Walden Inc. Die letzten Männer

Der »große Meister« Henry David Thoreau, Gründungsfigur des modernen Ein-Mann-allein-im-Wald-Mythos, hat, seitdem 1854 Walden, or: Life in the Woods erschien, eine nicht endenwollende Reihe von Nachahmern gefunden. Wildnis und (innere) Wildheit sind, darin besteht die Anziehungskraft dieses Mythos, nie tot gewesen – höchstens überdeckt, verformt, pervertiert. Tatsächlich gehört der Call of the Wild (Jack London) ebenso zum Sound der Moderne wie der von Eisenbahnen und Schnellstraßen.

(Der Essay ist im Januarheft 2019, Merkur # 848, erschienen.)

Was die jüngste Ausprägung des Walden-Kults kennzeichnet, ist eine meta-naive Warenförmigkeit. Meta-naiv, weil sie von sich weiß, was sie ist, aber behauptet, dieses Wissen mindere nicht die Authentizität des Unternehmens. Im Gegenteil, gerade weil die beschriebenen Abenteuer in Zeitschriften wie dem seit 2015 existierenden Walden-Magazin schon Kalenderpassform haben, also räumlich und zeitlich ziemlich eng umgrenzt sind, werden sie als besonders begehrenswert beschrieben: »Selber schuld, wen es immer nur in die Ferne zieht«, steht auf dem Foto der sächsischen Elbsandsteinfelsen.

Allerdings sind die Macher (und wenigen Macherinnen) dieser neueren Publikationen klug genug, zu wissen, dass die wochenendkompatiblen Formate Spott provozieren und den Verdacht erwecken, sie agierten nur noch ironisch. Doch die Strategie des Magazins ist weder bloß naiv noch bloß ironisch. Durch rebranding wird aus dem Naheliegenden eine begehrenswerte Wildnis, die zudem mit den Anforderungen einer flexibilisierten Großstadtexistenz kompatibel ist. Denn vermutlich liegt es eher an der Knappheit von Zeit als von Geld, dass sich die Leser nicht für mehrere Wochen oder gar Monate von beruflichen und familiären Pflichten verabschieden können. Da ist es natürlich praktisch, wenn die Wildnis »vor der Haustür« beginnt. Wichtig ist nur, dass die Landschaft die Vorstellung erlaubt, man befinde sich in der Natur und damit abseits eines unnatürlichen Alltags.

Mythos Walden

Diejenigen, die »in der Natur nicht den Thrill, sondern das Erlebnis suchen«, berufen sich nicht zufällig auf Thoreaus Walden, denn auch der Archetyp des modernen Aussteigers erlebt eine nahe Wildnis, eine innere Wildheit, die er zum Ideal eines »bewussten« (deliberate) Lebens erhebt. Das gleichnamige Magazin behandelt Thoreau mit demselben Entdeckungsgestus, der auch Müritz, Harz und Sächsische Schweiz zur abenteuerlichen Wildnis macht. Thoreau ist in Deutschland sicher kein Unbekannter, aber seine Popularität reicht nicht annähernd an den kanonischen Status heran, den Walden und Thoreaus Essay Resistance to Civil Government (bekannter als On Civil Disobedience) in den Vereinigten Staaten haben. Walden-Aphorismen finden sich in beinahe jedem Text, der sich einen Anschein von Naturnähe und Widerständigkeit geben möchte. Walden Pond ist ein Touristenmagnet. Umso stärker die Signalwirkung des Namens, der Walden – eigentlich ein See in Massachusetts – und Thoreau in eins setzt. Das Walden-Magazin greift den Gestus umstandslos auf: »Unser Name stammt von einem rund 160 Jahre alten Buchklassiker. Sein Autor heißt Henry David Thoreau, seine einfache Botschaft lautet: Draußen wartet mehr auf uns. Wir müssen nur wieder einmal aufbrechen. Walden geht schon einmal vor.«

Die vermeintliche Einfachheit der »Botschaft« von Walden, or: Life in the Woods ist ein Rezeptionsphänomen. Es reduziert Walden auf den »Ausstieg« und ignoriert dessen durchaus problematische kulturkritische Stoßrichtung. Thoreau zieht es nicht nur nach draußen, er lehnt die Lebensweise seiner Zeit rundweg ab. Weder Eisenbahnschienen und das fußläufig nahe Städtchen Concord nämlich stehen Thoreaus Vorhaben entgegen. Denn das Ziel des Walden zugrunde liegenden Versuchs ist es, ein absolut selbstbestimmtes Leben zu leben. »I went to the woods because I wished to live deliberately, to front only the essential facts of life, and see if I could not learn what it had to teach, and not, when I came to die, discover that I had not lived.«

Es geht also nicht darum, in einer menschenleeren Wildnis zu leben, sondern sich von Fremdbestimmung und den Zwängen der Erwerbsarbeit und sozialer Konventionen zu befreien. Walden beginnt mit einem Abgesang auf eben diejenigen, die nicht nur Mitte des 19. Jahrhunderts in den noch jungen Vereinigten Staaten von Amerika als Rückgrat von Gesellschaft und Wirtschaft galten, nämlich die Farmer: »I see young men, my townsmen, whose misfortune it is to have inherited farms, houses, barns, cattle, and farming tools; for these are more easily aquired than got rid of.« Gerade jene, die in direktem Austausch mit der Natur zu stehen scheinen, sind für Thoreau diejenigen, die am wenigsten frei leben. Der Besitz und die sich daraus ergebenden Verpflichtungen machten sie zu »serfs of the soil«, die keine Zeit haben, irgendetwas anderes als Maschinen zu sein.

Frei von Regeln ist Thoreaus Leben im Wald allerdings nicht, und darin liegt wohl immer noch der Reiz der Ausstiegsfantasie, denn es scheint vor allem darum zu gehen, dass es nicht andere Menschen sind, die die Bedingungen des Lebens, also Konventionen, bestimmen. Darin liegt – trotz oft beeindruckender Naturbeschreibungen und Beobachtungen – eine der größten Schwächen des Ich-geleiteten Nature Writing in der Tradition Thoreaus: Es verträgt oft nur ein Ich, und dieses sitzt gleichsam an der Spitze der Schöpfung. In diesem Genie-Gestus liegt aber auch die reizvolle Chance, die »auslösenden Phänomene« leiblich-sinnlicher Naturerfahrung »möglichst genau literarisch vorzustellen«. 1

Darum geht es jedoch im Magazin, wenn überhaupt, nur am Rande – die Bezugnahme auf Thoreau betrifft gerade nicht dessen ausführliches Nachdenken über die Phänomene, sondern aktualisiert das Rezeptionsphänomen Walden. Das wird nirgendwo so deutlich wie in der Beigabe des Magazins, dem Walden Field Guide. Es handelt sich dabei um ein kleinformatiges Heft »für die Jackentasche«. Mittlerweile auch als eigene Buchpublikation erhältlich, 2 konzentriert der Field Guide jeweils zum Thema des Gesamthefts passende Informationen. Das »Programmheft für Frühling und Sommer in Deutschland« verspricht seinem Leser, »endlich kein Naturschauspiel mehr zu verpassen«, und kündigt Antworten an auf die Fragen »Wer balzt? Wer laicht? Wer kommt aus dem Süden heimgeflogen?« Viel zugetraut wird der Leserschaft nicht, wie man an der sehr begrenzten Menge der den Monaten zugeordneten Tiere und Pflanzen erkennt.

Dass die Zeitschrift auf ein vorrangig städtisches Publikum mit geringer Draußen-Erfahrung zielt, ist eine allzu naheliegende Feststellung. Spannender ist, dass zwischen »Frühling« und »Sommer« eine signifikant gekürzte Passage aus Walden eingefügt wurde. 3 Die Kürzungen sind dabei mindestens so aufschlussreich wie der abgedruckte Text, denn was bleibt, sind Thoreaus eher listenartige Betrachtungen der Rückkehr von Zugvögeln, des Wachsens und Grünens von Bäumen und anderen Pflanzen sowie seine allgemeineren Reflexionen über den Lauf der Jahreszeiten.

Was aber fehlt, sind unter anderem Thoreaus minutiöse Beobachtungen eines Phänomens der Eisschmelze: Wenn die Differenz der Temperaturen von Boden und Luft zu groß ist, dann strömt mit Schmelzwasser gemischter Sand über die Schneedecke und bildet blattartige Muster, die Thoreau zu einer an Goethes Diktum »Alles ist Blatt« erinnernden Reflexion über die Lebendigkeit aller Materie (»there is nothing inorganic«) und die fundamentale Blattförmigkeit aller beobachtbaren Formen bringt. Die »wahrhaftig groteske Vegetation«, die sich auch noch besonders gut an Bahngleisen beobachten lässt, verbindet in Thoreaus Perspektive Kunst und Natur in einer Weise, die den Rahmen des Magazins fraglos sprengt. Das lebendige Wirken vermeintlich leblosen Materials »precedes the green and flowery spring, as mythology precedes regular poetry« und unterläuft das Narrativ einer zählbaren Natur.

Die selektive Lektüre leuchtet durchaus ein, denn sie ist notwendig, um das Produkt zu vermarkten und dessen meta-naive Warenform zu begründen – allzu viel Wissen und Reflexion würden beispielsweise eine Kritik an Wildnis-Begriffen und Natur(schutz)praktiken nahelegen, und das stört am Wochenende doch nur. Wichtiger als diese praktischen und wirtschaftlichen Erwägungen ist, dass die Auswahl markiert, welcher Walden-Tradition man sich hier anschließt. Der Mythos, an dem auch das Magazin arbeitet, handelt vom widerständigen Akt des Ausstiegs. Zwar durchzieht der kritische Gestus in Richtung derer, die womöglich doch nicht mit der Müritz zufrieden sind und sich auf waghalsigere Abenteuer begeben, das Heft, andererseits aber bleibt die Anziehungskraft des Lebens in der »freien« Natur ungebrochen.

Into the Wild

Das Wilde ist Dreh- und Angelpunkt des Walden-Mythos. Ob und wie philologisch genau die Unterscheidung zwischen Wildheit und Wildnis (wildness /wilderness) eine Rolle spielt, ist dabei zunächst nebensächlich, da »die Zivilisation« auch in den entlegensten Gegenden zumindest als Kontrapunkt anwesend bleibt.

Leo Marx hat in seiner klassischen Untersuchung The Machine in the Garden gezeigt, dass es diese abwesende Anwesenheit der (industrialisierten) Moderne in der vermeintlich unberührten, idyllischen Natur ist, die diese als solche erst konstituiert. 4 Der Pfiff der Eisenbahn oder das Horn des Dampfschiffs machen die (bedrohte) Idylle erst als solche erkennbar. Interessant ist, dass Idylle und wilde Natur überhaupt in eins gesetzt werden können.

William Cronon zeigte in seinem Essay The Trouble with Wilderness, wie sich die Vorstellungen von begehrenswertem Innen (Paradies) und gefährlichem, gottlosem Außen (Wildnis) im Laufe der Besiedlung des US-amerikanischen Kontinents und der ideologischen Überhöhung der dort vorgefundenen Natur als »unberührt« in ihr Gegenteil verkehrt. 5 Gerade diejenigen, die für den Schutz dieser Wildnis argumentierten, sorgten mit dafür, dass Natur nicht nur in dem Zustand konserviert wurde, den man eben historisch für natürlich hielt; damit aber wurde die »Natur« zu einem exklusiven Raum, der nur wenigen überhaupt zugänglich war. Die National Parks als Idealwildnisse wurden so zu abgeschlossenen Gärten, die aus dem Lauf der Zeit gehoben als Gegenbilder zu einer »unnatürlichen« Zivilisation fungierten, in welche sich eben die, die am meisten von letzterer profitierten, zurückziehen konnten. Wildnis als vermeintlich natürliche, ursprüngliche Natur wurde somit zur Ressource dessen, was Lawrence Buell als »pastorale Ideologie« bezeichnet. 6 Diese bezieht sich nicht zuletzt auf Thoreaus Überzeugung »We need the tonic of wildness«, die im Walden-Magazin in der das Wildness /Wilderness-Problem umgehenden Übersetzung »Wir brauchen die freie Natur als Tonikum« erscheint.

Läge es allein am ecocriticism – der literaturwissenschaftlichen Untersuchung der Beziehung von Texten und Umwelten – oder an den environmental humanities, die auch historische, soziologische und andere geisteswissenschaftliche Perspektiven in die Untersuchung der Beziehung von Mensch und Natur und den resultierenden ökologischen Krisen einbringen, hätte sich der Glaube, es fände sich noch irgendwo »reine« Natur, wohl seit langem erledigt. Denn auch wenn Vertreterinnen dieser Richtung oft im Tandem mit dem neuen oder doch nicht so neuen nature writing vielfach für einen engeren Kontakt mit und eine bessere Kenntnis der Natur plädieren, so ist das, was gemeinhin als Wildnis oder eben »freie Natur« bezeichnet wird, inzwischen so zusammengeschrumpft, dass sich daraus kaum noch plausible Gegenmittel gewinnen lassen, und seien sie noch so imaginativ.

Trotzdem hat der Mythos Walden seine Wirksamkeit nicht eingebüßt. Im Walden-Magazin tauchen Personifikationen dieses Mythos nicht nur im Konzept, sondern auch in den Artikeln auf. Allen voran in Gestalt von Chris McCandless, der 1992 auf »der Suche nach der verlorenen Wildnis« in Alaska sein Ende fand. 7 McCandless ist Thema und Hauptfigur von Jon Krakauers Into the Wild (1996). Dieses Buch hat seinen Erfolg sicherlich auch der Tatsache zu verdanken, dass Krakauer Reportage und Biografie auf geschickte Weise mit seiner eigenen Geschichte verquickt und der Versuchung widersteht, sich auf eine rein affirmative oder ablehnende Haltung gegenüber McCandless festzulegen. Während er, anders als die melancholisch heroisierende Verfilmung Sean Penns, also durchaus kritisch auf die mangelnde Vorbereitung und die Weigerung McCandless’ blickt, auch nur einen Kompass mit ins Hinterland Alaskas mitzunehmen, bekundet er durchaus Sympathie mit dem Vorhaben an sich.

Die gemeinsame Sehnsucht nach der Flucht aus der »als krankhaft empfundenen Zivilisation« (Goldstein) verbindet Krakauer und McCandless nicht zuletzt deswegen, weil beide (nicht nur) Thoreau intensiv gelesen haben. Krakauers Spurensuche führt durch mindestens so viele Bücher wie Landstriche. McCandless’ Bibliothek entspricht einem Kanon wilder Literatur: neben Thoreaus Walden unter anderem Jack Londons Call of the Wild und White Fang (Wolfsblut), Lew Tolstois Der Tod des Iwan Iljitsch und Nikolai Gogols Taras Bulba, der vielleicht ein wenig Staub angesetzt hat, aber wohl immer noch in den Lektürebiografien vieler (vor allem Männer) zu finden ist. All diese Texte verbindet das Gefühl beziehungsweise die explizite Behauptung eines Verlusts von Wildheit und Natürlichkeit, zu der es zurückzukehren gelte.

Um McCandless geht es auch in einem Walden-Artikel, dessen Titel Zurück in die Wildnis den grundsätzlich affirmativen Charakter des Texts bereits ausweist. Dennoch nähert er sich McCandless zunächst aus einiger Distanz: Anlässlich des Todes einer Wanderin, die auf seinen Spuren bei der Überquerung eines Flusses ertrank, reflektiert der Text die merkwürdige und gefährliche Begeisterung für den Ausstieg. 8 In McCandless’ Glauben, in der Wildnis eine Alternative zum fremdgesteuerten Leben der Gegenwart zu finden, scheint sich auch für den Autor dieses Artikels eine konsequente Suche nach Authentizität oder, in Thoreaus Worten, nach einem »bewussten« Leben mit dem tatsächlich Notwendigen (»the essential facts of life«) auszudrücken. Weil McCandless, anders als Thoreau, nicht wieder zurückkehrt, wird er zum Märtyrer für ein natürliches Leben. 9 Der Tod ist der Preis, den jemand wie er als mögliche letzte Konsequenz in Kauf nehmen muss, will er den Ausstieg vom Ausflug abgrenzen.

Thoreaus Walden und Civil Disobedience verschränken sich zum Widerstand nicht nur gegen staatliche Regulierung, sondern gegenüber sozialem Leben überhaupt. Das ist die Kehrseite der vermeintlich idyllischen, weil »natürlichen« Umwelt des Ausstiegs. Sie bietet nicht nur Gelegenheit, »sich selbst« zu begegnen; sie individualisiert den Menschen, der diese Einsamkeit vorrangig wählt, um mit sich selbst durch das Medium der Natur zu kommunizieren.

Auch im Walden-Magazin hat diese Kehrseite ihren Platz. Das Gegenbild zu dem in Buch und Film geradezu anstrengend liebenswerten und integren McCandless bildet im Magazin John Colter, Mitglied der Lewis-und-Clark-Expedition zu Beginn des 19. Jahrhunderts und als späterer Trapper eine Ikone der Imagination vom Wilden Westen. Im Vergleich mit Colters Lebensgeschichte liest sich Thoreaus Experiment im Wald wie Vorgartenliteratur. Bei Colter kann kaum die Rede von einem »Zurück« in die Wildnis sein. Ohne in irgendeiner Art von Naturromantik oder gar naturkundlichen Ambitionen gebremst zu werden, dürfte es sich bei John Colter um einen der härtesten Selbstentwürfe roher und wilder Männlichkeit in der jüngeren westlichen Geschichte handeln.

Sebastian Jungers im ersten Heft der Zeitschrift abgedruckter programmatischer Essay Colters Lauf handelt von einem Wettlauf um das eigene Leben, in dem Colter beweist, dass er auch nackt und waffenlos dem Wald und den darin lebenden Ureinwohnern überlegen ist. Er habe immer wieder und ohne äußere Not die Bedrohung der Wildnis gesucht. Junger zieht daraus den Schluss, dass »die Gefahr an Langeweile zu sterben heutzutage mindestens genauso real ist, wie die Risiken, die draußen lauern«. Dementsprechend verleiht Junger dem »happy end« Colters als Familienvater eine tragische Note: »Er heiratete eine junge Frau und ließ sich auf einer Farm in der Nähe von Dundee, Missouri, nieder. Was die Blackfoot nicht geschafft hatten, schaffte die Zivilisation: Zwei Jahre später starb er.«

Es gibt allerdings noch radikalere Fälle, ja eine ganze Tradition »dunkler« Walden-Wiedergänger, die nicht den Rückzug suchen, sondern zum Gegenangriff übergehen. In T. C. Boyles Roman The Harder They Come (2015) wird ein vermutlich schizophrener Mann, Adam »Colter« Stenson, der sich zunehmend mit John Colter verwechselt, zum Attentäter. Die anderen Protagonisten sind sein Vater, ein von seinem Rentnerdasein gelangweilter Vietnam-Veteran, der sich für Naturschutz engagiert, und Adams Geliebte Sara, die dem Sovereign Citizen Movement angehört und jegliche staatliche Regulierung ihres Lebens rundweg ablehnt. Während sich sein Vater in seiner Bürgerlichkeit eingerichtet hat und Sara in ihrer Ablehnung derselben sesshaft geworden ist, verliert sich Adam in der Fantasie, eine Art »last man« zu werden.

Boyles minutiöse Naturbeschreibungen erreichen das genaue Gegenteil von Thoreaus. Anstatt der Beschleunigung des modernen Lebens etwas entgegenzusetzen, intensivieren sie diese. Adams’ Identifikation mit seiner nichtmenschlichen Umwelt führt zu einer Vereinzelung, die ihm das, wovor er zu fliehen versucht, unweigerlich näherbringt und die schließlich in einen Gewaltexzess mündet. Boyles Roman verdichtet US-amerikanische Freiheitsideen mit dem Potential der Wildnis als Gegenumwelt in ein Narrativ, in dem »exceptionalism« und Isolation nicht mehr zu unterscheiden sind.

Das extremste Beispiel dieser dunklen Seite des Walden-Kults ist fraglos Theodore »Ted« Kaczynski, der Unabomber. Er lebte von 1971 bis 1996 in einer Hütte, die bis ins Detail derjenigen glich, die Thoreau am Walden Pond bewohnte, und auch sein Manifest Industrial Society and Its Future nimmt sich Thoreau zum Vorbild. Die TV-Serie Manhunt: Unabomber inszeniert die Geschichte seiner Radikalisierung als Jagd zwischen einem hochintelligenten Attentäter und einem nicht weniger radikalen FBI-Ermittler. In Rückblenden und Berichten aus den Ermittlungen zeichnet sie die Radikalisierung des hochbegabten Mathematikers nach, die in vielerlei Hinsicht mit der politischen Paranoia des Kalten Krieges verbunden ist. Der Ausstieg wird hier zu einer direkten Reaktion auf die Behandlung eines Menschen als Versuchsobjekt. Kaczynski erfuhr, so das Narrativ, die Unmenschlichkeit des »Systems« am eigenen Leib.

Die Serie konzentriert sich allerdings weniger auf die Ähnlichkeiten mit Walden als auf den juristischen Streit um Kaczynskis Geisteszustand. Um keinen Preis will er vor Gericht für unzurechnungsfähig erklärt werden: Seine absolute und unerbittliche Ablehnung all dessen, was als technischer und sozialer Fortschritt gilt, darf nicht als Verrücktheit angesehen werden. 10 Wo Thoreau seinen Überlegungen den Rahmen des Experiments gibt, fühlt sich der Unabomber angesichts der aus seiner Sicht radikal verschärften gesellschaftlichen Lage dazu berechtigt, Gewalt auszuüben.

In diesem Sinne ist möglicherweise auch das Verständnis zu verstehen, das sowohl die Serie als auch Boyles Roman ihren gewalttätigen Protagonisten entgegenbringen. Das heißt nicht notwendig, dass die Taten gebilligt würden, aber hier wie da scheinen sie konsequente, wenn nicht unausweichliche Folgen des Verfalls der Gesellschaft zu sein: Beispiele von Kulturkritik, die sich über ihre Identifikation mit der vermeintlich natürlichen Wildnis selbst naturalisiert und dadurch unhinterfragbar gemacht hat.

Domestizierung

Das Problem am Walden-Experiment ist, dass es nur ganz oder gar nicht zu haben ist, da Authentizität und Natürlichkeit als absolut gesetzte Werte kaum verhandelbar sind. Dass sie aber verhandelbar sein müssen, wird nicht erst dann ersichtlich, wenn, wie bei Ted Kaczynski und Adam »Colter« Stenson, die Verteidigung der Waldwildnis zu einem Angriff auf »die Zivilisation« führt.

Eine Verhandlung sozialen Zusammenlebens findet dagegen notwendig dann statt, wenn nicht nur ein Mann für sich allein im Wald lebt. In dem Kinofilm Captain Fantastic (2016) ist das der Fall. Ben und seine sechs Kinder leben in einem elaborierten und durchorganisierten Camp mitten im Wald. Alle Kinder sind bemerkenswert fit, lesen die kanonischen Texte der angloamerikanischen Literatur und sind ohne weiteres dazu in der Lage, einen Hirsch auszunehmen und zuzubereiten. Zivilisation oder vielmehr eine milieuspezifische Vorstellung von Kultiviertheit stehen hier allem Anschein nach nicht im Gegensatz zu einem Leben in der Natur. Die Familie folgt Thoreaus Vorbild, insofern sie eine (nur) relative Unabhängigkeit von zivilisatorischen und kulturellen Errungenschaften lebt: Bücher, Werkzeuge, Medikamente und im Extremfall auch medizinische Infrastruktur sind Teil des abgeschiedenen Lebens.

Doch die Abwendung von der Gesellschaft zugunsten einer kleinen Gemeinschaft stellt hier keine philosophische Versuchsanordnung dar, in der die eigene Haltung zur inneren und äußeren Natur erkundet werden soll, es handelt sich vielmehr um das Projekt, eine neue Kultur- und Lebensweise zu begründen. Ben, der Familienvater, teilt die Ablehnung einer durch Konsum und Besitz korrumpierten Gesellschaft, die aus seiner Perspektive nicht zukunftsfähig ist. Es handelt sich aber, auch wenn der Eindruck entstehen könnte, nicht um eine grundsätzlich patriarchal organisierte Familie. Vielmehr verbinden sich hier Erziehungsideale der counterculture – Mitspracherecht der Kinder, Selbständigkeit und freie Entfaltung – mit einer geradezu militärischen Disziplin zu einem, wie es scheint, glücklichen Familienalltag, in dem jeder seinen Platz findet.

Allerdings ist dieses Modell störungsanfällig und nicht skalierungsfähig. Es stellt sich nämlich heraus, dass der Vater nicht weniger Konformität von seinen Kindern erwartet, als die meisten »starken« Väter es tun. Ein Ausflug in die Zivilisation kulminiert in der Drohung des Großvaters, die Kinder mit Gewalt aus dem Wald zurückzuholen. Sie seien nicht vorbereitet auf das »wirkliche Leben«. Die starken Familienbande retten die Erzählung dann aber vor einem bösen Ende: Statt konsequent im Wald lebt die Familie schließlich das domestizierte Leben naturnaher Bauern. Dass dies trotzdem nicht wie Verrat an den Idealen des Waldlebens wirkt, liegt daran, dass das Ideal des »bewussten« Lebens in Captain Fantastic tatsächlich verkörpert wird, und zwar nicht nur von der Vaterfigur, sondern auch von jedem einzelnen seiner Kinder. Wie Thoreau in Walden kann er aus dem Wald zurückkehren, ohne dass dies als Versagen zu werten ist.

Der Film bietet also ein Kultivierungsprojekt an, das die Grenzen zwischen wild-natürlichem, »richtigem« Leben und kultiviert-zivilisatorischem Leben zwar kritisiert, aber nicht leugnet. So löblich und erfüllend es sein mag, die »Wildnis vor der Haustür« zu entdecken, ein »bewusstes« Leben à la Walden ist nicht zu haben, wenn Bequemlichkeit im Vordergrund steht. Naturwissen im Pocketformat und Kauftipps (»Edel sei das Gepäck, nützlich und gut«) werden zu traurigen Überbleibseln eines zwar problematischen, aber eben auch vielversprechenden Mythos. Weder »Wildnis« noch »Zivilisation« zu Schicksalsgrößen zu erklären, die höchstens im Kleinformat kompatibel sind, wäre die Leistung einer Arbeit am Mythos Walden, die sich endlich von der männlichen Natur von Welt und (Gegen)Umwelt verabschiedet.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Ludwig Fischer, Natur im Sinn. Naturwahrnehmung und Literatur. Berlin: Matthes & Seitz 2019.
  2. Barbara Lich, Der Walden Field Guide. Das ganze Jahr unterwegs in Deutschland. Berlin: Ullstein 2016.
  3. Der Abdruck aus der Übersetzung von Erika Ziha (dtv 1999) stammt aus dem letzten Kapitel des Buchs, »Frühling«.
  4. Leo Marx, The Machine in the Garden. Technology and the Pastoral Idea in America. Oxford University Press 1964.
  5. William Cronon, The Trouble with Wilderness. Or, Getting Back to the Wrong Nature. In: Environmental History, Nr. 1, Januar 1996.
  6. Lawrence Buell, The Environmental Imagination. Thoreau, Nature Writing, and the Formation of American Culture. Cambridge /Mass.: Harvard University Press 1995.
  7. So betitelt Jürgen Goldstein sein Schlusskapitel, das Thoreau und McCandless mit den anderen »Sammlern von Augenblicken« verbindet, um die sich das Buch Die Entdeckung der Natur. Etappen einer Erfahrungsgeschichte (Berlin: Matthes & Seitz 2013) dreht.
  8. Ein zweiter Anlass ist das Erscheinen des Buchs seiner Schwester Carine McCandless, Wild Truth. Die wahre Geschichte des Aussteiger-Idols aus »Into the Wild«. München: btb 2014.
  9. Der Magazin-Artikel endet mit dem Satz »Christopher McCandless aber ist unsterblich, weil er tot ist.«
  10. Zu diesem Anspruch vgl. Manfred Schneider, Das Attentat. Kritik der paranoischen Vernunft. Berlin: Matthes & Seitz 2010.

2 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    Primär ging es dem Autor um Protest gegen den Mexikanischen Krieg und um die selbe Frage des Rechts zur Verweigerung von Steuern, wie sie zur Unabhängigkeit geführt hatten. Gerne beruft sich auch die Tea Party auf diese werde. Aber es bleibt fest zu halten Thoreau konte jederzeit in die Stadt gehen und seine Freunde treffen.

  2. Sasha Petrova sagt:

    Danke für den schönen Artikel. Er hat mich an die folgenden vier Kurzessays zu Spuren, die „Walden“ in der Gegenwartskultur hinterlassen hat, erinnert. Zu finden unter folgendem Link: https://quemadamag.wordpress.com/category/walden-spuren/

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