Kein Formbegriff in Sichtweite. Kann uns die Systemtheorie helfen?

Mal schnell einen aufgeklärten Formbegriff sich zu holen, fällt mittlerweile so schwer, wie eine Telefonzelle in der Innenstadt zu finden. Es haben sich die Fächer, für die Form so lange Leitbegriff und Glaubensartikel war, von dieser Kategorie in den siebziger Jahren verabschiedet. In der Kunstgeschichte darf Max Imdahls »Ikonik« als der letzte Theorieansatz gelten, in dem Formanalyse eine Zentralstellung hat. Ging aber nicht die Kunst selbst dieser Entwicklung voraus? In der Bewegung des Informel zum Beispiel? Wo war Große Form noch das Ziel – nach dem Ausklingen des Abstrakten Expressionismus und spätestens nach den heroischen Setzungen der Minimal Art? Das Ungeformte fand man immer schon geformt vor und konnte, nein musste es mehr oder minder fertig abholen – wir denken an Pop Art, Appropriation und postmoderne Ansätze.

(Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

Wenn wir das mehrfach aufgelegte und vielrezipierte Handbuch Critical Terms for Art History (zuerst 1996) aufschlagen, finden wir das Stichwort »Form« nicht. Begriffe wie »Fetish«, »Gaze«, »Gender«, »Identity« verraten den Duktus einer Theorie, die kurz gesagt ganz andere Sorgen hat. Will man nach einem Namen für den Trend als Ganzen suchen, müsste man ihn den »Stil der Criticality« nennen und wäre dabei ganz auf sich gestellt, denn der Stil-Begriff hat ebenfalls ausgedient. Dennoch: Über Kunstwerke sprechen zu wollen, ohne ihre Form mit ins Kalkül zu ziehen, wäre das nicht so, als würde die Literaturwissenschaft ohne das Stichwort »Gattung« auskommen wollen? Aber halt: Das Buchpendant Critical Terms for Literary Study (zuerst 1990) führt in der Tat den Terminus »Gattung« nicht. Und er fehlt natürlich auch im kunsthistorischen Glossarium.

Immerhin, der Band zur Literaturwissenschaft spricht sich darüber aus, warum er »Form« nicht hat und stattdessen »Struktur« in den Vordergrund rückt. Formalismus ist Geschichte, jetzt wird der Sprachwissenschaft gefolgt. In der zwölf Jahre später erschienenen Handreichung für die Kunstwissenschaftler/innen ist »Struktur« schon wieder out. Aber auch in ganz normalen Begriffslexika hat »Form« keine Chance. Das Metzler Lexikon Kunstwissenschaft (zuerst 2002) führt auf der einen Seite den Artikel »Material« und handelt von Form auf der anderen unter dem Stichwort »Formanalyse« im Wesentlichen in historischer Perspektive. Dasselbe gilt für Dieter Burdorfs literaturtheoretisches Handbuch Poetik der Form (2000), die umfangreichste Begriffsgeschichte, die wir haben. Burdorf wagt sich nicht viel weiter als bis zum Ersten Weltkrieg. 1

Die Rache des Materials

Die Kategorie »Material« machte Karriere in demselben Maß, in dem der Gegenbegriff »Form« abstieg. When Attitudes Become Form, Harald Szeemanns berühmte Berner Ausstellung von 1969, markierte eine wichtige Etappe, obwohl die Sache ja noch einmal auf die anerkannte Größe »Form« hinauszulaufen schien. Aber im Großen und Ganzen hatte Szeemann Materialkunst im Sinne einer Emanzipation minderwertiger Werkstoffe ausgestellt. »Statt Bronze und Marmor sollten jetzt Leder, Blei und Beton, Wachs, Margarine und Filz zu ästhetischen Ehren gelangen.« 2 Die Bauern, die vor dem Ausstellungsgebäude einen großen Haufen Mist abluden, hatten da einen Riecher gehabt. »Material ist die neue Form« würde dieser Tendenz Rechnung tragen. 3

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Ähnliches gilt auch für den Sammelband Das Problem der Form. Interferenzen zwischen moderner Kunst und Kunstwissenschaft (hrsg. v. Hans Aurenhammer u. Regine Prange. Berlin: Gebr. Mann 2016). Das englische Gegenstück zu Burdorf: Angela Leighton, On Form. Poetry, Aestheticism, and the Legacy of a Word. Oxford University Press 2007. Ein praktischer Literaturbericht danach: Robert Sheppard, The Meaning of Form in Contemporary Innovative Poetry. Berlin: Springer Nature 2016.
  2. Georg Imdahl, Wie ein Hieb ins Genick. In: Spiegel Online vom 11. Juni 2013.
  3. »Form follows operation« ist der Slogan, mit dem Birte Kleine-Benne Szeemann auf den neuesten Stand bringt, um »digitale Konzeptkunst« oder Aktionskunst nach Art des Zentrums für Politische Schönheit zu fassen: Für eine operative Epistemologie. In: Kunsttexte.de, Nr. 1/2017.

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