Marrakesch

Die Vitrinen, in denen die Bäcker ihr Angebot präsentieren, gleichen summenden Bienenstöcken. Man kann die süßen Teilchen kaum erkennen, so dicht sind sie von Bienen bedeckt, aber weder Verkäufer noch Kunden nehmen daran Anstoß. Seelenruhig greift der Bäcker in seinem kleinen Laden in der Medina von Marrakesch nach einem Vanillestückchen, streift und schüttelt die Bienen mit sanften Bewegungen ab und steckt das Gebäck in eine Papiertüte. Sein Lächeln scheint zu sagen: Ja, so ist es bei uns, wir lassen auch den Bienen ihren Teil.

(Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

In einem Straßencafé sitzen drei ältere Herren, trinken den landesüblichen Pfefferminztee und stören sich nicht daran, dass die Bienen um ihre Köpfe schwirren, im Gegenteil, man hat ihnen ein Zuckerstückchen auf einen Teller gelegt, an dem sie sich laben können. Andere Bienen hängen aneinander geklammert über den Rand eines Wasserglases und stillen ihren Durst. Dann räumt der Kellner den Tisch ab, nimmt auch den Bienenteller mit, spritzt noch einen Tropfen Wasser auf das Zuckerstück und legt es vorsichtig in einer Pflanzschale ab.

Wo immer ich in Marokko Bienen sehe, behandelt man sie respektvoll, ja fast höflich, und die Bienen scheinen zu wissen, dass man ihnen freundlich gesonnen ist, denn sie sind zwar zudringlich, aber nie aggressiv, nicht unähnlich den Händlern in den Suks, die einen in ihre Läden zu locken suchen, aber nicht unangenehm bedrängen.

Einmal spricht mich im Park vor der mittelalterlichen Koutoubia-Moschee ein vielleicht vierzehnjähriger Junge an, der nichts als ein paar Packungen Kaugummi zu verkaufen hat. Er will sich durch mein Kopfschütteln nicht entmutigen lassen und bleibt mir geduldig auf den Fersen, bis er mich doch noch erweicht. Später tut es mir leid, dass ich ihm nicht mehr Geld gegeben habe. Vielleicht ist er eins jener dreißigtausend Straßenkinder, die es angeblich in Marokko gibt? Statt in die Schule zu gehen, verdient er seinen Lebensunterhalt auf der Straße. Warum wollte ich ihn abwimmeln? Weil ich vorher bereits allen möglichen anderen Leuten Geld gegeben hatte? Dem Verkäufer mit seinem Tablett voller Mandelplätzchen, der Bettlerin vor dem Minarett und der Schmuckhändlerin, die mir unbedingt einen dünnen Armreif »schenken« und danach ihre übrige Kollektion an den Mann bringen wollte?

Angesichts des unzureichenden Sozialsystems sind die Leute hier auf Almosen angewiesen. Immer gibt es jemanden auf der Straße, der der Hilfe bedarf. Wie die Blinden zum Beispiel, die Papiertaschentücher verkaufen, weil sie anders nicht überleben können. Mit Stöcken tasten sie durch die Straßen, stehen tagelang an den Ecken und müssen mit ein paar Münzen auskommen, die man ihnen in die Hand drückt.

(…)


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