Der Gott der Zwischenräume

ie hier schon angekündigte Gründung einer neuen Weltreligion mit Abgabetermin Ende 2020 geht ihren geordneten Gang, das heißt: Ich bin angemessen verwirrt. Die Stellen »Messias«, »Göttin /Gott« und »Bundesschatzmeister*in« sind noch nicht besetzt, Bewerbungen werden wohlwollend entgegengenommen. Verschiedentlich wurden Bitten an mich herangetragen, für bestimmte Bewerberinnen das Amt »Hohepriesterin« einzurichten; darüber konnte in der Kürze der Zeit leider noch nicht entschieden werden.

(Der Text ist im Februarheft 2020, Merkur # 849, erschienen.)

Der Verlag C.H. Beck war so freundlich, mir ein Exemplar der Religionsgeschichte von Bernhard Maier aus dem Jahr 2018 zu schicken, Die Ordnung des Himmels.1 An dem Buch gefallen mir besonders die wiederholten Versicherungen, dass wir über den Ursprung der Religionen trotz aller archäologischen Funde im Grunde wenig bis nichts wissen und immer nur ableiten. Dass die Schlüsse, die wir ziehen, eher Übersprungshandlungen sind. Ich stecke aber noch tief in den Bestattungsriten der Steinzeit etc., wo aus der Tatsache, dass die Toten nicht einfach weggeschmissen wurden, spirituelle Bedürfnisse und Nachweltfantasien abgeleitet werden. Manchmal bringen Archäologinnen natürlich auch ihren eigenen Hang zum Höheren an die Ausgrabungsstelle mit.

Als Kind habe ich unsere verstorbenen Wellensittiche im Vorgarten begraben. Ich habe aber nicht geglaubt, dass sie in den Vogelhimmel kommen. Meine Eltern waren Sozialdemokraten, das ist verschärfter Protestantismus ohne Gott (dafür mit Willy Brandt). Entschlossene Hoffnungslosigkeit. Einmal habe ich meinen Vater gefragt, was nach dem Tod kommt, und er hat gesagt: »Nichts.«

Das war endgültig. Es gab keine Fantasie, mit der ich dieses Nichts für mich selbst wieder hätte beleben, es mir ein wenig hätte anwärmen können. Nichts war nichts. Meine Mutter hat nicht einmal versucht, die Härte der Aussage abzumildern. Glaube war etwas für die anderen. Wenn vor der Haustür meiner Eltern ein Engel erschienen wäre, hätten sie einfach die Bettlerabweisungsformel abgewandelt und gesagt: »Wir glauben nicht.«

Ich habe die Wellensittiche also in einem sehr tiefen, sehr schwarzen Loch beerdigt. Das war sehr, sehr traurig. Gleichzeitig gehörte zu meinen Kinderschätzen der nackte, weiße Schädel einer Hauskatze, den ich irgendwo ausgegraben hatte. Das war nicht traurig, das war Besitztum, schaurig-schöne Herrschaft über die Natur.

(…)


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