenlogiken nicht denkbar wäre. Gewonnen hatte Mahmood, in Mailand geboren, Mutter Italienerin, Vater Ägypter, mit dem Rap-Song Soldi , der Mahmoods Familiengeschichte pasolinihaft mit dem migrantischen Neo-Subproletariat der italienischen Hochhaussiedlungen verwebt. Für den Eklat sorgten nach Mahmoods Sieg Vertreter des Movimento 5 Stelle und der Lega, namentlich Italiens stellvertretender Ministerpräsident Luigi Di Maio und Innenminister Matteo Salvini, die im Sieg Mahmoods einen Verrat am italienischen popolo diagnostizierten – was sie ausgiebig bei Twitter, Facebook und Instagram äußerten.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Der Text basiert auf einem Impulsvortrag, den ich im Februar 2019 auf dem Workshop »Populismus-Forschung zwischen politischer Ökonomie und Kulturanalyse« am Konstanzer »Zentrum für kulturwissenschaftliche Forschung« gehalten habe. Ich danke Albrecht Koschorke als Einladendem.

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