Spirituelles WiFi

Ich bin in Vietnam, in der Chinatown von Ho Chi Minh City, das früher Saigon hieß und noch immer so genannt wird. Manchmal kann man seinen Aufenthaltsort mitteilen, ohne zu verstehen, wo man ist. 34 Grad im Schatten. Ich sitze in den dunklen Tiefen eines Cafés unter einem Ventilator, an einem brüllenden Strom aus Motorrollern.

(Der Text ist im Märzheft 2020, Merkur # 850, erschienen.)

Wir bereisen Vietnam und sehen abends auf Netflix die Vietnamkriegs-Dokumentation von Ken Burns und Lynn Novick. Sie handelt manchmal von Vietnam und meistens von der Unfähigkeit der USA, keinen Krieg zu führen. Auf den Touristenmärkten werden hier kleine Kalaschnikow- und M16-Schlüsselanhänger angeboten, auch echte (oder »echte«) militärische Abzeichen der US-Army. In Geschäften oder an den Wänden von Privatwohnungen hängen die Stars and Stripes, vor den Häusern Hammer und Sichel und der gelbe Stern auf rotem Grund.

Die Einwanderer aus Südchina haben ihren ersten Tempel der Schutzgöttin der Seefahrer gewidmet. Von dieser Gemeinde haben sich zwei weitere Gemeinden abgespalten, die ihre Tempel ebenfalls der Schutzgöttin der Seefahrer gewidmet haben. Zwei dieser drei buddhistischen Tempel in Chinatown haben wir inzwischen besucht, dazu einen ein paar hundert Jahre jüngeren. Dort wird ganz hinten gebetet und geopfert, vor einer Reihe von Götterstatuen, die alle in kleinen Kabinen stehen wie in einem Naturhistorischen Museum oder in den Panels eines Comics. Manche, wie der »Schwarze Kaiser«, sind Gestalten aus der chinesischen Geschichte, an die man so beim Beten erinnert wird. Alle sind sie rot und gold und bunt. Nirgendwo wird versucht, durch ehrwürdige Naturmaterialien in gedeckten Farben Ehrfurcht zu erzeugen. Über einem Standbild der Muttergöttin drehen sich in zwei roten Plastikkandelabern Discolampen.

Ein alter Mann lacht mich an und klopft mir auf die Schulter. In einem kleinen Becken mit einer künstlichen Berglandschaft darüber drängeln sich prächtige Goldfische. Wasser, das sich sammelt, verspricht Wohlstand. Auch das Gold der Fische verspricht Wohlstand. Das Fabeltier Qilin (das »chinesische Einhorn«) steht für Wohlstand, weil es Nahrung nicht wieder ausscheidet und alles bei sich behält. Es hilft beim Sammeln und Behalten. Der Fenhuang (»Phönix«) bringt Schönheit, die Schildkröte Langlebigkeit, der Drache Macht. Einer Tigerstatute kann man frisches Fleisch zwischen die Zähne klemmen. Man holt es abends wieder ab, brät es und isst es, dann ist man vor böswilligen Gerüchten geschützt.

Man kommt, um für ganz einfache Dinge zu beten, um ungezügelte Energie für die eigenen Kinder zum Beispiel, um Frieden in der Beziehung oder Kraft in Konflikten. Für alles gibt es einen Gott, eine Göttin oder einen Untergott. Der Affengott, mein Liebling, macht einer den Weg frei. Vor dem Jadekaiser, dem man goldgelbe Roben kaufen und umhängen kann, sitzt mit dickem nackten Bauch der Geschäftsmann, hochzufrieden, und verspricht Wohlstand.

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