Von Anywheres und Somewheres. Das „Heimatbedürfnis der einfachen Menschen“ ist ein ahistorisches Konstrukt

Als der Vorsitzende der rechtspopulistischen Alternative für Deutschland seinen ersten Gastbeitrag für die Frankfurter Allgemeine Zeitung schrieb, blieb der Protest nicht lange aus. 1 Alexander Gauland hatte darin die Bildung einer »urbanen Elite« beklagt, die er als neue Klasse bezeichnete. Deren Mitglieder wohnten in Großstädten, sprächen fließend Englisch und zögen »zum Jobwechsel von Berlin nach London oder Singapur«, weswegen die Bindung »an ihr jeweiliges Heimatland« schwach sei. Die Historiker Wolfgang Benz und Michael Wolffsohn erkannten kurz nach der Veröffentlichung von Gaulands Text Parallelen zu einer Ansprache, die Adolf Hitler 1933 vor Arbeitern gehalten hatte. Darin hatte der »Führer« gegen »eine kleine wurzellose, internationale Clique« polemisiert, die überall und nirgends zuhause sei und mal in Brüssel, mal in Berlin lebe. Wolffsohn warf dem AfD-Vorsitzenden vor, dieser habe den hitlerschen Topos von der »Clique« zwar zur »globalistische[n] Klasse« aktualisiert, sich im Übrigen aber sinngemäß bei ihm bedient: »Nach dieser Methode wird aus den Städten Berlin, Brüssel, Paris, Prag, Wien oder London, zwischen denen die Internationalen bei Hitler hin und her ziehen, bei Gauland Berlin, London und Singapur.« Es handle sich daher bei Gaulands Rede um »Hitler light». 2

(Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

 

Gauland distanzierte sich von diesem Vorwurf auf bereits vielfach erprobte Weise, indem er behauptete, die Rede Hitlers nicht zu kennen – und nutzte damit einmal mehr die Mechanismen von Provokation und halbherzigem Einlenken. Wenig später fiel Lesern des Berliner Tagesspiegel auf, dass Gauland sich offenbar auch großzügig bei einem Essay bedient hatte, den der Blogger Michael Seemann aka mspro dort zwei Jahre zuvor veröffentlicht hatte. Seemann hatte in seinem Text die Kritik an »der globalen Klasse« jedoch keineswegs selbst vertreten, sondern als Topos der Populisten lediglich referiert, um diesen dann zu kritisieren. Man müsse sich in die Rechtspopulisten und Wutbürger »einmal hineinversetzen, muss den Slogans lauschen und ihre Narrative nachvollziehen. Man muss zwar nicht ihre Ängste, aber ihre Parolen ernst nehmen«, hatte Seemann dort geschrieben. 3

Diesen Slogans, Ängsten und Parolen zu lauschen ermöglicht nun ein Vortrag, den Gauland im Januar 2019 in den Räumlichkeiten eines völkischen Kleinverlags in Sachsen-Anhalt hielt. (Nachzuhören ist er übrigens auf der weltgrößten Online-Videoplattform – was das Internet angeht, scheint Gauland der »Globalismus« nicht zu stören.) Unter dem Titel Populismus und Demokratie wiederholt er darin im Wesentlichen seine bereits aus der FAZ bekannten Thesen, freilich ohne die Kritik an seinem Artikel zu erwähnen. Als Kronzeugen für seine Schelte der urbanen Eliten ruft er diesmal geschickt sowohl die linke Zeitschrift New Statesman als auch den aus einer jüdischen Familie stammenden britischen Journalisten David Goodhart auf. 4 Goodhart hat eine noch weitere politische Wanderung hinter sich als der ehemals migrationsfreundliche Ex-Christdemokrat Gauland. Vor einigen Jahren wurde der langjährige Redakteur der Financial Times und nach eigenen Angaben ehemalige Marxist vom Literaturfestival in Hay ausgeschlossen, auf dem er fünfzehn Jahre lang als Redner präsent war. 5 Seine migrationskritischen Thesen bündelte er 2017 in dem Buch The Road to Somewhere. 6 In dieser Schrift, die Gauland ausführlich zitiert, konstruiert Goodhart drei neue »Herkunftssoziotope«, auf die sich die britische Gesellschaft mittlerweile aufteile: die von ihm so genannten Anywheres, die Somewheres und die Inbetweeners.

(…)

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Alexander Gauland, Warum ist der Populismus entstanden und worauf reagiert er? Ein Gastbeitrag. In: FAZ vom 6. Oktober 2018.
  2. Michael Wolffsohn, »Adolf Hitler light« – Historiker gehen mit Gauland ins Gericht. In: Tagesspiegel vom 9. Oktober 2018; Wolfgang Benz, Wie Alexander Gauland sich an Hitlers Rede anschmiegt. In: Tagesspiegel vom 10. Oktober 2018.
  3. Michael Seemann, Eine andere Welt ist möglich – aber als Drohung. Das Bürgertum hat die Deutungshoheit verloren. In: Tagesspiegel vom 25. Oktober 2016.
  4. Gauland zitiert hier eine Rezension des Buchs von David Goodhart: Andrew Marr, Anywheres vs Somewheres: the split that made Brexit inevitable. In: New Statesman vom 17. März 2017.
  5. Vgl. Sam Jones, David Goodhart’s book on immigration earns him snub from Hay festival. In: Guardian vom 27. Mai 2013.
  6. David Goodhart, The Road to Somewhere. The Populist Revolt and the Future of Politics. London: C. Hurst 2017.

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Gauland hat in diesem Artikel seine Meinung und seine Rechtfertigung zum Thema Globale Eliten abgegeben. Die FAZ hat ihm dafür eine Bühne gegeben. Das fand ich schon verwunderlich. Im Prinzip geht es um das übliche Thema, das das globale Kapital mobil ist, das das globale Kapital seine steuerregeln flexibel gestalten kann. Aber trotzdem letztlich irgendwo wohnen muss. Während die nicht Elite regional gebunden ist. Meine Meinung dazu ist, wer sein Vermögen in Irland, Singapur oder auf der Kanalinsel versteuert, soll da auch hin ziehen und dann bitte auch das ganze Unternehmen mitnehmen.
    Die steuerlichen Gestaltungsmöglichkeiten die hinter diesen ganzen Aktionen stehen ,sind jetzt etwas schwierig darstellbar, aber kurz gesagt, man kann internationale Finanzclearing Zentralen einrichten, man kann seine selbstgeschaffene Marke nach Irland verkaufen und zurück leasen.
    Es geht um Konstruktionen die denen von Zweckgesellschaften gleichen und für die zum Teil Zweckgesellschaften genutzt werden, wenn der Abschluss nach US – GAAP oder IFRS aufgestellt wird.
    Alles dies geschieht mit Wissen und Billigung der Exekutive und Legislative der beteiligten Länder vollkommen demokratisch im Interesse der Allgemeinheit. Die Wähler haben dem zugestimmt und es ist der Wille der Wähler.
    Die Linke Kritik gegen diese Praktiken klingt oft nicht anders, als das was Gauland vorgetragen hat. Im Prinzip ist es das Ziel von Gauland unzufriedene Wähler, die sich bei der SPD und den Grünen nicht mehr zuhause fühlen, bei diesen weg zu fischen, in dem er sich dieser Themen bedient.
    Eigentlich versteht es sich von selbst, das man eine Partei wie die AfD nicht wählen kann, das man Menschen wie Gauland oder Höcke nicht wählen kann, der pluralistische Ansatz der Gesellschaft verlangt, aber das man akzeptiert, das sie da sind und das man sie argumentativ von etwas anderen überzeugen muss.
    Was in diesem Artikel passiert ist natürlich totales Futter für Höcke und Gauland, das man anfängt nach zu weisen, das Höcke und Gauland sozusagen die Sprache Hitlers und der NSDAP verwenden. Das Problem ist, wir alle verwenden die Sprache von Hitler und der NSDAP, denn wir alle sprechen deutsch. Das diese Leute Worte missbraucht haben und umgedeutet haben, kann jetzt nicht dazu führen, das wir jetzt anfangen diese Worte aus der Sprache zu nehmen.
    Am besten fangen wir gleich an eine andere Sprache zu sprechen.
    Wenn die Amerikaner am Anfang Ihrer Verfassung schreiben, we the people, dann ist es etwas schwierig, so etwas im deutschen Kontext so zu schreiben, denn das Wort Volk, haben sich Hitler und seine Gefolgsleute total angeeignet.
    In der Managementsprache, ist es üblich von Leader und Leadership zu sprechen, das heißt also von Führern und Führungsqualitäten, das sind Worte die sind im deutschen vollkommen verbrannt, wenn morgen im Bundestag einer anfängt zu erzählen, er will Deutschland zu neuer Größe führen, wäre alles vorbei.
    Was ich sagen will ist, wir sprechen einfach nun mal deutsch und wir können nicht Worte und Satzwendungen deswegen abschaffen, weil sie missbraucht wurden.
    Aber es geht ja auch auf der anderen Seite genauso weiter, ein Herr Holm hat bestimmte Sprachwendungen im Rahmen seines soziologischen Diskurs gebraucht, die wiederum von Extremisten in Ihren Anschlagserklärungen verwandt werden, das brachte ihm vier Wochen Untersuchungshaft ein.
    Wir sprechen nun einmal deutsch in Deutschland, damit sollten wir uns abfinden. Das man das so wie es Polt satirisch dargestellt hat, auch verstehen kann, ist ein anderes Problem.
    Um es noch einmal klar zu sagen Zygmunt Baumann hat mich mit seinen letzten Worten, als Autor schwer beeindruckt, wir können uns allen die Hände geben oder uns gegenseitig die Gräber graben, klarer kann man es nicht sagen als Baumann, der sozusagen auch ein großer Kosmopolit war.

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