Nostress. Kapverdische Notizen

Die Kapverden, das Archipel im Atlantik, liegt drei Flugstunden von Lissabon und anderthalb von Dakar entfernt. Unter den afrikanischen Nationen ist der seit 1975 unabhängige Staat einer der stabilsten, auch relativ wohlhabend mit einem Bruttoinlandsprodukt von 3000 Euro pro Kopf. Dazu tragen die rund 700 000 Touristen jährlich bei und die Überweisungen der Kapverdianer, die in alle Himmelsrichtungen ausgewandert sind. Lange Warteschlangen gibt es nicht nur an den Wasserstellen, zu denen Frauen und Kinder schwere Plastikkanister schleppen, sondern auch vor den Bankfilialen, wo man die Escudos aus dem Ausland abhebt.

(Der Essay ist im Novemberheft 2019, Merkur # 846, erschienen.)

So auch in Assomada auf der Insel Santiago, der »afrikanischsten« der neun sehr unterschiedlichen Inseln. Von dort stammt Amílcar Cabral, dessen Konterfei auf vielen großen Wandgemälden prangt. Vor Jahrzehnten stand er mit Sekou Touré und Kwame Nkrumah in der ersten Reihe antikolonialer Befreiungskämpfer, zählte wie Frantz Fanon und Aimé Césaire zu den Vordenkern panafrikanischer Identität und Zusammenarbeit. In Lissabon studierte er Tropenlandwirtschaft und gründete das Centro de Estudios Africanos, sein Ziel war die »Reafrikanisierung des Denkens«.

Cabral stieg auf zum Kopf der Afrikanischen Partei für die Unabhängigkeit von Guinea und Kap Verde (PAIGC), er führte den bewaffneten Aufstand gegen Portugal an und warb bei den Vereinten Nationen, im US-Kongress, im Vatikan und bei der Sozialistischen Internationale für die Unabhängigkeit. Dass er, anders als der etwas jüngere, 1967 exekutierte Che Guevara, außerhalb der Kapverden etwas in Vergessenheit geraten ist, liegt auch an seinem dubiosen Ende: Im Januar 1973 kam Cabral bei einem Attentat ums Leben, dessen Auftraggeber bis heute unklar sind, aber in den eigenen Reihen vermutet werden. Die Rivalitäten innerhalb der PAIGC, die sich nach der Unabhängigkeit des Landes nach Moskau und Peking ausrichtete und als autoritäre Einheitspartei regierte, führten 1976 zur gewaltsamen Loslösung Guineas von den Kapverden – ein düsteres Kapitel der postkolonialen Geschichte. Cabrals Mausoleum liegt unzugänglich in einer Kaserne in Guinea, wenige Getreue halten sein revolutionäres Erbe gegen die afrikanischen Staatsklassen hoch und beschwören die panafrikanische Einheit.

Mittlerweile tritt die Volksrepublik China auch auf den Kapverden als neoimperiale Macht auf; für den Ausbau der Infrastruktur erhandelte sich die Volksrepublik Steuervergünstigungen und Zollbefreiungen, die von chinesischen Familien betriebenen Lu Supermercados bedrängen den lokalen Handel. Die PAICV (Partido Africano da Independência de Cabo Verde) fährt heute einen sozialdemokratischen Kurs und wechselt sich mit der liberalen Partei MpD an der Regierung ab. Nach allen Indikatoren für Bürger- und Pressefreiheit, auch der Bekämpfung von Korruption, liegt der Inselstaat weit über dem afrikanischen Durchschnitt – und ist so gesehen ein beruhigend langweiliges Land. Was auch daran liegen mag, dass dort weder Diamanten noch seltene Erden vorkommen und vor den Küsten kein Erdöl zu fördern ist. Doch am 5. Juli, dem Tag der Unabhängigkeit, zog in diesem Jahr eine beachtliche Schar junger Demonstranten durch Mindelo, organisiert von der Bewegung SOKOLS 2017, die für mehr Autonomie für São Vicente kämpft und die Zentralregierung in Praia auf der Insel Santiago herausfordert. Einheimische Beobachter verglichen dieses überraschende Ereignis mit Jugendprotesten in Europa.

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