Die Zuspätrevoltierenden

In Ostdeutschland wirbt die AfD erfolgreich mit dem Slogan »Vollende die Wende« und appelliert damit an das verbreitete Gefühl, hier sei 1989 etwas Erstaunliches auf den Weg gebracht worden, dann aber ins Stocken geraten und seither unabgegolten. Tatsächlich ist die ostdeutsche Revolte von 1989, die zur ersten erfolgreichen Revolution in der deutschen Geschichte hätte werden können, auf halber Strecke steckengeblieben. Die radikalen Anfangsideen, die sich nicht zur Vulgarität des Konkreten hinreißen ließen, sondern zunächst einmal nur eine utopische Spannung erzeugten, die das Gefühl nährte, alles sei möglich, diese fabelhaften Ideen von Leipzig und Berlin wurden, als die Kleinbürger aus Ost (D-Mark-Lüstlinge) und West (die mit der D-Mark im Gepäck) Lunte gerochen hatten, rasch überwältigt und im Einheitskitsch erstickt (»Wir sind ein Volk«).

(Der Essay ist im Dezemberheft 2019, Merkur # 847, erschienen.)

Es gibt also zwei Schuldige, die die Revolte scheitern ließen: die westdeutschen Parteien, die die fetten Köder ausgelegt hatten, und die Ostdeutschen, die darauf hereingefallen sind. Anfangs vollkommen unbeteiligt, taten sich die Ideengangster aus Ost und West zusammen und verübten erfolgreich Anschläge auf die politische Fantasie, so dass bald nichts mehr übrig blieb und alles bleiben konnte, wie es war. Bis heute ist das die deutsche Lage. Und dass dieses 1989 dann auch noch als erfolgreiche »Revolution« gefeiert wird, ist die größte Schmach für die Ostdeutschen, die insgeheim wissen, dass sie es sich vermasseln ließen.

Die Ostdeutschen wurden um ihre Pubertät gebracht. Ein viel zu gutmütiger Onkel, Helmut Kohl als nachlässiger Erzieher, machte ihnen ein verführerisches Angebot: Er schenkte ihnen zum Geburtstag ein Auto und das Versprechen, noch viele weitere würden folgen (»blühende Landschaften«), wenn sie nur endlich Ruhe gäben und sich der Ordnung fügten, die er ihnen anbot. Das reichte, um die Mehrheit der Ostdeutschen hinter sich zu versammeln. Damit erstickte er die Revolte im Keim. Die Ossis, die gerade damit begonnen hatten, ihre Unterwürfigkeit abzulegen, hörten mittendrin auf, begaben sich in die Obhut dieses Mannes und erwarteten nun von ihm, dass er sie weiterversorge. Sie hatten damit lediglich ihren Herren gewechselt und fragten den neuen, was sie mit ihrer hinzugewonnenen Freiheit nun anfangen sollten. Er sagte ihnen nur: Bereichert euch, aber nicht ganz so wie wir. Und das macht natürlich keinen Spaß, weil man immer nur Zweiter sein kann.

Zunächst war Helmut Kohl der umgekehrte Josef K.: Jemand musste für Helmut K. ein gutes Wort eingelegt haben, denn ohne dass er etwas dafür getan hätte, fiel ihm eines Tages die Einheit in den Schoß. Mit der konnte er dann machen, was er wollte. Denn die Ossis vertrauten ihm ja zunächst blind. Doch der Glückspilz aus der Pfalz erwies sich als gesamtdeutscher Unglücksrabe, seine Bevorzugung vom Schicksal wurde vom Rest des Landes mit politischer Lethargie, Revoltenverzicht und Bräsigkeit bezahlt – und Ostlosigkeit.

Denn der Begriff der Wiedervereinigung täuscht darüber hinweg, dass hier nicht aus zwei gleichberechtigten Teilen etwas Neues hervorging, sondern ein Teil den anderen schluckte. (Die passende historische Referenz ist daher nicht die Reichseinigung von 1870/71, sondern der Anschluss Österreichs 1938.) Es war alles schon da, und man konnte sich ins gemachte Nest setzen, was bequem war, aber es war eben nie das eigene, man hatte damit kaum etwas zu tun. Und in jeder Krise neigte man dazu, das Nest infrage zu stellen; man hing ja nicht daran, ein anderer hatte es gebaut, und nur der kann stolz darauf sein. Der Osten hat sich unterdessen ganz woanders herumgetrieben und Erfahrungen gemacht, die keinen so recht interessieren. Er ist der verlorengegangene Sohn, der unter großem Jubel heimkehrte, dann aber bald feststellen musste, dass er nichts zu melden hat; der seine Füße unter Vaters Tisch stellt und nach dessen Pfeife tanzen muss.

Die Ostdeutschen sind also tatsächlich fremd im eigenen Land, aber auf andere Weise, als es der rechtsradikale Slogan behauptet – nicht von Ausländern werden sie kolonisiert, sondern von einer Ordnung, an deren Gründung sie keinen Anteil hatten. Eine neue gemeinsame Verfassung gab es nicht. Die letzten Gelegenheiten, die Kraft der Revolte doch noch institutionell einzufangen, verpufften 1994 mit einigen halbherzigen Änderungen am Grundgesetz. Es geht dabei nicht um die Frage nach dem Materialgehalt des Grundgesetzes (mit der Neugründungswünsche in der Regel abgewehrt werden: »Ist doch in Ordnung, unser Grundgesetz, was wollt ihr noch?«), sondern um dessen Form, um den gemeinsamen Gründungsmoment und das Gefühl, etwas Neues in die Welt gebracht zu haben, woraus sich hinterher die politischen Mythen speisen. Aber die Ostdeutschen wurden nicht beteiligt am gesamtdeutschen Götterhimmel: D-Mark-Wirtschaftswunder, Grundgesetz, Wunder von Bern, wohlklingende Automarken, Achtundsechzig, Kniefall von Warschau, Oktoberfest, Wetten, dass? – nichts davon kommt aus dem Osten.

Und dass man dann auch noch den 3. und nicht den Leipziger 9. Oktober zum Nationalfeiertag gemacht hat, als Kunstprodukt Ausdruck kohlscher Festlegungsmacht, lenkt selbst in Wendeangelegenheiten den historischen Blick auf den Westen. Die Ostdeutschen haben nichts geschaffen, das im neuen System Gültigkeit hätte (abgesehen vielleicht von Rotkäppchen-Sekt). Und nun gehen sie widerwillig mit, werden aber in Abhängigkeit gehalten, und jede Ost-Handlung steht unter West-Vorbehalt, weshalb die innerdeutschen Beziehungen ein interessanter Fall für die Postcolonial Studies wären.

Nicht nur die Ordnung kommt von außen, auch deren Ausgestaltung ist eine fremde Angelegenheit: Parteiführer, Chefärzte, Richter, Intendanten, Professoren und Vermieter im Osten kommen bis heute mehrheitlich aus dem Westen. Es gibt keine bedeutenden ostdeutschen Medien, die sich an der Ausdeutung des politischen Raumes beteiligen dürften. Alle wichtigen Zeitungsredaktionen (vom darbenden Neuen Deutschland einmal abgesehen), alle Medienhäuser und Verlage sind Westprodukte. Mitreden darf nur, wer mit ihnen kollaboriert.

Überdies gibt es zur Herstellung der wirtschaftlichen Einheit nur den bevormundenden Soli und keine Sonderwirtschaftszonen im Osten, die sicher ein paar Neuansiedlungen angelockt hätten. Doch es sollte allenfalls Geld, aber kein Kapital, woran Subjektivität hinge, von West nach Ost fließen – so viel Gleichheit konnten die Bundestagsabgeordneten ihren Wahlkreisarbeitsplätzen dann offenbar doch nicht zumuten. Dass die ruhigstellenden Soli-Tropfen auf die heißen Steine in der Kapitalwüste Ost jetzt abgeschafft werden sollen, bietet die entschleiernde Möglichkeit, das Gefälle endlich zu erkennen und Substanztransfers einzufordern. Nur so kann sich der Osten von seinem Status als Billiglohnland im eigenen Land befreien. Und dann darf er vielleicht auch mitreden.

Die AfD tritt nun mit dem Versprechen an, das Versprechen von damals – das Glück der Revolte und die Aussicht auf Neugründung – wiederaufleben zu lassen. Die Nostalgie ihrer Wähler wurzelt nicht notwendig im realsozialistischen Staat, sondern im Übergang von der DDR zur BRD. In dieser Bresche nisten sich ihre Hoffnungen auf ein nachträgliches Rendezvous mit der Geschichte ein. Zuvor war dafür die PDS zuständig. Aber als diese von Oskar Lafontaine, den die Ossis schon 1990 nicht wählen wollten, übernommen und in eine biedere Sozialdemokratie der siebziger Jahre umgewandelt wurde, da wandten sie sich nach und nach von ihr ab, und nur Gregor Gysi hielt sie noch für ein paar Jahre bei der Stange.

Aber letztlich ist die politische Rechte bei der Mobilisierung postrevolutionärer Energien erfolgreicher. Denn AfD und Pegida bieten die bequemere Inszenierung des Heldenstücks an: Bei ihnen ist dafür gesorgt, dass die Revolte auch tatsächlich steckenbleibt und das System von Abhängigkeiten fortbesteht. Während die Bürgerrechtler, Oktoberdemonstranten und Novemberintellektuellen (Wolf, Müller, Heym, Hein, Braun, Hermlin) das Steckenbleiben nicht beabsichtigt hatten, sondern weiter und woandershin wollten, aber von der Keine-Experimente-Zange aus West (Kohl) und Ost (D-Mark-Lüstlinge) daran gehindert wurden, hat der AfD-Aufstand einen ganz anderen Charakter: Als Revolte gegen die Ordnung im Namen der Ordnung gibt er die Garantie, dass der kapitalistische Kern und alle übrigen Hierarchien unangetastet bleiben und nur die Privilegien neu verteilt (aber auch nicht zu neu) und nicht abgeschafft werden. Ihre Synthese aus Aufstand und dessen Niederschlagung ist ganz nach dem Geschmack des Kleinbürgers, dem der kontrollierte Exzess und die Scheinradikalität gefallen. Erst jetzt, da die wirkliche Veränderung ausgeschlossen ist, kann er den Gedanken daran genießen und macht gern mit.

Der Osten versucht sich also noch einmal an jener Revolte, um die er sich damals leichtfertig bringen ließ. Die Tragik besteht aber darin, dass der Augenblick, in dem sie möglich war, vorbei ist und sich nicht künstlich wiederherstellen lässt. Es gab nur diesen einen geschichtlichen Moment, aber den ließ man ungenutzt verstreichen. Seither geistert die Revolte als Zombie durchs Land und findet keine Erlösung. Den Zombie-Charakter der AfD/Pegida-Revolte erkennt man daran, dass hier Dinge behauptet werden, die die damals Untätigen gegen das DDR-Regime tatsächlich hätten vorbringen können, die heute aber seltsam klingen (»Lügenpresse«, »Allparteienkartell«, »die da oben«). Zombies sind inhaltlich entleerte Formgebilde, die nach ihrem Ableben einfach nicht sterben wollen. Und genau so wiederholt der AfD/Pegida-Komplex die Geste der Empörung und den Bezug aufs ostdeutsche Kollektiv, vernachlässigt aber die Inhalte der Revolte (Sozialismus und Demokratie; historische Offenheit für politische Experimente zur Beseitigung aller Herrschaft; Anknüpfung ans Erbe der Gleichfreiheit der neuzeitlichen Revolutionen). Gegen »die da oben« hat er weniger, als es zunächst scheint: Er ist nur uneinverstanden damit, dass gerade diese Personen da oben sitzen (»Merkel muss weg«), und er gäbe sofort Ruhe, wenn ein anderer, Autoritärerer den Platz einnähme (»Putin, hilf!«). Die Revolte regt sich also nicht gegen jedes Oben, sondern dagegen, dass das Oben noch nicht weit genug entfernt ist. Sie will ein entrückteres Oben. Obwohl sie sich antiautoritär gibt, ist sie also der Ruf nach wirklicher Autorität, die in dem ganzen Saustall (»linksgrün versifft«) mal so richtig aufräumt.

Insgeheim wissen wohl auch die Zuspätrevoltierenden, zu denen sehr viele DDR-Stillhalter und spätere Kohl-Wähler gehören, dass sie es damals vermasselt haben. Dass sie selbst es waren, die sich zum Verrat haben verleiten lassen, macht sie erst recht rasend, denn damit wird klar, dass das einzig Eigene, was sie historisch vorzuweisen haben, der Verrat am Eigenen ist. Ihre große Stunde der Subjektivität nutzten sie allein dazu, ihre Subjektivität wegzuwerfen. Damals intervenierten sie zu Unrecht gegen ihr mögliches revolutionäres Selbst, heute intervenieren sie gegen ihr damaliges Selbst und liegen damit schon wieder falsch, weil es jetzt zu spät ist. Der neuzeitliche Sachse, der sich zuverlässig auf die falsche Seite der Geschichte schlug (1745 und 1756 gegen Friedrich II; 1806 gegen Napoleon, 1813 für ihn, 1866 für Österreich) und dadurch nach und nach seinen Großmachtstatus eingebüßt hat, ist der Prototyp des Ostdeutschen, der immer falsch liegt. Der Ostdeutsche ist ein tragischer Charakter. Sein kairotisches Unvermögen hängt ihm bis heute nach und treibt ihn zu überstürzten Handlungen, die den Falschen zuarbeiten.

Die Trotzrache ermöglicht es ihnen, das Gefühl jener Jahre – die Revolte und ihr Ende – als schon fertige Einheit noch einmal zu erleben. Das Scheitern gehört hier zum Programm, das sich radikal gibt, wo ein fügsames Herz schlägt. Insgesamt bietet die AfD das bequemere Paket mit deutlich mehr Fun. Da ihr Aufbegehren unecht ist, weil es stattfindet, ohne dass sich ein Verwirklichungsfenster öffnen würde (und sie auch nicht danach sucht), muss es sich ins Grelle und Fratzenhafte übersteigern, um sich selbst noch glauben zu können. Deshalb, und das unterscheidet den Konservativen vom Faschisten, tritt zur Status-quo-Fixierung (Beibehaltung der gesellschaftlichen Hierarchien) die Verschärfung statt Abmilderung der Konflikte, die bevorzugt gegen Minderheiten ausgetragen werden. Die vielbeschworene »Politik der Feindschaft« meint nicht das ehrliche Duell auf Augenhöhe (was konservativ wäre), sondern die einseitige Aufkündigung des Waffenstillstands zwischen Herren und Knechten durch die Herren, die ihren Knechten den Krieg erklären und das dann für einen heroischen Kampf halten.

Der Hass auf Angela Merkel, der bei all dem mitschwingt, ist der auf »Kohls Mädchen« (was sie nie war, sie war seine Tochter, die sich irgendwann von ihm emanzipierte und ihn stürzte). Die Wutbürger identifizieren sich mit diesem Bild von ihr, weil sie selbst noch immer Kohls Knaben sind und wissen, dass auch sie diese Unmündigkeit abschütteln müssten, um endlich erwachsen zu werden. Dazu fehlt ihnen aber der Schneid. Aus einer ganz ähnlichen Position heraus hat Merkel den Sieg gegen Kohl davongetragen.

Auch sie war zunächst abhängige Zuarbeiterin des Anschlusskanzlers, hat dann aber den Schritt aus der Pubertät heraus gemacht und ihn beherzt beiseite geschoben. Dass sie den ostdeutschen Wüterichen ähnlich und überlegen ist, weil sie eine gelungene Adoleszenz vorweisen kann, macht diese rasend. Sie hat geschafft, wovon sie nur träumen: Kohl zu stürzen; und diese Überlegenheit an Mumm verzeihen sie ihr nie. Als Nachfolgerin nimmt sie seinen Platz ein; etwas von seiner herrschaftlichen Magie ist auch auf sie übergegangen. Zudem umgibt sie die Aura der Königsbezwingerin. Dass eine aus ihren Reihen zu so etwas fähig war, dass jemand so viel Subjektivität aufbringen konnte, obwohl sie doch als Ossis angeblich nichts weiter seien als ein Haufen gebeutelter Opfer, kränkt sie zutiefst. Es zeigt ihnen, was möglich gewesen wäre.


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