Kapital- und Violinspiel. Mendelssohn & Co. – eine Kapitalbank, die bis 1938 bestand

Ohne Interdisziplinarität geht nichts mehr, und so fließt seit Jahren viel Energie und Geld in Kongresse, Projekte und Versuchsanordnungen für ein Zusammenspiel von Wissenschaften und Künsten. Eine Mauer ist trotzdem noch sehr hoch: die zwischen Wirtschafts- und Kulturgeschichte. Kapital und Musik, Fonds und Literatur gehören, zumal im deutschen Sprachraum, verschiedenen Welten an. Sebastian Panwitz verbindet in seiner Geschichte von Mendelssohn & Co., der lange Zeit »wichtigsten Privatbank Deutschlands«, die zu einem der führenden Häuser Europas wurde, die Erzählung über Geschäfte mit der über Künste, Wissenschaften und Wohlfahrt. Ihn interessiert die »Koexistenz von Finanz- und Geisteswelt«, und man erfährt viel über Moral und Umgangsformen der Nachkommen des großen Philosophen Moses Mendelssohn, der im Hauptberuf erst Angestellter, dann Teilhaber einer Seidenfabrik war. 1

(Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

Der Nachteil dieser Vermischung von Disziplinen mit unterschiedlicher Tradition und Sprache ist, dass diese Arbeit kaum wahrgenommen wird, weil Academia immer noch in Rubriken konferiert und rezensiert. Als Vorteil erweist sich, dass Zuordnungen und Theorien (zu Banken, Firmengeschichte, Juden und Preußen) nicht automatisch einrasten. Die Darstellung folgt weder den Usancen von Firmengeschichten noch bleibt sie im Ghetto jüdischer Geschichte beziehungsweise Geschichte von Juden stecken, die ja meist abgesondert von der »normalen« deutschen Geschichtsschreibung betrieben wird. Im Raum zwischen den akademischen Heimaten bleibt Platz für Assoziationen. Erstaunlich viele Arbeiten zu Privatbanken, schreibt Panwitz, wurden nicht fertiggestellt. Warum? Vielleicht ist es besonders schwierig, im Geschäft mit Geld verdienstvolle Männer zu ehren?

Die Mendelssohn-Bank wurde von Söhnen des Philosophen 1795 gegründet und bestand bis 1938 – dann wurde sie nazikonform abgewickelt, auch wenn Teilhaber und leitende Mitarbeiter seit Generationen getauft waren und beste Verbindungen in hohe Regierungskreise hatten. » Dass sie trotz Beschränkungen nach 1933 noch einige Jahre weiterarbeiten konnten, hatten sie ihren Fähigkeiten, Erfahrungen und Kontakten zu verdanken.« Diese besonderen Fähigkeiten bilden den roten Faden der Untersuchung. Die Quellenbasis ist – vor allem für die frühen Jahre – mager, aber auch das gerät zum Vorteil, weil der Mangel an Bilanzen vor dem Sog von Zahlen und Belegen schützt.

Von der Korrespondenz mit Geschäftspartnern ist wenig erhalten. Wo die geschäftlichen Unterlagen fehlen, illustrieren persönliche Briefe die Haltung der Bankiers, das verschiebt die Perspektive. Geistige Heroen wie Alexander von Humboldt und Künstlerinnen wie Clara Schumann, deren Geld von den Mendelssohns verwaltet wurde, rücken dadurch in den Vordergrund und zeugen von der Generosität der Bankiers.

Das besondere Interesse des Historikers Panwitz gilt den moralischen Grundsätzen, an die sich fünf Generationen quer über politische Umbrüche und wirtschaftliche Krisen hinweg gehalten haben, und es gilt dem Geheimnis des Erfolgs, das offenkundig nicht in Gier und Spekulationslust bestand. Panwitz sieht einen engen Zusammenhang zwischen dem Erfolg und der Großzügigkeit, dem lauteren Verhalten und der Wohltätigkeit, für die er viele Zeugnisse ausbreitet. Immer wieder und in einem Grad, der gelegentlich misstrauisch macht, ist von den »Werten« die Rede, das Buch endet auch mit einem Kapitel über das »Wertesystem der Mendelssohn-Bankiers«.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Sebastian Panwitz, Das Haus des Kranichs. Die Privatbankiers von Mendelssohn & Co. (1795–1938). Berlin: Hentrich & Hentrich 2018.

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