Tatendrang, Herzklopfen, Schleimpilz

Das Haus, in dem wir hier in Berlin wohnen, ist ganz streng, aber schlampig aus Stahlbeton gebaut. Den Balkon haben wir mehr nach dem Vorbild »verfallendes Sommerhaus« gestylt, vor allem durch konsequente Vernachlässigung. Seit wir die Vögel füttern (Spatzenbanden, zwei Kohlmeisen, eine zerzauste Tannenmeise), fallen Körner zwischen den Balken der Holzabdeckung hindurch. Spelzen werden zu Humus, Gräser sprießen, sogar ein Pilz. Da unten im Dunkel, wo die Traghölzer modern, muss es ein ganzes Ökosystem geben, Asseln, Spinnen, wahrscheinlich Grottenolme. Schleimpilze.

(Der Essay ist im Dezemberheft 2019, Merkur # 847, erschienen.)

Welt ohne Menschen, ohne uns, eine meiner großen Hoffnungen.

Die Pilze werden nach unserem Aussterben ganz vorn dabei sein. Sie werden Netzwerke bilden, von denen wir nicht zu träumen gewagt hätten. Die Spinnen werden sich mithilfe elektrischer Impulse noch höher in die Lüfte schwingen als jetzt schon. Die Bäume im Wald werden weiter über ihre Wurzeln Flüssigkeiten und Signale austauschen, nur fröhlicher. Da wird es nichts geben, was nicht erleichtert ist, wenn wir weg sind – die Hauskatzen, die sich endlich nicht mehr verstellen müssen, vielleicht am meisten.

Mein Balkon lebt schon jetzt auch ohne mich, und ich sitze bewegungslos da und hoffe, dass er mir erlaubt, mit ihm zusammen zu vermodern.

Eine Anti-Nazi-Demo zieht vorüber. Irgendwo über uns wohnt eine Familie, die sich in einer Synagoge ganz in der Nähe engagiert. Nach dem Attentat von Halle habe ich dort vorbeigeschaut und überprüft, ob die Wachpolizisten jetzt Maschinenpistolen haben. (Hatten sie.) Wenn diese Familie zum Schabbat-Essen einlädt, wird gesungen. Das hallt im Hof wieder. Bei uns wurde gesungen, als ein Chor aus geflüchteten Mädchen aus dem Irak, Syrien und Afghanistan in unserer Wohnung Proben abgehalten hat. All diese Gesänge mischen sich.

Das ist eine Vielfalt, die ihre eigenen Abwehrkräfte entwickelt, in einer Stadt, in der man nicht vorhersehen kann, wem man im Treppenhaus begegnet, und versucht, einander zu verstehen, weil man muss. Großstadt als geistige Lebensform hat auch mit Druck und Zwang zu tun, nicht nur mit Genuss. Mit einem Erdulden, an dem man klüger wird.

 

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