»Wer tritt denn hinein in ein Bild!« Über Hebbels »Maria Magdalena«, aus Anlass der Düsseldorfer Neuinszenierung

Am 22. Oktober 1843 erreichte den dreißigjährigen Friedrich Hebbel in Paris die Nachricht, dass sein dreijähriger Sohn Max in Hamburg an einer Gehirnentzündung gestorben war. Am 4. Dezember schloss der Dichter, der sich mit einem Reisestipendium des dänischen Königs in der französischen Hauptstadt aufhielt, das Manuskript der Maria Magdalena ab, seines Trauerspiels über eine unehelich schwangere Tischlertochter, die sich durch den Sprung in einen Brunnen das Leben nimmt, weil ihr Vater damit gedroht hat, dass er sich mit dem Rasiermesser töten werde, wenn sie ihm Schande machen sollte. Von der Vollendung dieser Arbeit, die er zwischenzeitlich als »Toten-Opfer« aufzugeben erwogen hatte, machte Hebbel Elise Lensing, der Mutter des toten Kindes, die damals schon mit Hebbels zweitem Sohn Ernst schwanger war, am 5. Dezember brieflich Mitteilung.

(Der Essay ist im Juliheft 2019, Merkur # 842, erschienen.)

In seinem nächsten Brief an die Lebensgefährtin holte er zehn Tage später einen ausführlichen Bericht über sein Leben in Paris nach, namentlich über sein tägliches Ritual eines Besuchs im Louvre. Es gebe »Sachen« dort, die man vor dem Tod unbedingt gesehen haben müsse, schrieb er in pathetischer Anspielung auf ein antikes Wort über die Zeus-Statue des Phidias. Zu diesen »vorzüglichsten Meisterwerken« zählte er zwei Gemälde von Louis Léopold Robert, einem Schüler von Jacques-Louis David. Irrtümlich hielt Hebbel Robert, einen Schweizer aus dem Kanton Neuchâtel, für einen Deutschen. Die beiden »Landschaften«, die Hebbel von Robert gesehen hatte, wollte er in schwärmerischer Begeisterung noch über Claude Lorrain und Jacob van Ruisdael stellen: Sie seien »von so unnachahmlichem Kolorit, daß zwischen Bild und Natur gar kein Unterschied mehr ist«.

1847 veröffentlichte Friedrich Theodor Vischer, Professor für Ästhetik in Tübingen, einen Aufsatz über Hebbel mit dem Titel Zum neueren Drama. Nach der Vorstellung der beiden frühen Historiendramen Judith und Genovefa erörterte Vischer ausführlich die Maria Magdalena, mit der Hebbel dem biblischen Titel zum Trotz die programmatische Absicht einer Erneuerung des bürgerlichen Trauerspiels verband. Vischer hatte das am 13. März 1846 in Königsberg uraufgeführte Stück noch nicht auf der Bühne sehen können. Die meisten Theater lehnten eine Aufführung wegen des Themas der heimlichen Schwangerschaft ab; das änderte sich erst im Revolutionsjahr 1848.

(…)


Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

* Die Checkbox für die Zustimmung zur Speicherung ist nach DSGVO zwingend.

Ich akzeptiere