Afrikanische Philosophie und die Sprachen Afrikas

Lassen Sie mich damit beginnen, dass ich die Wichtigkeit der Einzelsprache betone, die wir sprechen oder in der wir schreiben, wenn wir philosophieren. Natürlich ist es nicht kontrovers zu sagen, dass wir ohne Sprache oder außerhalb der Sprache nicht denken können, dass also die Sprache in jeder Phase der Konzeption von Ideen und Argumenten bereits mitarbeitet. Wie ist es aber mit dem Verhältnis nicht zwischen der Sprache im Allgemeinen und dem Denken im Allgemeinen, sondern zwischen philosophischem Denken und der einzelnen Sprache, sei es Griechisch, Französisch, Wolof, Kinyarwanda oder Deutsch? Dazu zwei miteinander verbundene Fragen: Gibt es eine für die Philosophie in ausgezeichneter Weise geeignete Sprache? Gibt es Sprachen, die als untauglich für philosophisches Denken zu gelten haben? Als Philosoph aus Afrika ist man mit diesen Fragen konfrontiert, da sie im Zentrum des Problems der »afrikanischen Philosophie« und ihres Bezugs zu Kolonialismus und Dekolonialisierung stehen.

(Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

Bevor ich mich auf den Kolonialismus und die Dekolonialisierung in der Moderne konzentriere, möchte ich diese Fragen kurz im geschichtlichen Zusammenhang betrachten. Das Wort logos bedeutet im Griechischen sowohl Sprache als auch Vernunft, man könnte es darum als »die Sprache der Vernunft« übersetzen. Darüber hinaus hielten die Griechen ihre Sprache für die Inkarnation des Logos, während ihnen andere Sprachen kaum als wirkliche Sprache erschienen: Noch das Wort »Barbaren« für andere Völker stand onomatopoetisch für die Unfähigkeit dieser Völker zur ordentlichen Artikulation. Aber hielten sich die Griechen für die Erfinder der philosophischen Tätigkeit?

In seiner Einführung zu Über das Leben und die Lehren berühmter Philosophen stellt Diogenes Laertius diese Frage. Er geht zunächst der von manchen vertretenen Ansicht nach, dass die philosophische Tätigkeit bei den Barbaren (Perser, Babylonier, Assyrer, Inder, Libyer, Ägypter …) ihren Ursprung genommen habe, verwirft dann aber diese Hypothese als ignorant: Wie kann man den Barbaren das Verdienst der Griechen zuschreiben, wo diese doch, wie er erklärt, die Humanität selbst erfunden haben? Es sind interessanterweise zwei Gründe, weshalb seiner Ansicht nach der Ursprung der Philosophie nur bei den Griechen liegen könne: Hier wurden Systeme der Kosmogonie erfunden, in denen alles von einem Prinzip ausgeht und zu diesem zurückkehre, was für viele Kosmogonien menschlicher Kulturen gelte. Der zweite Grund lautet, dass allein der Name Philosophie zeige, dass es keine Verbindung mit den Barbaren gebe.

Diese Berufung auf das griechische Wort ist der klare Fall einer petitio principii, denn warum sollte man nicht für möglich halten, dass die Tätigkeit, die »philosophisch« heißt (Pythagoras sei der Erste gewesen, der dieses Wort verwendet hat, sagt Diogenes), in anderen Sprachen einen anderen Namen trug. Dennoch: Der Ursprung war für Diogenes eine Frage, die es zu diskutieren galt, und wir wissen, dass Platon sich mehrfach auf die Ägypter als Meister der Griechen auf bestimmten Gebieten bezog.

Die Affirmation des griechischen Ursprungs der Philosophie, und dieser Ursprung als Wunder, waren keine Sache der Griechen, sondern eine spätere Erfindung, die mit dem Imperium und mit Herrschaft zu tun hatte. Das wird sichtbar in der Formulierung translatio studii et imperii, die den Transfer /die Übersetzung der griechischen Wissenschaften und des imperialen Geistes ins Europäische beschreibt. Diese Translatio soll dem einzigartigen linearen Pfad von Athen und der griechischen Sprache nach Rom und zur lateinischen Sprache gefolgt sein, von da aus nach Heidelberg, London, Padua oder Paris.

Allerdings war einem mittelalterlichen Gelehrten wie Roger Bacon, dem »Doctor mirabilis«, sehr wohl bewusst, dass die translatio studii auch anderen Routen folgte und durch andere Sprachen hindurchlief. Nach dem Griechischen, erklärte er, wurde das Arabische die Sprache der Philosophie, wohingegen das Lateinische nichts Originäres hervorbrachte. Darum folgte die translatio studii auch der Route, die von Athen nach Nischapur, nach Bagdad, nach Córdoba, zur Universität al-Qarawīyīn in Fes und auch nach Timbuktu verlief.

In Wahrheit ist die Behauptung, dass die Philosophie die imperiale Sprache spreche und dass andere Idiome für diese überlegene Tätigkeit der menschlichen Vernunft nicht taugen, was sie zum Telos dessen mache, was Husserl die »europäische Humanität« nannte, recht jungen Datums. Und sie ist in den modernen Kolonialismus eingeschrieben.

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