Demokratisierung der Demokratie

Demokratische Repräsentation war ursprünglich die Lösung für ein Problem, das Pöbel oder Menge hieß. Mit ihr ließen sich zwei Unterscheidungen zur gleichen Zeit vollziehen: die zwischen Repräsentanten und Repräsentierten und die zwischen repräsentierbar und nicht repräsentierbar. 1 Das aber etabliert zwei potentielle politische Bruchstellen. Einerseits den Verdacht, dass die Repräsentanten die Interessen der Repräsentierten vergessen oder vernachlässigen, oder diejenigen, die zu repräsentieren sie beauftragt sind, gar gänzlich verachteten. Aber es geht nicht nur um diese beständige Möglichkeit einer Repräsentationslücke – »representative government as we know it leaves open a ›gap‹ between governors and governed, so that despite being represented, the people remain outside« –, 2 sondern auch andererseits um die Frage, was in der Demokratie als repräsentierbar eingeschlossen und was als nichtrepräsentierbar ausgeschlossen werden muss.

(Der Essay ist im Dezemberheft 2019, Merkur # 847, erschienen.)

In dem neuen demokratischen Diskurs des späten 18. und frühen 19. Jahrhunderts wird Volk zunächst eher als transzendentales Prinzip denn als konkretes Handlungssubjekt angerufen: »We the people«. Volkssouveränität ist erst einmal eine abstrakte Referenzgröße in einem politischen Legitimationsdiskurs, ohne dass schon eine genaue Vorstellung darüber besteht, wie sie konkret ausgestaltet werden sollte. 3 Und hinter diesem abstrakten Legitimationskonzept verschwindet das konkret vorgestellte gemeine Volk, der Plebs oder der Pöbel, als politische Größe. Politische Abstraktion ersetzt soziale Konkretion, vor allem weil ja mit Volk in etwa Nation gemeint war, und keine bestimmte Gesellschaftskategorie: »The people are not the rabble but are constituted of all the inhabitants of the land.« 4 In Artikel 7 der französischen Verfassung von 1793 heißt es erläuternd: »Le peuple souverain est l’universalité des citoyens français.« Das antwortete auf die Vorbehalte gegenüber the rabble. Der Volksbegriff spaltet sich also, im Zuge der Durchsetzung der demokratischen Idee, im 18. Jahrhundert in zwei Konzepte – ein niedriges: Pöbel, ein hohes: Nation.

Schon bei Jean Bodin gab es ein peuple en corps, Träger der Souveränität, und ein menu peuple, also schlicht eine Gemengelage, »das gemeine Volk, das von der politischen Macht auszuschließen die Weisheit nahelegt«, 5 und auch bei Thomas Hobbes findet sich die Entgegensetzung aus multitudo (crowd) und der durch Repräsentation bewerkstelligten Einheit. Im Übergang von der alten Ordnung in die neue Gesellschaft ist das ein zentrales Problem. In Klopstocks Deutscher Gelehrtenrepublik von 1774 ist die unbedingt für notwendig erachtete Absonderung des Pöbels vom Volk noch in der Begrifflichkeit der Standesgesellschaft gedacht. Dem Pöbel, sozusagen dem Pöbelstand, wird nämlich zunächst noch ein Platz in der Ständeversammlung zugewiesen, wenn auch am Narrensaum: »Wir muͤssen auch, weil dieses einmal nicht zu aͤndern ist, Poͤbel unter uns dulden. Dieser hat sich fast auf jedem Landtage uͤber seine Benennung beschwert. Man hat ihm zu seiner Beruhigung verschiedne andre Benennungen angeboten als: Das geringe Volk, der grosse Haufen, der gemeine Mann; aber er hat damit nie zufrieden seyn, sondern immer: Das grosse Volk heissen wollen […] Er hat keine Stimme auf den Landtagen; aber ihm wird ein Schreyer zugelassen, der so oft man nach einer Stimmensamlung ausruht, seine Sache recht nach Herzens Lust, doch nur eine Viertelstunde lang, vorbringen darf. Er ist gehalten einen Kranz von Schellen zu tragen. Nach geendetem Landtage wird er allezeit Landes verwiesen.« Dass der Pöbel schreit, ist eine übereinstimmende Charakterisierung, und deswegen darf er keine Stimme erhalten, sondern ihm wird höchstens etwas Zeit zum folgenlosen Ausagieren eingeräumt.

Bei Hegel ist das Problem dann schon in der Begrifflichkeit der Arbeit gefasst, also in den Zusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft gestellt. Die politische Trennung zwischen Pöbel und Volk wird hier ökonomisch begründet: »Die bürgerliche Gesellschaft spaltet sich in jene, die in ihr ihre Arbeit und ihren Platz in einem Stand finden und in jene, die bloße Privatpersonen sind; die Privatpersonen spalten sich in Arme und … [Reiche]; die Armen spalten sich in Arme und armen Pöbel.« 6 Ende des 18., Anfang des 19. Jahrhunderts, also genau zu der Zeit, als sich politisch der positive Volksbegriff als Nation etabliert, setzt sich zunächst diese Definition durch: Pöbel ist, was »außerhalb der Ehren der Arbeit« steht. »Wer vom Pöbel ist, der will umsonst leben«, heißt es dann später auch bei Nietzsche. Der Pöbel ist das, was der »Arithmetik des Tauschs entwischt« (Rancière) und damit dem zentralen Prinzip der bürgerlichen Gesellschaft – der Arbeit – widerspricht und sie dadurch in Frage stellt. Ob bei Hegel oder bei Sieyès, die Betonung der Arbeit dient der doppelten Delegitimierung der alten Ordnung, nach oben wie nach unten – armer, reicher Pöbel, weil das Bürgertum sich als allein produktiv darstellen kann.

Die Abwertung des Pöbels als außerhalb der Ehre der Arbeit stehend lässt jedoch auch die Widersprüchlichkeit der bürgerlichen Gesellschaft manifest werden und verdichtet sich schließlich zur politischen Bedrohung. Die bürgerliche Gesellschaft beruht auf Arbeit, kann sie aber nicht jedem bieten. Werner Conze referiert Hegel: »Damit aber entstehe ein Unrecht. Der Pöbel, der durch eigene Arbeit seinen Unterhalt nicht mehr gewinnen könne, fordere ihn nun als ein Recht«. 7 Anders formuliert: Der Pöbel ist die Vorgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft, die noch widersprüchlich in sie hineinragt, in die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft nicht zu integrieren ist, sich dieser Geschichtsschreibung verweigert. 8 So auch bei Marx: »Das Lumpenproletariat ist die passive Verfaulung der untersten Schichten der alten Gesellschaft« (MEW 4). Anfang des 19. Jahrhunderts ist das die »blutende Wunde« der Gesellschaft, der Pauperismus – ein zudem aufgrund der starken »unterständischen Vermehrung«, sprich durch mangelnde Geburtenkontrolle, die ja die ständische Gesellschaft durch Heiratsverbot noch zu leisten vermochte, »wuchernder Pöbel«, 9 der sich zu einer sozialrevolutionären Gefahr zu entwickeln schien.

Und zu etwa dem gleichen Zeitpunkt, zu dem sich (ökonomisch wie politisch) der Pöbel vom Volk abspaltet, spaltet sich ästhetisch das Populäre vom Vulgären ab. Die Inauguration des Volks als neuer Legitimationsinstanz erfordert es eben gerade, das Illegitime an ihm abzuspalten. In der Vorrede zu Herders Volksliedern (1779) heißt es: »Volk heißt nicht der Pöbel auf den Gassen, der singt und dichtet niemals, sondern schreyt und verstümmelt.« Insofern ist das gute Volk, an das hier appelliert wird, im Kontrast zum gemeinen Volk zunächst reine Elitenfiktion, eine imaginäre Größe, die sich auch nur in seinen durch Eliten bewerkstelligten Repräsentationen manifestiert, sei es in Volkslieder- oder Märchensammlungen, sei es im Parlament. Aber gerade in der Beschäftigung der Eliten mit dieser neuen abstrakten Größe, mit der Vermessung und der Kanonisierung der hergebrachten Lieder, Märchen, Sprichworte etc. entsteht das Bild vom common man, vom average best, wandelt sich die Vorstellung der konkret bedrohlichen Menge in die geschönte Vorstellung einer sozialen Normalität. Der Gedanke an die Herrschaft von king number verliert mit der Entdeckung der Normalverteilung etwas von seinem Schrecken: Das Volk, meist (als Menge) als diejenige Größe vorgestellt, die Ordnung unterminiert, wird nun, in völliger Umkehrung der vorherigen Diskurslage, zu derjenigen Größe, die Herrschaft garantiert – solange und insoweit es repräsentiert wird, also Form erhält: »Eine Regierungsform, die nicht repräsentativ ist, ist eigentlich eine Unform« (Kant).

Hierzu war aber der Ausschluss des Pöbels nötig. So wie (bei Hegel) der Pöbel das ist, was aus dem »Vermittlungszusammenhang der bürgerlichen Gesellschaft« herausfällt, 10 so ist das Volk als Pöbel das, was aus dem politischen Repräsentationszusammenhang herausfällt, oder so ist das Vulgäre das, was aus dem Zusammenhang ästhetischer Repräsentation herausfällt. Das vollzieht sich umso leichter, als das Volk ja als allgemeine, abstrakte Legitimationsinstanz keine neue Größe ist: »Die besten Kaiser und Könige und alle edle Menschen haben ja auch immer nur bekannt, daß sie für das Volk da sind und für das Volk und mit dem Volk regieren. Das Volk ist ebenso heilig, als der Pöbel unheilig ist« (Christoph Freiherr von Arentin, 1809). Das allgemein angerufene Volk zerfällt also in einen repräsentierbaren (heilig) und einen nicht repräsentierbaren Teil (unheilig). Im Vordergrund dieser Spaltung steht zunächst die soziale Dimension: Volk bedeutete einerseits die Unterschicht. Aber »wo ›Volk‹ politisch wirksam wird, oder gar den Gesamtwillen repräsentieren soll, bedeutet es das genaue Gegenteil, nämlich die Oberschicht«. Sie ist es, »die im Namen des ›Volkes‹ im weiteren Sinne sprach und handelte, diesem aber kaum Einfluß gewährte«. 11 Politisch meint Volk also eigentlich zunächst: Nicht-Volk. Der Politikwissenschaftler Adam Przeworski schreibt: »Systems of representative government were born under a fear of participation by the broad masses. One would not err much in thinking that the strategic problem of ›founders‹, pretty much everywhere, was how to construct representative government for the rich while protecting it from the poor.« 12

Wenn man sich zunächst den Ausschluss noch konkret vorstellen kann, weil es soziale Trägergruppen gibt, die sich ungefähr mit Volk und Pöbel assoziieren lassen, und es die Arbeit ist, die als Unterscheidungsmerkmal dient, hilft die wirtschaftliche Differenz eine politische zu markieren. Der Marxismus schließlich führt die hegelsche Logik fort und radikalisiert sie. Wenn sich die gesamte Gesellschaft um die »Sonne der Arbeit« dreht, drehen soll, sind diejenigen, die nicht arbeiten (wollen), auch hier eine bleibende Provokation. Das Proletariat ist die allgemeine Klasse und leitet daraus seinen Herrschaftsanspruch ab. Das Lumpenproletariat jedoch, aus dem Zusammenhang der Arbeit fallend, ohne jegliches politisches Bewusstsein, mit »ungesunden und liederlichen Gelüsten«, das sich nur ein »paar flotte Tage machen« will, ist tendenziell konterrevolutionär. 13 Bauern hingegen sind gar keine Klasse – nur eine »Addition gleichnamiger Größen […] unfähig, ihr Klasseninteresse im eigenen Namen […] geltend zu machen. Sie können sich nicht vertreten, sie müssen vertreten werden« (Marx, 18. Brumaire des Louis Napoleon). Aber wie will man einen »Sack Kartoffeln« repräsentieren?

Repression by Representation

Vor der Durchsetzung der Idee der Volksrepräsentation markierte der Begriff Pöbel »die verbotene Politisierung des ›gemeinen‹ Mannes« (Roman Widder). Wird die Politisierung dieses gemeinen Mannes zugelassen, muss das Verbotene an ihm unterdrückt werden. Das Bemühen um die Repräsentation des Ganzen erfordert die Erklärung der Unrepräsentierbarkeit eines Teils. Damit das Volk regieren kann, muss die Menge ausgeschlossen werden. Das Changieren zwischen politisch-abstrakter und konkret-sozialer Begriffsbedeutung ermöglicht es, dass sich als la part des sans-part (Rancière), als Teil ohne Anteil, ein nicht repräsentierter beziehungsweise nicht repräsentierbarer Plebs von einem repräsentierten oder repräsentierbaren Volk abspaltet – als »great residuum«. Mit der und durch die Repräsentation wird eine Differenzierung zwischen repräsentiertem Volk (Nation) und unrepräsentierbarem Pöbel vorgenommen.

Der erst politische, dann ökonomische Grund des Ausschlusses wird schließlich einer, der auf das politische Verhalten selber abstellt und die Legitimation politisch-rekursiv begründet. Bei Kant rechtfertigt das unbürgerliche Verhalten den Ausschluss von der politischen Teilhabe. »Unter dem Wort Volk (populus) versteht man die in einem Landstrich vereinigte Menge Menschen, insofern sie ein Ganzes ausmacht. Diejenige Menge oder auch der Teil derselben, welcher sich durch gemeinschaftliche Abstammung für vereinigt zu einem bürgerlichen Ganzen erkennt, heißt Nation (gens); der Teil, der sich von diesen Gesetzen ausnimmt (die wilde Menge in diesem Volk), heißt Pöbel (vulgus), dessen gesetzwidrige Vereinigung das Rottiren (agere per turbas) ist; ein Verhalten, welches ihn von der Qualität des Staatsbürgers ausschließt.« 14 Die ökonomische Differenz weitet sich somit langfristig in die Vorstellung des allgemein Unrepräsentierbaren aus, inklusive der Bedeutung des Unkontrollierbaren – »Rottiren […] agere in turbas«, sich zusammenrotten, zur konkreten, bedrohlichen Menge oder Meute. Und die Grundlage der Bildung eines »bürgerlichen Ganzen« wird wechselseitige Anerkennung: Der Staat erkennt den Bürger als Staatsbürger an, vorausgesetzt, dieser erkennt als Staatsbürger den Staat an, zeigt also Rechtsgehorsam.

Die Zweiteilung des Volkes war zumindest die prozedurale Lösung der repräsentativen Demokratie: »Es ist gerade ein Vorzug dieser Regierungsform, daß vermöge ihrer der Volkswille nicht in seinem ersten und unmittelbarsten, oftmals leidenschaftlichen und unklaren Erguß, sondern erst geläutert, gemäßigt und abgeklärt durch eine Reihe von Mittelstufen und Organen zur Verwirklichung gelangt.« 15 Es ist gerade der Vorzug der (repräsentativen) Demokratie, den Pöbel außen vor zu halten. Es ist gerade der Trick der Repräsentation, etwas in der Demokratie beständig Anwesendes abwesend zu halten. Deswegen ist es auch eigentlich unsinnig zu erwarten, dass die neuen politischen Repräsentativkörperschaften repräsentativ zu sein hätten. Dies nicht zu sein, war und ist ihre Funktion – die schon aus dem Auswahlmechanismus zwingend resultiert. 16

Repräsentative Demokratie als Oxymoron?

Es ist aber fraglich, ob man diese Abspaltung – wie bei Rancière – als permanenten demokratischen Selbstwiderspruch verstehen soll, und das Politische als permanente Bearbeitung dieses Selbstwiderspruchs. Zunächst heißt es bei Rancière nur in fast wortwörtlicher Wiederholung der Rousseau’schen Position: »There is, strictly speaking, no such thing as democratic government. Government is always exercised by the minority over the majority«, Demokratie sei nur eine listige Mischung aus Gleichheit und Ungleichheit (John Dunn). 17 Und Rancière weiter: »The self-evidence which assimilates democracy to a representative form of government resulting from an election is quite recent in history. Originally representation was the exact contrary of democracy. None ignored this at the time of the French and American revolutions. The Founding Fathers and a number of their French emulators saw in it precisely the means for the elite to exercise power de facto, and to do so in the name of the people that representation is obliged to recognize but that could not exercise power without ruining the very principle of government […] ›Representative democracy‹ might appear today as a pleonasm. But it was once an oxymoron.« 18 Die Rede von der repräsentativen Demokratie mag heutzutage also wie ein Pleonasmus wirken, ehedem war der Ausdruck ein Oxymoron.« Jacques Rancière, Hatred of Democracy. London: Verso 2007.] Für Rancière ist daher der ständige Kampf gegen den Ausschluss und der Kampf der Ausgeschlossenen gegen »die Regierung« die Essenz des Politischen.

Aber ist der Konflikt so richtig verstanden? Denn den part sans part trennt ja nicht die Differenz nach öffentlich und privat, und es geht auch nicht mehr um den Einschluss oder Ausschluss bestimmter Gesellschaftsgruppen, sondern die Differenz trennt zu(ver)lässig und unzu(ver)lässig, repräsentierbar und unrepräsentierbar. Der Pöbel ist nicht privat oder kämpft gegen seine Privatisierung, sondern steht als Ganzes außerhalb der bürgerlichen Gesellschaft, repräsentiert das Nichtrepräsentierbare. Er ist aber zugleich ganz innerhalb dieser Gesellschaft. Das Populistische ist daher immer eine mögliche Erscheinungsform des Demokratischen, und das Antipopulistische muss von einem sozialen Ausschließungsmechanismus zu einem Regime der Verhaltensregulierung, zu einem Disziplinierungsprojekt werden. Diesbezüglich passen Kapitalismus und Demokratie zueinander: Hier ist jeder ein »virtueller Pauper«, dort jeder ein »virtueller Pöbler«.

Denn die Demokratie als Praxis hat die Demokratie als Idee überholt. Ihr inklusiver Impuls hat sich längst durchgesetzt, keine soziale Gruppe, die heute noch politisch ausschließbar wäre, und schon gar nicht ermöglicht irgendeine wirtschaftliche Markierung noch irgendeine politische – jede Exklusion in Bezug auf Stand, Bildung, Steuerzahlungen, wohlfahrtsstaatlichen Unterstützungsempfang, zu schweigen von Geschlecht, Alter oder Hautfarbe, wurde Schritt für Schritt aufgegeben: »Democracy’s triumph has been the collapse of one exclusion after the other, in ever-greater indignity, with the collapse of the exclusion of women, the most recent, hastiest and most abashed of all.« 19 Dem auf Personen bezogenen inklusiven Impuls entsprechen die Reformen der institutionellen Praxis der Demokratie: Universalisierung des Wahlrechts, Durchsetzung des Prinzips der geheimen, direkten Wahl, immer stärkere Verantwortlichkeit der Regierung gegenüber dem Parlament unter anderem durch den Bedeutungsverlust nicht gewählter Zweiter Kammern, damit immer stärkere Verantwortlichkeit gegenüber den die Zusammensetzung des Parlaments bestimmenden Wählern. Der nicht stillzustellende demokratische Impuls, das nicht stillzustellende Streben nach Gleichheit verlagert sich daher entweder ins Mikroskopische, auf die Suche nach den Mikroaggressionen »im Verborgenen der Dominanzgesellschaft«, oder ins Makroskopische: no borders, no nations. Und das generiert eine ganz eigene Konfliktdimension. 20 Ansonsten aber muss diskursiv das ausgeschlossen werden, was sozial längst eingeschlossen ist, durch ein Regime des Sagbaren und des Unsagbaren.

Die Demokratie selber hat dafür keine eigenen Stoppregeln, zumindest keine prinzipieller, sondern nur solche praktischer Art. Deren Funktionskrise erleben wir gerade – aber anders verstanden als üblicherweise: nicht in dem Sinne, dass etwas Vorhandenes nicht mehr angemessen repräsentiert wird, sondern in dem Sinne, dass etwas immer Vorhandenes sich heute durch Repräsentation nicht mehr effektiv unterdrücken lässt. Repression by representation funktioniert nicht mehr wie gewohnt, die Disziplinierungsfunktion der Demokratie lässt nach. 21

Was bedeutet das für unsere gegenwärtige Debatte? Populismus ist wohl nur unzureichend verstanden, wenn wir ihn lediglich als Elitenkritik fassen. Er geht nicht auf in einer »latent immer vorhandene[n] elitenkritische[n] Mentalität mittlerer und unterer sozialer Segmente«, sondern markiert, grundsätzlicher noch, das Aufbrechen eines Ausschlusses. Insofern lässt sich der »Populismus an den turbulenten Rändern des politischen Systems […] in Anlehnung an Freuds Diktum von der ›Rückkehr des Verdrängten‹ als die Rückkehr des vom repräsentativ-liberalen System verdrängten politischen Souveräns, also des Volkes als Demos« verstehen – 22 oder eher des Volkes als Pöbel. Das ist voraussehbar kein appetitlicher Vorgang, und insofern konfrontiert die Populismusdebatte die Demokratie mit ihren Aporien: »[W]e could interpret populism as the return of the repressed, or better still, as a symptom of democracy; that is, as an internal element of the democratic system which also reveals the limits of the system and prevents its closure in the pure and simple normality of institutional procedures.« 23

Aber der return of the repressed ist im Wesentlichen ein return of the non-represented – oder Konsequenz einer nicht mehr funktionierenden repression by representation. Hierauf zielt die Formel von der Demokratisierung der Demokratie, die damit in Betracht zieht, dass der Streit um die Grenze zwischen repräsentierbar und nicht repräsentierbar als inhärenter, unvermeidbarer Teil der Demokratie zu verstehen ist und dass sich hier in letzter Zeit die Grenzen verschoben haben (so wie ja auch dem Vulgären die Rückkehr in die Kunst ermöglicht wurde).

Damit stellt sich mit dem gegenwärtigen Populismus auch erneut die Frage der Menge, die in der Demokratie immer offen geblieben ist und offen bleiben musste – die Frage nach dem Verhältnis zwischen Präsenz und Repräsentanz, nach dem Punkt, wo »sich die Diskurse der Clubs, Fraktionen und Sektionen mit dem des Konvents kreuzen« als Frage, die schon die Dynamik der Französischen Revolution wesentlich bestimmte. 24 Es ist das Problem der »Menge, die sich weigert, Volk zu werden« (Negri/Hardt), aber dennoch politisch wirksam wird, es ist das Problem der Partizipation ohne Repräsentation, 25 und der beständigen Ausweitung dieser Partizipation, es ist das Problem der Demokratisierung der Demokratie.

Es liegt somit nahe, zunächst gar keine Krise der Demokratie, sondern eine der demokratischen Repräsentation zu diagnostizieren, eine Krise der Politik unter den Bedingungen der »Partizipation ohne Repräsentation«. Das verweist auf den Zusammenbruch von Ausschlussregeln und Repräsentationsnormen und damit letztlich auch auf eine Medienrevolution, die mit sozioökonomischen Umwälzungen Hand in Hand geht, Symptom der gleichen Ursache ist. Dieser Zusammenhang lässt sich mit großer Zuverlässigkeit an all jenen Schwellen beobachten, die für die historische Formulierung neuer Einschlüsse und Ausschlüsse konstitutiv waren. Es ist aber heute weitgehend vergessen oder verdrängt, dass die Demokratie 1789 inmitten der wildesten Hetzreden und der gröbsten Obszönitäten auf die Welt kam, 26 immer wieder vorangetrieben von einer Menge, die dann oft doch nur ein Lynchmob war. So ist die gegenwärtige Krise der Repräsentationsinstanzen ganz offensichtlich eine Krise der Kontrollinstanzen – und diese verweist auf grundlegende Änderungen in der Organisation und Kommunikation von Politik. Das formt sich aber noch nicht notwendigerweise zu einer Krise der Demokratie.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Dieser Text wurde veranlasst durch die Diskussion auf der Tagung des Konstanzer Kulturwissenschaftlichen Kollegs zum Thema Populismus am 19. Februar 2019. Ich bin Albrecht Koschorke für die Einladung außerordentlich dankbar. Zugleich ist der Aufsatz eine Vorabveröffentlichung aus einem im Frühjahr 2020 bei Suhrkamp erscheinenden Essay: (Ent-)Demokratisierung der Demokratie.
  2. Margaret Canovan, The People. Cambridge: Polity 2005.
  3. Peter Graf Kielmansegg, Volkssouveränität. Eine Untersuchung der Bedingungen demokratischer Legitimität. Stuttgart: Klett 1977.
  4. Bertlinde Laniel, Le mot »democracy« et son histoire aux États-Unis de 1780 à 1856. Presse Universitaire de Saint-Etienne 1995.
  5. Giorgio Agamben, Mittel ohne Zweck. Noten zur Politik. Freiburg: diaphanes 2001.
  6. Frank Ruda, Hegels Pöbel. Eine Untersuchung der »Grundlinien der Philosophie des Rechts«. Konstanz University Press 2011.
  7. Werner Conze, Vom »Pöbel« zum »Proletariat«. Sozialgeschichtliche Voraussetzungen für den Sozialismus in Deutschland. In: Vierteljahrsschrift für Sozial- und Wirtschaftsgeschichte, Nr. 4, 1954.
  8. Albrecht Koschorke, Hegel und wir. Berlin: Suhrkamp 2015.
  9. Beides Formulierungen von Werner Conze. In gewisser Weise realisiert sich dann die Klopstock’sche Version, nämlich »vom Pöbel so viele, als möglich, des Landes zu verweisen«. Die Pauperismus-Debatte verliert mit der Migration nach Übersee in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts an Virulenz. Der »Export des eigenen Pöbels« (Jürgen Osterhammel), etwa in die Strafkolonie Australien, ist dann ein zentrales Motiv der britischen Auswanderungspolitik des 19. Jahrhunderts.
  10. »§ 244 Das Herabsinken einer großen Masse unter das Maß einer gewissen Subsistenzweise, die sich von selbst als die für ein Mitglied der Gesellschaft notwendige reguliert, – und damit zum Verluste des Gefühls des Rechts, der Rechtlichkeit und der Ehre, durch eigene Tätigkeit und Arbeit zu bestehen, – bringt die Erzeugung des Pöbels hervor, die hinwiederum zugleich die größere Leichtigkeit, unverhältnismäßige Reichtümer in wenige Hände zu konzentrieren, mit sich führt.« Hegel, Grundlinien der Philosophie des Rechts.
  11. Karl Ferdinand Werner, Volk, Nation. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze u. Reinhart Koselleck. Bd. 7. Stuttgart: Klett-Cotta 1992.
  12. »Die repräsentativen Regierungssysteme entstanden unter dem Eindruck der Furcht vor einer Beteiligung der breiten Masse. Man liegt sicher nicht ganz falsch mit der These, dass das strategische Problem, dem sich ihre ›Gründerväter‹ praktisch überall gegenübersahen, darin bestand, den Reichen politische Repräsentation zu ermöglichen und zugleich die Armen vom Regieren auszuschließen.« Adam Przeworski, Why Bother with Elections? Cambridge: Polity 2018.
  13. Zit. n. Peter Bescherer, Vom Lumpenproletariat zur Unterschicht. Produktivistische Theorie und politische Praxis. Frankfurt: Campus 2013.
  14. Geschichtliche Grundbegriffe, Eintrag zu »Volk, Nation« in Band 7.
  15. Geschichtliche Grundbegriffe, Eintrag zu »Demokratie« in Band 1.
  16. Wer eine völlig repräsentative Zusammensetzung von Repräsentativinstanzen wie etwa Parlamenten anstrebt, der muss nach dem Zufallsverfahren rekrutieren, nicht nach der »aristokratischen« Wahl.
  17. Rousseau, Vom Gesellschaftsvertrag: »Nimmt man den Begriff in der ganzen Schärfe seiner Bedeutung, dann hat es niemals eine echte Demokratie gegeben, und es wird sie niemals geben. Es geht gegen die natürliche Ordnung, daß die Mehrzahl regiert und die Minderzahl regiert wird.«
  18. »Dass man Demokratie ohne Weiteres mit einer Form der repräsentativen Regierung gleichsetzt, die sich Wahlen verdankt, ist ein historisch spätes Phänomen. Ursprünglich war Repräsentation das genaue Gegenteil von Demokratie. Zur Zeit der Amerikanischen wie auch der Französischen Revolution war das noch jedermann bewusst. Die ›Gründerväter‹ und manche ihrer französischen Nacheiferer sahen darin das probate Mittel, um der Elite de facto die Ausübung der Macht zu gestatten, und das im Namen des Volks, dessen Recht auf politische Teilhabe man zwar anzuerkennen hatte, das das Regieren aber nicht selbst übernehmen konnte, ohne dessen Prinzip ad absurdum zu führen […
  19. John Dunn, Setting the People Free. The Story of Democracy. New York: Atlantic Books 2005.
  20. Vgl. Pieter de Wilde u.a. (Hrsg.), The Struggle Over Borders. Cosmopolitanism and Communitarianism. Cambridge University Press 2019.
  21. Vgl. Hedwig Richter, Moderne Wahlen: Eine Geschichte der Demokratie in Preußen und den USA im 19. Jahrhundert. Hamburger Edition 2017.
  22. Karin Priester, Rechter und linker Populismus. Annäherung an ein Chamäleon. Frankfurt: Campus 2012.
  23. »Man könnte im Populismus die Wiederkehr des Verdrängten sehen oder, besser noch, ein Symptom von Demokratie, einen integralen Bestandteil dieses Systems, der dessen Grenzen sichtbar macht und verhindert, dass die Demokratie sich in die saubere und unkomplizierte Normalität institutioneller Verfahren zurückzieht.« Benjamin Arditi, Populism, or, politics at the edges of democracy. In: Contemporary Politics, Nr. 1/2003.
  24. Vgl. George Rude, The Crowd in the French Revolution. Oxford University Press 1967; François Furet, Penser la Révolution française. Paris: Gallimard 1978; Denis Richet, Tage des Volksaufstandes während der Revolution. In: Kritisches Wörterbuch der Französischen Revolution. Hrsg. v. François Furet u. Mona Ozouf. Frankfurt: Suhrkamp 1996.
  25. Simon Tormey, The End of Representative Politics. London: Verso 2015.
  26. Vgl. Robert Darnton, Literaten im Untergrund. Lesen, Schreiben und Publizieren im vorrevolutionären Frankreich. München: Hanser 1985.

4 Kommentare

  1. Anton Gutwein sagt:

    Zu wenig konkret. Es gibt auch ein Gleichgewicht des Pöbels,bzw der extremen Ansichten. Auf der einen Seite, üblicherweise Rechts genannt, steht der Pöbel der sich als Nation sieht, der sich durch ihren tatsächlichen oder eingebildeten Beitrag zur Gesellschaft definiert. Pöbel wird diese Gruppe genannt, weil sie die Teilhabe zur Nation und zur Arbeit zur Grundbedingung des Zusammenlebens macht und bereit ist die Menschen die diese Bedingungen nicht erfüllen, Arbeitsscheue und Migranten, mit Gewalt auszusondern. Auf der anderen Seite die Menschen die erklären, dass jeder Mensch den gleichen Anteil an den Früchten der Natur und den daraus gewonnen Produkten haben muss. Sie werden Pöbel genannt, von Kant bis Marx, weil sie sich nicht verpflichtet fühlen einen Beitrag zu leisten, Arbeit verweigern und glauben ein Recht zu haben, dass sie versorgt werden, die Gesellschaft sich um sie kümmert. Beide Seiten nennen sich selbst Avantgarde, Verkünder der Wahrheit, die Gegenseite Pöbel oder Bodensatz der Gesellschaft. Wie gesagt, das ist der Gegensatz von Rechts und Links, wie wir ihn auch heute erleben. Im Artikel wird darauf angespielt, dass es heute eine Repräsentation des Sagbaren gibt und eine Repression des Unsagbaren. Das gab es schon immer und ist Folge der Machtverteilung zwischen Rechts und Links. Das Unsagbare war bis 1945 plus ein paar Jahre, die Ansichten des linken Pöbels. Der Rechte Pöbel fand die Spitze seiner Repräsentation bis 1945. Seitdem gewinnen die Ansichten des linken Pöbels die Überhand, besonders erkennbar in der Sozialdemokratisierung der CDU unter Merkel. Trotz alle Pöbelei vom Pöbel und über den Pöbel, gerade auch von mir, müssen auch die Interessen des Pöbels berücksichtigt werden. Frei nach der US-Verfassung, dass jeder Mensch ein Recht auf das streben nach Glück hat, also einen für ihn passenden Platz in der Gesellschaft zu schaffen, bzw. zu haben. Dazu muss man alle Menschen mitbestimmen lassen und nicht über sie bestimmen, nach einem Motto alá „Einstein (Sheldon Cooper) weiß was für alle Menschen gut ist“ Vernunft ist keine Lösung, wenn man sie für alle Menschen voraussetzt. Vernunft ist die Lösung, wenn man die Unvernunft integriert und möglich macht. Demokratie ist die Lösung, wenn die Mehrheit die Lebensräume erlaubt und dabei hilft diese zu ermöglichen, dass auch der Pöbel als Pöbel glücklich sein darf. Das wird kompliziert, weil das Freiheit und Toleranz voraus setzt und allgemein verbindliche Regeln, selbst wenn sie absolut vernünftig erscheinen, aber überwiegend repressiven Charakter haben, unbedingt vermeidet. Wer dem Pöbel die Freiheit nicht lässt, hat viel mit Helikoptereltern gemeinsam. Helikopterdemokraten.

    1. Daniel Rotstein sagt:

      Es kann von keiner Repräsentation des linken Pöbels durch eine Partei die Rede sein, die immer noch das Paradigma vertritt, dass nur essen soll, wer auch arbeitet. Wenn die Entkopplung von Arbeit und Essen sozialdemokratisch sein soll, sind weder CDU noch SPD sozialdemokratisch. Vielleicht denken Sie an die größere Toleranz gegenüber anderen Werten und Lebensmodellen, so lange sie nicht das Primat der Leistungsgesellschaft antasten.

  2. Reiner Girstl sagt:

    John Dewey „Sozialphilosophie gibt einen mehr brauchbare Antworten, als die ganze Diskussion im 20. Jahrhundert und in den ersten 2 Jahrzehnten des 21. Jahrhunderts. Bei Dewey kann man lernen, was der Vorteil eines demokratischen Staates ist, ohne Adel, Könige und entsprechend der Anschauung Deweys vor Superreichen. Durch die Lektüre Deweys versteht man besser wie wichtig das Verständnis einer Gesellschaft der Gleichen für das Verständnis der Demokratie ist. Die Diskussion in Europa ist von all den Dingen bestimmt die in Europa gewirkt haben. Natürlich ist die USA der progressiven Bewegung auch Vergangenheit.

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