… und auch nicht mehr die plastikverschnürte Wurst

Lieber Polli,

ich werde mich jetzt nicht aus dem Fenster stürzen. In Wahrheit ist es ja so: Wir haben uns längst aus dem Fenster gestürzt; jetzt sehen wir plötzlich, wo wir aufschlagen werden. Verzweiflung ist natürlich keine Lösung. Aber vielleicht werden Lösungen auch überschätzt.

Du, Polli, bist der Eisbär, der mit Kindern auf eine spielerische Reise in die Arktis gehen will, damit sie das globale Problem des Plastikmülls verstehen und den richtigen Umgang damit lernen. Du siehst sehr lieb aus auf dem Flugblatt, das ich bei uns im Hausflur gefunden habe und das kleine Kinder zeigt, die begeistert die Hand heben, weil sie offenbar gerade eine Frage zum Umgang mit Plastikmüll richtig beantwortet haben.

(Der Essay ist im Oktoberheft 2019, Merkur # 845, erschienen.)

Dein Auftraggeber ist der Bioseifenhersteller, der seine Bioseifenboutique bei uns im Haus hat, unsere Pakete annimmt, sehr, sehr lieb ist und gegen den wir nie etwas sagen würden. Er verkauft seine Bioseifen in Plastikflaschen, genau wie die Drogeriemarktkette, die Kindern auch spielerisch Lösungsansätze zum Umgang mit Plastik aufzeigen möchte, die außerdem ihre Angestellten gut behandelt und in deren Filialen wir gerne einkaufen.

Die beiden lieben Firmen könnten natürlich auch ein Interesse daran haben, Plastikmüll als ein Problem darzustellen, mit dem wir Kinder einfach besser umgehen lernen müssen, und nicht als eines, das man über eine völlig andere Art lösen müsste, Produkte abzufüllen und zu verpacken, weil das die ganze Produktions- und Vertriebskette durcheinanderwirbeln würde und sehr, sehr teuer wäre. So wie richtige Veränderung immer sehr, sehr teuer wäre, weshalb man um den Gedanken richtiger Veränderung nur auf Zehenspitzen herumschleichen darf. Wer es schafft und mit Polli in der Arktis ankommt, gewinnt. Ein niedliches Vögelchen auf Deinem Flugblatt, lieber Polli, ruft: »Alle Kinder bekommen eine Urkunde und ein Geschenk!«

Unsere Hausverwaltung, lieber Polli, tut nichts. Auch daran könnte man verzweifeln. Ich weiß nicht, wie das bei Dir mit der Arktisverwaltung läuft, aber bei uns ist es so: Wenn es ein Problem gibt, das man der Hausverwaltung meldet, verwaltet sie dieses Problem, aber sie löst es nicht. Problemlösung ist gar nicht ihre Aufgabe. In der Zeit, in der man das Problem zehn Mal hätte beseitigen können, erklärt sie einem umständlich, warum sie nicht zuständig ist, warum das Problem eigentlich gar nicht existiert, warum man ein Querulant ist, wenn man trotzdem auf einer Lösung beharrt, warum man gerade sowieso niemanden findet, der es lösen könnte, oder sie schweigt einfach und tut überhaupt nichts. Ein Problem, das man der Hausverwaltung meldet, existiert länger als eines, das man nicht meldet. Die Wunde wird offengehalten. Die einzige wahre Mitteilung der Hausverwaltung lautet, dass man alle Hoffnung fahren lassen muss und sie nicht beim Verwalten stören darf. Vielleicht hat sie Recht, vielleicht werden Lösungen überschätzt.

Wenn ich nachts wach liege und an die Hausverwaltung denke, an die übermenschlichen Kräfte, die wir brauchen, um sie zum Handeln zu bringen, wenn bei uns das Wasser von der Decke tropft, denke ich trotzdem manchmal auch an die Politiker/innen1, die vielleicht von Herzen eine Katastrophe abwenden möchten, die Lösungen suchen, aber nichts anderes tun können, als einer verwaltungserprobten Verwaltung Vorschriften zu machen, die von dieser dann verwaltet werden. Es gibt aber bestimmt Workshops, in denen ein Eisbär diesen Politiker/innen beibringt, wie sie mit ihrer Machtlosigkeit besser umgehen können.

(…)

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Der Autor hätte gerne Gendersternchen im Text gehabt.

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