Der tätowierte Mensch

Die Hitzesommer der letzten zweieinhalb Jahrzehnte haben unübersehbar gemacht, dass die europäischen Durchschnittskörper sich in Zeichenträger verwandelt haben, in einen bunten halböffentlichen Skizzenblock aus menschlicher Haut. Im Sommer krabbeln all die Rosen, Augen, Reptilien und Flügel wieder heraus aus den Ausschnitten und Ärmeln, in denen sie den langen Kunstlichtwinter verbracht haben. Sie sind Post von den Besitzerinnen und Besitzer dieser Körper, sie haben etwas zu sagen. Ich bin eine ganz besonders wichtige Nachricht, flüstert jede von ihnen, bitte schau mich an. Also schaue ich.

Kreuze. Engel. Durchstochene Herzen. Blumenbekränzte Herzen. Herzen mit Stacheldraht. Sterne in allen unterschiedlichen Formen und Farben. Viele stachelige Gewächse mit Dornen, eine ganze Menge Totenköpfe. Tragen die Ängstlichen Totenköpfe, aus Abwehr? Die gezackten dunklen Bänder an den Oberarmen sind so häufig geworden, dass sie kaum mehr auffallen, ebenso die ausladenden Ornamente am unteren Ende des Rückens, die der Volksmund mit der schönen Wortfindung »Arschgeweih« bezeichnet hat. Seither sind sie nicht mehr so schick.

(Der Essay ist im Oktoberheft 2019, Merkur # 845, erschienen.)

Dasselbe ist dem auf der Schulter getragenen springenden Delfin passiert. Neue Motive und Stile der Tätowierungen kommen in Wellen, verbreiten sich sehr rasch – und bleiben dann, sozusagen mit unsichtbarer Jahreszahl. »Ein Tattoo«, verkündet der Titel einer 2003 erschienenen Geschichte des Hautstichs in Deutschland, »ist für immer.« Es ist unklar, ob das triumphierend oder resignierend gemeint ist.

Die Bilder der Anderen

An jedem Nachmittag im Freibad oder am Strand ziehen deshalb ganze Kataloge der hipness aus den letzten drei Jahrzehnten an mir vorbei. Japanische oder chinesische Drachen, Spielkartenmotive, Namen und Gesichter von Kindern und Geliebten, Schleifchen, Fantasy-Feen mit tiefem Ausschnitt. Auf weiblichen Nacken und Schultern flattern Schmetterlinge. Auf dem Oberarm der freundlichen Angestellten in meinem Rückenstudio wachsen zwischen Schlangen und Blumen Nadelbäume und ein Indianer mit Federschmuck und markanter Hakennase. Auf einen männlichen Oberkörper von Mitte vierzig schmiegt sich seitlich unter dem Arm auf die Brust hinauf ein gutaussehender schwarzer Pottwal. Die allermeisten Tätowierungen sind dabei keine Einzelbilder mehr, sondern Serien und, noch einmal gesteigert, eine Art Bilderstrumpf, der Arme, Schultern und Beine überzieht. Wie funktioniert das? Warum haben sich die unter die Haut gestochenen Embleme innerhalb vergleichsweise kurzer Zeit – einer Generation – so stark vermehrt?

Laß dich tätowieren hieß die Single, die Georg Danzer 1974 herausbrachte. Darauf singt ein sehr knabenhafter Wiener Liedermacher mit schön geföhntem langem Haar vom wilden Leben und vom Abzeichen, an dem man es erkennen konnte. Zeichen auf der Haut hieß die dazugehörige kulturwissenschaftliche Studie von Stephan Oettermann, fünf Jahre später im linksalternativen Syndikat-Verlag erschienen. Tattoos waren Gegenkultur und Untergrund, gefährlich-verruchte Abzeichen der ganz Anderen, und Oettermann breitete mit großer Eindringlichkeit die Geschichten von den tätowierten Eingeborenen aus der Südsee aus, die man Ende des 18. Jahrhunderts als Sensationen nach Europa brachte – und mit ihnen das neue Wort »tatau«. Er schilderte die Verbreitung des Hautstichs im Europa des 19. Jahrhunderts und die wilden Fantasien, in denen Cesare Lombroso in seinen Studien tätowierte Delinquenten als Abkömmlinge primitiver verbrecherischer Rassen porträtierte; tätowierte Schausteller wurden eingehenden wissenschaftlichen Untersuchungen durch berühmte Medizinprofessoren und die Berliner Anthropologische Gesellschaft unterzogen.

Oettermanns Buch endet mit den Tätowierungen in den Konzentrationslagern der Nazis, den Lagerhäftlingen in der UDSSR und der düsteren Beschwörung drohender totaler Erfassung aller Andersartigkeit im Namen der Terrorismusbekämpfung durch Fingerabdrücke in westdeutschen Polizeicomputern. Chiffre für diese düstere Vision wurde 1987 der neue maschinenlesbare Personalausweis der Bundesrepublik, ausgestellt auf eine fiktive »Erika Mustermann«. Dreißig Jahre später ist man in jedem Schwimmbad und in jeder Sauna umgeben von den vermeintlichen Zeichen der Anderen, der Wilden und der Rebellion. Sie haben Formen und Ausmaße angenommen, die sich weder Georg Danzer noch die radikalsten Kulturtheoretiker der 1970er Jahre vorgestellt haben. Die Mustermänner, im ganz wörtlichen Sinn, sind überall. Das ist lustig, aber eigentlich ziemlich erklärungsbedürftig.

Verwandlung durch Zeichen

Geschichte hilft hier nicht so richtig weiter. Als Adolf Loos in Ornament und Verbrechen 1908 gegen die primitive Lust am Dekorieren polemisierte (»der moderne mensch, der sich tätowiert, ist ein verbrecher oder ein degenerierter«), waren nicht nur Gefängnisinsassen, Matrosen und Unterhaltungskünstler tätowiert, sondern auch die Mehrzahl des britischen Königshauses, und die k.u.k. Kronprinzen Rudolf und Franz Ferdinand ebenfalls. Erhard Schüttpelz hat 2006 in einem lesenswerten Aufsatz gezeigt, dass die Geschichte der Tätowierung seit dem 18. Jahrhundert eben nicht nur die ihrer Stigmatisierung ist. 1 Die noble Londoner Modezeitschrift The Tatler and Bystander publizierte 1903 unter der Überschrift »The Gentle Art of Tattooing« Bilder von Tigern, Drachen und Fischen auf Unterarmen, die in heutigen Tattoo-Studios nicht auffallen würden. Die Tätowierungsästhetik der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, notiert Schüttpelz nüchtern, war im Wesentlichen ein Mittelschichtphänomen, das pikareske ältere Erzählmotive zur eigenen Selbstdarstellung umdeutete. Die Universität Kopenhagen hat 2005 sogar einen Wettbewerb für ein geeignetes akademisches Logo ausgeschrieben, das sich begeisterte Nachwuchswissenschaftler tätowieren lassen können. Also nicht Revolte, sondern Zugehörigkeit?

Früher dachte ich, die Sache mit den Tattoos sei ganz einfach. Der eigene Leib soll durch zusätzliche Körperteile vervollständigt werden, und die erscheinen dann als Blume oder Flügel, Stachel, Panzer oder Halsband, je nach Gusto und libidinöser Verfassung. Das, von dem man empfindet, dass es einem selbst fehle, werde in Farbe und zweidimensional hinzugefügt – dafür ist das Bildermachen in der Jungsteinzeit schließlich erfunden worden. Dann schaute ich genauer hin und war mir nicht mehr so sicher. Es geht nicht um Mangel. Die Logos jener kostspieligen Luxusmarken, die viele Leute gerne als Chiffre für Erfolg und Wohlstand auf ihren Kleidern, Handtaschen und Sonnenbrillen tragen, erscheinen praktisch nie auf ihrer Haut. Den eigenen Körper als Schreibmaterial zu gebrauchen soll Antikäuflichkeit, Trotz, Selbstbestimmung signalisieren – oder soll man »Werte« sagen?

In den sommerlichen Parks, Bädern und Fußgängerzonen wandern außerdem nicht nur Bilder an mir vorbei, sondern ziemlich viele Schriftzeichen. Exotische auf Chinesisch und Arabisch; aber auch englische, lateinische und deutsche Texte – Namen, Zaubersprüche, Beschwörungsformeln. Vielfarbige Anagramme, geflügelte Pferde, der Kopf eines Pumas, der am Hals in einer Art Nest aus Flügeln und Blüten endet. Und sehr viele Gesichter, fast immer weiblich, egal ob sie auf Frauen- oder Männerkörpern ihren Wohnsitz genommen haben. Die Tätowierungen waren offenbar der Ausdruck eines Wunschs, etwas vorher unsichtbares Inneres – ein Bild aus der eigenen Vorstellung – auf der Haut erscheinen zu lassen; sich also in den Bildschirm oder die Leinwand der eigenen Fantasien zu verwandeln.

Dann sah ich einen Italiener am Strand einer griechischen Insel, vielleicht neunzehn, er war mit seinen kultivierten Eltern und deren Freunden unterwegs. Auf dem Ansatz seines linken Oberschenkels hatte er ein großes Auge mit dicken Wimpern tätowiert, 15 Zentimeter lang: Er schob seine Badehose hinauf und rieb es sorgfältig mit Sonnencreme ein. Über seinen Knien war, in verschnörkelten Zierbuchstaben, links »Kinda« zu lesen, rechts »Giant«. Tattoos, dachte ich, wollen demonstrative Rätsel sein. Schau, das ist mein Allerwichtigstes, und du kannst es ohne meine Hilfe nicht entziffern.

Wilde Kombinatorik

Roger Willemsen hat das in seinen 2012 veröffentlichten Notizen halb anzüglich, halb ratlos beschrieben. Bei ihm findet die Interpretation nicht am Strand statt, sondern im Bett: »In ihrer rechten Leiste sitzen drei tätowierte Schriftzeichen. Die bedeuten was? ›Friede‹, sagt sie. Heißt das, jeder, der sich ihrer Scham nähert, soll seinen Frieden finden? Ausgerechnet! Soll vorher seinen Frieden machen? Auch in der linken Leiste wimmelt es von Zeichen. Es ist wie französische Gartenarchitektur: Alle Statuen gestikulieren durcheinander. Alle wollen, alle bedeuten etwas und machen zu viel. Es ist die Übersetzung der Soap Opera in Körpermalerei. Und was soll ich nun in ihrer Leiste entziffern? Beherzigen sogar? Wer so weit gekommen ist, dass er dies lesen kann, der sollte es besser nicht mehr verstehen wollen.« 2

Mit einem einzelnen Zeichen würde der Autor als souveräner Zeichenleser leicht zurechtkommen, so die Botschaft. Aber mit sechs, acht, einem Dutzend, jedes anders? Es ist nicht nur die Popularisierung und Allgegenwart solcher hochpersönlicher intimer Zeichen, die dem gelehrten Verführer hier so sehr zu schaffen macht, sondern ihre Häufung, wilde Kombinatorik, ihr anscheinend regelloses Wuchern – das Auftreten der Zeichen als Salat.

Kann man das erklären? Die Vielfalt der Tätowierungen, hat Hans-Christian Dany vorgeschlagen, sei als Gegenbewegung zu den immer rascher wechselnden Codes der Mode zu lesen – als Bezeichnungen, die hartnäckig am Körper blieben, vermittelten sie ihren Trägern wenigstens das Gefühl, Entscheidungen zu fällen. 3 Tattoos, hat Diedrich Diederichsen in seinen Adorno-Vorlesungen von 2016 erklärt, passenderweise unter dem Titel Körpertreffer publiziert, seien zum Mainstream geworden, weil sie als Kompensation funktionierten. Wie andere »Lebensformen und Interpretationen von Drastik«, erklärt er, sollten sie erlebte Verluste wieder gut machen. »In der Folge können sie als kulturelle und mediensprachliche Topoi nur dann überleben, wenn sie immerfort gesteigert werden, gleichsam vor ihrer Entwertung weglaufen.« 4

Also doch der Mangel, nur diesmal als Serie und Selbstvervielfältigung? Pop-Bedeutungen, hat Diederichsen vor zwanzig Jahren ein bisschen apodiktisch formuliert, ließen sich nicht mit klassischen hermeneutischen Verfahren erschließen, sondern nur durch die Zugehörigkeit zur jeweils relevanten Gemeinschaft; oder durch deren Interpretation. Gemeint war jenes unübersehbare Dazugehören zu einer kämpferischen Jugendkultur, die Diederichsen nachträglich »Pop I« taufte – als nämlich dann »Pop II« die Herrschaft übernommen hatte, »die ideologische Einverstandenheit aller«, mit der sich jede abweichende ästhetische Position problemlos in den öffentlichen Mainstream eingemeinden und kommerziell nutzen ließ. 5 Mittlerweile seien wir bei »Pop III« angekommen, weiß das entsprechende universitäre Handbuch, im Herbst 2018 erschienen. Stichworte: »Akademisierung, Musealisierung, Selbsthistorisierung«. 6

Die Gefühle von früher

Zur Selbsthistorisierung sind Tätowierungen tatsächlich sehr gut geeignet: einfach deswegen, weil sie sehr lange halten. Im Kleinkinderbecken jedes Hallenbads kann man die dazugehörigen Elternpaare studieren, in Badekostümen und deswegen häufig ziemlich offenherzig. Tätowierungen wären dann also ein hochpersönliches synkretistisches Sexualmuseum: »So wild war ich drauf«, wäre dann die Botschaft, »früher«.

Das ist die Lösung, dachte ich: Spuren der Vergangenheit, Zeugenschaft – für Historiker ohnehin eine naheliegende Idee, in diesem Fall eben im fleischlichen Bereich. So könnte man auch die große Attraktivität der mitteilsamen bunten Körperzeichen für Teenager und Zwanzigjährige erklären: der Wunsch, sich doch bitte ohne Umstände einen älteren, erfahreneren und gelebteren Körper zuzulegen. Tätowierungen wären auch die Antwort darauf, dass eine sexuelle Begegnung, so genussvoll und intensiv sie gewesen sein mag, im Normalfall keine dauernden Spuren auf einem hinterlässt, wenn man davon nicht schwanger geworden ist. Die Liebesakte, Leiden und Erfüllungen können noch so einschneidend gewesen sein, aber auf dem eigenen Körper sind sie unsichtbar. Dem kann das Tattoo abhelfen.

Steht jedes Tattoo also für ein Gefühl? Gefühle hinterlassen meist keine Spuren, außer in Form von Erinnerungen, und die sind selbst zu größeren Teilen gefühlsgesteuert, also nicht vollständig der eigenen Kontrolle unterworfen und unzuverlässig. Gefühle führen vor, welche großen Teile ihres Innenlebens Menschen weder meistern noch festhalten können. Tattoos wären dann halböffentliche Chiffren für eine solche persönliche Empfindung; ein Gefühl, das in den eigenen Körper eingeschrieben worden ist. Aber das Zeichen ist haltbarer als die Empfindung selber, wie die Tattoos selbst ja auch häufig dokumentieren, und das macht das leicht Verzweifelte solcher Versuche aus. Die Empfindungen, um die es dabei geht, sind so individuell und einzigartig wie möglich. Der Satz der Zeichen, die zu ihrem Ausdruck verwendet werden, ist aber begrenzt: Herzen, Rosen, Schmetterlinge und so weiter. Deswegen taugen die Tätowierungen als hochpersönliche Gefühlszeichen zum Management von Zugehörigkeiten, imaginierte inbegriffen. Das Ergebnis ist allerdings ein bisschen paradox. Jeder hat sein einzigartiges eigenes Gefühl, verleiht ihm aber mit den gleichen oder mit zum Verwechseln ähnlichen Zeichen Ausdruck wie derjenige, der im Freibad neben ihm liegt.

Tattoos sind aber nicht nur Sichtbar- und Haltbarmachen von Empfindungen. Sie sollen den Blick der Anderen, den man auf sich fühlt, auf ganz bestimmte, von einem selbst ausgewählte und betextete Stellen lenken. Ich kann nicht beeinflussen oder kontrollieren, was die von mir denken, aber ich trage für ihre Blicke ein starkes Signal an mir: Dieses Zeichen auf meiner Haut, das bin ich für euch. Deswegen sind die trotzigen Tattoos so häufig, und das erklärt auch, warum auf ihnen so selten neue und überraschende Signale erscheinen. Denn es sind ja die Anderen, für deren Augen diese Zeichen bestimmt sind; die sollen sie doch auch einordnen können, bitteschön.

2015 war zuerst im Gewerbemuseum in Winterthur, dann in Hamburg im Museum für Kunst und Gewerbe die große Ausstellung »Tattoo« zu sehen. Sie widmete sich explizit der Allgegenwärtigkeit der Körperzeichen: Im Eingangsbereich hingen überlebensgroße Fotos schöner, nackter Tätowierter. Im nächsten Raum die bohrende Frage der brasilianischen Eingeborenen an ihre Missionare aus Claude Lévi-Strauss’ Traurigen Tropen: Wieso tragt ihr keine Zeichen auf euren Körpern? Was einen Menschen vom Tier unterscheide, sei seine bemalte Haut. Und wieder ein paar Schritte weiter war das bunt tätowierte Schwein des belgischen Künstlers Tim Delvoye zu sehen – ausgestopft. Eine Woche vor der Eröffnung, hat mir die Ausstellungsmacherin Susanna Kumschick erzählt, habe sie in einem Zürcher Supermarkt ein älteres Ehepaar gesehen. Es war unklar, ob die Lévi-Strauss gelesen hatten, aber sie trugen fotorealistische farbige Tätowierungen ihrer Lieblingsmeerschweinchen auf Unterarmen und Oberschenkeln.

Wer anfängt, über Tätowierungen nachzudenken, verfängt sich schnell in ganz großen Kategorien: »Der Mensch«, »Das Bild«, »Die Natur«, »Die Gewalt«. In Susanna Kumschicks Tattoo-Ausstellung erklärt der Auschwitz-Überlebende Josef Tarnawa in einem Video des polnischen Künstlers Artur Żmijewski von 2004, dass ihm im Lager ein Freund die Nummer auf dem Arm vorgezeichnet habe und dann sei auf diese Zeichnung tätowiert worden. Er zeigt sie vor. »Deswegen ist sie so schön, diese Nummer.« Nur verblasst sei sie; dann wird sie mit einem modernen Tätowiergerät behutsam nachgezogen, wie das Video festhält.

Ist jedes unwiderruflich unter die Haut gestochene Zeichen Gewalt? Am anderen Ende des Spektrums zwischen Fremdzwang und Selbstbestimmung stehen sakrale Tätowierungen – in Thailand etwa als »yak sant« sehr verbreitet. Sie beschützen ihre Träger vor Unglück und Verbrechen und helfen ihnen, ein gutes Leben zu führen. Allerdings müssen die vom Tätowierer auferlegten Regeln eingehalten werden, sonst verlören die Zeichen ihre Wirkung. Tattoos als Gebote gibt es auch in Kontexten, die uns sehr viel näher liegen. Nachdem er ein Jahr lang nichts mehr getrunken hatte, schreibt Daniel Schreiber in seinem Buch über den Umgang mit Alkohol, habe er sich das Wort »Grace« auf sein rechtes Handgelenk tätowieren lassen. »Grace heißt so viel wie Gnade, Anmut und Güte.« Und: »Ich mag es, daran erinnert zu werden, dass es viel gibt, wofür ich dankbar sein kann.« 7

Christliche Wahrheitszeichen

Schutz also – Schutz vor dem Zerfallen der eigenen Selbstprogrammierung. Weil unsere Gefühle sich verändern und wir unsere Versprechen vergessen, wollen wir sie auf unsere eigenen Körper fixieren – figere: Heißt das nicht auch durchbohren?

Den christlichen Bezügen des Tätowierens hat Paul-Henri Campbell sein 2019 erschienenes Buch Tattoo und Religion gewidmet. 8 Damit meint er nicht nur die Bildmotive der Madonna, des Gekreuzigten und der blutenden Herzen. Jüdische und islamische Rechtstexte verbieten die Praxis des Hautstichs explizit. Dagegen ist die christliche Überlieferung voll von positiven Beispielen, von tätowierten christlichen Bischöfen der Spätantike bis zu Mystikern des 14. und 15. Jahrhunderts wie Christina von Stommeln und Heinrich Seuse. Christliche Jerusalem-Pilger ließen sich ab dem 17. Jahrhundert Bilder der besuchten heiligen Stätten auf ihre Unterarme tätowieren; in Goethes Wilhelm Meisters Lehrjahre, erinnert Campbell, trägt die katholische Mignon auf ihrer blassen wächsernen Haut ein Tattoo des Gekreuzigten. Je länger man sich in Campbells Buch vertieft, desto weniger exotisch, wild und fremd beginnen die Bilder in den Freibädern zu erscheinen; der Autor nennt sie augenzwinkernd im Untertitel »die bunten Kathedralen des Selbst«. Die christliche Tätowiererfamilie Razzouk in Jerusalem führt ihren Betrieb nach eigenen Angaben seit fast zweihundert Jahren und kann sich über Mangel an Kunden nicht beklagen. Frauen, erzählt der Firmenchef im Interview, tendierten zu Marienmotiven, jüngere Männer zu stilisierten Darstellungen des Leiden Christi.

Den größten Teil des Buchs nehmen die Interviews ein, in denen erfolgreiche Tätowierer Auskunft über sich und ihre Kunden geben. Ganz ohne Verkaufsprosa geht das offenbar nicht. »Man schenkt jemandem etwas, das diese Person für immer hat«, sagt Wassim Razzouk, »eine besondere Markierung der Seele. Eine Tätowierung ist dann ein physisches Zeichen für diese Veränderung.« Der Tattoo-Künstler Alex Binnie greift gleich zum Wort »Sakrament« – »wegen der Elemente der Transformation, der Hingabe, des Opfers, oder der Ergreifung des Selbst«. Man lasse sich tätowieren, um »den eigenen Körper und sich selbst zurückzugewinnen. »Ich werde immer mehr so, wie ich mich fühle. Je stärker ich tätowiert worden bin, desto mehr hatte ich das Gefühl, mein wahres Ich kommt zum Ausdruck.« Reden über Tätowieren heißt offensichtlich inniges Wahrsprechen. »Du darfst nicht zögern oder zweifeln. Das ist ja ein bisschen wie Chirurgie.« Der Tattoo-Designer Chaim Machlev vergleicht sein erstes Tattoo mit einer intensiven spirituellen Erfahrung. »Ich hatte das Gefühl, eine Kraft fährt in mich, führt mich an den richtigen Ort.« Und: »Ich umfing es mit beiden Armen und ging dem Licht nach.« Für Mercedes-Benz arbeite er auch, erklärt er.

Campbells Buch wird dort besonders irritierend und lesenswert, wo es um die Veränderungen der Tätowierpraxis in den letzten dreißig Jahren geht. Das »Allein-gegen-alle-Gefühl« von früher, sagt der französische Tattoo-Künstler Mikaël de Poissy, sei gegen Ende der 1990er Jahre verschwunden. In 99 Prozent der Fälle hätten die Menschen ohnehin einen anderen Körper als den, für den sie ein Bild wollen, ergänzt Machlev. Tätowierungen seien Idealisierungen des Selbst: »Die haben eine Vorstellung in ihrem Kopf, aber es ist gar nicht ihr Körper.« Es ist ziemlich viel von Verlust die Rede in den Interviews. Tätowieren sei längst Teil der ökonomischen Logik des Kunstmarkts, bemerkt Alex Binnie. »Eine gewisse Magie«, sagt ein anderer Tattoo-Artist, »die jetzt weg ist.« Seit Mitte der Nullerjahre widmen sich immer mehr Fernsehsendungen und Doku-Soaps den Tätowierungen. Das Outsider-Image wurde so lange immer neuen Variationen unterworfen, bis es sich endgültig in Mainstream für trotzige große Kinder verwandelt hat.

»Mommy I’m sorry«, heißt dementsprechend das teure Studio in Stuttgart, dessen Inhaber das melancholische Wort gebraucht, das immer dann fällt, wenn etwas als Bedeutungsträger endgültig aufgebraucht ist: »Lifestyleprodukt«. Er habe mittlerweile das Gefühl, dass die Leute an tätowierten Menschen genauso desinteressiert vorbeigingen wie an einer unspektakulären Bäckerei. Dann gibt es aber doch noch etwas schwäbische Emphase. »Ich trage etwas auf meinem Körper, das mich daran erinnert, an mir zu arbeiten.« Und: »Letztens haben wir zwei Jungs das Logo ihres Start-ups tätowiert.«

Wie bei jedem guten Buch hat man hinterher mehr offene Fragen als vorher. Wie passt das zusammen, dass in der Zeit von Facebook, Instagram und Snapchat, in der flüchtige Bilder zur Norm geworden sind, dauerhafte Bilder eine solche Anziehungskraft entfalten, als pathetische Unwiderruflichkeit? Tattoos, schreibt Campbell, seien die Chance für »entschiedene Unbedingtheit, ungenierte Offenkundigkeit und unvertretbare Individualität«, für ein selbstgemachtes »Ich bin«. »Im Prinzip ist Autonomie der Sinn und Zweck von Tätowierungen.«

Aber welche Art von Autonomie ist hier gemeint? Die Sehnsucht nach einer individuellen Positionierung durch Tätowierungen, nach dem Ausdruck einer eigenen Lebensgeschichte durch den Blickfänger lässt sich offenbar am besten mit bereits vorhandenen Motiven stillen – etwa damit, sich Ausschnitte aus Albrecht Dürers Grüne Passion auf Arme und Beine tätowieren zu lassen. Oder man macht es wie jener Geistliche, der sich zum fünfundzwanzigsten Jahrestag seiner Priesterweihe Berninis wiederkehrenden Christus auf den Rücken stechen lässt. Die heutige Tattoo-Ästhetik sei »ungeniert pathetisch und superlativistisch«, schreibt Campbell, und das mache sie zum Protest gegen jenes protestantische Unbehagen, dass Tattoos eben doch ungesund seien. »War denn je eine religiöse Berufung gesund und vernünftig?«

Die Geschichten, die von ihren Trägern zu all diesen Bildern erzählt würden, bemerkt Campbell aber auch, veränderten sich – und mit ihnen auch deren Bedeutungen. Das Bild vom Segelschiff auf den Körpern habe das Verschwinden der realen Segelschiffe schließlich auch problemlos überstanden. Die vielen missglückten, irrtümlichen und später bereuten Tattoos, die in meinem Bekanntenkreis reichlich vorhanden sind, kommen in seinem Buch allerdings nur an einer Stelle vor, ganz kurz, wenn einer der interviewten Meister ein älteres missglücktes in ein neues starkes Ich-Zeichen verwandelt. Ist aber dann wirklich Katholizismus drin, wenn katholische Zeichen draufgestochen werden? Wenn elf- oder dreizehnjährige in jedem fünften Satz »oh mein Gott« sagen, hat das ja auch nichts mit ihrem Religionsunterricht zu tun, sondern mit amerikanischen Fernsehserien.

Selbstauskunft im Futur II

Um Tattoos zu verstehen, braucht man neben vergleichender Religionsgeschichte deswegen wohl auch ziemlich viel Fußgängerzone. Alles muss raus, Spontan-Tattoos sofort, Sale 70 Prozent reduziert, ganzjährig warm auf den Kanaren, 100 Millionen gepiercte Ohren. Das steht da alles wirklich, ganz ernst gemeint, oder doch zumindest so ernst, wie Werbeslogans sein können: eine Bitte-pflück-mich-Beschwörung. Jede Werbebotschaft muss so tun, als ob sie kein Gegenteil hätte und als ob die Gleichgültigkeit und das Schulterzucken, die sie umgeben, nicht existierten. Das Ignorieren ignorien, das ist Werbung, deswegen das leicht Verzweifelte, Vorwurfsvolle und Hysterische. Könnte es sein, dass Tattoos einfach Werbung für die eigene Einzigartigkeit sind?

Ein Bild im öffentlichen Raum ist nicht Privatsache der Betrachter, eher ein Kanal für die Herstellung und Übertragung von Wünschen. Persönliche Geheimnisse müssen so demonstrativ wie möglich sein, um zu funktionieren. Der eigene Körper allein reicht dafür nicht. So einen hat schließlich jeder. Erst der dramatische Auftritt der Zeichen versichert, dass dein Körper Beweis und Unterpfand für die Echtheit deiner Gefühle sei.

Vor jeder Bedeutung zeigen die bunten Signale auf der Haut wohl erst einmal die Befriedigung darüber vor, den eigenen Körper so beschreiben zu können, weil man ihn hat. Deswegen auch die Nähe zum Schmuck: Im Zweifelsfall sind Tattoos an jenen Stellen zu finden, an denen sich sonst Ringe, Armbänder und halbdurchsichtige textile Accessoires befinden. Auch die harten Jungs können so ihre Lust an Rüschchen ausleben.

Die Empfindung, deren Authentizität damit vorgezeigt wird, muss dabei nicht unbedingt deine eigene sein, solange du sie mit deinem Körper unterlegst. Alles, auch das Banalste, wird groß, schwer und bedeutungsvoll, wenn es unauslöschlich unter die Haut geschrieben wird. Tätowieren verändert die eigene Vergangenheit dadurch, dass sie nachträglich zeichenhaft gemacht und in ein etwas unheimliches Futur II überführt wird: Wie ich gewesen sein werde.

Die Tätowierten, geht mir im Freibad der friedlichen Schweizer Kleinstadt auf, sind so gesehen Gefangene – gezeichnete Gefangene ihres eigenen Bedürfnisses nach Selbstdarstellung und Niemals-Vergessen, lebenslang. »Glück« hatte eine junge Frau mit Hornbrille und markantem asymmetrischem Haarschnitt in blaugrünen Buchstaben auf ihren Nacken tätowieren lassen. Die Aufforderung »be unique« habe ich auch schon gesehen, zweimal.

So gesehen wäre die Pointe von Christopher Nolans Film Memento (2000) recht nahe an der populären Praxis. Ein Mann sucht den Mörder seiner Frau. Weil er selbst aber an retrograder Amnesie leidet (sein Gedächtnis speichert nur die letzten drei Minuten), hat er alle Indizien und Hinweise auf den Täter auf seinen Körper tätowieren lassen. Er weiß dadurch leider auch nicht, dass er den Mörder längst gefunden hat, denn das hat er nachzutragen vergessen. Weil er seinen Körper als Registrierungsapparat benutzt, schickt er sich selbst auf eine endlose, unabschließbare Suche nach Vergeltung, eingesperrt in jenem Aufschreibesystem aus der Vergangenheit, das er selbst angelegt hat.

Dann sah ich den Mann neben mir, im Umkleideraum des Rückentrainings. Er hatte ein Smartphone auf seine rechte Schulter tätowiert, schwarz mit blaugrünem Schatten. Und eine Woche später sah ich im Strandbad am Vierwaldstättersee diesen muskulösen Männerrücken: darauf der sterbende Luzerner Löwe, das Denkmal für den heroischen Opfergang der Schweizergarde beim Sturm auf die Tuilerien 1792. Im Original misst es zehn mal sechs Meter; als Tattoo war es schulterbreit. Auf dem Nacken darüber – es war viel Platz dort – konnte man auch die lateinische Inschrift des Denkmals von 1821 nachlesen, in kapitaler Antiqua, wie auf dem Original: »Der Treue und Tapferkeit der Schweizer«.

Sind das auch die Zeichen der Wilden, der Anderen oder der christlichen Tradition? Werbung für das Selbst? Lust am Bild? Bloße Laune? Oder der unwiderstehliche Charme der Unwiderruflichkeit in Reinform? Willkommen im Zeichensalat. Am unverstelltesten und unmittelbarsten geben die Tätowierungen Auskunft vermutlich nicht über die Überzeugungen oder Obsessionen derjenigen, die sie auf sich anbringen lassen. Sondern über die Wünsche derer, die sie interpretieren.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Erhard Schüttpelz, Unter die Haut der Globalisierung. Die Veränderung der Körpertechnik »Tätowieren« seit 1769. In: Tobias Nanz /Bernhard Siegert (Hrsg.), ex machina. Beiträge zur Geschichte der Kulturtechniken. Weimar: Verlag für Geisteswissenschaften 2006.
  2. Roger Willemsen, Momentum. Frankfurt: Fischer 2012.
  3. Hans-Christian Dany, MA-1. Mode und Uniform. Hamburg: Edition Nautilus 2018.
  4. Diedrich Diederichsen, Körpertreffer. Zur Ästhetik der nachpopulären Künste. Berlin: Suhrkamp 2017.
  5. Diedrich Diederichsen, Der lange Weg nach Mitte. Der Sound und die Stadt. Köln: Kiepenheuer & Witsch 1999.
  6. Niels Penke /Matthias Schaffrick, Populäre Kulturen zu Einführung. Hamburg: Junius 2018.
  7. Daniel Schreiber, Nüchtern. Über das Trinken und das Glück. Hanser Berlin 2014.
  8. Paul-Henri Campbell, Tattoo & Religion. Die bunten Kathedralen des Selbst. Berlin: Wunderhorn 2019.

1 Kommentare

  1. Sylvia Dr. Neuhäuser-Metternich sagt:

    Sehr viele gute Anregungen; ich bin dankbar, dass wir noch ein Poesiealbum hatten!
    Danke snm

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