Männerkörper und Textfantasien. »Männerphantasien«, literaturwissenschaftlich gelesen

Als Klaus Theweleits Männerphantasien vor vierzig Jahren bei Stroemfeld /Roter Stern erschien, artikulierte die Studie ein neues Bedürfnis von Männern, ihre eigenen Anteile an den postfaschistischen Herrschaftsverhältnissen zu reflektieren. 1 Mit der Frauenbewegung der 1970er Jahre setzte ein neues Nachdenken über Kapitalismus und Geschlecht ein, das Private war politisch, die Sphäre der kapitalistischen Produktion mit jener der häuslichen Reproduktion verknüpft. Emanzipatorische Politik hieß für linke Männer, den unbewussten Machtmechanismen in sich nachzuspüren, die nicht nur gegen Frauen, sondern auch dem eigenen Geschlecht gegenüber repressiv wirkten. 2

(Der Text ist im Märzheft 2020, Merkur # 850, erschienen.)

Die nun publizierte Neuauflage der Männerphantasien im Verlag Matthes & Seitz fällt in eine Zeit, in welcher der Feminismus erneut Konjunktur hat. Die MeToo-Bewegung hinterfragt tradierte Männlichkeitsbilder, macht die Alltäglichkeit sexualisierter Gewalt sichtbar und zeigt, dass Macht nach wie vor männlich strukturiert ist. Männer sind derzeit zweifelsohne die kulturellen Modernisierungsverlierer, der Autor Jens Balzer spricht gar von einer »flächendeckenden Verwahrlosung«. 3

Die Männerbewegung, die sich im digitalen Netz formiert, unterscheidet sich grundlegend von den Gruppen, in denen sich Männer in den späten 1970er Jahren mit der Lektüre der Männerphantasien selbstkritisch austauschten: Männlichkeit wird hier von rechts neu gedacht. Gerade der soziale und ökonomische Statusverlust von Männern ist es, der, wie die amerikanische Philosophin Kate Manne in ihrer 2019 auf Deutsch erschienenen Studie Down Girl. Die Logik der Misogynie rekonstruiert, zu einer neuen Ausbreitung des Frauenhasses führt. Der gekränkte Mann avanciert zu einem wirkmächtigen Männerbild unserer Zeit. Maskulinisten und selbsternannte Männerrechtler sehen sich im Angesicht des Gender Mainstreaming benachteiligt und zu Unrecht des Sexismus beschuldigt.

Incels, laut Selbstbezeichnung Opfer des involuntary celibacy, eines unfreiwilligen Zölibats, tauschen im Netz Gewaltfantasien gegen Frauen und Minderheiten aus. In der digitalen Männerbewegung ersetzt das Selbstmitleid die Selbstfindung, ein beschworener Opfergestus die Reflexion über eigene Täterschaft und die Naturalisierung von dichotomen Geschlechterrollen die Pluralität geschlechtlicher Lebensformen. Kurz: Der männliche Aktivismus der Gegenwart ist antifeministisch, aggressiv und rassistisch.

Der Text als Körperzustand

Wie können die Männerphantasien unter dem veränderten politischen Koordinatensystem gelesen werden? Eine Antwort erwächst aus dem, was Theweleit in seinem Nachwort zur Neuauflage als den »politischen Kern des Buchs« bezeichnet: seiner Textform. 4 Auch wenn die Studie seinerzeit als literaturwissenschaftliche Dissertation an der Universität Freiburg eingereicht wurde, bricht sie mit den Standards akademischer Sprache. Der Text arbeitet sich assoziativ an den frauenfeindlichen und soldatischen Imaginationen deutscher Freikorpsliteratur ab, er versenkt sich seitenlang in die fiktiven Textwelten, um sich dann zu einer theoretischen Verdichtung zusammenzuziehen.

Dabei verfährt der Autor hochgradig subjektiv: Er schreibt seine unmittelbaren Lektüreerlebnisse nieder und reflektiert dabei seine eigene Biografie. Die zahlreichen Fotos, Bilder und Comics, die wahllos in den Text eingefügt scheinen, ihn eher fragmentieren statt illustrieren, werden weder kontextualisiert noch kommentiert. Sie stehen neben dem Text und sprechen eine eigene Deutung aus. Die Männerphantasien entsprechen dem, was der Kulturhistoriker Philipp Felsch als das »unordentliche Layout der Postmoderne« bezeichnet: 5 Das ungebundene Material sollte gegenüber dem Logozentrismus der Moderne einen neuen Zugang zur Realität, ja eine neue Erkenntnisform freisetzen.

Was dem Buch zu seiner großen Popularität verhalf und gleichzeitig in universitären Kreisen zu einer bis heute anhaltenden Missachtung führte, war der andere Ton, mit dem Theweleit von seinem Gegenstand sprach. 6 Dabei wollten die neuen Schreibweisen, die sich Ende der siebziger Jahre in linken Kreisen etablierten, nicht bloß leger daherkommen, sie hatten Methode. Theweleit betont, dass er das Material abbilden wollte, wie es in der innerpsychischen Realität vorliegt, chaotisch und ungeordnet, nicht anhand eines künstlichen Kategorienapparats. Darum sucht »die Schreibweise des Buchs […] nach einer Sprache, die die Verbindung zu lebendigen Körpern, dem eigenen und den Körpern der Anderen, nicht kappt«. Eben das ist das Politische der Form.

In seiner Nachbemerkung zur Erstauflage, die ursprünglich die Dissertation methodisch einordnete, kritisiert Theweleit die damals populären marxistischen Faschismusanalysen, welche die Funktion des Nationalsozialismus entweder aus einem »Primat der Politik« (wie Friedrich Pollocks These vom autoritären Staatskapitalismus) oder einem »Primat der Industrie« (wie die Arbeiten von Eberhard Czichon zur Rolle der Großindustrie beim Aufstieg der NSDAP) ableiteten. Die Männerphantasien wollten tiefer ansetzen, bei den Wünschen und Affektzuständen der Männer, um die Attraktivität des Faschismus zu verstehen: »Ein Verständnis dieser quasi ›freiwilligen‹, lustvollen Feier der Gewalt und der lustvollen Gewaltausübung selbst hat mich interessiert: Die Frage nach dem psycho-physischen Gewinn, den eine bestimmte Destruktivität bestimmten Männern einbringt.«

Dazu bedurfte es einer neuen Sprache und eines neuen methodischen Werkzeugs. Um die affektiven Wünsche aufzuspüren, berief sich Theweleit gegen den Zeitgeist nicht auf die Studien der Frankfurter Schule zum autoritären Charakter, sondern auf die französischen Autoren Gilles Deleuze und Félix Guattari, die in ihrem Werk Anti-Ödipus. Kapitalismus und Schizophrenie I (1974) eine Revision der Freudschen Psychoanalyse vorschlugen. Entscheidend für die psychische Struktur war für die Schüler Jacques Lacans nicht länger die für Freud zentrale Kategorie des Unbewussten. Für sie war die Psyche nicht eindeutig strukturiert, sondern ein Bündel energetischer Verkettungen, die sie Wunschmaschinen nannten. Maschinen deshalb, da sie einen unstillbaren Durst nach Produktion haben. Die Psyche beinhaltet für sie nichts anderes als »den Wunsch zu wünschen«. Sie ist für Deleuze und Guattari nicht länger wie in der strukturalistischen Deutung Lacans sprachlich strukturiert, sondern durch unsere Wünsche und Affekte.

Diese Grundidee prägt die Männerphantasien nicht nur inhaltlich, sondern auch formal. Gerade Fiktionen, das Material der Studie, ermöglichen einen Zugang zum Realen, in dem unausgesprochene Körperzustände sedimentiert sind. Theweleit akzeptiert die Eigenweltlichkeit der Freikorpsliteratur als »real«, und zwar indem sie eine Realität eigener Art formuliert. Mit Realität ist nicht der »Inhalt des Ausgesagten« gemeint, sondern vielmehr die »Art des Mitteilens«, eine spezifische Form des Erzählens, die einen Zugang zur Affektivität des Mitgeteilten ermöglicht. Der eigenwillige Ton, den das Buch anschlägt, ist also dem behandelten Gegenstand geschuldet, den Affektzuständen und Körperstrukturen der faschistischen Männer. Statt deren Körperpanzer, ein Begriff, den Theweleit von Wilhelm Reich übernimmt, in akademische Textpanzer zu überführen, will er sie durch eine Sprache, die jedem Drill der Form zu entkommen sucht, aufbrechen, um die explosiven Affektintensitäten der Freikorpssoldaten sichtbar zu machen. Sicherlich ist an Theweleits Studie Kritik zu üben, so wird ihm unter anderem vorgeworfen, dass er den Antisemitismus der Freikorps nicht genügend analysiere und die Rolle der Täterinnen außer Acht lasse. 7 Trotz dieser berechtigten Vorwürfe erweiterten die Männerphantasien das literaturwissenschaftliche Analyseinstrumentarium und eröffneten einen neuen Zugang zur spezifischen Realität des Faschismus.

Antiproduktion des Realen

Der erste Band der Männerphantasien dokumentiert die wiederkehrende Angst der Freikorps vor bestimmten Körperzuständen, die mit dem Weiblichen assoziiert werden: Alles Fließende, Breiige, Schleimige wirkt auf sie bedrohlich. In den Texten artikuliert sich das Verbot jeder Vermischung, von Mann und Frau oder Innerem mit Äußerem. Um dies zu erklären, greift Theweleit im zweiten Band auf die psychoanalytischen Ansätze von Melanie Klein und Margaret Mahler zurück. Das Verlangen der faschistischen Männer, alles Lebendige, Durchmischte, Hybride zu vernichten, resultiert für ihn aus einer Abwehr von Lustempfindungen, die schon in der frühen Kindheit tabuisiert und unterbunden wurden: »Außen soll sich nichts bewegen und innen kein Gefühl sein«.

Diese erste Sozialisation hat die soldatischen Männer, wie Theweleit diesen historischen Körpertypus auch nennt, ohne ein »sicheres Gefühl äußerer Grenzen« zurückgelassen. Ihr Ich ist fragmentiert, es braucht eine zweite Sozialisation, den militärischen Drill, der um den drohenden Ich-Zerfall einen schützenden Körperpanzer legt, damit die chaotischen und unkontrollierbaren Körperzustände sich nicht nach außen Bahn brechen. Was das Ich selbst nicht leisten kann, muss von außen an es herangetragen werden: Nation, Partei, Truppe oder Familie sind in dieser Deutung »Ganzheitsmaschinen«, die Ordnung stiften, wo Chaos herrscht. Auch das Schreiben wird den Freikorps zu einer »Zusammenfügungsmaschine«, es entlebendigt das Lebendige, indem es auf dem Papier festgehalten wird.

Diese Sehnsucht nach Stabilität durch institutionelle Einhegung ist ein Grundmuster konservativen Denkens. Nur Institutionen schützen, so Arnold Gehlen, »den Menschen vor sich selber«. 8. In: Friedemann Grenz, Adornos Philosophie in Grundbegriffen. Auflösung einiger Deutungsprobleme. Frankfurt: Suhrkamp 1974.] Karlheinz Weißmann, ein führender Autor der Neuen Rechten, formuliert in seiner politischen Grundlegung Das konservative Minimum (2007) ein existentielles Begehren nach Beständigkeit, das sich gegen den Prozess gesellschaftlicher Modernisierung richtet: »Aber die Ordnung ist für den Konservativen so wenig absolut wie das Bestehende. Sie erhält ihre Bedeutung eigentlich erst aus der Einsicht in die Kraft der Veränderung, die für den Menschen etwas Festes nötig werden läßt.« Er leitet das konservative Ordnungsbemühen aus der sozialen Dynamik moderner Gesellschaften ab. Wie der militärische Drill den Körperpanzer schützend über das fragmentierte Ich legt, dienen soziale Institutionen dem Schutz vor dem unaufhaltsamen Strom sozialen Wandels.

In seinem Nachwort zur Neuauflage 2019 fasst Theweleit seine Grundüberlegung in einem Satz zusammen: »Faschismus ist eine zerstörerische Art und Weise, die Realität herzustellen.« Der Faschismus stützt sich für ihn nicht primär auf eine politische Programmatik, er ist ein Körperzustand, dessen innerer Drang nach destruktiver Bearbeitung der äußeren Welt unstillbar ist. Analog dazu lässt sich nun faschistische Literatur als »Teil auch der faschistischen Aktion« lesen. Das Erzählen ist laut Theweleit ein »Produktionsprozess, ein Vorgang der Aneignung und Verwandlung der Realität«. Wie die Wunschmaschinen von Deleuze und Guattari rastlos darauf drängen, Wirklichkeit zu produzieren, absorbiert das Erzählen das Reale in seinem symbolischen Zeichensystem. Erfolgreiche Geschichten entwickeln ihre besondere Faszination zwar durch ihre Eigenweltlichkeit, sie erzeugen eine erzählte Welt, in der man sich verlieren kann, sind aber gleichzeitig auch aus den Bausteinen der Wirklichkeit gebildet. Die Freikorpsliteratur bezieht sich nun auf die außersprachliche Realität im Modus der »Wirklichkeitsvernichtung«: Das lebendige Material wird in ihr zur toten Abfolge, die Produktion zur »Anti-Produktion«. Die chaotischen Elemente werden in einen zwingend erscheinenden Ablauf eingefügt, alles in ihr hat einen festen Platz.

So wie die Freikorpssoldaten körperliche Zustände der Durchmischung abwehren, transportiert ihre Literatur einen Widerstand gegen Polysemien, indem die Zeichengebilde in ein rigides sprachliches Korsett feststehender Bedeutung eingefügt werden: »Eine sprachliche Haltung, die das Eigenleben ihres Gegenstandes ernst nimmt oder achtet, ist ihr fremd. Sie scheint ebenso wenig zu einer ›Objektbeziehung‹ fähig, wie die Männer, die sie schreiben, selber.« Theweleit führt als Beispiel Klischees, Standards oder sprachliche Muster an, welche die hybride Vielfalt von Realitäts- und Lebensentwürfen in eine sprachliche Ganzheitsmaschine pressen. Wirft man heute einen Blick auf die Sprache des Rechtspopulismus, ließe sich die Liste der sprachlichen Wirklichkeitsvernichtung endlos fortsetzen: Wenn offen von »Zersetzung«, »Division« oder »Schädlingen« gesprochen wird, ist das Auffinden einer destruktiven Abwehr kein Kunststück der literaturwissenschaftlichen Interpretation mehr. 9

Die Antiproduktion der faschistischen Literatur bleibt aber Produktion, sie zerstört die Realität, indem sie eine neue Erzählordnung erzeugt. Die Männerphantasien transportieren das mit Michel Foucault virulent gewordene postmoderne Machtverständnis: Macht reglementiert, indem sie Wissen, Subjekte und Gegenstände produziert. Die Erzählungen der Freikorps schützen sich vor dem unkontrollierbaren Einbruch des Realen, indem sie eine Realität sui generis erschaffen. Der Literaturwissenschaftler Albrecht Koschorke spricht von »inferentieller Stimmigkeit«, 10 nach der sich die Wahrheit einer Erzählung misst, im Unterschied zu der referentiellen Übereinstimmung mit dem realen Objekt.

Das Reale wird, so Theweleit, in der faschistischen Literatur nach eigenen Gesetzen neu formiert, die einzelnen Elemente in eine übergeordnete Einheit eingefügt. Kohärenz und Stimmigkeit sollen die Gefahr, die von der Sinnlichkeit ausgeht, bändigen: »Diese Männer schreiben eine Besatzungssprache. Sie ist imperialistisch gegen jede Art selbstständiger lebendiger Bewegung gerichtet.« Das faschistische Erzählen tilgt so nicht nur semantische Mehrdeutigkeiten, sondern auch die Vielgestaltigkeit des Realen, indem es reglementiert, anordnet und festschreibt. Symbolische Zeichenwelt und das soziale Handeln der soldatischen Männer verfahren nach den gleichen Mustern der Produktion: »Entlebendigung« und »Entdifferenzierung«.

Deutlicher wird das ästhetische Verfahren der Antiproduktion, wenn man sich einen Aufsatz Armin Mohlers anschaut, der 1973, also nur ein paar Jahre vor Theweleits Männerphantasien, erschienen ist und den Titel Der faschistische Stil trägt. Der Text des Baslers, der 1942 aus der Schweizer Armee desertierte, um sich der deutschen Waffen-SS anzuschließen, prägt das Selbstverständnis der Neuen Rechten bis heute. In einem Nachruf auf Armin Mohler beschreibt der neurechte Verleger Götz Kubitschek sein Lektüreerlebnis mit dem Pathos militärischer Metaphorik – Armin Mohler war es, der ihm die geistige Munition für den ideellen Kampf lieferte: »Ich las den Essay Der faschistische Stil und verfolgte mit, wie in meinem Kopf das ganze ungefügte Gebäude aus Geschichtsstunden und Reflexen zusammenbrach unter der ersten Salve, die Mohler abgefeuert hatte.« 11

Das scharfe Geschütz, das der Faschismus bereithielt, war laut Mohler nicht sein politisches Programm, sondern sein Stil, in ihm artikuliere sich analog zum »Kunstwollen« ein substantielles »Politikwollen«. 12 In einer eigenwilligen Interpretation von Gottfried Benns Rede auf Marinetti (1934), mit der Benn durch die Würdigung des italienischen Futuristen Filippo Tommaso Marinetti die ästhetische Moderne in den Nationalsozialismus überführen wollte, entfaltet Mohler ein Politikverständnis, das sich an ästhetischen Gestaltungsweisen orientiert: »In diesem Bereich der Politik ist das Verhältnis zum Begriff nun einmal instrumental, indirekt, nachträglich. Voraus geht die Entscheidung für eine Gebärde, einen Rhythmus, kurz: einen ›Stil‹. Dieser Stil kann sich natürlich auch in Worten ausprägen […], aber sie sind nicht dazu da, um einen logischen Zusammenhang mitzuteilen. Ihre Funktion ist vielmehr, eine bestimmte Tonlage zu setzen, ein Klima zu schaffen, Assoziationen hervorzurufen.« Das Bezeichnete tritt hinter das Zeichen zurück, die Wörter hinter die Textform. Der Faschismus ist bei Mohler ein politischer Symbolraum strukturierender Signifikantenketten, die sich ihrer Objektreferenz entledigen wollen. Das Reale löst sich in der zeichenhaften Anordnung auf, es wird ersetzt durch seine politische Konstruktion.

Auch bei Mohler gilt: Faschismus ist eine spezifische Art und Weise, sich das Reale anzueignen. Er möchte Realität durch Formung gestalten, um, würde Theweleit formulieren, deren Lebendigkeit zu vernichten. Die ästhetische Faszination des Faschismus für die uniformierte Choreografie von Massenaufmärschen, in denen der einzelne Körper bloß noch Bestandteil einer abstrakten Form ist, das Verlangen nach ritueller Einheit, das sich darin spiegelte, ließ Walter Benjamin 1936 in seinem Kunstwerk-Aufsatz von einer »Ästhetisierung des politischen Lebens« sprechen, die rechte Politik bis heute prägt. Die ästhetische Formung des Politischen erzeugt symbolische Ordnungen von Kollektiven durch die Mobilisierung nichtsprachlicher Affekte.

Theweleit spricht davon, dass der Faschismus in Massenaufmärschen die inneren Zustände in äußere Monumente übersetzt. Darum sind es weniger die Wörter, die politische Sinnstrukturen formen. Wie nach Benjamin das »Menschenmaterial« der Masseninszenierungen nur der Stoff ist, der erst durch seine Formierung einen affektiven Gewinn abwirft, sedimentieren sich in der »Tonlage« oder dem »Klima«, wie Mohler formuliert, Assoziationsketten, die politische Imaginationen transportieren. Darum sind es auch die spezifischen Schreibweisen der Freikorps, die Theweleit interessieren, sie transportieren die innerpsychischen Wünsche.

Die Angst vor der Derealisierung

Das Reale wird in den Zeichensystemen des Faschismus zu einer permanenten Bedrohung, »die Gefahr ist die Lebendigkeit selbst«, schreibt Theweleit. Doch der Faschismus entkommt dem Realen nicht. Wie Natur, Sinnlichkeit oder Körper nicht vollständig zu kontrollieren sind, lässt sich auch die außersprachliche Referenz der Symbolproduktion weder vollständig fest- noch stilllegen. In dem unermüdlichen Drang zur Produktion von Realität drückt sich auch die Unbestimmbarkeit des Realen aus, die soldatischen Männer suchen es auf Papier zu bannen, und im gleichen Moment entzieht es sich seiner zeichenhaften Repräsentation. Für Koschorke ist »die Plastizität des Realen ein funktionales Erfordernis moderner Gesellschaften«, indem es über permanente Aushandlungsprozesse über das, was als wahr und wirklich gilt, gesellschaftliche Semiosis garantiert. 13

Die politische Rechte betrachtet diese ontologische Relativität moderner Gesellschaften mit Argwohn. Die existentielle Überwältigung, die Zustände des Fließens und Strömens bei soldatischen Männern auslösen, lässt sich ebenso erkenntnistheoretisch lesen; die Verflüssigung von absoluten Wahrheitsansprüchen ist für die Neue Rechte Ausdruck zivilisatorischer Auflösung. So leitet Karlheinz Weißmann in seinem Konservativen Minimum die Notwendigkeit einer konservativen Bewegung aus einer katastrophischen Bedrohungslage ab: »Wir leben in einer Phase der Dekadenz, die sich allmählich vollendet […] Es gibt für jede Kultur die Gefahr des Verlöschens oder der äußeren Zerstörung. Beide Möglichkeiten kommen heute durchaus in Betracht […] Die einzige Chance ist der Widerstand.«

Die Aufkündigung von Wirklichkeitskonventionen, die in Zeiten gesellschaftlichen Wandels virulent werden, wird als Derealisierung erlebt, als Verlust fester Fundamente und sozialer Stabilität. Ob der Queer-Feminismus die Binarität traditioneller Geschlechterkonzepte hinterfragt oder Migranten und Migrantinnen eine homogenes Kulturmodell hybridisieren – in den Augen der Neuen Rechten ist die Komplexitätszunahme moderner Gesellschaften Ausdruck einer politischen Krise. Der Verlust kultureller Festlegungen befeuert die Angst vor der Körperauflösung der wirkmächtigsten Ganzheitsmaschine, der Nation.

Dass der französische Vordenker der Neuen Rechten, Alain de Benoist, die rechte Bewegung in den 1990er Jahren gerade durch die Adaption postmoderner Konzepte von Identität und Differenz erneuern wollte, kann mit Theweleit als »aggressive Erhaltungsaktion« gelesen werden: Weil postmoderne Theorien durch ihre Betonung der Unkontrollierbarkeit, ja der Kontingenz jedes sozialen Ordnungsbemühens den substantiellen Mangel rechter Politikmodelle sichtbar machen, müssen diese vernichtend einverleibt werden. 14 Das semantische Schillern, das Begriffen wie Identität und Differenz anhaftet, wird ihnen genommen, sie werden entlebendigt, indem sie im rechten Diskurs als fixe Kategorien firmieren, die einzig existieren, um politische Ein- und Ausschlüsse zu formulieren. Die soldatischen Männer rächten sich nach Theweleit in ihren explosiven Gewaltausbrüchen an ihren Müttern, die ihnen den Wunsch nach Verschmelzung versagten. Dies ist dann wohl die Rache der Neuen Rechten an der Postmoderne.

Auf die bedrohliche Erfahrung der Derealisierung antworten die Autoren der Neuen Rechten wie auch die Freikorps in Theweleits Männerphantasien mit: »Widerstand«. Kubitschek, selbst Oberleutnant der Reserve, formulierte in seinem 2007 erschienenen Text Provokation die wohl populärste politische Strategie der Neuen Rechten in Deutschland. Erstaunlich ist, wie offen er an das affektive Grundgerüst soldatischer Männer appelliert: »Zu provozieren, sich in einen wahrnehmbaren Gegensatz zu dem zu bringen, was den Fluss hinuntergespült wird, ist im Moment der Tat, im Moment der vollzogenen Provokation immer auch eine Selbstvergewisserung, ein Selbstkonzept, eine Betonung des Ichs, eine Formung dieses Ichs, das sich aufrichten muss, um die Provokation zu vollbringen, und das die Provokation vollbringt, um sich aufrichten zu können.«

Deutlich wird hier, dass dem Text nichts Verborgenes anhaftet, kein latenter Inhalt, der durch eine »symptomale Lektüre«, wie man im Anschluss an Louis Althusser sagt, zum Vorschein gebracht werden kann. Theweleit führt die textuelle Oberflächlichkeit darauf zurück, dass faschistische Sprache zu keiner »Objektbeziehung« fähig ist. Da der Text kein Verhältnis zur außersprachlichen Fremdreferenz stiftet, kann er auch keine semantische Tiefe entwickeln. Das treibende Moment der politischen Aktion ist bei Kubitschek eine Kränkung des Ich, die aus einer Wahrnehmungskrise resultiert. Entscheidend ist nicht, was den Fluss hinuntergespült wird (der Inhalt wird ausgespart), sondern dass bewährte Realitätskonventionen ins Fließen geraten.

Die Angst vor der semantischen Flut, welche die inneren wie äußeren Grenzen sprengt, kann nur durch die »Tat« überwunden werden, das heißt eine spezifische Art und Weise, Realität zu produzieren. Nur durch die »vollzogene Provokation« kann das Ich sich noch behaupten, sich gegen seine Fragmentierung wehren. Zu provozieren bedeutet, einen Gegensatz zu formulieren, um eine bestimmte Reaktion hervorzurufen. In ihr soll die Diskrepanz zwischen beunruhigenden Neuerungen und bewährten Realitätskonventionen eingeebnet werden. Die Provokation destruiert das bedrohliche Wirklichkeitsregime durch die Mobilisierung von Affekten, die ein anderes Realitätsschema setzen.

Die Antiproduktion, die Theweleit in der Freikorpsliteratur zwischen 1918 und 1923 beobachtet, beschreibt eine Form rechter Realitätsverarbeitung, die in der politischen Konstellation der Gegenwart wiederkehrt: Auf Öffnung wird mit Schließung, auf Kontingenz mit Fixierung, eben der Eindämmung des Flusses geantwortet. Die Verselbständigung des Realen wird als eine Störung wahrgenommen, die das fragmentierte Ich der rechten Bewegung als Wirklichkeitsverlust wahrnimmt, ein bedrohliches Verschwimmen der Grenzen, das die eigene Existenz aufzulösen droht.

Die Gewalt, die der neuen Männerbewegung von rechts inhärent ist, kann so als ein Versuch gedeutet werden, die Realität neu zu produzieren, sie einer »repressiven Renormalisierung« zu unterziehen, wie Koschorke in Bezug auf die Reaktionsformen auf Wahrnehmungskrisen sagt. Die Renaturalisierung, mit der die Männerbewegung traditionelle Geschlechterrollen restaurieren möchte, ist mit Theweleit gesprochen ein »männlich /weibliches Produktionsverhältnis unserer Kultur«, es verwandelt Lebendiges in Totes, indem es Geschlechterpanzer formt.

Wie also die Männerphantasien heute lesen? Der Ton der Studie ist der Einsicht einer linksalternativen Öffentlichkeit der 1970er Jahre verpflichtet, dass Ästhetik und Politik keine getrennten sozialen Entitäten sind. Der erste Aspekt, der aus meiner Sicht die Aktualität der Männerphantasien begründet, ist ihr systematischer Versuch, die Ästhetisierungsweisen des Politischen zu problematisieren. Insbesondere Literatur kann einen spezifischen Zugang zum Verhältnis der Neuen Rechten zur Realität eröffnen, da die Produktionsweise von Fiktionen wie kaum eine andere kulturelle Praktik den Status von Wirklichkeit verhandelt.

Daran schließt ein zweiter Aspekt an. Was auf den ersten Blick dem strukturalistischen Erbe der postmodernen Lektüre geschuldet zu sein scheint, die Fixierung auf die Textform, kann den Blick für performative Manifestationen des Politischen sensibilisieren, die sich in textuellen Operationen niederschlagen. Insbesondere Theweleits Insistieren darauf, dass die Form inhärent Gewaltverhältnisse produziert, nimmt die Debatte um gendersensible Sprache vorweg.

Damit verknüpft ist nun ein dritter Aspekt, die Aufwertung des Affektiven, welches das Analyseinstrumentarium zum Rechtspopulismus zu erweitern vermag. Was in den Männerphantasien unter Rekurs auf Deleuze und Guattari als Wunschproduktion gedacht wird, ist nicht auf Emotionalisierungsstrategien politischer Sprache zu reduzieren, sondern beschreibt einen innerpsychischen Affekthaushalt, der vermittels textueller Anrufungen Subjekte konstituiert.

Ob, salopp ausgedrückt, alle Rechtspopulisten die gleichen frühkindlichen Frustrationen erfahren haben, ist damit weniger von Bedeutung als eine psychische Mangelerfahrung, die über affektive Mobilisierung in eine aggressive Ich-Formation umgewandelt werden kann. Denn der Rhythmus, den die rechte Männerbewegung in ihrer Sprache intoniert, ist die Marschmusik des Kriegs.

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Klaus Theweleit, Männerphantasien. Die Erstausgabe erschien 1977 und 1978 in zwei Bänden (Bd. 1: Frauen, Fluten, Körper, Geschichte; Bd. 2: Männerkörper. Zur Psychoanalyse des Weißen Terrors) bei Stroemfeld /Roter Stern in Frankfurt.
  2. Zur Rezeption der Männerphantasien vgl. Sven Reichardt, Klaus Theweleits »Männerphantasien« – ein Erfolgsbuch der 1970er Jahre. In: Zeithistorische Forschungen, Nr. 3, 2006 (https://zeithistorische-forschungen.de/3-2006/4650).
  3. Jens Balzer, Wer lässt den Mann noch ran? In: Zeit vom 27. Dezember 2019 (www.zeit.de/kultur/2019-12/maennlichkeit-aussehen-umgangsformen-macht-sexualitaet-popkultur-zehnerjahre/komplettansicht).
  4. Klaus Theweleit, Männerphantasien. Vollständige und um ein Nachwort erweiterte Neuausgabe. Berlin: Matthes & Seitz 2019.
  5. Philipp Felsch, Der lange Sommer der Theorie. Geschichte einer Revolte 1960–1990. München: Beck 2015.
  6. Vgl. die von der Historikerin Birte Förster formulierte Kritik Aus einer fernen Zeit. Ein Bestseller als Flaschenpost. In: SZ vom 26. Dezember 2019 (www.sueddeutsche.de/kultur/ein-bestseller-als-flaschenpost-aus-einer-fernen-zeit-1.4736039).
  7. Einen Überblick über die wissenschaftliche Rezeption findet sich bei Sebastian Winter, Flut oder Stahl? Literaturessay zur Neuausgabe der »Männerphantasien« von Klaus Theweleit. In: Soziopolis vom 8. Januar 2020 (www.soziopolis.de/lesen/buecher/artikel/flut-oder-stahl/).
  8. Theodor W. Adorno u. Arnold Gehlen, Ist die Soziologie eine Wissenschaft vom Menschen? Ein Streitgespräch [1965
  9. Zur Analyse der Rhetorik der Neuen Rechten vgl. insbesondere Heinrich Detering, Was heißt hier »wir«? Zur Rhetorik der parlamentarischen Rechten. Stuttgart: Reclam 2019; Franziska Schutzbach, Die Rhetorik der Rechten. Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick. Zürich: Xanthippe 2018; Enno Stahl, Die Sprache der Neuen Rechten. Populistische Rhetorik und Strategien. Stuttgart: Alfred Kröner 2019.
  10. Albrecht Koschorke, Wahrheit und Erfindung. Grundzüge einer allgemeinen Erzähltheorie. Frankfurt: Fischer 2012.
  11. Götz Kubitschek, Fünf Lehren – Nachruf auf Armin Mohler. In: Sezession, Nr. 2, Juli 2003 (sezession.de/8033/fuenf-lehren-nachruf-auf-armin-mohler).
  12. Armin Mohler, Der faschistische Stil. In: Gerd-Klaus Kaltenbrunner (Hrsg.), Konservatismus international. Stuttgart: Seewald 1973.
  13. Albrecht Koschorke, Das Mysterium des Realen in der Moderne. In: Helmut Lethen u.a. (Hrsg.), Auf die Wirklichkeit zeigen. Zum Problem der Evidenz in den Kulturwissenschaften. Frankfurt: Campus 2015.
  14. Vgl. Alain de Benoist, Aus rechter Sicht. Eine kritische Anthologie zeitgenössischer Ideen. 2 Bde. Tübingen: Grabert 1983/84.

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