Der Zweite Weltkrieg in der globalen Geschichte des 20. Jahrhunderts

Der deutsche Angriff auf Polen vor achtzig Jahren eröffnete den mörderischsten Krieg, den jemals ein Staat geführt hat. Den Beginn des Zweiten Weltkriegs stellte dieser Überfall allerdings nicht dar. Der Weltkrieg begann zwei Jahre zuvor mit der japanischen Invasion Chinas. Nachdem Japan am Anfang der dreißiger Jahre die Mandschurei erobert hatte, entwickelte sich seit Juli 1937 rasch ein ebenso großflächiger wie verheerender Krieg. Dabei dürfte die Mehrzahl der Todesopfer, die China im Zeitraum bis 1945 zu beklagen hatte – vielleicht 20 Millionen, nur in der Sowjetunion mussten mehr Menschen sterben –, bis 1940 umgekommen sein, als die deutschen Angriffe in Europa noch vergleichsweise wenige Tote gefordert hatten. Die Unterwerfung Chinas war der Kern von Japans expansionistischem Projekt. Der gesamte Pazifikkrieg hatte für die japanische Führung eine abgeleitete Bedeutung: Sie glaubte, die Vereinigten Staaten angreifen zu müssen, weil sie Südostasien erobern wollte; mit der Eroberung Südostasiens wiederum wollte sie sich die Rohstoffe sichern, um China zu beherrschen.

(Der Essay ist im Novemberheft 2019, Merkur # 846, erschienen.)

Die Sowjetunion sah sich durch den japanisch-chinesischen Krieg unmittelbar herausgefordert und führte 1938/39 im mandschurisch-mongolischen Grenzgebiet mehrere Kurzkriege gegen Japan. In Polen ließ Stalin seine Truppen erst einmarschieren, nachdem ein Waffenstillstand geschlossen war. Und auch die Roosevelt-Regierung in den USA zog eine klare Linie: Japan musste China räumen, wenn es einvernehmliche Beziehungen aufrechterhalten wollte. Somit hatte Japan 1937 einen die Weltpolitik in hohem Maße destabilisierenden Großkrieg entfesselt. Infolge des amerikanischen Kriegseintritts 1941/42 vernetzte sich dieser dann mit dem europäischen Geschehen zu einem nunmehr in jedem Sinn globalen Krieg.

Den Beginn des Zweiten Weltkriegs mit den japanischen Eroberungen anzusetzen bedeutet, mit der Betrachtungsweise zu brechen, an die sich die westliche Historiografie seit langem gewöhnt hat. Sie hat den Krieg ganz überwiegend aus nationaler oder europäischer Perspektive beschrieben. Zwar gibt es nicht wenige rein kriegsgeschichtliche Darstellungen, die den pazifischen Krieg ab 1941 einbeziehen, doch betrachten sie diesen oft als einen tendenziell nachgeordneten Schauplatz. Und gerade die übergreifenden Interpretationen sind gedanklich vor allem von der europäischen Geschichte her entwickelt worden. So ist die Frage, ob sich der Krieg mit Blick auf die ausufernden Kriegsziele, die hochgradige Umstellung der Wirtschaftsproduktion auf den Kriegsbedarf und die immense Zahl ziviler Todesopfer als »totale« Auseinandersetzung ansehen lasse, ganz vorrangig am europäischen Schauplatz diskutiert worden (sowie daneben an den USA). Eher noch stärker bewegt sich die Deutung eines Zeitalters der Weltkriege und eines modernen »Dreißigjährigen Kriegs« in einem europäischen Bezugsrahmen. Ihr zufolge verleihen sowohl die Ähnlichkeiten im Erscheinungsbild als auch die kausalen Zusammenhänge zwischen den beiden Weltkriegen den Jahren von 1914 bis 1945 eine einheitliche Signatur.

Auch der Gedanke eines internationalisierten Bürgerkriegs, demzufolge der Zweite Weltkrieg eine Konfrontation zwischen Weltanschauungen mit umfassenden politisch-gesellschaftlichen Ordnungsentwürfen darstellte, ist niemals in weltweitem Maßstab entwickelt worden. Europäisch zentriert sind schließlich die innovativen Forschungsansätze der letzten rund zwanzig Jahre: die Geschichte des »Postwar«, die die Nachwirkungen des Kriegsgeschehens mit in den Blick nimmt, ebenso wie die des »Transwar«, die den Weltkrieg in eine längere Phase des historischen Wandels einbettet, die von den 1920ern bis in die 1950er Jahre reicht. Mit alledem hat die Forschung den Schritt noch nicht vollzogen, der sich im historischen Nachdenken über den Ersten Weltkrieg in den letzten etwa zehn Jahren als äußerst fruchtbar erwiesen hat: nämlich die weltweite Erstreckung des Kriegs nicht lediglich vorauszusetzen, sondern sie zu einem integralen Teil der Analyse zu machen.

Für eine solche Blickerweiterung spricht die enorme Bedeutung des Weltkriegs für den Wandel der weltpolitischen Ordnung: für die Erosion der Kolonialherrschaft, für den Aufstieg der Vereinigten Staaten zur globalen Hypermacht, für die Errichtung eines neuen Systems internationaler Steuerung sowie für die Genese des »Kalten Kriegs«. Darüber hinaus würde eine zusammenhängende globalhistorische Einordnung auch das Verständnis anderer Dimensionen des Kriegsgeschehens verändern.

(…)


2 Kommentare

  1. Jean Beuychamps sagt:

    Jan Eckel bemüht sich aus europäischer Perspektive eine globale Perspektive einzunehmen, die jenseits der europäischen liegt. Einer der Gründe dafür ist vielleicht, dass die globale Sicht auf die Geschichte in den ersten Dekaden des 21. Jahrhunderts in Europa (wieder) attraktiv geworden ist. Globale Geschichte, Weltgeschichte, ist vielleicht sogar so sehr zu einem „mainstream“ in geworden, dass man sagen kann, die typisch europäische Sicht der Dinge, sei eine globale. Jan Eckel sieht keinen Grund für den Zweiten Weltkrieg hier eine Ausnahme zu machen. Seine Hinweise zur Verantwortung Deutschlands für Krieg, Mord und Vernichtung wirken freilich vor dem Hintergrund der Gesamtaussage eher deklaratorisch und dem diplomatischen Protokoll gehorchend. Im Kern geht es darum, den Zweiten Weltkrieg nicht mehr als Folge der Außenpolitik des nationalsozialistischen Deutschlands darzustellen. Letztere reiht sich zeitlich erst in ein vorbestehendes Geschehen ein, wirkt ggf. als Katalysator aber nicht als Initiator. Dass man die Dinge so sehen kann, zeigt Eckel in einer soliden Synthese der angloamerikanischen und deutschen Literatur. Eckel erläutert ausführlich, was er sich davon verspricht, den Krieg mit dem japanischen Angriff auf China beginnen zu lassen. Die meisten der von ihm dargestellten neuen Perspektiven würden sich aber bereits ergeben, wenn man das außereuropäische Geschehen einfach mitbetrachtet. Eine Inegration der Ereignisse in Asien vor 1939 ist dafür nicht erforderlich. Was Eckel nicht erläutert ist, was die Voraussetzungen dieses Deutungswechsels sind und war die Erkenntnisverluste, die sich aus der Änderung der definierenden Linien ergeben. Eckels Sicht stützt sich stark auf den Wandel, den der Angriff auf Pearl Harbor in der öffentlichen Meinung der USA ausgelöst habe und legt Nahe, dass erst das ein anhaltendes und letztlich hinreichendes Engagement in Europa ermöglicht habe. Das kann man sicher auch anders sehen. Aber Eckels Vorschlag ist nicht zuvorderst empirisch problematisch hinsichtlich seiner historischen Beobachtungen. Sie ist zunächst methodisch, historiographisch und dann erst auf den zweiten Blick empirisch fragwürdig.
    Denn die Frage, was „einen Krieg“ ausmacht, beruht zwangsläufig auf der Antwort auf die Frage, wie das Konzept „ein Krieg“ sinnvoll zu definieren ist. Die Definition „eines Krieges“ ist willkürlich analog der Definition einer „Epoche“, einer Spezies“ oder einer „Erkrankung“. Real gibt es vor diesen Klassifikationen nur Kontinuitäten, daran muss man (sich) immer wieder erinnern. Ob eine solche stipulative Definition haltbar ist oder nicht, hängt nicht von empirischen Umständen ab, sondern einzig von der Frage, welche Definition sinnvoll erscheint. Die Geschichtswissenschaft beschränkt ihr Interesse für die Vergangenheit nicht allein auf völkerrechtliche Kriegserklärungen, sondern sieht gemeinhin auch dann ein Gewaltgeschehen als Krieg an, wenn formal-rechtlich kein Kriegszustand besteht, faktisch das beobachtete Phänomen aber einem Krieg entspricht. Bei zeitlich synchronen, örtlich und personell aber parallelen Kampfhandlungen stellt sich die Frage von deren Vebindung zur Gesamtheit eines Krieges ebenso wie bei zeitlich diskreten aber örtlich oder personell überlappenden Kriegshandlungen. Bei Eckel ist es Japan, das 1937 den Zweiten Weltkrieg „entfesselte“, und zwar deshalb, weil es „einen die Weltpolitik in hohem Maße destabilisierenden Großkrieg“ initiierte, der sich über den amerikanischen Kriegseintritt mit dem (bei Eckel 1939 anzusetzenden) Kriegsgeschehen in einem „nunmehr in jedem Sinn globalen Krieg vernetzte“. Die Abstufung zwischen einem nocht nicht in jedem (aber offenkundig in manchem) Sinne globalen zu einem wirklich globalen Krieg spricht dabei ebenso Bände wie die Passivformulierungen in Eckels Text, bei dem der Übergang zum eigentlichen Weltkrieg keinem Agressor mehr direkt zugesprochen wird, sondern als quasi-mechanische Konsequenz der Konstellation dargestellt wird. Der deutsche Angriffskrieg kann aus dieser Sicht zwar auch definiert werden als „die Weltpolitik in hohem Maße destabilisierender Großkrieg“. Aber erstens hinkt das „European Theatre“ dann zeitlich den Ereignissen in Japan hinterher wobei beide Ereignisse ex post zu einem Strang zusammengefasst werden und die Parallelität der Kriegsereignisse unter der Gesamtheit „Zweiter Weltkrieg“ subsummiert wird. Zweites wird die weltumspannende Dimension des Geschehens mittelbar dem Agressor Japan – Mandschurei und Pearl Harbor (und in der Konsequenz nicht oder zumindest weniger Deutschland) angelastet: provincialising Hitler. Wenn das aber tatsächlich überzeugen soll, dann reicht nicht der Hinweis auf die Dimension des Krieges in Asien und dessen möglicher Bedeutung für außenpolitische Entscheidungen der USA hinsichtlich des Krieges in Europa, Nordafrika und Westasien. Wenn die globale Dimension des Krieges der japanischen Aggression überantwortet werden soll, müsste gezeigt werden, wie die Gewalt westlich der USA eine Konsequenz der vorherigen Ereignisse in Ostasien gewesen sein soll. Wenn die beiden Ursprünge der globalen Gewalt als unabhängig und zeitlich versetzt betrachtet werden, dann muss man die bereits 1986 in Eckels Sinne ganz global gedachte These Akira Iriyes mit in die Auseinandersetzung mit einbeziehen: „The Second World
    War actually consisted of two wars, one in Europe and the Atlantic, and the other in Asia and the Pacific. The two theatres were, for the most part, distinct; battles fought and bombings carried out in one were little linked to those in the other. However, while it is quite possible to discuss the origins ofthe European war without paying much attention to Asian factors, the obverse is not the case. European powers were deeply involved in the Asian-Pacific region and played an important role in transforming the Chinese-Japanese conflict into a multinational one. Moreover, the United‘ States, which too was of little relevance to the
    immediate causes of the European war, steadily developed into a major Asian-Pacific power so that its position would have a direct bearirıg on the course of the Chinese-Japanese War. The Asian-Pacific region, then, was an arena of more extensive global rivalry than Europe, and this fact should always be kept in mind as one discusses the origins of the Pacific war.“ Iriyes Betrachtung ist mit der Eckels verwandt, setzt aber bei der Differenz und Interdependenz an. Dieser Ansatz (beispielsweise) erlaubt alle von Eckel genannten Vorteile einer globalen Perspektive, ohne dass dabei das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wird und die Ursprünge des deutschen Vernichtungskrieges über globale Umwege in die Mandschurei verlegt werden muss. Ein solcher Ansatz wie der Iriyes zeigt freilich auch, dass die globale Prädominanz Europas zwar bisweilen eurozentrisch verklärt wurde, eine eurofugale Perspektive aber ähnliche Zerrbilder hervorzubringen mag. Die Werturteile, die bei einer nüchternen Betrachtung der Greuel im zwanzigsten Jahrhundert zwangsläufig erforderlich werden, lassen sich durch den Blick auf Zeitachse nicht umgehen. Das gilt auch für die Konsequenzen der europäischen Expansion in den Jahrhunderten davor. Jan Eckel macht es sich zu leicht, wenn er auf Gewalt und Mord außerhalb der deutschen Verantwortungssphäre verweist um den damit drohenden moralischen Verlust damit einzuholen versucht, dass durch die Integration der Gewaltphänomene in ein globales Geschehen die Spezifika der von Deutschland zu verantwortenden Verbrechen erst „umso deutlicher hervortreten“. Die Intention der Globalisierung versetzt nicht in die Position des überperspektivischen Beobachters. Die von Eckel vertretene Reklassifikation des Zweiten Weltkriegs bedeutet deshalb im Kern, das zunächst genau das passiert, was er von sich weist: zunächst (!) von einem „Gemetzel aus­zugehen, das der größte Krieg der Weltgeschichte eben mit sich brachte“ und erst danach (!) darauf zu verweisen, dass es dabei auch Unterschiede gab. Die feinen und bisweilen sehr groben Differenzen betreffen aber nicht nur, wie Eckel schreibt, „Ziele, For­men und situativen Kontexte“, sondern auch die – noch so gebrochenen – Kausalitäten. Damit betreffen sie jenseits der Mechanik auch die Verantwortung. Letztere zu „globalisieren“ bedeutet, aller Beteuerungen zum Trotz, sich ihrer zu entledigen.

  2. Reiner Girstl sagt:

    Die Rolle Japans anders darzustellen widerspricht den ganzen Zentrismus des europäischen Denkens, die Europäer verstehen die Geschichte und die Philosophie nur aus ihrem Denken heraus. Das die Japaner einen das europäische Weltbild wiederspiegelten Nationalismus und Imperialismus ab dem späten 19. Jahrhundert, nach Jahrhunderten der Isolation umgesetzt haben überfordert die Europäer noch heute.
    Genauso das die Japaner auf den gleichen Kriegstechnologischen Stand kamen, aber sozusagen direkt aus der Welt der Samurai, den technologischen Wandel begonnen haben, es bleibt aber nicht zu vergessen das Japans Kriege im Jahr 1895 begannen.
    In Südasien bedeutete Japans Krieg, den Ende des Kolonialismus, es wird immer gerne vergessen, das die Zeit der Japanischen Besatzung zu den folgenden Konflikten in Vietnam und Indonesien führten, zur Unabhängigkeit Burmas und Indiens.
    In den dann folgenden Unabhängigikeitskriegen in Südostasien konnten die Hunde des Krieges aus Europa erst einmal ihr Handwerk weiter ausüben.
    Japan schlug nach 1945 einen weg ein wie die Deutschen, aus der Schande und dem Scham der Niederlage heraus kam der Antrieb zum Japanischen Nachkriegs Wirtschaftswunder.
    Die Beziehung zwischen Japan und China waren immer schwierig, über Jahrhunderte kultureller Austausch, inklusive der Schriftzeichen, Buddhismus und vieles mehr und die Ablehnung der Japaner als Kopisten und und barbarbaren durch die Chinesen.
    Das was die Europäer nie sehen wollen ist das Japan innerhalb kürzester Zeit aus dem Mittelalter in die technologische Moderne kam und sich in der moderne benahm, wie die Europäer, imperialistisch, barbarisch und nationalistisch, wenn man die Japaner als Spiegel nehmen würde, würde man sehen wie barbarisch die europäische Moderne ist.

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