Bemerkungen zur jüngsten Kanon-Debatte

David Lodges Roman Ortswechsel (Changing Places) handelt von einem britisch-amerikanischen Austauschprogramm für Akademiker, an dem zwei Professoren der Literaturwissenschaft teilnehmen. Der Roman erschien 1975 und spielt 1969, dementsprechend häufig wird »groovy« gesagt. Philip Swallow, der von seiner britischen Heimatuniversität an die amerikanische »State University of Euphoria« entsandt worden ist, führt unter seinen dortigen Kolleginnen und Kollegen ein Partyspiel namens »Demütigung« ein. Alle Teilnehmenden nennen reihum ein berühmtes Buch, das sie nur dem Namen nach kennen. Jeder Gast, der es wirklich gelesen hat, bringt einen Punkt. Wer am Ende die meisten Punkte erhält, gewinnt dadurch, dass er sich selbst am besten gedemütigt hat. Eines Abends in Euphoria findet bei einer Party eine Runde »Demütigung« statt. Ein besonders ehrgeiziger und unbeliebter Anglist geht aufs Ganze und wirft Hamlet in die Runde, womit er mühelos das Spiel gewinnt. 1 Dafür wird ihm eine in Aussicht stehende Verstetigung seiner Stelle an der Universität verwehrt, weil die Nachricht die Runde macht, dass es ihm an Grundkenntnissen seines eigenen Faches fehlt.

(Der Essay ist im Septemberheft 2019, Merkur # 844, erschienen.)

In dieser Szene sind einige (bei weitem nicht alle) wesentlichen Elemente enthalten, die Kanones literarischer Werke insbesondere in akademischen Kreisen so erfolgreich machen – und die dazu führen, dass die Debatte darum, was in den Kanon gehört und wer das überhaupt zu bestimmen habe, immer wieder aufkommt. Seit letztem Jahr ist sie zurück in den Feuilletons, Seminaren und sozialen Netzwerken; der Begriff des Kanons bezeichnete dabei alles Mögliche, die Diskussion ging um »zeitlos wertvolle Literatur, um Bestenlisten verschiedener Reichweiten, Curricula und das Korpus der Texte […], das einzelne Experten für gut und lesenswert halten«. 2

Lodge führt vor, dass die Unkenntnis des Kanons denjenigen, die diese Unkenntnis zugeben (müssen), peinlich ist. Sie haben für die akademischen Anerkennungsökonomien nicht das richtige Kleingeld parat. Üblicherweise schließt die Anerkennung eines Werks als kanonisch sowohl innerhalb als auch außerhalb der akademischen Welt eine kulturelle Rangzuschreibung ein: Als kanonisch gilt ein Werk, weil es ästhetisch wertvoll ist und dadurch in der Rezeption zu einem wirksamen und bedeutenden Text werden konnte, zu einem, der ins Reich des Schönen, Wahren, Guten gehört – oder bei dem es sich wenigstens lohnt, diese Frage überhaupt zu diskutieren. 3

So weit, so unübersichtlich. Klar ist immerhin, dass das Bekenntnis zur Unkenntnis schlimmstenfalls einen Ausschluss aus der Gruppe der akademischen Peers zur Folge hat – das mag bloße Fiktion sein, aber als Angst ist diese offenbar wirksam genug, um als Disziplinarmaßnahme zu taugen: Besser, man kennt sich aus. Gleichzeitig zeigt das Partyspiel aber auch, dass Kanones als mehr oder weniger stillschweigend vereinbarte Gesprächsgrundlage wirksam sind – oder waren.

Ortswechsel ist vierzig Jahre nach seinem Erscheinen kein taufrischer Text mehr. Aber die Episode von der »Demütigung« taugt in ihrer ganzen Karikaturhaftigkeit immer noch als Illustration für die Sprengkraft der Frage nach dem Kanon. Das lässt die Frage aufkommen, warum die gegenwärtige Kanon-Debatte zwar groovy ist, sich aber argumentativ auch nicht wesentlich über den Stand der Debatten der 1980er Jahre (ff.) hinausbewegt. Vergleicht man die immer wieder neu ausgetauschten Argumente und Positionen, liegt die Vermutung nahe, dass Kanon-Debatten eben jene sind, in denen sich der akademische Literaturbetrieb oder der literarische Akademiebetrieb am besten über sich selbst verständigen kann. Dabei ergibt sich in den seltensten Fällen ein wirklich haltbarer oder gar verbindlicher neuer Kanon, dafür lernt man etwas darüber, wer man sein will.

Letztes Jahr ging es schon wieder los. Dieses Mal mit einem Text von Thomas Kerstan in der Zeit, der unter dem Titel Wir brauchen einen neuen Kanon zwar nicht genau klärte, aus welchen Werken denn der alte Kanon bestanden hatte, aber zumindest keinen Zweifel an dem universalen Anspruch des neuen ließ: »Mein Kanon [richtet] den Blick in die Welt, weil sich in Zeiten der Globalisierung auch ein nationaler Kanon nicht auf nationale Werke beschränken darf.« Weshalb dieser Blick eines Einzelnen der Welt so überzeugend vorkommen sollte, dass sie seinen Vorschlag zu übernehmen bereit wäre, stand nicht im Text. Kerstan setzte die Repräsentationskraft seines Kanons einfach voraus: »Und zu guter Letzt spiegelt er aktuelle Entwicklungen wider – die Wiedervereinigung etwa oder die Einwanderung türkischer Arbeitsmigranten und russlanddeutscher Spätaussiedler, den digitalen Wandel und mit ihm die weltweite Vernetzung. Wenn ein Kanon ausdrücken soll, wer ›wir‹ sind, muss ein moderner Kanon den Wandel des ›wir‹ auch selbst vollziehen. Er muss vielfältig sein und demokratisch. So wie unser Land.« Einhundert Werke, darunter neun von Frauen, suchte Kerstan nach diesen Voraussetzungen aus.

Von der verbindlichen Kraft eines Kanons literarischer Werke hatte bereits kurz zuvor Peter-André Alt gesprochen. Der Präsident der Hochschulrektorenkonferenz empfahl in einem FAZInterview, den innereuropäischen Zusammenhalt in Zeiten extremer sozialer Konflikte durch »einen verpflichtenden Kanon großer europäischer Texte« zu stärken. Angesprochen ist damit eine besonders problematisch gewordene Vorstellung von Kanon, in der dieser eine Auswahl von besonders wertvollen Texten oder anderen Kunstwerken repräsentiert, 4 ohne deren Kenntnis man leicht ins soziale Aus geraten kann, siehe Lodge. Auf das identitätsstiftende Potential eines so angelegten Kanons ist allerdings nur dann Verlass, wenn man annimmt, dass diese Auswahl nach einem geteilten Set von ästhetischen und ethischen Werten stattgefunden hat. 5

Mit Repräsentation und Identität sind dabei diejenigen Begriffe genannt, die im Moment bestens dazu geeignet sind, sich die Finger zu verbrennen. Kerstan fragte in der Einleitung zu der von ihm kuratierten Liste: »Wie viele Kinder aus sogenannten Problemvierteln haben sich noch nie von einer Oper verzaubern oder von abstrakter Kunst verstören lassen?« Fast schon rührend ist die daraus sprechende Annahme, die von ihm zusammengestellte Liste könne deren Zahl ansteigen lassen und sei darüber hinaus repräsentativ. Repräsentativ ist diese Liste allein für eine geschmackliche Selektion, die – wie das bei allen Listen der Fall ist – exklusiv ist. In diesem Fall schließt sie fiktive Kinder aus, für die diese Liste jedoch vielleicht ohnehin nicht attraktiv ist, weil sie sich nicht verzaubern und verstören lassen wollen – zumindest nicht von Thomas Kerstans Lieblingskunstwerken.

Die Kritik, der sich Kerstan infolge seines Artikels ausgesetzt sah, richtete sich allerdings weniger auf dessen impliziten Klassismus als auf die Tatsache, dass ihm für das Projekt »Sozialer Zusammenhalt durch Hochkulturkenntnis« vor allem solche Werke wichtig erschienen, die in Europa von weißen Männern geschaffen worden waren. Zwei Wochen nach Kerstan empfahlen seine Kolleginnen Ann-Kristin Tlusty, Julia Meyer und Judith Luig dementsprechend unter dem Titel Kanon, du lebendiges Ding einhundert andere Werke, die unter anderem in kritischen Zuschriften von Zeit-Leserinnen und -Lesern genannt worden waren. Nun fanden sich unter den Künstlerinnnen und Künstlern auch Sängerinnen wie Beyoncé, Autorinnen wie Judith Kerr oder Toni Morrison, Regisseurinnen wie Jane Campion.

Ungefähr zeitgleich hatte sich jedoch auch beim Spiegel ein Kollektiv um die Schriftstellerin (und Spiegel-Kolumnistin) Sibylle Berg gebildet, das ebenfalls mit einem Gegenkanon antrat, in dem nur Werke von Frauen vertreten sind: Die Kanon. 6 In seiner Einleitung schrieb das Kollektiv: »[Es] ist Zeit für eine neue Liste, die wir nach intensiven Studien der Lehrpläne und Feuilletons, in denen wir kaum einen der aufgeführten Namen gefunden haben, erstellt haben: Neue Namen mit Ideen und der Kompetenz, die vielleicht etwas zu einem freundlicheren Miteinander in der Welt beitragen können. Oder die auch einfach nur für mindestens die Hälfte der Bevölkerung etwas mehr Relevanz haben.«

Das Projekt wurde auch auf Twitter vielfach mit Begeisterung aufgenommen, 7 einige der dort vertretenen Literaturwissenschaftlerinnen und -wissenschaftler integrierten die Diskussion um Die Kanon in ihre Lehrpläne im Wintersemester 2018/19. Das Schweizer Magazin Die Republik verlieh dem Projekt im Januar 2019 den Preis der Redaktion, in der Begründung hieß es: »So, wie Frauen eher an einem Herzinfarkt sterben, wenn sie von einem Arzt behandelt werden – so geraten sie eher in Vergessenheit, wenn es die Männer sind, die für die Erinnerung zuständig sind. Und unsere heutige Preisträgerin macht klar, dass unser Kulturverständnis noch viel zu oft genau das ist: Männer, die sich an Männer erinnern.« 8

Das ist unstrittig und sollte sich ändern. Erfreulich ist, dass Aktionen wie Die Kanon die Sichtbarkeit von Autorinnen und vor allem die von feministischen Anliegen erhöhen. Während sich somit bei der Repräsentation von Frauen insbesondere im literarischen Feld endlich etwas verbessert, wird die Lage in der Diskussion über den Kanon komplizierter.

Der blinde Fleck auf allen Seiten der aktuellen Debatte ist die Frage nach der Zementierung des Verhältnisses von Werk und der (vor allem) geschlechtlichen und ethnischen Identität von Autoren und Autorinnen. Während die eine Seite mithilfe nicht unbedingt transparenter Qualitätskriterien eine Top-100-Liste erstellt, die zufälligerweise aus 91 (zumeist weißen) Männern und neun Frauen besteht, operiert die andere Seite mit einer Liste, in der Geschlecht als entscheidendes Kriterium die Vorauswahl steuert, mittels derer entschieden wird, über was dann überhaupt in ästhetischer Hinsicht etc. gesprochen werden kann. Möchte man sich aktuell der einen oder anderen Seite zuordnen, scheint die Wahl darin zu bestehen, entweder die Diskussion über ästhetische Kriterien dem Einsatz für (historische) Gerechtigkeit für marginalisierte Gruppen nachzuordnen oder aber eine Ästhetik zu akzeptieren, die solche Fragen ignoriert und sich hinsichtlich ihrer Standards überhaupt recht zugeknöpft gibt.

Diese Wahl ist unattraktiv, und zwar schon seit mehreren Jahrzehnten, in denen sie immer wieder als das Dilemma auftaucht, in das die Kanon-Debatte mündet. Bereits in den 1980er Jahren stand ein Kanon in der Kritik, der allein aus Texten »alter weißer Männer« bestand (die Kategorie »alte weiße Männer« existierte damals bereits, war allerdings noch kein Kampfbegriff) und von eben solchen verteidigt wurde. 9 Women’s studies hatten sich so weit institutionalisiert, dass sie wie andere Disziplinen in die Diskussion über die Verbindlichkeit der Kenntnis bestimmter Literaturen einsteigen konnten.

Die Forschung und Diskussion über Geschlechterfragen hat sich seitdem immer weiter ausdifferenziert und in zahlreichen neuen Institutionen sedimentiert, von denen einige im Zuge reaktionärer Bestrebungen erneut unter Druck stehen. Die Wiederholung der Kanon-Debatte, in der sich Frauen und marginalisierte Gruppen behaupten, ist nicht zuletzt ein Konflikt um die erneute Durchsetzung der Wissensansprüche und um die institutionelle Präsenz bestimmter Fachrichtungen. Nicht zuletzt ist die Wiederholung bestimmter Grabenkämpfe aber auch Ausdruck eines Generationenwechsels und vermutlich schlicht auch von Vergesslichkeit.

Vielleicht ist es deshalb auch nicht so überraschend, dass dieselben Probleme immer wieder auftauchen. John Guillory, dessen Buch Cultural Capital die Frage der Kanon-Formation mithilfe soziologischer Kategorien analysiert, die er den Arbeiten Pierre Bourdieus entnimmt, fasste 1993 die Debatte des vorangegangenen Jahrzehnts (an der er sich mit mehreren schwergewichtigen Aufsätzen selbst beteiligt hatte) als eine Krise des Urteilens überhaupt auf: »Die eigentümlichste Folge der Kanon-Debatte ist sicherlich die Diskreditierung des Urteilens, so als wäre es überhaupt möglich, dass Menschen die Dinge, die sie tun, nicht beurteilten. Diese Auffassung war als Soziologie schon schlecht, aber als Politik ist sie noch schlechter. Das Argument, dass man sich des Urteilens enthalten sollte, um den Kanon im Dienst politischer Dringlichkeit ›repräsentativer‹ für diverse soziale Gruppen zu gestalten, spielte dem reaktionären Einwand in die Hände, dass nun ›Standards‹ vernachlässigt würden.« 10

Guillorys vielfach wiederholtes Argument ist, dass eine so geführte Debatte der (heuristischen) Fiktion unterliegt, dass die Gesamtheit der literarischen Texte, von denen einige hinsichtlich ihrer möglichen Kanonizität zur Debatte stehen, in ihrer Diversität ein Abbild gesellschaftlicher Diversität sei. Dabei sei es wohlbekannt, dass die härtesten sozialen Exklusionen stattfinden, bevor diese Texte überhaupt entstehen, nämlich beim Zugang zu den Institutionen, die einen in den Stand setzen, lesen und schreiben zu lernen. 11 Guillory plädiert deshalb dafür, Kritik an der Kanonbildung als Kritik an Bildungsinstitutionen zu formulieren, womit er sowohl Schulen als auch – und insbesondere – die Universitäten meint.

Dieser Punkt wurde zuvor und zeitgleich auch von der feministischen Kunstkritik vertreten. Im selben Jahr, in dem Guillorys Cultural Capital erschien, schrieb die Kunsthistorikerin Nanette Salomon: »Die Kunstakademie ist gleichzeitig ein historischer Rettungsring gegen den Eintritt von Frauen in den Kanon und ein Grundprinzip für ihren Ausschluß. Ein Ausschluß, der die institutionalisierte Akademie historisch vorweggenommen hat.« 12 Salomon und auch ihre Kollegin Linda Nochlin haben darauf hingewiesen, dass Frauen lange Zeit systematisch von den ausbildenden Institutionen im Feld der Bildenden Kunst ausgeschlossen waren und dass es allein deshalb erstaunlich ist, wie viele Werke sie überhaupt produzierten. 13 Dass deren Anzahl damit geringer ist als die der Werke, die von Männern geschaffen wurden, ist Ausdruck einer historischen Ungerechtigkeit. Diese wird von Kanones abgebildet, in denen Frauen kaum vorkommen – entsprechende Gegen-Kanones können dazu dienen, den Fokus auf die großartigen Werke von Frauen zu richten, die wir haben, sie können aber das historisch bedingte Ungleichgewicht nicht nachträglich reparieren.

Die Lage im literarischen Feld ist noch komplexer, weil geregelte Ausbildungswege hin zum Beruf der Schriftstellerin viel jünger sind als Kunstakademien; 14 ihre Rolle hinsichtlich der Kanonbildung ist zumindest in Deutschland ungeklärt.

Anders sieht es mit der Literaturwissenschaft aus. Deshalb ist die von Guillory schon vor mehr als dreißig Jahren vorgeschlagene Auseinandersetzung mit den Zugangsmöglichkeiten zu Schulen und Universitäten als den Orten, die für die Kanonbildung zuständig sind, vielversprechend. Denn hier werden Texte gleich welchen Entstehungsdatums aktualisiert: Sie werden durch Lektüre und Diskussion in die Gegenwart geholt und damit hinterfragt. Handelt es sich um Texte, die als kanonisch gelten, kann auch ihre Kanonizität auf dem Prüfstand stehen, vor allem aber die Frage, wie es zu dieser Zuschreibung gekommen ist. Dabei ist vor allem eine Reflexion darauf notwendig, wer an der jeweiligen Diskussion teilnehmen kann: Anzusetzen wäre eigentlich schon mit der Frage danach, warum welche Studierenden in den Seminaren zu »Relevanter Literaturwissenschaft« saßen, die infolge der jüngsten Kanon-Debatte im vergangenen Sommersemester an verschiedenen Universitäten stattfanden und via Twitter von Lehrenden und Studierenden begleitet wurden. 15 Bei ihnen allen handelt es sich um die Gruppe von Leuten, für die die Frage nach dem Kanon überhaupt eine entscheidende Rolle spielt – und zwar nicht in erster Linie deshalb, weil sie möglicherweise irgendwann in die Situation des erbarmungswürdigen Anglisten kommen, der Hamlet nicht gelesen hat und deshalb seine Stelle verliert, sondern weil die Kanondebatte in der Regel eine Debatte über Leselisten an ganz bestimmten Orten ist.

Auch diesen Punkt hatte John Guillory schon 1991 hervorgehoben, als er die Unterscheidung zwischen Kanon und syllabus (Leseliste, Seminarplan) herausarbeitete. Die Forderung nach Änderung des Kanons, der seiner Auffassung nach vor allem ein ungenau verwendetes Synonym für »klassische Texte« ist, ziele eigentlich eher auf die Erweiterung von Leselisten in pädagogischen Kontexten, die moralisch wünschenswert, aber theoretisch problematisch sei: »Die Umstrukturierung des Kanons durch eine Änderung von Leselisten zu erreichen, erfordert eine Restrukturierung des Kanons als einer Liste von Autoren, und nicht von Texten. Die Reinvestition in die Autorität von Autorschaft in diesem Zusammenhang läuft quer zu theoretischen Anliegen – wie der Kritik von Autorschaft selbst –, die dazu dienen sollte, bestimmte Modelle von Textqualitäten nicht von pseudoerläuternden Begriffen wie ›Größe‹ oder ›Genie‹ abhängig zu machen.« 16 Wenn nun »der Autor« in Form von sozialer Identität zurückkehre, sei wenig gewonnen, so Guillory. Um die imaginäre Repräsentation von Gesellschaft in und durch Literatur zu verändern, müsse man vor allem die soziale Diversität der Ausbildungsinstitutionen erhöhen.

Knapp dreißig Jahre später ist in dieser Hinsicht auch in Deutschland schrittchenweise etwas in Gang gekommen, der Akzent liegt allerdings auf Schrittchen: Die mir bekannten literaturwissenschaftlichen Institute haben zwar in den letztem Jahren etliche Frauen eingestellt, verfügen aber weiterhin über eine Belegschaft mit relativ homogenem sozialen Hintergrund. 17 Internationalisierung findet statt durch Reisekostenübernahme für Gäste aus den USA. Die Kanon-Debatte hat also auch deshalb weiter leichtes Spiel, sie entfaltet sich in Institutionen, die immer noch mit einem Diversitätsdefizit kämpfen. Dem treten diese mit ebenso berechtigten wie verzweifelten Versuchen entgegen, durch repräsentative Lektürelisten beim pädagogischen Imaginären mit der Vielfalt anzufangen.

Diese sowohl mühsame als auch langsam voranschreitende und vor allem notwendige Arbeit kommt auch heute nicht darum herum, sich der Kritik Guillorys und der Frage nach der Wiedereinführung der Kategorie der Autorschaft als entscheidendem Kriterium für Kanonizität zu stellen. Die Diskussion um die eigenen ästhetischen Kriterien sowie die Kritik an deren Genese ist dabei unumgänglich, was eben auch bedeutet, dass Kanon- und Leselistendebatten höchst selbstreflexive Angelegenheiten sind. Ihr Erkenntnisgewinn liegt in anderen Bereichen als denen, wer wem welche Lektüre ins Hausaufgabenheft diktieren darf. Einsichten sind vor allem hinsichtlich des aktuellen Stands im Umgang mit Rassismus, Sexismus und Klassismus zu erwarten. Das heißt auch, dass »Kanon« im Moment eher der Name einer Debatte über den Status dieser Themen im literarischen Feld ist als eine brauchbare Orientierung in der Literatur(geschichte).

Das Hausaufgabenheft ist einfach nicht mehr die beste Art und Weise, um ein gemeinsames Gespräch über Literatur zu eröffnen. Höchstpersönliche, in irgendwelche Hefte geschriebenen Kanones haben allenfalls die Verbindlichkeit von Serviervorschlägen. Das erschwert ganz sicher das Gespräch, alles wird umständlicher, weil unklar ist, auf welche geteilten Kenntnisse noch Bezug genommen werden kann. Diese Bezüge müssen immer wieder neu hergestellt werden. Als wesentliche Veränderung könnte sich ergeben, dass ein Spiel wie »Demütigung« nicht mehr möglich und, noch etwas später, nur noch als historische Situation zu verstehen ist, aus der man sich zu lösen wusste.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. David Lodge, Changing Places. A Tale of Two Campuses. London: Penguin 1979.
  2. Dass dieses »tentative Verständnis« vor allem eines ist, das der öffentlichen Debatte nutzt, der Forschung aber weniger, ist Ausgangspunkt eines Handbuchs zum Thema, das den Stand der wissenschaftlichen Debatte einholen will: Gabriele Rippl /Simone Winko (Hrsg.), Handbuch Kanon und Wertung. Theorien, Instanzen, Geschichte. Stuttgart: Metzler 2013.
  3. Das Schöne, Wahre und Gute ist selbst natürlich auch schon länger problematisch. Zum Begriff des Kanons als Name einer Problemgeschichte hat sich zuletzt die Germanistin Andrea Geier geäußert: »Niemand kann es sich heute leisten, kein Problembewusstsein für Prozesse und Effekte von Kanonisierung in der eigenen wissenschaftlichen Disziplin zu haben und das Kanonische mit dem Vorbildlichen zu verwechseln.« Andrea Geier, Wer braucht einen europäischen #Kanon? Was sind europäische Traditionen – und wie sollten wir mit ihnen umgehen? Wäre ein Kanon dafür eine gute Idee? Über Fallstricke eines Begriffs in der öffentlichen Diskussion. In: Geschichte der Gegenwart vom März 2019
  4. Kanon, Kanonbildung und Kanonizität sind Grundbegriffe der Literaturwissenschaft, kommen aber auch in allen anderen Wissenschaften vor, die vor die Frage gestellt sind, wie sie die Einschätzung von Kunstwerken übersichtlich gestalten sollen, wie auch in der Theologie. Die ersten Kanones bezogen sich auf die Abläufe in der Liturgie und damit mehr auf Handlung und Riten als auf Texte. Vgl. Hubert Cancik, Kanon, Ritus, Ritual. In: Maria Moog-Grünewald (Hrsg.), Kanon und Theorie. Heidelberg: Winter 1997.
  5. Dass dies insbesondere vor dem Hintergrund einer europäischen Kolonialgeschichte – oder allgemeiner: Gewaltgeschichte – zu sehr problematischen Begründungszusammenhängen führt, hat Andrea Geier diskutiert.
  6. Die Liste ist weiter einsehbar unter: diekanon.org/. Beteiligt an dem Projekt sind Laura Ede, Jelena Gučanin, Nana Karlstetter, Simone Meier, Julia Pühringer, Theresia Reinhold, Hedwig Richter, Nicole Schöndorfer, Margarete Stokowski und Brigitte Theißl. Die Reichweite der Social-Media-Accounts einiger Beteiligter trug maßgeblich zum Erfolg des Projekts bei, das sie auch auf Spiegel online vorstellten.
  7. Eventuell könnte man sogar sagen: Sie wurde vor allem auf Twitter aufgenommen und diskutiert. Kolleg/innen, mit denen ich während der Vorbereitung dieses Textes sprach, hatten die Diskussion nicht mitbekommen. Teile des Fachgesprächs wie beispielsweise zum Kanon finden mittlerweile auf Twitter statt, allerdings kämpfen sie genau wegen dieses Austragungsorts darum, überhaupt als Fachgespräch anerkannt zu werden. Das scheint symptomatisch zu sein: Es steht nicht nur die Legitimität der Inhalte des Kanons zur Debatte, sondern auch die Orte, an denen darüber legitim diskutiert werden kann – und nicht zuletzt geht es auch hier um die (akademische) Position derer, die sprechen.
  8. Auch die Erinnerung hat ein Geschlecht. In: Republik vom 31. Januar 2019.
  9. Bekanntestes Beispiel ist vermutlich Harold Blooms The Western Canon von 1994, der aber immerhin Jane Austen, Emily Dickinson und Virginia Woolf (immer Virginia Woolf) als Beispiele für »The Books and School of the Ages« (so der Untertitel) aufführt.
  10. John Guillory, Cultural Capital. The Problem of Literary Canon Formation. University of Chicago Press 1993 (Übersetzung durch die Verfasserin).
  11. John Guillory, Canonical and Non-Canonical: A Critique of the Current Debate. In: ELH, Nr. 3, 1987.
  12. Nanette Salomon, Der kunsthistorische Kanon – Unterlassungssünden. In: kritische berichte, Nr. 4/93. Für den Hinweis danke ich Anja Schürmann.
  13. Linda Nochlin, Why Have There Been No Great Women Artists? In: Vivian Gornick /Barbara K. Moran (Hrsg.), Woman in Sexist Society. Studies in Power and Powerlessness. New York: Basic Books 1971. Nochlin weist beispielsweise darauf hin, dass allein durch den Ausschluss vom Aktstudium die Ausbildungsbedingungen für Frauen lange Zeit wesentlich schlechter waren als die von Männern.
  14. Die Privilegierung einzelner Genres, Schreibstile und vor allem bestimmter Auszubildender in den Literaturinstituten führt selbst wiederum zu bestimmten Ein- und Ausschlüssen, die Auswirkungen darauf haben, was überhaupt in der Gegenwartsliteratur »drin« ist. Zu diesem Thema ist soeben ein von Kevin Kempke, Lena Vöcklinghaus und Miriam Zeh herausgegebener Sammelband erschienen: Institutsprosa. Literaturwissenschaftliche Perspektiven auf akademische Schreibschulen. Leipzig: Spector 2019.
  15. Beteiligt haben sich an diesem Kooperationsprojekt: Claudia Dürr, Johannes Franzen, Silke Horstkotte, Andrea Geier und Berit Glanz.
  16. John Guillory, Canon, Syllabus, List: A Note on the Pedagogic Imaginary. In: Transition, Nr. 52, 1991 (Übersetzung durch die Verfasserin).
  17. Hierbei spielt Herkunft eine entscheidende Rolle; einerseits in Bezug auf Migrationserfahrungen in der eigenen Familie, andererseits und vor allem in Bezug auf das Ausbildungsniveau der Eltern. Vgl. Steffen Jaksztat, Bildungsherkunft und Promotionen: Wie beeinflusst das elterliche Bildungsniveau den Übergang in die Promotionsphase? In: Zeitschrift für Soziologie, Nr. 4, August 2014.

3 Kommentare

  1. Fritz Iff sagt:

    Erstaunlicherweise scheinen sich weder FeuilletonistInnen noch WissenschaftlerInnen darüber aufgeklärt zu haben, dass die diskretionäre Kanonbildung nur noch ein lächerliches Ergebnis ergeben kann. Der Grund dafür ist erfreulich: Die literarische Belletristik (um das Segment geht es wohl) ist über die ca. letzten 100 Jahren regelrecht explodiert (Menge, Formen, Sprachen, Themen…). Dabei ist Deutschland mit seinen vielen Übersetzungen noch in einer günstigen Position, um die Multiplikation der Vielfalt ständig vor Augen zu haben. Allein in der Bibliothek Suhrkamp sind inzwischen wohl über 1.500 Bände erschienen – und darunter ist wohl vieles, was auf eine Longlist gehören würde. Und es gibt ja noch ein gutes Dutzend weitere literarische Verlage in Deutschland, die immer wieder „renommierte“, preisgekrönte Literatur gefunden und gedruckt haben. Geht man dann noch ein wenig rückwärts, sagen wir mal nur zurück bis 500 v. Chr., kommt auch in der zeitlichen Tiefe viel Kanonisierbares hinzu.
    Jetzt kann jede und jeder über den Daumen schätzen, wie lang denn wohl eine faire Longlist wäre – ich schätze sie trotz meiner nur sehr mittelmäßigen Belesenheit auf gut und gerne 20.000 Werke, eventuell sind es aber auch 100.000 Werke, die man mit guten Gründen kanonisieren könnte. Aus diesen Zig-Tausenden durch freihändige Bedeutsamkeitsentscheidung die 100 heute Lesenswertesten zu benennen, ist abgesehen von der unvermeidlichen Ungerechtigkeit insofern lächerlich, als sich die Kanonrichter der Unmöglichkeit des Unterfangens gar nicht bewusst zu sein scheinen, als ob sie zu Fuß zum Mond wandern wollten.
    Wer trotzdem an der Idee der Top-Listen festhalten möchte (Kapitulation wäre natürlich weiser), kann zwei Wege gehen: Der erste ist die vielfache Segmentierung (z.B. zeitlich „1700 – bis 1850“, nach Gattungen „100 schönste Theaterstücke“, nach AutorInnengruppen „100 wichtigste Arbeiterromane“, nach Themen „100 wertvollsten Zeitkritik-Romane“etc.). Man kommt dann vielleicht auf einen Fächer von 20 bis 50 Kanones á 100 Werke.
    Der zweite Weg wäre eher der Weg der Digital Humanities (was ich favorisieren würde). Man würde dann die einflussreichsten Werke kanonisch erklären, z.B. anhand der Frage „Welche Werke/Autorinnen haben die meisten anderen Autorinnen inspiriert“. Betonung liegt hier auf „andere Autorinnen“, nicht etwa Erwähnung im Feuilleton, weil die Kanones ja auch die relevanten Fäden der Tradition (des Weiterwirkens) festhalten sollen, und weil AutorInnen im Zweifelsfall die besten LeserInnen sind, die wir haben.
    Ein solcher deskriptiver Impact-Factor-Kanon würde auf einer Art historischer Social Graph der Werke beruhen. Um dabei nicht automatisch mit den Alten die Jüngeren zu begraben, müsste man die Später-Geborenen höher gewichten, ferner müsste man alle 10 Jahre ein Update machen, d.h. die einen oder anderen verlieren an Bedeutung, andere werden höher gerankt. Die Arbeit an einem deskriptiven Kanon geht natürlich nicht in einer Woche, sondern würde wohl gute 10 Jahre beanspruchen – das wäre aber immer noch viel weniger Zeit, als mit den Bauchgefühl-Debatten vertan wurde und wird.
    Dass die historisch Diskriminierten dabei noch einmal mehr diskriminiert werden, glaube ich erst einmal nicht, aber das wäre abzuwarten und dann müsste man ggf. auch wieder paar Segmente aufmachen. Gut möglich, dass z.B. in Frankreich gleich hinter Voltaire Madame Sevigny und Simone de Beauvoire auftauchen, während der Einfluss mancher alten Bekannten sich als weniger großartig darstellt, als man eventuell bisher dachte?

    1. Reiner Girstl sagt:

      Man sieht am aus der Zeitfallen von Autoren, wie sich alles ändert, Franz Xaver Kroetz, war der meistgespielte Bühnenautor der 70 Jahre und in der ersten Hälfte der 80 Jahre, heute denken die Menschen ehr an Baby Schimmerlos, als an den Bühnenautor. Kasimir Edschmid hat mit „Wenn es Rosen sind. werden sie blühen. Roman über Georg Büchner.“ ein interessantes Buch über den Vormärz geschrieben, das heute keiner mehr kennt. Bei der Edition Suhrkamp ist in den 70 Jahren eine Wahnsinns Menge an Marxismus Theorie erschienen, was man heute aus historischem Interesse lesen kann. Auf der anderen Seite kann man „der Spätkapitalismus“ von Ernst Mandel nicht kaufen, obwohl es eine interessante Beschreibung der letzten 40 Jahre beinhaltet, als Prognose die zutrifft. Was man lesen muss sind Bücher über Logik von Searle und Wittgenstein und man weiß, danach wie man sortieren muss. Dann gibt es noch die unkaputbaren Autoren, die 25 Jahre tot sind und immer noch laufen, obwohl sie schon zu Lebzeiten tot gesagt waren.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Die letzten zehn Jahre hat sich bei mir das Gefühl verfestigt, in einer Art Neo – Positivismus zu leben, damit meine ich, dass man zum Primat einer beschränkten Rationalität zurückgekehrt ist, die sich auf den reinen Nachaufklärungsoptimismus des 19. Jahrhunderts bezieht. Dieser Neo – Positivismus tut nicht nur den kritischen Realismus eines Poppers negieren, sondern fällt hinter allem was es an Erkenntnis gibt zurück. Letztlich könnte man meinen, das für alles was gedacht und getan wird, die Vereinfacher der School of Chicago die Stichwortgeber sind und zum anderen von Hayek, wobei von Hayek sich ganz wesentlich von den vulgär Ansätzen der School of Chicago unterscheidet. Von Hayeks Ansätze sind die Weiterführung, des elitären, konservativen Liberalismus des 19. Jahrhunderts, der aber vollkommen vom alten freiheitlichen Liberalismus zu unterscheiden ist, der seine Ausprägung im Vormärz erlebt hat oder von John Stuart Mill, positiv entwickelt wurde, während von Hayek sich mehr bei Bentham verortet.
    Aber entscheidend ist, das die School of Chicago nicht der kritischen Prüfung der modernen Logik, Wissenschaftstheorie und Philosophie stand hält, wie sie von Wittgenstein, Russell unter anderen entwickelt worden ist und von John Searle in unseren Tagen geprägt wird.
    Was hat das jetzt alles mit einem Literatur Kanon zu tun, wird sich Mancher fragen? Um auf Rorty zu verweisen, sollte man zum Verständnis der Welt immer auch Romane lesen, die letztlich ganz im Sinne Searles, auch das Soziale hinter den Institutionen greifbar machen und das Soziale sichtbar machen. Wer eine Literatur Kanon gelesen hat, versteht mehr vom Leben, von der Welt und vor allem von den augenblicklichen Entwicklungen.
    Wer „Momo“ von Michael oder die „Konferenz der Tiere“ von Erich Kästner gelesen hat, zwei Bücher die auf jeden Fall zu jeden Kinderkanon gehören sollten, versteht mehr von der Welt, als jeder der tagtäglich die Medien verfolgt oder die politische Literatur unserer Tage liest. Das gilt aber auch, für andere Romane die sich mit Totalitarismus oder delegitmierten Herrschaftsformen beschäftigen, hier sei noch einmal auf Heinrich Böll verwiesen oder Jorge Semprun, sowie die reichliche Literatur zum ersten Weltkrieg von Erich Maria Remarque oder Ludwig Renn.
    Eingedenk dieser Literatur kann man nicht verstehen, das einzelne Politiker wieder dargestellt werden, wie in den Königs Chroniken des Mittelalters, die ja auch schon ein Rückfall hinter Homer und die Theaterautoren des antiken Griechenlands sind, während die anderen Politiker, wie die Feinde aus dem Morgenland oder aus den Ebenen des Ostens, dieser glorreichen Könige in den Chroniken dargestellt werden, auch hier würde ein Wissenskanon oder die altsprachliche Ausbildung weiter helfen.
    All diese Gedankengänge kommen einen nur dann, wenn man die Kommentare zur autistischen Wiedergängerin von Momo verfolgt und das Verhalten, all jener die sinnbildlich für die grauen Männer in Mono stehen, die uns die Zeit rauben. Wenn man so will, kann man das politische Feld unserer Tage mit den Augen Michael Endes oder Heinrich Bölls messen, aber noch viel treffender wird das Ganze, wenn man an Erich Kästner denkt und sein Buch die „Konferenz der Tiere“, die Autistin kommt einen vor, wie gesteuert nach den Überlegungen die Kästner beschreibt, insoweit könnte Kästners Buch, das Drehbuch hinter allen sein.
    Aber viel wesentlicher ist die Frage, ob wir, wenn wir alle belesen wären, mit literarischen, politischen und antiken Kanons, uns weiter selbst behandeln lassen würden wie Autisten, die es für selbstverständlich halten, das Politiker mit einem Verständnis wie aus dem 19. Jahrhundert heraus meinen, uns alle anleiten und überwachen zu müssen. Würden wir uns Kästner eingedenk, die Medien anschauen, würden wir sehen, wie sehr die Bürokratie, die Masken und die Kleidung der Politiker eine Fassade aufbauen, hinter der unsere eigentlichen Interessen zurücktreten. Es werden nur noch Vorhänge und Fassaden geschaffen, aber keine Inhalte mehr.
    Um jetzt dem Elitären vollkommen die Zunge zu reden, ist nicht der Rückbau der Ausbildung, die Aufsplitterung der Hochschulausbildung in immer größere Detail Studiengänge, in Wahrheit ein Mittel uns die ganzheitliche Betrachtung der Welt zu entziehen und sind nicht gerade umfassende Kanons der Literatur Mittel um das Schöne, aber auch das Soziale in der Welt zu greifen und zu begreifen. Statt die Welt den Autisten und ihren Antipoden den grauen Männern und Frauen zu überlassen, sollten wir die großen Meister der Entschlüsselung lesen, die mit Homer beginnen, der von Euripides und Aischylos fortgesetzt wird. Die bis heute ihre Nachfolger gefunden haben, denen Platon und seine Epigonen als Vernebeler gegen überstehen. Die Trennung von Mythos und Logos haben uns geistig arm gemacht.

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