„etwas vorlautes widriges“ – Das Judenbild der Brüder Grimm

Heinz Rölleke, der hochverdiente Nestor der Märchenforschung, schrieb 2007 in einem Aufsatz, man sage den Brüdern Grimm »zuweilen unbesehen, einigermaßen töricht und ganz zu Unrecht« Antisemitismus nach. 1 Das ist erstaunlich, wenn man bedenkt, dass Rölleke selbst Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch von 1833 herausgegeben hat, in dem es heißt: »Ich bemerke nur daß die Juden immer mehr überhand nehmen, ganze Tische u. Plätze sind damit angefüllt, da sitzen sie mit der ihnen eigenen Unverschämtheit, fressen Eis u. legen es auf ihre dicken u. wulstigen Lippen, daß einem alle Lust nach Eis vergeht. Getaufte Juden sind auch zu sehen, aber erst in der 5ten oder 6ten Generation wird der Knoblauch zu Fleisch.« 2 Auch von Jacob Grimm sind Stellungnahmen überliefert, die im Widerspruch zu Röllekes Worten stehen. »Alle Judenwörter, wenn wir sie in unserm christlichen Sprachhaushalt brauchen wollen, klingen unedel und schmutzig; sie rühren aus dem gemeinen Umgang mit dem schachernden, wuchernden, trödelnden, fleischschächenden Volke her«, erklärte Jacob Grimm 1815 in einem Sendschreiben an Herrn Hofrath –r. in dem Periodikum Friedensblätter.

(Der Essay ist im Oktoberheft 2019, Merkur # 846, erschienen.)

In der umfangreichen Forschungsliteratur über das Leben und die Werke der Brüder Grimm sucht man jedoch vergeblich nach einer Studie über ihr Judenbild. Möchte man sich darüber Aufschluss verschaffen, ist man hauptsächlich auf die Lektüre der edierten Briefe und anderer Selbstzeugnisse angewiesen. Ende 1809 schrieb Wilhelm Grimm an die Sopranistin Louise Reichardt über die Juden: »Diesem fatalen Volk kann man gar nicht ausweichen, und es will ordentlich für gleich geachtet sein, sie würden sich längst alle in Berlin haben taufen lassen, wenn sie nicht hofften, es solle in Zukunft wohlfeiler geschehn; wer dann ein braver Christ ist, muß ein Jude werden, um nicht unter sie zu gerathen.« In einer Fußnote seiner Brüder-Grimm-Biografie hat Steffen Martus 2009 festgestellt: »Bemerkungen wie diese fallen selten, aber über die Jahre hinweg doch immer wieder.« 3 Näher ist er auf dieses Thema nicht eingegangen, obwohl es einer genauen Betrachtung wert gewesen wäre.

Am Anfang ihrer Laufbahn als Philologen standen die Brüder Grimm im frühen 19. Jahrhundert vor der Aufgabe, sich in der gelehrten Welt einen Namen zu machen, ein Netzwerk gleichgesinnter Korrespondenten aufzubauen und gegen Widersacher vorzugehen, bei denen es sich in einigen markanten Fällen um Juden handelte. Von der Auseinandersetzung mit ihnen wurde Wilhelm Grimm bis in den Schlaf verfolgt. Davon kündet ein Traum, den er am 18. Juni 1810 notierte: Er habe sich mit Jacob in einem Zimmer aufgehalten, und plötzlich sei ein reich gekleideter Jude hereingekommen. »Ich sagte, wir müßten den verfluchten Juden ärgern, und wir wüßten, daß er eine Sklavin hatte, die wollten wir ihm nehmen.« Sie hätten ihn dann zum Tanzen gezwungen, und er »konnte nichts dagegen tun und ärgerte sich schwer«. 4

In ihren Briefen holten die Brüder nicht zu langen Tiraden aus, aber sie flochten giftige Nebenbemerkungen über die Juden ein. An den Rechtshistoriker Paul Wigand schrieb Wilhelm Grimm im Mai 1811, dass er einmal täglich spazierengehe, »wo ich mich erstlich noch viel einsamer fühle als in der Stube, und wo ich zweitens immer viel Juden sehe, welches auch eine Arbeit ist«. Im September desselben Jahres teilte er Wigand mit, er habe ein »altes Huhn« gegessen, »das so zäh war und hartherzig wie ein alter geiziger Jude«. Jacob Grimm wiederum schrieb im Oktober 1814 aus Wien an Wilhelm, dass er bei Friedrich Schlegel »mehrerlei Leute« gesehen habe: »Einen Arzt Koreff (aus Breslau), der wie alle getaufte Juden etwas vorlautes widriges hat; den Dänen Graf Baudißin u.a. Schlegels Frau hat natürlich auch ihr jüdisches Gesicht noch.« 5

Wie soll man es nennen, was aus diesen Sätzen spricht? Indignation, Reserve, Missgunst, Abscheu? Es blieb jedenfalls nicht bei privaten Unmutsbekundungen. Wie gering Jacob Grimm von den Juden dachte, geht aus einem Artikel hervor, in dem er am 27. Dezember 1814 im Rheinischen Merkur die Territorialverhandlungen des Wiener Kongresses kommentierte: »Was liegt Teutschland daran, daß Preußen eine Million Pohlen weniger hat, worunter ein Drittheil Judenseelen, ein Drittheil Franzosenseelen stecken.« Der schneidende Ton der Begriffe »Judenseelen« und »Franzosenseelen« ist heute noch spürbar.

Zwei Jahre später kolportierten die Brüder Grimm in ihren Deutschen Sagen treuherzig die Legende vom jüdischen Ritualmord an dem Christenkind Anderl von Rinn aus Tirol und beriefen sich dabei auf ein Werk des Jesuiten Jacob Schmidt. Der Umstand, dass sie »ausschließlich aus der ausführlichen Darstellung des Jesuiten zitieren und die vermeintlichen Fakten unkritisch übernehmen«, werfe »ein bezeichnendes Licht auf die Arbeitsweise und die Mentalität der Brüder Grimm«, stellte der Literaturwissenschaftler Hans-Jörg Uther 1993 fest und verwies auch auf die offen zutage tretende Judenfeindschaft der nächsten Sage des Sammelwerks (Das von den Juden getödtete Mägdlein). 6 Sie beginnt mit den Worten: »Im Jahr 1267 war zu Pforzheim eine alte Frau, die verkaufte den Juden aus Geiz ein unschuldiges, siebenjähriges Mädchen. Die Juden stopften ihm den Mund, daß es nicht schreien konnte, schnitten ihm die Adern auf, und umwanden es, um sein Blut aufzufangen, mit Tüchern. Das arme Kind starb bald unter der Marter und sie warfens in die Enz, eine Last von Steinen oben drauf.«

Es nimmt nach alledem nicht wunder, dass Jacob Grimm die Emanzipation der Juden als politischen Irrweg ansah. Mit Genugtuung sah er sich in Kassel Karl Borromäus Alexander Sessas judenfeindliche Theaterposse Unser Verkehr an und schrieb darüber im Januar 1817 an Paul Wigand: »Unser Verkehr wurde gegen die Juden, die es auf alle Weise zu hindern strebten, durchgesetzt und bei übervollem Hause gegeben. Die Juden stehen überhaupt, seitdem sie unklug auf völliger Gleichheit mit Christen bestanden haben, nun in ganz Deutschland weit schlechter als vor der französ. Periode.« Gegen die Gleichstellung der Juden stemmte sich auch der Jurist Friedrich Carl von Savigny, der ehemalige Lehrer der Brüder Grimm. Er wirkte 1816 an einem Gutachten mit, das der jüdischen Gemeinde zu Frankfurt am Main die in französischer Zeit gewährten Bürgerrechte wieder absprach, und erhielt dafür im Juli 1817 ein briefliches Lob von Jacob Grimm: »Doch hat mir Ihr Gutachten gegen die frankfurter Juden große Freude gemacht, der Ausführung wegen und des wichtigen Erfolgs.«

Nicht lange zuvor, im April 1817, hatte Wilhelm Grimm an Jacob geschrieben, dass er einen Doktor »erst für einen Juden« angesehen habe, »weil er ganz zerlumpt war u. moderich roch«. Das geistige Klima, das solche Sottisen hervortrieb, führte im Hochsommer 1819 in vielen deutschen Städten zu blutigen Judenpogromen, den sogenannten Hep-Hep-Unruhen. Am 18. August 1819 machte Jacob Grimm in einem Brief an den Schriftsteller Achim von Arnim die Juden selbst dafür verantwortlich: »Das Volk, welchem man durch die bürgerliche Gleichstellung der Juden seine Rechte, vielleicht ohne das zu wollen, gekränkt hat und das sich allmälig bis in seine Wohnungen und Spaziergänge beeinträchtigt sieht, hat ein wahres Gefühl, das jetzt hin und wieder in offne Verfolgung ausbricht; einzelne Juden können einen dennoch dauern.« Diese bis heute gebräuchliche Argumentationsfigur ist von Kurt Tucholsky 1922 in die galligen Worte gefasst worden: »Überhaupt: ein Jude soll nicht solches Aufsehen von sich machen! Das reizt nur den Antisemitismus.«

So sah es auch Arnim. Er gehörte, ebenso wie Savigny, der judenfeindlichen »Deutschen Tischgesellschaft« an und hatte sie in ihrem Gründungsjahr 1811 mit launigen Versen unterhalten (»Wer noch nie mit Schweineschmalz || Einen Judenbart gerieben, || Kennt noch nicht das attsche Salz, || Kann noch nicht die Alten lieben«). Der gleichen Runde war 1811 von Clemens Brentano in einer spaßhaften Rede der Vorschlag gemacht worden, »das Gift der Judenblatter durch ihnen zu inokulierende Schweineblattern zu neutralisieren und dieses Gift nun den Philistern zu inokulieren«. Auch solche Derbheiten spielen in diesem Zusammenhang eine Rolle, denn als Förderer und langjährige Weggefährten standen Arnim und Brentano den Brüdern Grimm sehr nahe.

1822 besprach Jacob Grimm in den Göttingischen gelehrten Anzeigen ein Wörterbuch der in Teutschland üblichen Spitzbuben=Sprache und merkte an: »Die Ehre, wo nicht den Grund zu der Sprache der Spitzbuben gelegt zu haben, doch einen Hauptbestandtheil derselben auszumachen, bleibt der jüdischen unbestritten, wie auch keine Räuberbande ohne Juden zu bestehen vermag.« Immerhin sei Grimm in seiner Rezension »so gerecht, zuzugeben, daß in der Gaunersprache auch ›deutsche Wurzeln‹ vorkommen«, schrieb Ruth Römer 1985. 7 Doch es fällt auf, dass er hier abermals jenen schnippischen Ton angeschlagen hatte, der auf das Einverständnis mit den gängigen Ressentiments gegen die Juden berechnet war.

Achim von Arnim konnte sich seinerseits darauf verlassen, weder Jacob noch Wilhelm Grimm mit judenfeindlichen Bemerkungen zu verprellen. Am 19. September 1830, also kurz nach der französischen Julirevolution, teilte er den Brüdern mit: »Auch dort« – gemeint war Hamburg – »ist ein Revolutiönchen gewesen, die Juden wurden an einem Tage aus allen Kaffeehäusern herausgeschmissen. Wie mag dem Heine mit seinen Reisebildern dabei zu Muthe gewesen sein?« Es spricht nichts dafür, dass den Brüdern Grimm Arnims Schadenfreude über die Misshandlung der Hamburger Juden degoutant erschienen wäre.

In seiner Deutschen Mythologie, die 1835 herauskam, nahm Jacob Grimm auch rituelle Äußerungen der Judäophobie auf: »in einer wochenstube lege man an jede thür einen strohhalm aus dem wochenbette, so kann das Jüdel und kein gespenst nicht in die stube.« Und: »hat das Jüdel ein kind verbrannt, schmiere man das ofenloch mit speckschwarte.« Das war vielleicht nur dem Wunsch nach Vollständigkeit geschuldet. Anders verhält es sich mit dem Märchen Der Jude im Dorn. Es handelt, kurz gesagt, von einem Juden, der zum Gaudium der Leser geschunden und gehängt wird. Inhaltlich gehört es »noch zum christlichen Sediment des Judenhasses, der bis ins Mittelalter zurückreicht«. 8

Wilhelm Grimm schrieb dieses Märchen mehrmals um. Er hätte es auch fortlassen können, ohne der Märchensammlung damit Gewalt anzutun, doch er behielt es bei und gestaltete es von Mal zu Mal tendenziöser. Es sei interessant, schrieb der Essayist Gerhard Scheit 1999, »daß sich die judenfeindliche Darstellung in den einzelnen Auflagen von Grimms Märchen (1815, 1825, 1837) deutlich verschärft, wobei vor allem die Charakterisierung der Physiognomie des Juden und die Imitation seiner Sprache ausgebaut wird«. 9 Aus dem »alten Juden« der Erstausgabe war 1837 einer «mit langem Ziegenbart» und einem »schäbigen Rock« geworden, und er bediente sich nun einer Sprache, die ihn lächerlich erscheinen lassen sollte: »Herr Richter, au weih geschrien!«

Aufmerksam verfolgten die Brüder Grimm unterdessen die öffentlich ausgetragene Kontroverse zwischen Savigny und dessen rechtsphilosophischem Gegenspieler Eduard Gans, 10 einem gebürtigen Juden, der sich 1825 hatte taufen lassen. Für Savignys Verbündete blieb er trotzdem zeitlebens ein Jude. Am 19. Februar 1839 gestattete Wilhelm Grimm dem Juristen Gustav Hugo einen Blick hinter die Kulissen: »die hiesige zeitung nennt Gans immer vor Savigny, weil der redacteur auch ein jude ist.« Es scheint so, als wäre es selbst einem Mann mit Wilhelm Grimms Geistesgaben unmöglich gewesen, in diesem Streitfall einmal davon abzusehen, ob einer der Beteiligten aus einem jüdischen Elternhaus stammte.

In der dritten Auflage seiner Schrift über den Bankier und Mäzen Salomon Heine vermerkte der jüdische Schriftsteller Joseph Mendelssohn im Jahr 1845, Jacob Grimm sei »eben nicht besonders judenfreundlich gesinnt«. 11 Das hatte sich offensichtlich herumgesprochen, und es sollte auch seine Rivalität mit dem jüdischen Privatgelehrten und Lexikografen Daniel Sanders einfärben, der ebenso wie der Historiker Christian Friedrich Wurm die philologischen Fähigkeiten der Grimms in Zweifel zog. 1854 fertigte Jacob Grimm diese Kontrahenten in der Vorrede zum ersten Band des Deutschen Wörterbuchs ohne Namensnennung ab: »zwei spinnen sind auf die kräuter dieses wortgartens gekrochen und haben ihr gift ausgelassen. alle welt erwartet hier eine erklärung von mir, ihnen selbst würde ich nie die ehre anthun eine silbe auf die roheit ihrer anfeindung zu erwidern.«

Dabei hatte es sich, wie man in einer Studie der Literaturwissenschaftlerin Doris Wagner im Einzelnen nachlesen kann, um eine »durchaus berechtigte sachliche Kritik« gehandelt. 12 Als 1859 dann die erste Lieferung von Sanders’ Wörterbuch der deutschen Sprache erschienen war, erkannte Jacob Grimm darin ein Konkurrenzunternehmen mit einem gravierenden Geburtsmakel: »Neulich wurde mir versichert, der Sanders sei ein jude, sodasz er also ein jüdischdeutsches wb. [Wörterbuch] unternommen hat, was manches in seiner art und weise erklärt«, schrieb er Mitte 1859 in einem undatierten Brief an seinen (nichtjüdischen) Verleger Salomon Hirzel. Ein deutscher Jude hätte demnach überhaupt kein deutsches, sondern nur ein »jüdischdeutsches« Wörterbuch verfassen können – ein inferiorer Gedanke, dem seine Herkunft aus dem Geist der Rachsucht anzumerken ist.

Das Regelwerk des darauf folgenden Intrigenspiels hat die Germanistin Ulrike Haß-Zumkehr 1995 beschrieben: »Ließ sich die öffentliche Thematisierung nicht verhindern, kam die nächste kommunikative Strategie zum Einsatz. Sie bestand in der Verweigerung der wissenschaftlichen und sachbezogenen Auseinandersetzung zugunsten mehr oder weniger polemischer Gegenangriffe. Wurde eine Reaktion unumgänglich, beauftragten Jacob und Wilhelm Grimm nach Möglichkeit befreundete Wissenschaftler mit Verteidigung und – besser noch – Gegenangriff.« 13 In diesem Fall war es der Philologe Karl Weigand, den Jacob Grimm darum bat, Sanders öffentlich scharf abzufertigen. Das geschah in einem Beitrag für das Literarische Centralblatt für Deutschland am 25. Mai 1861: Im Vergleich mit Jacob Grimm, »zu dem wahre Forscher stets mit Ehrfurcht aufblicken werden und dessen Name nur mit der deutschen Sprache selbst verklingen kann«, sei Sanders, wie Weigand schrieb, »von so unwürdigem Betragen, daß man mit Recht zweifeln muß, ob in den Adern des in seinem Tadel wahrhaft Unermüdlichen auch nur ein Tropfen deutschen Blutes fließe«. An die Stelle eines Arguments hatte Weigand hier einen Wink mit dem Zaunpfahl gesetzt.

Den Hinweis auf das in Sanders’ Adern fließende Blut empfand Jacob Grimm jedoch als zu schwach. In einem Brief vom 9. Juni 1861 schärfte er Weigand ein, »dasz Sanders ein Jude ist, er hat ganz die jüdische frechheit und zudringlichkeit […] sie hätten ihm nun sein jüdisches gepräge sehr treffend aufrücken können, etwa unter der bemerkung, dasz er der erste jude sei, der sich mit unsrer deutschen sprache befasse, ich wenigstens kenne keinen vorgänger, oder wissen Sie einen juden, der sich in deutsche grammatik geworfen hat? jetzt treiben seines gleichen alles, was wirkung macht und wovon sie sich vortheil versprechen.«

Weigands Antwortschreiben vom 7. Juli 1861 konnte Jacob Grimm den Grund dafür entnehmen, dass Sanders in jenem Artikel nicht ausdrücklich als Jude tituliert worden war: »ich habe nun auch, welches volkes er ist, in dem zweiten satze der recension, wo ich sage, daß in den adern des in seinem tadel wahrhaft unermüdlichen kein tropfen deutschen blutes fließen könne oder daß vielmehr, ob auch nur einer darin fließe, mit recht bezweifelt werden müße, zwischen den zeilen lesen laßen, aber geradezu wollte ich Sanders als juden nicht bezeichnen, weil sonst der lange schwarm der jüdischen literaten geschrien haben würde – denn diese leute hängen zusammen wie kletten –, und so konnte leicht, wie ich mir dachte, der eindruck der recension geschwächt werden. es wird sich indessen noch gelegenheit bieten, ihm den juden aufzurücken« – sprich: Daniel Sanders durch den Verweis auf sein Judentum zu diskreditieren. Und damit war, über die Konfession hinaus und im Vorgriff auf den Rassenantisemitismus, das von Weigand ins Gespräch gebrachte undeutsche Blut gemeint.

Wilhelm Grimm starb 1859 und Jacob Grimm 1863. »Ihr Antijudaismus war zwar noch kein antichristlicher und insgesamt antihumanistischer oder gar rassistischer, aber auch so ein zweifelsfreier«, hat der Literaturwissenschaftler Richard Faber 2002 bemerkt. 14 Man kann auch die Auffassung vertreten, dass Dorothea und Wilhelm Grimms publizistisch tätiger Sohn Herman eine Familientradition fortsetzte, als er sich im Berliner Antisemitismusstreit mit dem Historiker Heinrich von Treitschke solidarisierte, der 1879 in den Preußischen Jahrbüchern die berüchtigte Parole »Die Juden sind unser Unglück« ausgegeben hatte. Im Jahr darauf verurteilten 75 Personen des öffentlichen Lebens – Wissenschaftler, Geistliche, Unternehmer und Politiker – ohne Nennung seines Namens den von Treitschke gepredigten »Racenhaß« und »Fanatismus des Mittelalters«. Diesen Angriff, schrieb Herman Grimm daraufhin an Treitschke, habe er »nicht verdient, denn was Sie über die Juden gesagt haben, kann nur Verkennung oder böser Wille für eine Hetzerei halten«.

In seinen Briefen an den Germanisten Wilhelm Scherer äußerte er sich noch freimütiger. Er habe Berlin zuletzt kaum wiedererkannt »vor Gestank, Juden, Judenthum und jüdischer Anschauungsweise«, vertraute Herman Grimm ihm im September 1872 an, und im Juni 1877 legte er Scherer dar, was er von den öffentlichen Äußerungen des jüdischen Germanisten Theodor Creizenach halte: Es sei unerträglich, »dass man solche freche Judenfürze sich doch unter der Nase muß abfeuern lassen mit dem Anschein als sei es Luft wie andre Luft. Daß diese Bande noch einmal zu Brei gestampft werden wird, ist eine Überzeugung die zu hegen ich eingestehe.« Hierfür sind Wilhelm und Jacob Grimm selbstverständlich nicht haftbar zu machen, aber Herman Grimms Pöbelei erlaubt doch bedrückende Rückschlüsse auf die Kinderstube, die er genossen hat.

Der erste Germanist, der sich mit dem Judenbild der Brüder Grimm beschäftigte, war Wilhelm Schoof (1876–1975). Das Leitmotiv, dem er dabei folgte, klingt in einem Artikel an, den er am 3. Januar 1935, einen Tag vor Jacob Grimms 150. Geburtstag, im Hanauer Anzeiger veröffentlichte. Darin stellte Schoof sich auf den Standpunkt, dass »Jacob Grimm von den gleichen Gedanken beseelt war und um das selbe Ziel gerungen hat wie Adolf Hitler«. 1941 zog Schoof in der Zeitschrift Rasse eine Bilanz seiner Forschungen auf diesem Gebiet: »Obwohl ihm die heutigen Probleme von Blut, Rasse, Erbe noch nicht geläufig waren, hat Jacob Grimm mit genialem Spürblick doch ihre grundlegende Bedeutung für das Volkstum vorausgeahnt und betont, daß es für die Formung der Geistes= und Lebensrichtung eines Geschlechtes nichts Wertvolleres geben könne als das stolze Bewußtsein einer völkischen Kultur. Je tiefer ein Volk den Glauben an sich selbst erhalte, um so stärker müsse die Abwendung von allem Artfremden sich vollziehen. Am klarsten hat er seine Anschauung im Sinne unserer heutigen völkischen Selbstbestimmung in der Vorrede zu seiner deutschen Mythologie umrissen: ›Jedwedem Volke scheint es von Natur eingeflößt, sich abzuschließen und von fremden Bestandteilen unangerührt zu erhalten.‹ Deshalb bedauerte er, als in dem Kurfürstentum Hessen durch ein Gesetz vom 14. Mai 1816 den Juden staatsbürgerliche Rechte eingeräumt wurden, diesen Schritt und fand es verständlich, daß die Volksstimmung sich in Judenverfolgungen Luft machte. Er erblickte in dem Gesetz eine Kränkung der Volksrechte, denn das Volk habe ein wahres Gefühl für das ihm widerfahrene Unrecht. Auch empörte er sich über das Vordrängen des jüdischen Literatentums und den jüdischen Geschäftsgeist, der sich damals in der Kasseler Presse bemerkbar machte, ebenso wie Wilhelm Grimm es tief beklagte, daß über die Feier des vierten Jahrestages der Schlacht bei Leipzig und der dreihundertjährigen Jubelfeier des Reformationsfestes ein Jude in Kassel den Bericht schrieb.« 15

Die ideologischen Folgerungen, die Schoof aus den Quellentexten zog, weisen ihn als Nationalsozialisten reinsten Wassers aus, aber um die Brüder Grimm als Judenfeinde porträtieren zu können, musste er keine Fälschungen begehen. Unter der Überschrift Ein Jude gegen Jakob Grimm verteidigte er im Januar 1942 im Deutschen Wissenschaftlichen Dienst »den von jüdischer Seite in den Schmutz getretenen wissenschaftlichen Ruf des edlen Brüderpaares«, 16 und am 1. Juni 1944 verbreitete er sich in der Saarbrücker Zeitung noch einmal über Die Brüder Grimm und die Juden.

Nach Kriegsende ließ er diesen Forschungszweig kommentarlos auf sich beruhen und wandte sich weniger verfänglichen Aspekten der Grimm-Forschung zu. Seine Arbeiten trugen ihm 1952 die Ehrensenatorwürde der Marburger Philipps-Universität und 1954 die Ehrenpräsidentschaft des Schillerbunds ein, und seine Schüler und Nachfolger, wie Ludwig Denecke, inkommodierten ihn bei Jubiläen nicht mit der Erinnerung an seine antisemitischen Hetzartikel. Darauf wies der Literaturwissenschaftler Raimund Kemper 1984 auf dem Deutschen Germanistentag hin: »Auf welche Weise gerade Wilhelm Schoof, der ›fruchtbarste Grimmforscher‹ (Denecke), das Werk der Brüder für faschistische Zwecke ausschlachtete, wird in bundesdeutschen Bibliographien der Schriften dieses Spezialisten (so beispielsweise auch von Denecke) geflissentlich nicht erwähnt.« 17

Schoofs geflöhte Bibliografien sind Dokumente der Verdrängung. Mit einigem Wohlwollen könnte man die Beschönigung seiner Vergangenheit auch als Ausdruck der Scham interpretieren: Es war Schoof und seinen Schülern peinlich, was er als Nationalsozialist geschrieben hatte, und sie wollten diese Dinge gern unter den Teppich kehren. Ein langes Schweigen trat ein, das sich auch auf die von Schoof so nachdrücklich bejahte Frage erstreckte, ob die Brüder Grimm den Juden feindlich gesinnt gewesen seien. Es erschienen zwar hier und dort Aufsätze über judenfeindliche Tendenzen der Kinder- und Hausmärchen, aber in anderen Publikationen wurde der übergreifende Zusammenhang nur gestreift und nie so eingehend untersucht wie beispielsweise das Judenbild von Clemens Brentano, Achim von Arnim, Ernst Moritz Arndt, Gustav Freytag, Wilhelm Raabe oder Theodor Fontane.

Kurz nachdem der Germanist Holger Ehrhardt 2012 an der Universität Kassel die Stiftungsprofessur für das Werk und die Wirkung der Brüder Grimm übernommen hatte, wurde er in einem Interview auf den »Antisemitismus der Brüder Grimm« angesprochen und gefragt, warum dieses Thema bislang vernachlässigt worden sei. Darauf gab er zur Antwort: »Die Brüder Grimm waren Märchenerzähler. Sie haben uns die schönen Märchen beschert, sie im Volk gesammelt, und dazu passt es eben nicht, dass man eine etwas dunklere Seite beleuchtet. Jetzt darf man diesen Aspekt allerdings auch nicht überbewerten: In der Romantik war Antisemitismus nichts Ungewöhnliches, und die Brüder Grimm waren hier leider keine löblichen Ausnahmen.« Man müsse aber »auch erwähnen, dass die Grimms im täglichen Umgang mit Juden durchaus fair waren. Beispielsweise waren die Kasseler Brüder Rinald diejenigen, die die Geldgeschäfte der Grimms erledigt haben, auch noch, als diese schon in Berlin wohnten. Was in Briefen manchmal steht, da sträuben sich einem aber die Haare.« Und er warf die Frage auf: »Was macht eigentlich den romantischen Antisemitismus aus? Wie weit geht er, und wie äußert er sich? Dabei muss auch die Rolle der Grimms im richtigen Kontext untersucht und benannt werden.« 18

Für Wilhelm Schoofs Generation war das Thema nach 1945 verbrannt: Sie wollte nicht mehr daran rühren. Vielleicht hat dieses Tabu später noch so lange fortbestanden, weil der nachfolgenden Generation von Literaturwissenschaftlern der Gedanke, dass die Brüder Grimm an ihrer Vereinnahmung durch die Nationalsozialisten nicht gänzlich unschuldig gewesen seien, schlichtweg anstößig erschienen ist.

Jetzt lässt sich das alles endlich unbefangen in den Blick nehmen, und man darf gespannt darauf sein, welche Wahrheiten noch an den Tag kommen werden. Unzählige Briefe der Brüder Grimm sind noch immer nicht veröffentlicht.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Heinz Rölleke, Die Brüder Grimm und das Recht. In: Harlinda Lox /Sabine Lutkat /Dietrich Kluge (Hrsg.), Dunkle Mächte im Märchen und was sie bannt. Krummwisch: Königsfurt 2007.
  2. Wilhelm Grimms Wiesbadener Kurtagebuch. Hrsg. u. kommentiert vom Germanistischen Oberseminar der Universität Wuppertal unter Leitung von Heinz Rölleke. In: Brüder Grimm Gedenken. Bd. 8. Hrsg. v. Ludwig Denecke. Marburg: Elwert 1988.
  3. Steffen Martus, Die Brüder Grimm. Eine Biographie. Rowohlt Berlin 2009.
  4. Heinz Rölleke, Wilhelm Grimms Traumtagebuch. In: Brüder Grimm Gedenken. Bd. 3. Hrsg. v. Ludwig Denecke. Marburg: Elwert 1981.
  5. Gemeint war der mit Adelbert von Chamisso, Karl August Varnhagen von Ense und E. T. A. Hoffmann befreundete Schriftsteller und Arzt David Ferdinand Koreff (1783–1851).
  6. Hans-Jörg Uther, Nachwort. In: Ders. (Hrsg.), Brüder Grimm, Deutsche Sagen. Bd. 2. München: Bertelsmann 1993.
  7. Ruth Römer, Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland. München: Fink 1985.
  8. Klaus L. Berghahn, Grenzen der Toleranz. Juden und Christen im Zeitalter der Aufklärung. Köln: Böhlau 2000.
  9. Gerhard Scheit, Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus. Freiburg: ça ira 1999.
  10. Vgl. Johann Braun, »Schwan und Gans«. Zur Geschichte des Zerwürfnisses zwischen Friedrich Carl von Savigny und Eduard Gans. In: Juristenzeitung, Nr. 23/24 vom 14. Dezember 1979.
  11. Joseph Mendelssohn, Salomon Heine. Blätter der Würdigung und der Erinnerung. Hamburg 1845.
  12. Doris Wagner, Christian Friedrich Wurm (1801–1861). Freiheitskämpfer und germanistischer Querschläger. Bausteine zu einer wissenschaftlichen Biographie. Bayreuth: Rabenstein 1996.
  13. Ulrike Haß-Zumkehr, Daniel Sanders. Aufgeklärte Germanistik im 19. Jahrhundert. Berlin: de Gruyter 1995.
  14. Richard Faber, »Sagen lassen sich die Menschen nichts, aber erzählen lassen sie sich alles.« Über Grimm-Hebelsche Erzählung, Moral und Utopie in Benjaminscher Perspektive. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002.
  15. Wilhelm Schoof, Volk und Rasse bei Jacob Grimm. In: Rasse. Monatsschrift für den Nordischen Gedanken, Nr. 8, 1941.
  16. Wilhelm Schoof, Ein Jude gegen Jakob Grimm. In: Deutscher Wissenschaftlicher Dienst, Nr. 3 vom 5. Januar 1942.
  17. Raimund Kemper, Es waren schöne glänzende Zeiten oder »Der Geist, der den Arm der Deutschen stählt«. In: Germanistik. Forschungsstand und Perspektiven. Vorträge des Deutschen Germanistentages 1984. Teil 2. Hrsg. v. Georg Stötzel. Berlin: de Gruyter 1985.
  18. Elke Schröder, Grimm-Experte Holger Ehrhardt blickt auf die dunklere Seite der Märchenbrüder. In: Neue Osnabrücker Zeitung vom 16. März 2012.

1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Wer Dirk Wittenborns Roman „unter Wilden“ gelesen hat, weiß, dass es auch hier in den USA Vorurteile gegen bestimmte Bevölkerungsgruppen gibt, hier ist das Deckwort, dass jemand Hawaiianisch ist, womit gemeint ist, das seine reine WASP Identität gemindert wird, über den ein oder anderen jüdischen Vorfahren. Zu Zeiten der Gebrüder Grimm, hatte gerade erst die Emanzipation der Juden im Französisch besetztes Rheinland begonnen.
    Mayer Amschel Rothschild war noch in der Frankfurter Judengasse geboren worden, das heißt zu Zeiten der Gebrüder Grimm, war die Zeit des Lebens im Ghetto gerade erst zu Ende gegangen.
    Wenn man die Wirklichkeit jener Jahre verstehen will, sollte man sich das Schicksal Harry Heines und Karl Marx anschauen. Beide waren Opfer von Zwangstaufen, die im Fall Heinrich Heines gar nichts brachte und beide starben als Exilanten.
    Gegen die Aufnahme der Juden in die bürgerliche Gesellschaft, gab es weiterhin einen bestehenden Judenhass aus dem Mittelalter, der sich dann allmählich in den modernen Antisemitismus wandelte. Die Inhalte der Begründung änderten sich, aber inhaltlich blieb es dasselbe und im 19 Jahrhundert gab es auch noch das ein oder andere Programm in Deutschland.
    Es ist müßig aus der Brille, des nach Shaoh Begriffs des Antisemitismus auf die Judenfeindlichkeit der Gebrüder Grimm zu schauen, da es den modernen Antisemitismus in diesem Sinn damals noch gar nicht gab.
    Man kann das ganze nur vergleichen, mit der heute EnVogue gestellten kritischen Betrachtung des Islams, auch hier werden stumpfeste Vorurteile und Fremdenfeindlichkeit aufgeboten um eine Religion in Bausch und Bogen und vor allem Ihre Angehörigen zu verdammen, wobei sich bestimmte Urteile aus einen Atheismus ergeben, der aus der Zurückweisung der christlichen Religion ergibt und vor allem aus der Kritik an dem gelebten Machtwillen der katholischen Kirche. Aber wenn man die heutige Islamkritik mit dem Anti Judaismus der Gebrüder Grimm vergleicht, kommt man wohl er zum Ziel. Wir finden es jedenfalls normal, wenn Menschen sich abfällig über den Islam Äußern, ohne das sie inhaltlich die Religion kennen und beurteilen können. Damals war es nicht anders und die Menschen kannten noch die Ghettos bzw. sahen ihr fortleben.
    Grundsätzlich sollte man sich vor Augen halten, dass die Gebrüder Grimm Menschen ihrer Zeit waren, also hatten sie Vorurteile gegen Juden.
    Um im Eingangsbeispiel zu bleiben, bis in den sogenannten „Ivy League Universities“ Juden allgemein zugelassen wurden, hat es auch lange gedauert, was die meisten Menschen in Deutschland gerne vergessen, man muss Philip Roth aufmerksam lesen, um zu wissen, das auch amerikanische Juden noch lange in eigenen Vierteln, eigenen Schulen und eingeschränkten Hochschulzugang lebten. Die Beschreibung des Lebens in Newark und die damit verbundenen Einschränkungen sind auch immer wieder verstörend, genau wie die Beschreibung des Lebens innerhalb einer geschlossenen Gruppe, mit eigenen Vereinen und Feriencamps. Vielleicht ist es das was von Roth am Ende bleibt.

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