»Das habe ich erst einmal in den deep freezer getan«. Nachlassfragen bei Max Frisch

Max Frisch besaß ein ausgeprägtes Nachlassbewusstsein. 1 Natürlich kann es ein wenig befremdlich wirken, wenn jemand schon zu Lebzeiten ganz gezielt das eigene literarische Nachleben zu regeln versucht, doch in seinem Fall war es begründet: Max Frisch wusste genau, dass sein Nachlass nicht bloß aus Vorstufen seiner veröffentlichten Werke oder aus verstreuten Notizen oder aus sachlichen Briefwechseln mit bedeutenden Persönlichkeiten der Zeitgeschichte bestand – das alles auch –, sondern dass darin zwei der legendenumwobensten Textkonvolute der neueren deutschsprachigen Literatur schlummerten: das Berliner Journal aus den siebziger Jahren in der Tradition seiner berühmten Tagebücher und der Briefwechsel mit Ingeborg Bachmann, die offene Wunde der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur, bis heute. Max Frisch selbst hat die Legende um diese beiden Konvolute kräftig befördert, indem er zum Beispiel in Interviews darauf anspielte und verklärende Hinweise gab. Aber er hat auch dafür gesorgt, dass die heißen Eisen in professionelle Hände gelangen, wenn er eines Tages nicht mehr am Leben sein würde.

Lange bevor Friedrich Dürrenmatt 1988 bei einem Mittagessen mit Bundesrat Flavio Cotti der Schweizerischen Eidgenossenschaft seinen Nachlass unter der Bedingung vermachte, dass ein nationales Literaturarchiv gegründet werde – das 1991, unmittelbar nach Dürrenmatts Tod, auch die Tore öffnete –, hatte Frisch schon 1979 die Max Frisch-Stiftung ins Leben gerufen. Sie hatte unter anderem den Zweck, ein Archiv zu schaffen, »das sich in der Schweiz befinden soll, als Arbeitsstätte für die Forschung«. 1980 wurde das Max Frisch-Archiv an der ETH Zürich eingerichtet, wo es bis heute ist.

 

Mit der Gründung einer Stiftung und eines Archivs war indes nicht nur der Auftrag verbunden, die materiellen Teile des Nachlasses, der zunächst ein Vorlass war, zu sichern und zu sichten. Es war auch ein strategischer Auftrag damit verbunden, namentlich »die Förderung der Verbreitung des Werkes des Stifters« (drei Genitive hintereinander) und »die Verwaltung des literarischen Nachlasses mit allen Rechten und Pflichten, die sich aus der Verbreitung und Verwertung des literarischen Nachlasses ergeben«. 2

Um diese Stiftungszwecke zu erreichen, besetzte Frisch den Stiftungsrat nicht nach Personen, sondern nach Funktionen: Er legte fest, dass ihm »mindestens fünf Mitglieder« angehören sollten, darunter »mindestens ein Schriftsteller, ein Literaturwissenschaftler, sowie der Verleger desjenigen Verlages, der den literarischen Nachlass des Stifters betreut (beziehungsweise diejenige Person in diesem Verlag, welche sich dieser Aufgabe insbesondere widmet) und ein Vertreter der Nachkommen des Stifters«.

Diese Zusammensetzung sollte gewährleisten, dass die zur Nachlassregelung erforderlichen Kompetenzen versammelt sind (die produktiven, die analytischen und die distributiven, leider nur im Hintergrund die juristischen), und zugleich wurde das private Umfeld (Kinder, Ehefrauen, Partnerinnen) – je nach Lesart – weitgehend entmachtet oder entlastet. Ich plädiere sehr für die Lesart »entlastet« – denn in vielen Fällen ist ja die Verpflichtung, einen Nachlass aus familiärer Bindung übernehmen zu müssen, eher eine Bürde und eine Überforderung als eine Freude. Immerhin hat Max Frisch dafür gesorgt, dass seine Nachkommen, bis heute, den Großteil der Einnahmen aus den Tantiemen erhalten – was natürlich zulasten der Stiftung geht.

Mit der Gründung einer Stiftung und eines Archivs verfolgte Frisch somit eine klare Strategie: Die Entscheidungen über die zu Lebzeiten veröffentlichten Werke und die Nachlassbestände sollten nicht von persönlichen Befangenheiten geprägt, sondern von professionellen Expertisen geleitet werden. Während der Stiftungsrat in seiner ersten Zusammensetzung noch aus Personen bestand, mit denen Frisch persönlich bekannt oder gar befreundet war (wie Peter von Matt, Adolf Muschg und Peter Bichsel), so besteht er heute, abgesehen vom Familienvertreter Peter Frisch, dem Sohn von Max Frisch, aus lauter Leuten, die keinerlei persönliche Verbindung zu Frisch haben und insofern unbefangen urteilen können: neben mir als dem Präsidenten des Stiftungsrats aus dem Schriftsteller Lukas Bärfuss, Amina Chaudri von der ETH Foundation, dem Chef des Suhrkamp Verlags Jonathan Landgrebe sowie Markus Notter, dem Alt-Regierungsrat und Verwaltungsratspräsidenten der Opernhaus Zürich AG. Und das ist ein gewaltiger Vorteil für Max Frisch gegenüber vielen anderen Schriftstellerinnen und Schriftstellern.

Wer eine solch strategische Entscheidung über den eigenen Tod hinaus trifft, muss über ein gut ausgebildetes Nachlassbewusstsein verfügen – über ein Nachlassbewusstsein, wie es als literaturgeschichtliches Phänomen erst im 20. Jahrhundert so richtig aufgekommen ist und von der universitären Literaturwissenschaft auch erst in den letzten Jahren herauszuarbeiten begonnen wurde: ein Nachlassbewusstsein im Sinne eines Bewusstseins für die eigenen Hinterlassenschaften nicht als wilder Papierhaufen, sondern als kulturelle Formation, als Papiere einer persönlichen Provenienz. 3

Dass Max Frisch ein solches Nachlassbewusstsein besaß, lässt sich an vielen Stellen belegen. Um aus dem komplexen Prozess der Herausbildung nur einige Momente herauszugreifen: Entscheidend war für Frisch (auch) in dieser Hinsicht Bertolt Brecht. Er kannte ihn persönlich aus der Zeit, als Brecht in der Nähe von Zürich lebte; es gibt ein berühmtes Foto, wie der Architekt Max Frisch Bertolt Brecht voller Stolz die Baustelle des Freibads Letzigraben zeigt. Brecht war vor allem für den Dramatiker Frisch von Bedeutung, seine Stücke Andorra und Biedermann und die Brandstifter tragen deutlich die Züge der Brecht’schen Dramentheorie.

Nach seinem Tod wurde Brecht für Frisch jedoch bald schon zum Parade- und Präzedenzfall, was passieren kann, wenn ein großer Autor in den Kanon eingeht und zum Klassiker wird. In einem Interview sagte Frisch: »[Brecht] gewann sehr rasch die Aura eines Klassikers auch in der bürgerlichen Welt. Ich werde mich hüten, deswegen eifersüchtig zu sein und zu sagen, das ist unser Brecht und jetzt nehmt ihr ihn. Aber trotzdem hat er dadurch für mich an Interesse verloren, und gegenwärtig ist er für mich nicht ein stimulierender Autor.« 4 An anderer Stelle hat er Brecht »die durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers« attestiert, 5 und offenbar hat sich die Befürchtung, selber eines Tages zu kanonischer Wirkungslosigkeit zu erstarren, von Brechts Beispiel auf Frisch zurückübertragen.

Anzeichen dafür gab es schon früh. Als Frisch 1973 mit seiner damaligen Ehefrau Marianne seinen englischen Übersetzer Geoffrey Skelton besuchte, notierte er danach in seinem Berliner Journal: »Karfreitag in Brighton mit meinem englischen Übersetzer, dessen Frau hier Deutsch unterrichtet; dann muss es für M[arianne], so denke ich, doch etwas seltsam sein, wenn sie vernimmt, dass sie mit einem Lehrstoff verheiratet ist«. 6

Am deutlichsten zeigt sich die Auseinandersetzung mit dem eigenen Nachleben und Nachlass in den Diskussionen um eine Gesamtausgabe, die Frisch Mitte der 1970er Jahre mit seinem Schriftstellerkollegen und Freund Uwe Johnson geführt hat. Frisch war zuerst strikt gegen eine solche Ausgabe und am Ende doch dafür, aber mit Einschränkungen, was die darin aufzunehmenden Werke betrifft. Wiederum im Berliner Journal heißt es: »Johnson fordert Vollständigkeit (wenn schon, denn schon, Sie müssen dazu stehen, Herr Frisch, wir kennen alles), was mir ein Graus ist. Zum Beispiel möchte ich keine Zeitungsartikel […] Briefe? Laut Testament gar keine. Ein fragwürdiger Entscheid. Wenn Briefe, welche? Ich kenne sie ja nicht mehr. Eventuell: Briefe an Kollegen, Verleger, Institutionen. Keine Briefe an Frauen, Kinder, Mutter. Keine Notizen, auch nicht posthum. Darin liegt die Schwierigkeit aller diesbezüglichen Überlegungen: lebe ich bei der Veröffentlichung der Werkausgabe noch oder nicht.«

Frisch lebte noch, als 1976 die Gesammelten Werke in zeitlicher Folge erschienen, und er lebte auch noch, als 1980 sein Archiv an der ETH eingerichtet wurde. Nicht zuletzt deshalb ist er für die Erörterung von Nachlassproblemen ein so aufschlussreicher Fall: Er musste sich dem Umstand stellen, dass er zum Gegenstand der archivarischen und werkpolitischen Betreuung wurde. Und er hat dies auch sehr bewusst getan – nicht zuletzt dadurch, dass er seinen Nachlass unterteilte in einen Bestand, der schon mit Gründung des Archivs frei zugänglich war, und in einen Bestand mit heißer Ware, die er im »deep freezer«, wie er sich einmal ausdrückte, verstaute und mit einer Sperrfrist bis zwanzig Jahre nach seinem Tod versah. Der Stiftungsrat mietete dafür einen Banksafe im Untergeschoss der UBS-Filiale am Zürcher Bellevue, wo er nach Ablauf der Sperrfrist im April 2011 viele Schachteln aus dem Schließfach holte.

Es kommt nicht oft vor in der Literaturgeschichte, dass ein Autor oder eine Autorin das eigene Archiv aufsucht und auch noch die Gedanken notiert, die ihm oder ihr dabei durch den Kopf gehen. In den Entwürfen zu einem dritten Tagebuch, die 2010, völlig überraschend und heftig umstritten, aus dem Frisch-Nachlass erschienen sind, lautet ein Eintrag: »Wenn ich in der Eidgenössischen Technischen Hochschule (Hauptgebäude) das Schild lese: MAX FRISCH ARCHIV – wie fühlt man sich:

wichtig?

ausgeliefert?

beschützt?

bestattet?

dankbar?

historisch?

Die Frage, wen das Material, das sich da anhäuft, je interessieren soll, die Frage nach dem öffentlichen Bedürfnis also habe ich nicht zu beantworten. Briefwechsel intimer Art sind versiegelt. Das erleichtert mich. Verbrennen möchte ich sie nicht. Was das andere Material betrifft, das Walter Obschlager [der erste Archivar] sammelt und ordnet, so beruhigt es mich, dass nicht eine Witwe damit umzugehen hat oder ein Carl Seelig, der sich den Nachlass von Robert Walser angeeignet hat, ein Elio Fröhlich gar [der Testamentsvollstrecker Carl Seeligs]. Wenn ich zu einer Besprechung in diesem Archiv bin, so immer sehr kurz; eine Irritation ist schon da. Viel Quatsch ist erhalten. Stört mich das? Der junge Archivar […] weiss schon mehr über meine Siebzigjahre als ich, was Fakten betrifft; ich bin nicht die beste Quelle für ihn, was Daten betrifft, das weiss er aber. Das Archiv ist nicht meine Sache. Sonst wäre es auch nicht so ordentlich. Hätte ich übrigens nicht das Recht, das eine oder andere aus den schicken Rollschubladen zu nehmen und zu vernichten? Das Recht habe ich, aber nicht das Bedürfnis. Wenn ich zu Hause in einem Buch, das ich offenbar lang nicht zur Hand genommen habe, zufällig einen alten Brief finde oder ein vergilbtes Foto, so werde ich sentimental, ob positiv oder negativ, ach ja, Helen von San Francisco. Ob sie noch lebt? Wenn ich dasselbe in dem Archiv sehe, so geht es mich nichts mehr an.« 7

Es ist eine unheimliche Begegnung mit dem eigenen Anspruch auf Ewigkeit, und es ist zugleich ein glasklarer Blick auf die eigenen Hinterlassenschaften: In dem Moment, da sie aus dem persönlichen Besitz in den archivarischen Bestand übergehen, verwandeln sie sich von einem emotionalen Objekt in ein Dokument. Sie entziehen sich dem Urheber aber nicht nur emotional, sondern auch juristisch. Hätte der Autor wirklich das Recht, das eine oder andere aus den schicken Rollschubladen zu nehmen und zu vernichten? Er beansprucht es zwar für sich, doch streng genommen hat er es aus den Händen gegeben und einem Gremium anvertraut, das er selber eingesetzt und mit den entsprechenden Befugnissen ausgestattet hat. Wäre ich damals als Präsident des Stiftungsrats daneben gestanden, hätte ich sagen müssen: »Entschuldigen Sie bitte, aber das muss das Gremium entscheiden …«.

An der Kontroverse, die die Publikation der Entwürfe zu einem dritten Tagebuch 2010 in den Feuilletons auslöste, lassen sich exemplarisch die Problemfelder aufzeigen, die Veröffentlichungen aus dem Nachlass mit sich bringen können. Von »Leichenfledderei« und »Profitgier« war die Rede. Im Kern drehte sich die Kontroverse um die Frage: Durfte man das veröffentlichen? Handelte man damit nicht gegen den Willen des Autors, der das fragliche Konvolut gar nicht seinem Archiv übergeben hatte, sondern das durch seine Sekretärin dahin gelangt war? Frisch hätte einer Publikation »nie und nimmer« zugestimmt, waren sich Teile des Feuilletons sicher, doch der Stiftungsrat entschied sich nach eingehender Diskussion dafür, wenn auch nicht einstimmig. Er spekulierte nicht darüber, was Frisch wohl gewollt hätte oder nicht – zumal keinerlei Weisung von ihm vorlag, was mit dem Typoskript zu geschehen habe –, sondern er machte Gebrauch von den Befugnissen, mit denen Frisch selbst ihn ausgestattet hatte.

Peter von Matt, mein Vorgänger als Präsident der Max Frisch-Stiftung und Herausgeber des Dritten Tagebuchs, äußerte sich damals in einem Interview mit der NZZ am Sonntag zu der Kontroverse wie folgt: »Was die Bedenken betrifft, ist alles eine Ermessensfrage. [Adolf] Muschg [damals Mitglied des Stiftungsrats] findet die Texte schlecht und unwichtig; ich finde sie gut und von Bedeutung. Muschg findet, man müsse Frisch vor sich selbst in Schutz nehmen; ich finde, er habe das nicht nötig. Muschg wollte den Druck verhindern; ich möchte die Leser entscheiden lassen.« 8

Klar: Alles ist eine Ermessensfrage. Fragt sich nur, nach welchen Kriterien man ermisst. Wenn keine deutliche Willensbekundung des Urhebers vorliegt, müssen es in erster Linie qualitative Kriterien sein – qualitativ weniger in dem Sinne, ob ein bestimmter Text auf der Höhe des publizierten Werks ist, sondern qualitativ vor allem auch im Sinne von: Welchen Grad an Ausarbeitung weist ein Text auf? Und das ist, wenn man mit den Manuskripten oder Typoskripten eines Autors vertraut ist, meist relativ schnell erkennbar. Man kann einen Autor auch beschädigen, wenn man jeden Zettel, den er vollgeschrieben hat, an die Öffentlichkeit zerrt, nur weil er seine Handschrift trägt.

Was aber, wenn eine deutliche Willensbekundung eines Autors vorliegt, dass ein bestimmter Text nicht veröffentlicht werden soll, aber ein übergeordnetes öffentliches Interesse daran besteht? Und was, wenn einander widerstreitende Willensbekundungen vorliegen? Dann fangen die Diskussionen überhaupt erst richtig an. Sie sind nüchtern zu führen, idealerweise von einem unabhängigen Gremium und in Abwägung der verschiedenen Faktoren und Interessen, die dabei im Spiel sind. Nur zwei Aspekte sind aus meiner Sicht aus ethischen Gründen nicht zulässig: rein ökonomische Interessen und eine denkmalschützerische Sorge um den Erhalt eines bestimmten Bildes, das die Öffentlichkeit sich von einer Autorin oder einem Autor macht.

Ein solch brisanter Fall ist der Briefwechsel zwischen Ingeborg Bachmann und Max Frisch, der voraussichtlich 2022 erscheinen wird. Ich zitiere noch einmal die Passage aus dem Berliner Journal: »Briefe? Laut Testament gar keine. Ein fragwürdiger Entscheid. Wenn Briefe, welche? Ich kenne sie ja nicht mehr. Eventuell: Briefe an Kollegen, Verleger, Institutionen. Keine Briefe an Frauen«. Zieht man nur diese Stelle bei, scheint der Fall klar zu sein. Aber wie geht die Aussage zusammen mit einer Äußerung, die Frisch 1982 gegenüber dem Literaturkritiker Volker Hage gemacht hat? Dort prahlte er: »[D]ie Bachmann-Briefe sind gesperrt, ihr und mir zuliebe. Ein großartiger Briefwechsel.« 9

Und wie geht sie zusammen mit dem Umstand, dass Frisch das Briefkonvolut nicht einfach vernichtet, sondern sorgsam aufbewahrt, mit einer Sperrfrist von zwanzig Jahren nach seinem Tod versehen und im »deep freezer« deponiert hat? In eine Tiefkühltruhe gibt man nur, was man erhalten will, und man muss davon ausgehen, dass es eines Tages wieder aufgetaut wird.

Wie man diese und weitere Äußerungen auch immer gegeneinander aufwiegen oder ausspielen will: Fakt ist, dass der Briefwechsel von so übergeordnetem Interesse ist, dass die Publizierbarkeit in diesem Fall außer Frage steht. »Übergeordnetes Interesse« meint hier nicht einfach große Gier der Öffentlichkeit nach mutmaßlich skandalträchtigen Inhalten, sondern ein literarhistorisches Interesse, das über das bloß Private hinausgeht – etwa die Klärung der Frage, ob und, wenn ja, inwieweit sich Frisch an den Intimitäten seiner Geliebten ohne deren Zustimmung oder auch nur ihr Wissen bedient hat, um sie für seinen Roman Mein Name sei Gantenbein auszuschlachten. Das ist ein Vorwurf, der seit Jahrzehnten im Raum steht und der sich eines Tages an den historischen Materialien zu behaupten haben wird. Für die Literaturgeschichtsschreibung ist dies keine geringfügige Sache, weil daraus viele Mythen und Legenden entstanden sind, die bis heute kursieren.

Ich möchte noch auf einen letzten Punkt eingehen, der mir für Nachlassfragen in programmatischer Hinsicht besonders wesentlich scheint. Die grundlegendste Frage, der ich mich als Präsident der Max Frisch-Stiftung jenseits des Alltagsgeschäfts von Aufführungsbewilligungen und Nachlasseditionen, von Fundraising und Pressearbeit stellen muss, ist eine strategische Frage: Wie bringt man es fertig, einen Autor aus dem 20. Jahrhundert im 21. Jahrhundert präsent und aktuell zu halten? Wie kann man als Nachlassbeauftragter und Rechteinhaber erfolgreich darauf hinwirken, dass die Figur, die man vertritt, nicht »die durchschlagende Wirkungslosigkeit eines Klassikers« zu entfalten beginnt?

Diese Frage ist für alle, die in irgendeiner Form mit Nachlässen zu tun haben, von größter Tragweite. Es gibt kein Patentrezept für Antworten, aber es gibt Modelle, an denen man sich orientieren kann. Eines ist dasjenige der Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung in Hamburg. Helmut Schmidt und Max Frisch waren eng vertraut: Schmidt nahm Frisch 1975 mit zu seinem Staatsbesuch bei Mao in China und bat ihn in einem legendären Treffen am Krisenpunkt des Deutschen Herbsts 1977 im Kanzlerbungalow um Rat, als die entführte Lufthansa-Maschine »Landshut« in Mogadischu auf der Piste stand.

Neben ihrer Aufgabe, Helmut Schmidts Nachlass zu erschließen und an seine historischen Verdienste zu erinnern, hat sich die Bundeskanzler-Helmut-Schmidt-Stiftung zum Ziel gesetzt, Themen in den Vordergrund zu rücken, »mit denen sich auch Helmut Schmidt Zeit seines Lebens auseinandersetzte und die bis heute nichts von ihrer Aktualität verloren haben«. Drei Themenfelder stehen dabei im Fokus: Was hält Europa (noch) zusammen? Was versöhnt Menschen und Märkte? Wie begegnet man dem Populismus von rechts und von links? 10

Um diese Grundsatzfragen, deren Aktualität auf der Hand liegt und die sich auch ständig weiterentwickeln, lässt sich eine Vielzahl von Veranstaltungen, Ausstellungen, Podien, Publikationen usw. organisieren, die wegkommen vom Kanon und den historischen Figuren, sondern sich in die Gegenwart einbringen und sich öffnen für die Zukunft.

Wie also lässt sich ein Autor wie Max Frisch im 21. Jahrhundert relevant und brisant halten? Max Frisch ist eine feste Größe – in der öffentlichen Wahrnehmung, auf dem Buchmarkt, in den Theatern, in den Schulen. Doch man kann sich nicht darauf verlassen, dass dies ewig so bleibt. Vielmehr muss man aktiv Angebote machen, wie er zeitgemäß gelesen werden kann. Da bietet es sich an, die Figur Max Frisch aus ihrer bloßen Historizität zu lösen und sie als Kreuzungspunkt gesellschaftlicher Diskurse lesbar zu machen, die bis heute Brisanz besitzen: Diskurse wie diejenigen um Natur, Staat, Arbeit, Herkunft, Geschlecht, Identität usw. Dazu hat Max Frisch viel zu sagen, und an seinen Positionen lassen sich wiederum Positionen diskutieren, die heute bezogen werden – freilich in einem Umfeld, das sich medial multipliziert und diversifiziert hat und ganz anders ausdifferenzierte Öffentlichkeiten adressiert als zu Frischs Zeiten.

Und nicht zuletzt ist eine permissive Haltung angezeigt, wenn es beispielsweise um Aufführungen im Theater geht. Ein Idealfall war die Inszenierung von Graf Öderland || Wir sind das Volk durch Volker Lösch in Dresden vor einigen Jahren. Die Aufführung pflegte einen sehr freien Umgang mit dem Text von Frisch und war durchsetzt mit Sprechchören von Pegida, schaffte es aber gerade wegen ihres eminenten Gegenwartsbezugs in die großen Medien, etwa ins heute journal mit einem ausführlichen Beitrag. Wenn wir da im Stil eines Wächterrats auf dem Wortlaut des Stücketexts beharrt hätten, hätten wir Frisch um seine gesellschaftliche Wirkung gebracht. Man muss auch nicht allzu penibel sein: Wenn ein Regisseur eine miserable Inszenierung eines so bekannten und so häufig aufgeführten Stücks wie Andorra abliefert, wer blamiert sich da: der Regisseur oder Max Frisch?

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. Leicht überarbeitete Fassung eines Vortrags, der an der Eröffnungskonferenz des Zentrums für künstlerische Nachlässe (ZKN) am 21. November 2019 in Zürich gehalten wurde.
  2. Stiftungsurkunde, Art. 2b und d.
  3. Vgl. insbesondere Kai Sina /Carlos Spoerhase (Hrsg.), Nachlassbewusstsein. Literatur, Archiv, Philologie 1750–2000. Göttingen: Wallstein 2017.
  4. Max Frisch, »Wie Sie mir auf den Leib rücken!« Interviews und Gespräche. Ausgewählt u. hrsg. v. Thomas Strässle. Berlin: Suhrkamp 2017.
  5. Max Frisch, Der Autor und das Theater. In: Gesammelte Werke in zeitlicher Folge. Hrsg. v. Hans Mayer, unter Mitwirkung v. Walter Schmitz. 7 Bde. Frankfurt: Suhrkamp 1986.
  6. Max Frisch, Aus dem Berliner Journal. Hrsg. v. Thomas Strässle, unter Mitarbeit v. Margit Unser. Berlin: Suhrkamp 2014.
  7. Max Frisch, Entwürfe zu einem dritten Tagebuch. Hrsg. u. mit einem Nachwort v. Peter von Matt. Berlin: Suhrkamp 2010.
  8. In: NZZaS vom 28. März 2010.
  9. »Ich bin auf Erfahrung sehr angewiesen.« Volker Hage im Gespräch mit Max Frisch. In: Volker Hage (Hrsg.), Max Frisch. Sein Leben in Bildern und Texten. Berlin: Suhrkamp 2011.
  10. www.helmut-schmidt.de/die-stiftung/ueber-uns-standorte/

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