Ins Bild gerückt. Zur Geschichte des französischen Kolonialismus

1771 erschien der Roman Das Jahr 2440 des französischen Autors Louis-Sébastien Mercier und katapultierte seine Leser in die Zukunft. Der Ich-Erzähler erwacht im Paris des 25. Jahrhunderts und besichtigt bei seinem Gang durch die Stadt schließlich auch die neueren Monumente. Eine Statue löst bei ihm Bewunderung und Frohlocken aus: Dargestellt ist eine schwarze Person »in edler und Achtung gebietender Stellung«, »barhäuptig, mit ausgestrecktem Arm, blitzendem Auge«. Zu ihren Füßen findet sich die Inschrift: »Dem Rächer der neuen Welt«. Der namenlose Zeitreisende bringt auch die historischen Hintergründe dieses Denkmals in Erfahrung: Hier wird ein Sklavenbefreier gefeiert, ein »Todesengel«, der die »Fesseln seiner Landsleute« ein für alle Mal zerstört und die Welt damit »in Freiheit gesetzt« hat. Seinem Beispiel folgend hatten tausende Sklaven sich gegen ihre Peiniger erhoben. Sie richteten ein vom Gott der Gerechtigkeit gewolltes Blutbad an: »Franzosen, Spanier, Engländer, Holländer, Portugiesen, alles wurde ein Raub des Schwertes, des Giftes und der Flammen.« Selbst die toten Vorfahren der Sklaven erstanden aus ihren Gräbern auf, ihre Gebeine schienen »vor Freude zu klappern«.

(Der Essay ist im Novemberheft 2019, Merkur # 846, erschienen.)

Die Gewalt hat jedoch nicht das letzte Wort, die europäische Präsenz ist nicht vom Erdboden getilgt. Europa bleibt, das machen spätere Fassungen von Merciers Roman noch deutlicher, Modell und Maßstab. Der Zeitung entnimmt der Erzähler, dass der fürchterliche »Rächer« nach getaner Arbeit das »Schwert« niederlegte und sich damit »begnügte«, bloß »Gesetzgeber zu sein«. In Mexiko, so berichtet die Presse, regieren die Nachfahren Montezumas einen Staat, der Teil eines von einem Kaiser geführten politischen Staatswesens ist – »ungefähr so, wie zu Eurer Zeit das blühende deutsche Reich in viele Fürstentümer aufgeteilt war«. Aus Paraguay wird gemeldet, dass die dortigen Feiern zum »Andenken an die Abschaffung der schändlichen Sklaverei« auch einen Anlass boten, der Bevölkerung nicht nur das politisch, sondern auch das wirtschaftlich Erreichte vor Augen zu führen. Es waren »Ackerbau« und »Künste« aus Europa, die das Land »dem Elend entrissen«, wie die »keineswegs undankbare« südamerikanische Nation »gesteht«.

Merciers fiktionaler Abolitionismus kennt nur Gewinner. Das gilt für die Welt im Text: »Herr« und »Sklave«, die »Kolonien wie die Metropolen« sind Nutznießer der Abschaffung der Sklaverei. Diese frohe Botschaft ist aber auch an das vorrevolutionäre Frankreich außerhalb des Texts adressiert. Nach dem Blutbad gibt sich Mercier versöhnlich, um das literarisch geschilderte Schlachten den Befürwortern der Sklaverei als Lehrstück entgegenzuhalten. In der 1786 erschienenen Ausgabe richtet sich der Erzähler eindringlich an die zeitgenössischen Leser des 18. Jahrhunderts: Wenn der gütige »Himmel einen Spartacus an den Ufern des Gambia entstehen ließe, […] was wird dann aus unseren Kolonien?« Wer an der Sklaverei festhält, muss in Zukunft mit dem Schlimmsten rechnen. Wer ihr ein Ende setzt, kommt – als Plantagenbesitzer- oder -aufseher – in den Genuss von ihren Herren »desto treuer« ergebenen »Untertanen«.

Es gilt, die Sklaverei abzuschaffen, um den Fortbestand des Kolonialismus zu sichern. Im 25. Jahrhundert Merciers herrscht Frankreich über Griechenland, Ägypten und weitere Teile Afrikas. Die überseeischen Besitzungen tragen beträchtlich zum französischen Handelsreichtum bei. Im Gegenzug »regeneriert« die Kolonialmacht die afrikanischen Territorien. Eigens eingeführte europäische Baumsorten, so fantasiert Mercier, mildern das trockene Klima des Kontinents und erschließen ihn so für die Viehzucht. Nicht alle lokalen Machthaber wollten sich ihrem Schicksal fügen. Bei Mercier führt die Reise in das Jahr 2440 durch ein 19. Jahrhundert voller »notwendiger« Kriege gegen die barbarische »Tyrannei« in Afrika. Von Frankreich erobert zu werden heißt zivilisatorisch laufen lernen.

Die Wirklichkeit holte die Literatur bald ein. Die Sklavenaufstände, die in den 1790er Jahren die französische Kolonie Saint-Domingue in der Karibik erschütterten, empfand Mercier als Fanal. Wo der Roman dem gerechten Zorn der Geknechteten huldigt, ja ihm buchstäblich ein Denkmal setzt, macht sich nun blankes Entsetzen breit: »Unsere Kolonien« stehen in Flammen, entfuhr es dem Literaten, der inzwischen auch Abgeordneter des Nationalkonvents war. Zwar rühmte sich Mercier 1798, mit seiner literarischen Zukunftsschau der eigentliche »Prophet der Revolution« zu sein, aber ihre karibischen Ausläufer flößten ihm Angst und Schrecken ein. In Merciers Text offenbart sich das spannungsgeladene Verhältnis zwischen Sklaverei, französischem Kolonialismus und der Darstellung schwarzer Körper in Kunst und Literatur. Dieses Erbe der französischen Geschichte birgt bis heute Sprengstoff und zieht sich als Leitmotiv durch die Ausstellung Le modèle noir, die von März bis Juli dieses Jahres im Pariser Musée d’Orsay zu sehen war.

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