Kein Familienroman

Der schönste Ort, an dem ich in den vergangenen Wochen war, ist die Obst- und Gemüsehalle des Berliner Großmarkts an der Beusselstraße in Moabit. Ein Ort seliger, uninszenierter Eindeutigkeit.

Draußen dann wieder nichts als gleißendes Zwielicht.

Es hat dann doch eine Beerdigung gegeben, für meinen Onkel, der, wir erinnern uns, in der letzten Kolumne 96-jährig verstorben war. Ich habe ihm auf einem Hamburger Friedhof eine Schaufel Erde auf die Urne werfen können, dafür eine wichtige Sitzung einer Literaturpreisjury verpasst und meine Juroren-Position geschwächt. Alles kostet etwas, nichts ist umsonst.

(Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

Seine Haushälterin und Pflegerin hat die Beerdigung organisiert, mit ihrer Tochter, sie halten gefühlvolle Trauerreden. Sie haben sich allerdings auch das gesamte Erbe gesichert. Geld und Gefühl, alles kostet etwas, und man bekommt das eine nicht ohne das andere, was nicht unbedingt bedeuten muss, dass das Gefühl nicht echt ist.

Die Neffen, alle längst ergraut, stehen stumm dabei. Die Haushälterin sät Schuldgefühle: Warum sie den kinderlosen Onkel nicht besucht hätten, er habe immer von ihnen geschwärmt? Die Neffen schweigen. Sie hätten sagen können: Sobald wir aufgetaucht sind, hat er uns beschimpft, und das war nicht so lustig. Die Schuldgefühle sind jetzt die Nebelkerze, in deren Schutz die Haushälterin mit dem Erbe entschwindet, was sie nicht unbedingt zur Erbschleicherin macht. Eine Nachbarin weint. Die Trauergemeinde löst sich auf. Ein Lexus-SUV, ein Volvo Kombi und ein Skoda verlassen den Parkplatz des Cafés am Friedhof, wo man so missmutig behandelt wurde, dass man sterben wollte.

Ich nehme einen viel früheren Bus zurück nach Berlin als geplant. Zum Glück bleibt der Sitz neben mir leer, und ich habe Platz für meine Ratlosigkeit, für die Leere, vor der ich immer stehe, wenn es in meiner Familie um Gefühle geht, wenn es welche geben sollte, aber keine kommen, wenn sie weggedrückt werden müssen, bis nur noch Müdigkeit und Erschöpfung bleiben und irgendwo über Eck der Hass ausbricht, wenn uns klar wird, dass es bei uns irgendwie nicht so ist wie im Fernsehen, und wir damit umgehen müssen.

(…)


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