Warten auf

Während ich diese Kolumne schreibe, hänge ich am Rand des Sommerlochs und baumele mit den Beinen schon darin. Bald wird es mich verschlungen haben. Ein rätselhaftes Phänomen, die Welt fährt angeblich ans Meer, als gäbe es nichts Besseres zu tun, als wäre Sommer noch eine Verheißung und keine Drohung.

Katastrophen rasen auf uns zu. Aber man muss jetzt erst mal abwarten.

(Der Essay ist im Augustheft 2019, Merkur # 843, erschienen.)

Wenn diese Kolumne erscheint, werden wir gerade wieder aus dem Sommerloch herauskriechen. Wird es sich gelohnt haben, abzuwarten? Das muss man abwarten. Mir brummt der Schädel vom Nichtveränderungsdruck, der auf uns lastet, in unserem winzigen Land, auf unserem winzigen Kontinent, den nach ein paar Flugstunden Richtung Südosten niemand mehr ernst nimmt, wahrscheinlich zu Recht, nach allem, was Europa in den Zeiten seiner Selbstüberschätzung angerichtet hat, und bei dem Tempo, in dem es vergreist.

Auf meinem Balkon ist eine Taube gelandet und geht seitdem dort auf und ab. Ein Mal habe ich ihr ein paar Sonnenblumenkerne hingeworfen, weil sie so zerzaust aussah, seitdem pickt sie nach allem, was ein Sonnenblumenkern sein könnte. Sie lässt sich durch mich nicht stören, wandert unter meinem Stuhl hindurch, flattert höchstens gelegentlich auf eine nahe Fensterbank und schläft. Dann geht sie wieder auf und ab. Sie tut Balkondienst, wie ein Uhrwerk.

Deutsche Beharrungskräfte, gemessen in der neuen Einheit Merz: Wir schreiten mutig in die Zukunft, aber wir gehen dabei immer nur greisenhaft auf und ab, und keine Angst, es bleibt immer 1992. Es wird schon wieder neue Sonnenblumenkerne geben, man muss einfach abwarten.

Und beim Abwarten muss man Kinder diffamieren – Kinder, die nicht den Hitzetod sterben wollen. Muss man Kinder, die ihr Glaube an die demokratischen Institutionen zum Demonstrieren in den Bundestag treibt, als Demokratiefeinde diffamieren. Weil sie vielleicht gern ein anderes Leben hätten, oder gern überhaupt ein Leben hätten, nicht nur für sich, sondern auch für andere. Man muss in den Krieg ziehen, in einen Krieg der Greise gegen Kinder, die leben wollen.

(…)


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