Sensorium. Klangkolumne

Seit ich in Kopenhagen arbeite, liebe ich den Regen. Sobald ein leiser Niesel herabgeht, zaubert er mir ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen. Ich wuchs auf in einer Talsenke, in Baden-Baden. Regen am Montagmorgen bedeutete hier den Beginn tagelanger Schauer. Regen am Wochenanfang hieß, in meiner Erinnerung, auch Regen am Wochenende. Eine deprimierende Aussicht. Als ich vor etwa fünf Jahren begann, in Dänemark zu forschen und zu leben, kannte ich schon die dortigen Strände, den täglichen Niesel, die nordische Sonne, die selten drückend heiß wird und doch viele Stunden lang alle Gebäude, Plätze und Menschen in ein umfassend helles Licht tauchen kann. Es ist das Wetter eines Inselstaats.

(Der Essay ist im Dezemberheft 2019, Merkur # 847, erschienen.)

Dieses Wetter ändert auch die Klänge, die mit ihm verbunden sind. Der grau maskierende Klangschleier eines Regengusses erscheint nicht mehr als bedrückende Einschränkung von Entfaltungsmöglichkeiten – sondern als erleichternde Erfrischung. Das Gesicht, die Hände, der Nacken werden benetzt von einer Emulsion. Wohlige Wachmacherin. Der Klangschleier wird zum Versprechen guter Laune, heller Gedanken und schöner Energie: Lasst uns losgehen und reden, radeln, schreiben und trinken, lesen und essen, schauen und tanzen. Der Regen ist Glücksbringer und Ermutiger.

Unsere Klangumgebung und wie wir sie wahrnehmen, hängt vom Wetter ab wie auch vom Jahreslauf. Zum einen verhalten Menschen sich jeweils anders bei kalter, lauer oder heißer Temperatur, sie neigen auch zu anderer Lautstärke und verbringen in den wechselhaften Regionen wie den unsrigen plötzlich viel mehr Zeit im Freien, wenn es wärmer ist. Die wiedererlangte Wärme muss gefeiert werden. Zum anderen aber deuten wir ähnliche Klänge situations- und launenbedingt jeweils anders. Meine Neugier oder Freude, meine Erschöpfung oder Gereiztheit werden in die Witterung mit aufgenommen.

Nicht nur ich bin dann unbeschwert oder eingeengt, frohgemut oder deprimiert, ich habe vielmehr das Gefühl, der Sonnenuntergang oder der Schneeregen, diese Tierstimmen oder dieser Signalton seien ihrerseits gutgelaunt oder miesepetrig. Neigungen und Impulse werden externalisiert und an Objekte gebunden. Poetische Wetterbeschreibungen sind dafür Paradebeispiele – seien sie akustisch oder optisch: »Der Himmel war schon am späten Vormittag so schwarz, dass man glauben konnte, es würde Nacht; aber in der Ferne erkannte ich durch den Regen plötzlich ein hell erleuchtetes Gebäude.« Diese Passage etwa, aus Outline von Rachel Cusk, bahnt und begleitet eine automobile Irrfahrt, an deren Ende sich eine Lösung offenbart.

Eine solche Externalisierung von Neigungen lässt sich allerdings kaum vermeiden. Es ist nicht etwa so, dass ein schlampiges, unpräzises Sensorium der Menschen (oder einer Autorin) die einzige Wahrheit der reinen Optik, Akustik, der einzig wahren Physik verfälschen würde. Vielmehr unterliegt diese Annahme ihrerseits einer Täuschung. Denn sensorische Ereignisse ganz außerhalb meiner oder Ihrer Empfindung, sauber getrennt in Farb-, Klang-, Wärme-, Raum-, Zeit- oder Bewegungsempfindungen, lassen sich nicht finden: Derart mutmaßlich sortenreine Qualia sind eine Illusion. Ihre Arbeitsteilung entspringt vor allem einer technischen Fantasie – und nicht der Erfahrungswelt des Sensoriums. Tatsächlich durchdringen Empfindungen sich unaufhörlich, bringen einander hervor, prägen und gestalten einander. Ich höre und wundere mich. Ich erschrecke und erkenne, meine Wahrnehmung verändert sich – und Klänge erhalten schließlich eine neue Bedeutung. Überhörtes wird plötzlich bedeutsam.

 

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