Digitalkolumne. Supercomputer – an der Grenze der Berechenbarkeit

Als Texas Instruments 1972 für die Universität Princeton einen neuen Rechner baute, kam die New York Times nicht mehr aus dem Staunen heraus. Dieser Computer werde zehnmal so stark sein wie der bis dahin stärkste Computer. Er brauche beim Rechnen eine Größenordnung weniger Zeit als jeder andere Computer. Umfangreiche Wetterprognosen ließen sich mit dieser Maschine fertig rechnen, bevor das Wetter eintraf. Und da man in Princeton so viel Wetter im Voraus berechnen wollte, dass sich gleich der langfristige Wandel des globalen Klimas prognostizieren ließ, brauchte man nichts weniger als eine Maschine, mit der die Grenze der Berechenbarkeit verschoben werden konnte.

(Der Essay ist im Novemberheft 2019, Merkur # 846, erschienen.)

Der für Princeton gebaute Computer galt als die bis dato teuerste Maschine. Es wurden Anschaffungs- und Betriebskosten zwischen 18 und 25 Millionen Dollar erwartet. Die Maschine der Superlative werde, so erklärte man der New York Times, »in ihren Schaltkreisen« eine »beschleunigte Version des Wetters« durchspielen, basierend auf einem »mathematischen Modell der verschiedenen Kräfte, die das globale Wetter simulieren«. Ein Weltwettertag lasse sich mit dem neuen Computer auf neun Minuten Rechenzeit reduzieren. Wenn die Maschine rund zwei Monate lang arbeite, dann könne man damit ein ganzes globales Wetterjahr voraussagen.

Die Wissenschaftler in Princeton hatten Mühe, den völlig faszinierten Journalisten aus New York im Laufe des Treffens wieder zum freien Atmen zu bringen. Manche ihrer relativierenden Erklärungen scheint er zwar irgendwie mitgeschnitten zu haben. Zum Beispiel das Problem, dass sich die Fehler in den Ausgangsdaten mit zunehmender Laufzeit der Simulation verstärkten. Solche Einschränkungen wurden dann jedoch in den hintersten Teil des Artikels verschoben – für journalistische Zwecke und für das Vergnügen der Leserschaft waren die mathematischen Probleme der Meteorologie nebensächlich. Schließlich ging es hier nicht um sphärische Netzwerke, sondern um den schnellsten aller schnellen Rechner, also um einen »Supercomputer«. Es ging um riesige Datenmengen, komplexe Modelle, dramatisch beschleunigte Simulationen über den möglichen Verlauf der Welt, und eben um sehr viel Geld.

Die New York Times versammelte in ihrem Artikel einige der Merkmale eines technowissenschaftlichen Diskurses, der sich über mindestens vier Jahrzehnte stabil hielt. Er änderte sich auch nicht, als der Einsatz von Supercomputern ganz operativ als »high performance computing« bezeichnet wurde. Bis heute stehen die enorme Leistungsfähigkeit der Maschinen und die komplexitätsverzückten Fragestellungen ihrer Wissenschaftler im Zentrum des Diskurses. Wenn es um die Grenze der Berechenbarkeit geht, müssen noch immer Superlative herhalten. Ein »Summit« genannter Supercomputer im Oak Ridge National Laboratory war im Juni 2018 »der schnellste Rechner der Welt«, der »seine präzedenzlose Kapazität« für die »größten Probleme der Wissenschaft« zur Verfügung stellt. 2021 soll er von einem »Frontier« genannten System abgelöst werden.

Mit der rhetorischen Verbindung von leistungsstarkem Computing und Ausweitungen der Berechenbarkeit ist nicht zu spaßen. Auf der Website eines Kollegen, dessen Simulationen die schnellsten Rechner der Welt zum Schwitzen bringen, heißt es etwa: Die Rechenleistung sei »essentiell für den Fortschritt der Menschheit«. Für die Grenzen der Berechenbarkeit aber ist entscheidend, was dieser Grundsatz ausblendet: die Frage, wie sich Spitzenleistung herstellen lässt, wie man sie betrieblich sichert und wofür sie sich politisch inszenieren lässt.

(…)


1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Die Macht der Computer und die Ohnmacht der Vernunft von Joseph Weizenbaum ist bis heute unübertroffen, auch bei Suhrkamp erschienen, wie so vieles mehr. Jaron Lanier kommt zu denselben Schlüssen, im Prinzip ist es die reine Rechenkapazität, die den dualen Zahlensystem seine Möglichkeiten gibt, aber es ist immer der von Menschen vorgegebene Logarithmus der das Ergebnis bestimmt. Der Computer kann keinen Logarithmus selbstständig und kreativ aus dem eigenen Geist heraus entwerfen.

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