Funktionsstörung

Ich funktioniere nicht richtig. Sonst wäre ich mit der Religionsgründung inzwischen weiter.

Die einzige Ansage meiner Auftraggeber für diese Kolumne lautet, dass ich machen soll, was ich will. Ich muss also nicht im eigentlichen Sinne funktionieren. Nicht zu funktionieren, ohne funktionieren zu müssen, ist natürlich verschärft.

Neulich bin ich in das eingedrungen, was Leitartikler den »Maschinenraum der Demokratie« nennen würden. Das hat mit meinem Eintritt in die SPD zu tun. Auf Ortsvereinsebene war es, die in Berlin Abteilungsebene heißt.

Ich stand in einer riesigen Höhle tief unter der Spree, wurde in diesem Gewölbe aber an die Wand gedrückt von Batterien gigantischer Mühlsteine, die Themen und Meinungen zermahlten und nach oben transportierten, in »Ausschüsse« und »Gremien«. Aus der Unterhöhle hinauf in die oberen Abteilungen mit ihren eigenen Mühlsteinen, die man sich unten viel eleganter und leichtgängiger vorstellt als die eigenen, was sie natürlich nicht sind.

Und alle mussten immer über alle Themen entscheiden und zu allem eine Meinung haben, Zerschlagung der Berliner S-Bahn, E-Scooter, Zusammenbruch der gesetzlichen Rentenversicherung, Sigmar Gabriel und warum junge Menschen AfD wählen. Ganze Zeitungen, Zeitungsjahrgänge, Twitter-Tage wurden von Zwergen mit bitterer Miene auf Schubkarren hereingefahren und den Mühlsteinen übergeben. Ich war in der Höhle, stand dabei aber gleichzeitig auf einem endlos weiten Themenfeld, schutzlos im Licht der sengenden Sonne, und nach fünf Minuten hatte ich Kopfschmerzen.

So funktioniert der politische Apparat. Rastlos zermahlen die Mühlsteine Themen und Meinungen zu Antragsentwürfen, die weiter oben weiter pulverisiert werden, bis nach gefühlten Äonen alles aschgrau aus der Reichstagskuppel herausschießt, ins Offene. Wo davon 47,5 Prozent verlacht und 47,5 Prozent ignoriert werden. Und als ich wieder aus der Höhle trat, war mein ganzes Cordsakko mit Steinstaub bedeckt, vom Verschleiß, von den Reibungsverlusten. Als ich ins Parteilokal kam, saßen schon alle vor einem großen Bier.

Steinstaub und Bier, damit dokumentiert der Apparat sein Funktionieren.

Die neue Waschmaschine kommt; wir haben sie bei einem Versandhaus mit dem Namen eines für Boomer wichtigen Komikers bestellt und einen Anschlussservice dazugebucht. Die Männer vom Anschlussservice sind größer und stärker als ich. Sie hätten die Maschine jetzt angeschlossen, es tropft nicht, sagen sie streng, und ich unterschreibe auf einem Display. Sie gehen, es tropft stark, es rinnt geradezu, und ich bin nicht glücklich. Ich beginne einen Mailwechsel mit den Damen vom Kundenservice.

Sie sind so launig wie Altenpflegerinnen, die endlich Feierabend machen wollen, nein, das Essen war doch sehr gut, jetzt husch ins Bett! Man kann die Anschlussfirma wieder bestellen, das dauert dann aber, da kann man nichts machen, am besten, Sie regeln das selber, Geld bekommen Sie zurück.

Sie: Schön, dass Sie mit uns zusammenarbeiten. – Icke: Schade, dass Sie Ihre Arbeit nicht machen. – Sie: Aber was erwarten Sie denn noch? – Icke: Dass Sie die Leistungen, die sie anbieten, auch tatsächlich erbringen, anstatt sie nur vorzutäuschen. Dass Sie funktionieren. – Sie: Wir haben Ihnen ja das Geld erstattet, schönen Tach noch, tschüssikowski.

Das war etwas seltsam, so glatt wie das flutschte. Vielleicht ist das ein Geschäftsmodell: eine Leistung anbieten, sich bezahlen lassen, sie nicht erbringen und hoffen, dass sich niemand beschwert. Vielleicht war das schon immer ein Geschäftsmodell. Aber warum klingen diese Frauennamen alle so ähnlich? Warum haben sie alle den gleichen Heißa-Hoppsassa-Tonfall und hauen mir per E-Mail auf die Schulter, dass es schmerzt? Gibt es diese Frauen? Vielleicht habe ich mit launigen Bots kommuniziert, die vertrauenerweckende Namen tragen. Kafka für Kleinbürger.

Politik und Wirtschaft, Verwaltung des Nichtfunktionierens und gewinnorientierte Vortäuschung des Funktionierens. McKinsey täuscht Funktionieren der Bundeswehr vor, während Ursula von der Leyen Karriere macht, gestützt von Funktionären, die aus eigener Erfahrung wissen, wie schwer es ist, Funktionieren vorzutäuschen.

Unter mir der Pseudo-Biobäcker, eine Simulation für Investoren, highly instagrammable, die Kunden sind eigentlich Deko, fahren aber trotzdem mit dem Tesla vor und lassen sich entwürdigen, für eine Handvoll Zimtschnecken. Die Leistung, »Biobackwaren«, zu erbringen, war nie der eigentliche Plan, das Geldverdienen war der Plan, und gerade so viel Leistung vorzutäuschen, dass man Geld dafür verlangen kann. Die Nachbarn behandelt man wie Dreck und beharrt dabei auf seinem Recht, sie wie Dreck zu behandeln, sie können ja klagen, schade; dass die Justiz überlastet ist, hat man schon mit einkalkuliert. Die Mitarbeiter behandelt man nicht viel besser, das nennt man, in wirklich ekelhafter Aneignung von Jugendkultur, »Business Punk«. Das Image ist die ganze Wahrheit, und solange man es bestimmt, klingelt die Kasse.

Die Ratten vor und unter dem Laden haben mir viel Spaß gemacht. Ich habe lustige Videos davon. Sofort ist das Gesundheitsamt gekommen. Aber die Kunden saßen dann ungerührt vor dem Rattenkot vor der Bäckerei. Sie haben nicht hingesehen. Das Image war stärker, die Simulation siegt. Gefühlt war der Kaiser noch nie nackiger.

Freiheit ist natürlich Einsicht in den Zwang, und es ist bestimmt nur meine Empörung, die mir im Weg steht, meine Wut, an der wahrscheinlich Twitter schuld ist. Gleich kommen die donnernd säuselnden Stimmen, die sagen, dass man auf keinen Fall Veränderung wollen darf, das würde nämlich alles noch schlimmer machen. Die sagen, an allem sei die »Polarisierung« schuld – und wenn man einfach mehr Gemeinsamkeiten mit Menschen finden würde, die Hass, Unmenschlichkeit und Unterdrückung wollen, wäre alles viel leichter. Man darf die Gesellschaft nämlich nicht spalten, und das bedeutet: Man muss akzeptieren, dass sie nicht vorwärts will, sondern zurück. Man muss mit zurück.

Warum will das, was sich bei uns das Image »Mainstream« und »Mitte« gibt, nicht anerkennen, was ich als reale Gegenwart erlebe? Kommen wir da noch zusammen? Wahrscheinlich nicht.

Veränderung? Oder soll man es lassen?

Warum glauben wir, dass wir eine Wahl hätten? Dass wir Veränderung kontrollieren könnten? Dass wir sie abwählen könnten?

Deutschland ist ein Lied mit dem immergleichen Refrain. Deutschland ist eine Platte, die hakt. Feigheit und Opportunismus, Opportunismus und Feigheit und Geldgier. Dazu diese fundamentale Unfähigkeit, sich auch überhaupt nur vorzustellen, dass ein Konflikt sich austragen ließe. Ich könnte immer die gleiche Kolumne schreiben, über das Land mit der lähmenden Zukunftsangst vor seiner eigenen Gegenwart, eine Kolumne, die dann von der Realität immer bestätigt, aber nie anerkannt werden würde, was mir in alle Ewigkeit meinen Job garantiert. Meine einzige Hoffnung ist, dass es nicht funktioniert.

Funktioniert Religion? Soll sie es?

Übrigens: Unseren Goldfischen, diesen Süßwasser-Bulldoggen, geht es gut.

 


1 Kommentare

  1. Reiner Girstl sagt:

    klare Antwort warum keiner mehr die SPD braucht, eine Partei der reinen Selbstbefriedigung für die, denen sonst keiner zuhört, also 14 Prozent der Wähler und 7 Prozent der Bevölkerung. Was vollkommen abgeht ist das Interesse am Wohlergehen der Menschen und deren Wohlfahrt oder kurz das gute Leben für alle.

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