Popkolumne. Teenage Kicks

Bruce Springsteen wird siebzig Jahre alt in diesem September. Datiert man den Anfang der Popgeschichte auf das Auftauchen von Elvis Presley, so ist diese etwa im gleichen Alter. Elvis’ berühmter Auftritt in der Ed Sullivan Show, der von etwa 60 Millionen Zuschauern gesehen wurde, fand im September 1956 statt. Springsteen sitzt als Sechsjähriger vor dem Fernsehgerät. Diese Korrelation von Pop- und Lebensgeschichte hat Springsteen immer als eine glückliche Fügung verstanden. Er sei »just at the right time« geboren, betont er an verschiedenen Stellen. In seiner Autobiografie Born to Run (2016) und der bei Netflix zu sehenden Show Springsteen on Broadway erzählt er, wie die Begegnung mit Elvis zum Wendepunkt eines noch jungen Lebens wird. Mit diesem Anblick, mit dieser Musik habe sich nicht nur sein kindlicher Vorstellungshorizont, sondern ganz Amerika verändert. »There was a joyous demand made, a challenge, a way out of this dead-to-life world, this small-town grave with all the people I dearly loved and feared buried in it alongside of me.«1

(Der Essay ist im Septemberheft 2019, Merkur # 844, erschienen.)

Ein solcher Moment einer plötzlichen Pop-Epiphanie wiederholt sich für Springsteen etwa sieben Jahre später, im Teenageralter, beim Anblick der Beatles. »From over the sea, the gods returned, just in time. Rough days at home. My face exploding with acne.«2 Die ersten Bilder der für damalige Verhältnisse exzeptionell langen Haare auf dem Cover von Meet the Beatles waren ein willkommener visueller Schock. Und sofort auch Anleitung für eine neue Frisur, die im Kreis der Familie als »schwul« wahrgenommen wurde. Vierzehn Jahre alt sei er gewesen, so erzählt Springsteen fünfzig Jahre später, und bis zum Auftritt der Beatles bei Ed Sullivan am 9. Februar 1964 »diseased and depressed«.3

Elvis Presley und die Beatles markieren die entscheidenden Wendepunkte im Leben eines katholisch geprägten Arbeiterkinds in einer konservativen Kleinstadt in Freehold, New Jersey. Sie bringen die Einsicht, dass eine Loslösung aus der engen eigenen Welt möglich ist. »You could call upon your own powers of imagination, and you could create a transformative self«.4Der Rest ist bekannt – Springsteens Karriere beginnt in kleinen lokalen Clubs, und seit Mitte der achtziger Jahre gehört er zu der Art Musiker, die weltweit Stadien füllen, deren neue Alben im Feuilleton rezensiert werden und dessen Stimme auch in nichtmusikalischen Kontexten Gehör findet. Alles beginnt mit jenem Versprechen, dass ein Aufbruch, ein Ausbruch aus der eigenen Familie, aus der Kleinstadt möglich sei – Born to Run hieß 1975 das Album, das Springsteens Durchbruch bedeutete und im gleichnamigen Song auch den »Runaway American Dream« mythologisierte.

Als ich als vierzehnjähriger Teenager irgendwo im ländlichen Ostwestfalen zufällig auf diesen eigentlich schon vergangenen Bruce Springsteen stieß, war es das von Elvis und den Beatles geerbte Versprechen eines »transformative self«, das mich faszinierte. Die Idee: Ich werde das hier nicht wiederholen müssen. Allerdings wollte ich auch nicht immerzu mit wehendem Kleid auf der ohnehin nicht vorhandenen front porch auf den jungen Mann und sein Auto warten. Ich wollte selber fahren können, das würde aber noch ein paar Jahre dauern. Die Intensität des Aufbruchsbegehrens teilte sich aber auch jenseits der im Song vertretenen Geschlechtercodierungen mit.

Es war aber keineswegs der zeitgenössische Springsteen, der es vermittelte, von einer Verbindung zwischen eigener Lebensgeschichte (oder auch nur -situation) und Popgeschichte konnte in meinem Fall nicht die Rede sein. Es war der längst vergangene Springsteen der frühen 1970er Jahre, der durchgeknallte, dauerverliebte und drogenbetäubte, Alliterationen und Reime ansammelnde Springsteen, dessen komplett unverständliche Texte einen vagen Vorschein gaben auf das Erwachsenwerden (Growin’ Up), auf Abenteuer des Nachtlebens (Blinded by the Light) und Optionen des Durchbrennens (Rosalita).

Obwohl sich spätestens mit dem Führerschein und damit der Erreichbarkeit der nächstgelegenen Kreisstadt neue, ganz andere Dimensionen von Pop erschlossen, hat Springsteen als gewissermaßen erste musikalische Liebe immer noch ein Plätzchen im Plattenregal und auf der Playlist. Ich bin längst nicht mehr auf dem neuesten Stand und habe seit vielen Jahren auch fast alle Neuerscheinungen kaum achselzuckend oder eher schaudernd zur Kenntnis genommen, aber es gibt doch immer wieder Augenblicke, in denen ein alter Song wieder gehört werden will. Springsteen fungiert dann weniger als Evokation unwillkürlicher Erinnerungen denn als Provokation eines viszeralen Zustands offener Möglichkeiten. Dieses physische Gefühl begleitet ihn genauso wie das unkontrolliert einsetzende Mitsingen. Offenbar ist die Intensität, die Wirkung der im Teenageralter in Wiederholungsschleifen gehörten Songs durchaus massiv und gegen alle späteren Geschmacksbildungen immun.

(…)


2 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Der Titel ist aber von den Untertones entliehen.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Wie gesagt der Titel ist von den Untertones entliehen, das ist aber eine ganz andere Musik, als die im Artikel beschriebene Musik. Warum alle Menschen bei Musik vom leben im ländlichen Ostwestfalen erzählen müssen das verstehe ich auch nicht. Jeden Freitag auf Radio I erzählt Andreas Müller irgendwann von Ostwestfalen und die Musik die man da hört, wobei er dann im Allgemeinen auf die Metropole von Ostwestfalen zu sprechen kommt, mit Namen Bielefeld. Ich habe auch schon 5 1/2 Jahre in Ostwestfalen gelebt und weis nicht warum man da Springsteen hört. Wenn man einen Musiker hört aus der Zeit, der zeitgleich anfing mit Springsteen, dann ist es Tom Waits, aber das ist eben die Musik für Menschen die Musik hören oder den Minderheiten Geschmack vertreten.

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