Fontane. Ein Rückblick

Die Wissenschaft

Fontane und kein Ende, das war nicht erst im soeben zu Ende gegangenen Jubiläumsjahr so, sondern wenigstens seit dem Mauerfall, bietet sich der Neuruppiner Dichter doch wie kein anderer als gesamtdeutsche Integrationsfigur an: Für den Westen hält er seine vielbeschworene Ironie parat, für den Osten die liebevolle Würdigung von Land und Leuten. Ganz so wie Goethe, Heine und natürlich Mozart ist er längst ein Wirtschaftsfaktor, die Fontane-Industrie produziert alljährlich stapelweise Publikationen, die nicht selten den Realitätsverlust streifen, Fontanes Berlin, Fontanes Frauen, Führer durch seine Romane, Lexika, Essen und Trinken mit Fontane, Fontane und England, Italien, Polen, Frankreich, mit Fontane durch das Jahr. Neben den mittlerweile Dutzenden von Biografien strahlt die Verehrung so weit, dass selbst die Lebensspur von Fontanes verzogen-eingebildeter und vollständig lebensunfähiger Tochter Martha (»Mete«) aufgearbeitet wurde. So viel unrechtmäßige Ehre wurde bisher nur Goethes ähnlich unerheblichem Sohn zuteil, der aber immerhin wusste, wie medioker er war. Fontanes Frau Emilie hingegen, sein »Schreibbüro« und die erste kritische Instanz, wurde zu Recht gewürdigt.

(Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 848, erschienen.)

Jedoch er war nicht immer populär. Zur selben Zeit, als Conrad Wandreys frühe Gesamtdeutung just nach dem Ersten Weltkrieg einen Kanon definierte, der unterschwellig noch heute nachwirkt, erkannte Alfred Döblin in Fontane nur Lesefutter für »gebildete Spießbürger, […] die Untertanen Wilhelms«, wie ein Stück »Hausrat« sei er »selbstverständlich da«, doch völlig belanglos. Ungnädiger noch urteilte Gottfried Benn 1944, der hier allenthalben nur »das Pläsierliche« als »Präservativ der Moral« sah; kein Wagnis, kein Vordringen zum Existentiellen, also gar keine Dichtung.

Scharf kontrastierend dazu riefen Thomas Mann und Georg Lukács, deren Literaturverständnis bekanntlich affin, nämlich vormodern war, Fontanes Romanwerk als Wiederanschluss deutscher Literatur ans Weltniveau nach ihrer langen Durststrecke aus. Die Nazis verstanden ihn vornehmlich eher als märkischen Heimatdichter, in den Fünfzigern lief die Forschung erst langsam wieder an, in den Sechzigern dann aber neben zahlreichen, solide gearbeiteten Dissertationen Befunde, die man noch heute zu kennen hat, darunter mit dem von Peter Demetz das nach wie vor beste Buch zu Fontane überhaupt.

Den ideologiekritischen Siebzigern war er oft nicht links genug, stand er doch als »klassischer Gipskopf in der Vitrine bürgerlicher Literaturgeschichte« (Inge Degenhardt) zunächst mal unter Generalverdacht, 1975 aber erschien Walter Müller-Seidels Analyse sämtlicher Romane, die sofort zum Standardwerk aufrückte. Da sich Fontane, wie aller Realismus, Semiotik und Dekonstruktion nicht recht öffnen mag, erforschte man in den postmodernen Achtzigern die Intertextualität, mit reichem Ertrag.7 Es folgten die Diskurse (zum Beispiel »Hysterie« oder Kolonialismus) und natürlich die Gender-Problematik, erst in Bezug auf die Frauen, dann auf die Männer, doch trotz des manchmal betriebenen theoretischen Aufwands bleibt all das letztlich, wie man vor einigen Jahrzehnten noch sagen durfte, bloße Motivforschung, Inhaltsparaphrase, und bringt damit nicht mehr, als der denkende Leser ohnehin bemerkt.

Mittlerweile sind die Medien und Materialien bei Fontane an der Reihe, die ihn überwölbende Forschung folgt also geradezu mustergültig den jeweiligen Moden der Germanistik. Abstrahiert man vom Tagesgeschäft, so wird deutlich, dass seit ungefähr zwanzig Jahren ein Paradigma dominant ist, das Fontanes Realismus nicht mehr über Möglichkeiten und Reichweite von Repräsentation vorgegebener Wirklichkeit zu fassen versucht, sondern ihn als abhängig von Diskursen und zugleich als Teil der Diskurse begreift, die Reales /Soziales erst erzeugen.

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