Die Replikationskrise

Drei Geschichten, ein und dasselbe Problem. Erstens: Im Herbst 1996 brachte Sally Clark, eine englische Rechtsanwältin aus Manchester, einen augenscheinlich gesunden kleinen Jungen zur Welt, der im Alter von elf Wochen plötzlich verstarb. Sie hatte sich noch nicht vollends von dem traumatischen Vorfall erholt, als sie im Jahr darauf einen weiteren kleinen Jungen bekam. Tragischerweise starb auch er acht Wochen nach der Geburt. Die Ursachen für den Tod der beiden Kinder waren nicht ersichtlich, und die Polizei vermutete, dass es sich nicht um einen Zufall handelte.

(Der Text ist im Februarheft 2020, Merkur # 849, erschienen.)

Clark wurde verhaftet und des zweifachen Mordes angeklagt. Der Kinderarzt Roy Meadow, der den Begriff »Münchhausen-Stellvertretersyndrom« geprägt hatte, sagte im Prozess aus, es sei äußerst unwahrscheinlich, dass zwei Kinder aus einer gutsituierten Familie wie der der Clarks hintereinander an Plötzlichem Kindstod (SIDS) sterben. Er schätzte die Wahrscheinlichkeit auf eins zu 73 Millionen, was er sehr anschaulich mit einem Rennpferd verglich, das als unwahrscheinlicher 80:1-Longshot gehandelt wird und dann beim Grand National Horse Race vier Jahre hintereinander gewinnt. Clark wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Die Presse beschimpfte sie als Kindsmörderin.

Zweitens: Angenommen, eine rundum gesunde Frau Mitte vierzig bemerkt einen verdächtigen Knoten in ihrer Brust und lässt eine Mammografie machen. Die Auswertung ergibt, dass der Knoten bösartig ist. Sie will wissen, ob die Chance besteht, dass die Diagnose falsch ist. Ihr Arzt antwortet, dass diese Scans, im Rahmen dessen, was diagnostische Werkzeuge leisten können, sehr präzise sind. Ein solcher Scan finde fast 100 Prozent der wahren Krebserkrankungen und identifiziere nur in etwa 5 Prozent der Fälle einen gutartigen Knoten fälschlicherweise als Krebs. Daher sei die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um eine falsche positive Diagnose handelt, sehr gering, etwa 1 zu 20.

Drittens: Im Jahr 2012 behauptete Ara Norenzayan, Professor an der University of British Columbia, beweisen zu können, dass der Anblick von Rodins Skulptur Der Denker Menschen weniger religiös machen würde. In einer Studie mit 57 Studenten wies er die Teilnehmer nach dem Zufallsprinzip dazu an, entweder den Denker oder ein Kontrollbild – den Diskobolos von Myron, eine Skulptur eines griechischen Athleten, der einen Diskus wirft – anzusehen, um dann ihren Glauben an Gott auf einer Skala von 1 bis 100 zu bewerten. Probanden, die dem Denker ausgesetzt waren, erreichten einen deutlich niedrigeren mittleren Gottesglauben-Score von 41,42 gegenüber 61,55 in der Kontrollgruppe. Die Wahrscheinlichkeit, eine so große Differenz allein durch Zufall zu beobachten, betrug etwa 3 Prozent. So kamen Norenzayan und sein Ko-Autor zu dem Schluss, dass der Denker die Teilnehmer veranlasst hatte, analytisch zu denken, und dass »eine neue visuelle Prämisse, die analytisches Denken anregt, auch den Unglauben an Gott fördert«.

Alle drei dieser Darstellungen weisen den gleichen Fehler bei der Argumentation mit Wahrscheinlichkeiten auf. Die ersten beiden sind Beispiele für bekannte Irrtümer, die als prosecutor’s fallacy beziehungsweise als Basisratenfehler bezeichnet werden. Die dritte ist eine typische statistische Analyse einer wissenschaftlichen Studie, wie sie heute in den meisten renommierten Zeitschriften zu finden ist. Tatsächlich wurden die Ergebnisse von Norenzayan in Science veröffentlicht und bisher 424 Mal in der Forschungsliteratur zitiert. Atheisten begrüßten die Studie als wissenschaftlichen Beweis dafür, dass Religion irrational sei; religiöse Menschen waren angesichts der Andeutung, dass die Quelle ihres Glaubens ein Mangel an Vernunft sein sollte, verständlicherweise verärgert.

Der Denkfehler, der den drei Beispielen zugrunde liegt, steht in Zusammenhang mit der Frage, warum so viele der Studienergebnisse in Astronomie bis Zoologie nicht reproduzierbar sind. Über dieses große Problem zerbricht sich die Welt der Wissenschaft derzeit den Kopf.

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