Glauben und Wissen. Philosophiekolumne

I

Seit etwa einem Vierteljahrhundert hat sich das Verhältnis der liberalen Gesellschaften zum religiösen Glauben verändert. Eine neue Variante dessen macht sich geltend, was Richard Rorty einen »Posty« nannte: Nach der »posthistorischen«, der »postindustriellen«, der »postmaterialistischen«, der »postmodernen«, der »postdemokratischen«, der »postnationalen« und der »postpolitischen« Gesellschaft ist die »postsäkulare« Gesellschaft ans Licht getreten. »Postsäkular« besagt: Die Herrschaft der säkularen Wissenschaft, des säkularen Rechts, der säkularen Kunst hat ihre Zeit gehabt. Sie ist nun abgelaufen, um einer Rückkehr des Glaubens – oder zumindest der Religion – Platz zu machen.

(Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 848, erschienen.)

Gewiss war der Glaube niemals verschwunden. Vermutlich besaß er im 20. Jahrhundert in Europa eine größere Verbreitung als heute. Aber er bildete das Medium eines Denkens, das für den Hauptstrom der wissenschaftlichen Arbeit, der staatlichen Organisation oder der künstlerischen Schöpfung nicht maßgeblich war, so sehr es auch an ihnen teilhatte; ein Medium, das Legitimität im Privaten, in gesellschaftlichen Eigensphären, als Schmuck andersartiger Überlegungen besaß, insgesamt aber sich einer Rationalität beugte, deren Grund mit dem Glauben nichts verband. Hier war das Säkulare bestimmend, und die Formen des Glaubens hatten mit ihm zurechtzukommen. Zu unserer Zeit hingegen schwankt der säkulare Bestimmungsgrund. Entsprechend scheint nun das Säkulare mit dem Glauben zurechtkommen zu müssen, und der Anspruch des Glaubens findet auch bei denen Gehör, die sich selber als Kinder der Säkularisierung begreifen.

Von ihnen werden die Fragen einer religiösen Orientierung des politischen Handelns, methodischen Forschens oder alltäglichen Lebens mit Begierde aufgegriffen. Oft geht das mit dem Bedürfnis nach neuen alten Bindungen einher. Die säkulare Gesellschaft und ihr Staat, die säkulare Wissenschaft und ihre Verfahren, die säkulare Lebensführung und ihre Wertvorstellungen scheinen zu wenig zu bieten, um ein gelingendes Dasein zu ermöglichen. Daher sollen ihnen der religiöse Glaube und seine Rituale eine neue Substanz liefern – eine Substanz, die gediegener ist als die Leistungen, die dem Glauben im Säkularen verblieben waren. Vor allem lässt sich die erhoffte Substanz nicht mehr auf »Kontingenzbewältigung« reduzieren. Statt die Kontingenz, die im Gefüge komplexer Gesellschaften für die überforderten Einzelnen notwendig herrscht, mit seinen Angeboten zu bewältigen, stellt der Glaube alles unter eine Wahrheit, die sich von diesem Gefüge her gar nicht mehr bestimmen lässt. So entledigt sich der Glaube seiner säkularen Funktionen. Ein Zeitalter, das diesen Sachverhalt auf sich nimmt, wird postsäkular.

Allerdings bedeutet »postsäkular« auch, dass vor die Epoche der Säkularisierung nicht zurückgegangen werden kann. Man denkt, handelt, erfährt nach ihr. Darum bleibt die säkulare Rationalität der Ausgangspunkt der postsäkularen Zeit. Das hat Folgen. Denn jene Rationalität hatte den Glauben in Sondersphären gedrängt, deren Orte von der säkularen Ordnung bestimmt wurden. Wenn der Glaube in dieser Ordnung nicht mehr fungiert, dann prallt er mit der säkularen Rationalität zusammen. Er ist ihr ein Ärgernis und eine Torheit. Dieser Zusammenprall bleibt der Ausgangspunkt eines Denkens, das nach der Säkularität zu kommen beansprucht. Vom postsäkularen Zeitalter zu sprechen bedeutet daher nicht, eine Entspannung im Verhältnis von Glauben und Wissen auszurufen. (Ihre Entspannung wusste der säkulare Funktionalismus viel besser zu gestalten.) Vielmehr bedeutet es, gerade unter der Prämisse des Konflikts zwischen Rationalität und Glauben den Glauben zur Geltung zu bringen. Postsäkularität ist der Zustand einer Unwucht.

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