Einmal ragte Siegfried Unseld turmhoch hinter mir auf

Diese Kolumne beginnt mit einem Gruppenbild von fünf älteren erfolgreichen Jungs, Golden Boys, meist mit Schmerbauch, einer schmaucht eine Pfeife. Danach erleben wir Helmut Kohl nackt in der Sauna, Trigger-Warnung! Anschließend werde ich belegen, dass meine Eltern mich verraten haben. Danach sofort Weltuntergang.

(Der Essay ist im Novemberheft 2019, Merkur # 846, erschienen.)

Das Gruppenbild ist in der Germanisten-Bubble von @Johannes42 auf Twitter aufgetaucht. Vierundvierzig mal »Gefällt-mir«. Peinlich: Kaum jemand konnte alle Herren benennen, diese kings of the hill, top of the heap von vorgestern. Sie heißen Peter Weiss, Siegfried Unseld, Max Frisch, Martin Walser und Uwe Johnson. Selbstverständlichen Genuss der eigenen Bedeutung strahlen sie aus, das war Leistungsanreiz und Sonderzulage dieser untergegangenen Männerwelt. Der Schmerbauch war das, was man brauchte, um sich in einen Raum zu schieben, bürgermeisterhaft, landesväterlich, in dem dann alle sofort vom Gewicht des Eintretenden überzeugt waren. Verdrängung, einer der bezifferbaren Werte in meinem Supertanker-Quartett aus der Wachstumsgesellschaft von 1970: Der Supertanker mit der höchsten Verdrängung war der suprigste.

Alte Bundesrepublik mit etwas Schweiz. Nur Peter Weiss ist auf dem Foto ganz schlank. Im Hintergrund ein Hochhaus. Mit fortschreitenden Jahren bei goldenen Jungs dann generell zunehmende Anfälle von Selbstmitleid, auch bei bronzenen oder rostigen Jungs, weil das Verdrängen Arbeit ist, die ganze Männerrolle, und weil die Sonderzulagen nie reichen und man sich mehr versprochen hatte, immer mehr. Auf dem Gesicht von Max Frisch ist das schon sichtbar, die überraschte, leicht weinerliche, fast um Verzeihung bittende Miene eines Siegers, dem plötzlich und unerwartet vom Alter ins Gesicht geschlagen wird und der seinen eigenen unausweichlichen Bedeutungsverlust vorhersieht.

Die Unausweichlichkeit des Untergangs durch Körpermasse und Macht aufhalten, so lange es geht. Dominanzverhalten. Unfähig zu allem anderen.

(…)


1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Irgendwie fehlt HME, Hans Magnus Enzensberger, der hätte das Ganze auch viel Spannungsreicher aufgezogen, was ist denn heute so viel anders? Unseld seine Verbundenheit in der Zeit vorzuwerfen ist langweilig. Heute schreibt man gleich wieder Königschroniken und betet US Präsidenten wie unfehlbare Ikonen an die mit der Jungfrau Maria verheiratet sind, in diesem Fall, wurden dann auch auf bewehrte Art, durch Heiligkeits Methoden zwei Kinder gezeugt und ansonsten lebt man enthaltsam. Das ist jedenfalls das Bild das der ernste deutsche Journalismus über einen Präsidenten zeichnet der 8 Jahre nichts getan hat, weswegen dann das Böse in der Reinkarnation eines neuen Präsidenten die Macht ergriffen hat, deswegen strahlt der heilige Präsident umso mehr.
    Das um den Unterschied zu erklären, Unseld hat ganz viel geleistet, er hat das geistige Klima seiner Zeit bestimmt und viel wichtiger er bestimmt noch immer das geistige Klima, der Verdienst Unselds ist, das er nicht nur in HME und Jürgen Habermas noch immer weiter lebt, sondern sein Geist auch in der Form neuer Publikationen, weiterhin da ist. Der Suhrkamp Verlag jetzt geführt durch die Witwe, mit dem Ruf aller Witwen, hat dem Trend zum Wegwerf Buch widerstanden und liefert heute überragende Bücher, die man lesen will.
    Deswegen muss man sich nach wie vor an Siegfried Unseld abarbeiten, weil sein Werk steht und nicht zerfällt.

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