Forschung im Medium der Universität

Dass man Forschung und Wissenschaft nicht miteinander verwechseln sollte, dürfte sich herumgesprochen haben. In der Wissenschaft wird geforscht, an der Universität gelehrt. Die Universität, noch vor ihrer Unterscheidung in Institution und Organisation, pflegt eine hybride Zuordnung sowohl zur Wissenschaft als auch zur Erziehung junger Menschen zum wissenschaftlichen Arbeiten beziehungsweise zur Arbeit mit wissenschaftlich unterstützten und überprüften Ideen. Es handelt sich nicht nur um Bildung oder Ausbildung, sondern tatsächlich um »Erziehung«, weil die Anpassung an die Selektionsbedingungen (Benotung, Graduierung) der Universität eine mindestens so große Rolle spielt wie die Auseinandersetzung mit den Inhalten der Lehre.

(Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 848, erschienen.)

Zu diesem Zweck erhält das erforschbare und befragbare Wissen der Universität eine lehrbare und prüfbare Form. Die vorher noch offene Frage nach möglichen Zugängen zu möglichen Gegenständen wird in die Form der Unterscheidung richtiger und falscher Antworten auf mögliche Fragen gebracht. Während in der Wissenschaft Fragen gestellt werden, gelten sie in der Lehre als beantwortet. Was könnten »Studentler« (Monika Rinck) andernfalls als lern- und prüfbares Wissen erwerben? Zwar gelten auch in der Wissenschaft Fragen als beantwortet, wenn man sie theoretisch und methodisch voraussetzen muss, aber dies ist immer nur vorläufig der Fall.

Zwar gibt es auch in der Wissenschaft Schulen, die ihr Wissen verteidigen, aber hier stellt sich die Frage, ob dies nicht bereits ein toxischer Effekt der Universität, der Konkurrenz um Lehrstühle und des Aufbaus von Schulen ist. Lehrbücher gibt es nur an der Universität, nicht in der Wissenschaft. Dort gibt es allenfalls Handbücher, mit denen man jedoch nur erreicht, dass ein Wissensstand markiert wird, von dem abzuweichen attraktiv ist. Wer dies an der Universität wagt, dokumentiert damit seinen wissenschaftlichen Ehrgeiz und hat damit die Ausbildung schon hinter sich.

Umso mehr muss es überraschen, wenn die Universitäten gegenwärtig hier und da als Ort der Forschung entdeckt werden. Es geht wohlgemerkt nicht darum, dass Wissenschaftler, wenn sie forschen wollen und weder über private Mittel noch über die Anstellung an einem außeruniversitären Institut verfügen, notgedrungen die Anstellung an einer Universität suchen müssen. Das gilt für viele Wissenschaftler und hat zu vielen Formen eines mehr oder minder kreativ gestalteten Nebeneinanders und Miteinanders von Forschung und Lehre geführt. Immerhin gibt es Lehrformate wie das problemorientierte Lernen, in denen sich Studentler eine forschende Haltung aneignen sollen, obwohl es häufig um wenig mehr als die Aneignung bereits vorhandenen Wissens in der Auseinandersetzung mit erst noch zu bestimmenden Fällen geht.

Nein, ich denke an Formate transformativer Forschung, die die Universität im Moment einer Krise zumindest der Geistes-, Sozial- und Kulturwissenschaften erreichen. Diese Wissenschaften sind der Komplexität ihrer Gegenstände nicht mehr gewachsen. Man beruhigt sich damit, dass zumindest die Antragsforschung noch funktioniert. Die hier tätigen Gutachter wissen selbst nicht weiter und unterstützen Projekte, die von ihren eigenen nicht allzu sehr abweichen. Doch außerhalb dieser Forschung weiß man nur allzu gut, dass die Gegenstände, seien es Texte, Kunstwerke, politische Prozesse und wirtschaftliche Entscheidungen oder kulturelle Identitäten und Differenzen, schon lange nicht mehr hinreichend stillstehen, um sie nach den Standards einer objektivistischen Wissenschaft zu erforschen. Stattdessen variieren sie mit den Kontexten, in die man sie rückt, und den Beobachterperspektiven, die man einnimmt und, wichtiger noch, als unterschiedlich in Rechnung zu stellen vermag. Sehr schnell bringt die Kombinatorik dieser Kontexte und Perspektiven eine Komplexität hervor, die keine quantitative oder qualitative Forschung einzufangen vermag.

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