»Der totalitäre Liberale«. Was bleibt von Karl Raimund Popper?

Vom Tod Karl Poppers (1902–1994) erfuhr ich im Bergdorf Alpbach, einst philosophischer Inkubations-, später Wallfahrtsort für Popperianer, während der Europäischen Hochschulwochen. Die Nachricht platzte in eine entspannte Zusammenkunft von Jungakademikern. Nicht wenige von ihnen strebten philosophische Abschlüsse an, und rasch war ein Gedenkkolloquium organisiert. Ein Referent des Fachs Naturphilosophie würdigte Popper als Wissenschaftstheoretiker. Dennoch hing Ratlosigkeit in der Luft, die Diskussion blieb mühsam. In den 1990ern tendierte der philosophische Nachwuchs vielfach zu Dekonstruktion oder (Post)Analytischer Philosophie, deren Idiome – mit der üblichen Verspätung – die Bundesrepublik nach und nach eroberten.

(Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

Zwar fanden sich in Alpbach auch Evolutionäre Erkenntnistheoretiker, mithin eine Popper verehrende Fraktion. Doch dessen Problemaufrisse, zumal seine Distanz zu bedeutungsanalytisch orientierter Philosophie, wirkten antiquiert; sein Freiheitspathos durch den Zusammenbruch des Ostblocks gerechtfertigt, aber intellektuell kaum mehr herausfordernd. Interesse fürs Marginale, Abgedrängte, nicht ganz oder noch nicht Sagbare stand inzwischen höher im Kurs. Poppers Votum für rationale Entschiedenheit bis zur Banalität war für diese jungen Leute weder philosophisch noch politisch attraktiv. Außerdem: Mutierte die von Popper beschworene »Open Society« durch ihren schier unaufhaltsamen Siegeszug nicht zum Kontinent geistiger Saturiertheit, hatte Poppers philosophischer Lieblingsschurke Hegel nicht doch Recht bekommen mit seiner Idee vom Ende der Geschichte? Würde es in Zukunft nicht einzig um Sicherung der Bestände gehen, der ökonomischen nicht weniger als der kulturellen?

Bescheidenheitsstolz

Die Frage nach dem Bleibenden von Poppers Denken wäre für sein originäres Arbeitsgebiet leicht, wenngleich mit der ihm verhassten Dialektik zu beantworten: 1. In: Ders., Conjectures and Refutations. London: Routledge & Kegan Paul 1963.] Poppers dauerhafte Bedeutung besteht in einer Übergangsposition. Sein Falsifikationsprinzip brach mit dem ontologisch-metaphysischen Modell wissenschaftlicher Theoriebildung, wie es seit der Antike überliefert war. Wissenschaftliche Erkenntnis galt diesem Modell als Erforschung nicht nur von Tatsachen, sondern von deren Ursachen; gerichtet hauptsächlich auf nichtmaterielle Strukturen und Beziehungen. Sie beanspruchte Wahrheit, Unerschütterlichkeit und Beweisbarkeit, zudem die Ableitbarkeit von Sätzen über Wahrnehmungstatsachen aus festgestellten Prinzipien. In all diesen Erkenntnismotiven und -zielen fand Popper Wurzeln intellektueller wie moralischer Autoritätsgläubigkeit.

Doch Popper brachte auch das neuzeitliche Rechtfertigungsmodell wissenschaftlicher Erkenntnis zu Fall, wie es von Hume ausgehend bis in den Wiener Kreis diskutiert worden war. Popper zeigte: Von einzelnen Aussagen über empirisch Wahrnehmbares lassen sich selbst durch noch so viele Zusatzannahmen keineswegs unerschütterliche Theorien gewinnen, der sogenannte Verifikationismus des Induktionsprinzips kann der Wahrheit seiner Verallgemeinerungen nie endgültig sicher sein. Popper stellte gegen den empiristischen Versuch, theoretische Erkenntnis durch Aufstieg von sinnlich »verifizierten« Einzelaussagen zu erlangen, ein hypothetisch-deduktives Wissenschaftsmodell, wie es der neuzeitliche Rationalismus vorgedacht hatte; er verwarf die Idee wissenschaftlichen Fortschritts als stetiger Erkenntnishäufung. »Die Methode der Wissenschaft ist die Methode der kühnen Vermutungen und der sinnreichen und ernsthaften Versuche, sie zu widerlegen«; ein theoretischer Vorgriff auf das, was als empirisch bewährte Erkenntnis gelten soll, sei unabdingbar.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Karl R. Popper, What is dialectic? [1940

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Um die Frage zu beantworten, von Popper bleibt die Offene Gesellschaft und ihre Feinde, weil das ein wichtiger Text zum Verständnis liberalen Demokratieverständnis ist, das einzige neben den Federal Papers von Bedeutung. Die Wissenschaftstheorie von Popper steht schon im Gegensatz zur damals zeitgleichen Wirklichkeit in der Physik und war der Versuch eine naturwissenschaftliche Geisteswissenschaft zu begründen, aber Popper war nicht Einstein, Bohr und Heisenberg.

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