Hongkong Cops

Am 12. August 2019 veröffentlichte der chinesische Staatssender CCTV im Internet ein bemerkenswertes Video. Der zweieinhalbminütige Clip sollte wohl Unterstützung für die Polizei von Hongkong zum Ausdruck bringen, die zu diesem Zeitpunkt schon seit über zwei Monaten bei den immer aggressiveren Straßenprotesten, Demonstrationen und einem Generalstreik im Einsatz war. Zu dramatischer Musik werden Polizisten in Uniform und Zivil bei der Arbeit gezeigt. Alle sehen sehr gut aus, tragen perfekt sitzende Maßkleidung, die Aufnahmen zeichnen sich durch exzellent gesetztes Licht und eindrucksstarken Farbeinsatz aus. Die ästhetische Qualität gleicht der eines Spielfilms. 1

Kein Wunder – denn all die Szenen, die die Polizei von Hongkong bei der Arbeit zeigen sollen, sind aus Spielfilmen der vergangenen Jahre. Der größte Teil des Videoclips, der in den sozialen Medien Chinas Hunderttausende positive Kommentare einsammelte, sind aus erfolgreichen Filmen der letzten Jahre zusammengestückelt, aus Kassenschlagern wie Kill Zone (2005), Cold War (2012), Firestorm (2013), Line Walker (2014) oder Shock Wave (2017). Nur ganz am Ende sind kurz richtige Polizisten aus Hongkong in der Auseinandersetzung mit Demonstranten zu sehen, gefolgt von Bildern einer Kundgebung zur Unterstützung der Polizei.

 

Der Titel des Videos, der von Xiaoyang Video, der Kurzvideoplattform von CCTV, produziert wurde: Sir, 1,4 Milliarden Menschen unterstützen Sie! Gemeint waren wohl die 1,4 Milliarden Festlandchinesen, die nichts von den »Terroristen« und »Aufrührern« – wie die Demonstranten im Video genannt wurden – halten, die in Hongkong für den Rechtsstaat auf die Straße gingen. (Das »Sir« im Titel ist auch im chinesischen Originaltitel des Videos in lateinischen Buchstaben geschrieben und verweist auf ein sprachliches Relikt aus der britischen Kolonialzeit bei der Polizei von Hongkong. Dort spricht man nicht nur Vorgesetzte immer noch mit »Sir« an, obwohl man ansonsten auf Kantonesisch miteinander verkehrt.)

Bei den Demonstrationen in Hongkong scheinen Wirklichkeit und mediale Fiktion schon länger durcheinander zu geraten. Wer eine Suchmaschine mit Begriffen wie »Hongkong Polizei Film Kino« füttert, der bekommt als Ergebnis ein wildes Durcheinander von Treffern, die teilweise vom Kino Hongkongs handeln, teilweise aber auch von den Protesten in Hongkong, bei denen Videoaufnahmen eine besonders bedeutsame Rolle spielten. Kurze digitale Clips, die oft mit dem Smartphone aufgenommen wurden, waren bei den Protesten von noch größerer Bedeutung als während des Arabischen Frühlings, der lange als die paradigmatische »Social-Media-Revolte« galt. Die Aufnahmen, die Passanten und Demonstranten auf den Straßen von Hongkong machten, wurden über Twitter und Facebook global verbreitet und sind zu einer wichtigen Informationsquelle über die Proteste in der internationalen Berichterstattung geworden.

Polizei und Gewalt

Das Propagandafilmchen von CCTV erinnert aber auch daran, dass Hongkong eine höchst aktive Filmindustrie hat, die auf hohem technischen Niveau Hochglanzbilder produzieren kann und für die gerade Polizeifilme ein außerordentlich wichtiges Genre sind. In dem Video kann man unter anderem Stars wie Louis Koo, Aaron Kwok und Andy Lau als Polizisten sehen, die mit entschlossenem Gesichtsausdruck, das Kinn vorgereckt und die Fäuste geballt, dem Verbrechen entgegentreten. Dabei sagen sie Sätze wie »Hongkong ist kein Ort, an dem man machen kann, was man will« (die Aaron Kwok in Cold War 2 an zwei pflichtvergessene Polizisten richtet), im Kontext des Clips jedoch beziehen sie sich natürlich auf die Protestierer in Hongkong. Das Bild, das in diesen Filmen von der Polizei gezeichnet wird, kollidiert dabei auf interessante Weise mit dem, das in den Medien über die Polizei von Hongkong zu lesen und zu sehen ist.

Zugespitzt könnte man sagen: Die Krimis aus Hongkong zeigen die Polizei, wie sie die Demonstranten in der chinesischen Sonderverwaltungszone gerne hätten. Die Smartphone-Aufnahmen von den Demonstrationen zeigen hingegen die Polizei, die sie dauerhaft bekommen werden, wenn China seinen Einfluss in der Stadt weiterhin ausdehnt: eine Polizei, für die Bürgerrechte und Rechtsstaatlichkeit zweitrangig sind, die – ausgestattet wie Weltraumkrieger – wehrlose Protestierende zusammenknüppelt und Studenten auf ihrem Campus wie Kriegsgegner bekämpft; eine Polizei, die mit der chinesischen Triaden-Mafia unter einer Decke zu stecken scheint und wegsieht, wenn deren Schläger Demonstranten verprügeln, die mit Motorrädern in Demonstranten fährt und aus nächster Nähe mit Gummigeschossen auf Protestierende schießt, die in kritischen Situationen ihre Identifikationsnummer verdeckt und statt Tränengas Insektenvernichtungsmittel verspritzt.

Wenn mit Sturmmasken vermummte Polizisten aus nächster Nähe demokratisch gewählte Politiker mit Pfefferspray besprühen, weil sie zwischen Protestierenden und Polizei vermitteln wollen, wie es Ted Hui von der Demokratischen Partei geschehen ist, mag das in Einzelfällen auch mit der Überlastung der Beamten zu tun haben, die über ein Dreivierteljahr hinweg jede Woche sechzig Stunden und mehr Dienst tun mussten.

Aber in der Summe haben solche »Einzelfälle« dem Ruf der Polizei Hongkongs empfindlich geschadet. Laut einer Umfrage der South China Morning Post aus dem Dezember 2019 ist bei fast 45 Prozent der Hongkonger das Vertrauen in die Polizei gesunken – und das gilt ausdrücklich auch für Menschen, die den Kurs von Stadtoberhaupt Carrie Lam politisch unterstützen. 30 Prozent gaben an, überhaupt kein Vertrauen mehr in die Polizei zu haben. Mehr als die Hälfte der Befragten fand, dass die Polizei sehr hart oder zu gewalttätig vorgegangen sei; 52 Prozent waren für die Einrichtung einer unabhängigen Untersuchungskommission zum Thema Polizeigewalt – eine Forderung, die zu den »Five Demands« der Demonstranten gehört, deren Umsetzung Carrie Lam bisher ablehnt. 2 »Solche Zahlen kennt man sonst nur aus Diktaturen«, kommentierte das Unternehmen, das die Online-Umfrage für die Zeitung durchgeführt hatte; und in einem Kommentar wurde laut darüber nachgedacht, ob man die Polizei der Stadt nicht auflösen und komplett neu aufbauen müsse. 3

Cops und Thriller

Wie eng Stadtleben und Kino in Hongkong miteinander verzahnt sind, lässt sich auch daran ablesen, dass die Proteste und die Zusammenstöße von Demonstranten und Polizisten auch direkte Konsequenzen für die Filmindustrie der asiatischen Metropole haben: »Seitdem die Proteste in Hongkong das Image der Polizei zerstören, meidet das Publikum Cop-Thriller«, berichtete die Website Today. 4 In der zweiten Hälfte des Jahres 2019 sei die Zahl der Kinobesucher im Vergleich zu den ersten sechs Monaten um 10 Prozent zurückgegangen, während der Weihnachtsfeiertage 2019 sei die Zahl der Kinobesucher sogar fast um 30 Prozent niedriger gewesen als im Vorjahr, berichtet das Blatt und spekuliert, dass die Hongkonger die Shopping Malls meiden, in denen sich inzwischen fast alle Kinos der Stadt befinden, weil es dort regelmäßig zu Auseinandersetzungen zwischen Polizei und Demonstranten kommt.

Ein Grund für die gesunkenen Einnahmen sei aber auch das Fehlen von erfolgreichen Krimis über die Arbeit der Polizei, wie sie in Hongkong bis vor kurzem zu den beliebtesten Genres gehörten: Die sechs Polizeifilme, die zwischen Februar und dem Beginn der Proteste Anfang August 2019 veröffentlicht wurden, erzielten noch Einnahmen in Höhe von 85 Millionen Hongkong-Dollar (knapp 10 Millionen Euro). Auch der erfolgreichste Hongkong-Film des Jahres 2019 war ein Policier: Integrity mit den Superstars Sean Lau Ching-wan und Nick Cheung Ka-fai, der im Februar 2019 in die Kinos kam. Die sechs Polizeifilme seit August 2019 seien dagegen alle Flops gewesen; einige geplante Filme gehen darum gar nicht erst in die Produktion – offenbar weil die Filmproduzenten befürchteten, dass in der gegenwärtigen Situation niemand Filme über eine Polizei sehen möchte, die in wenigen Monaten »from Asia’s finest to Hong Kong’s most hated« geworden ist. 5

Dabei hatten Regisseure wie Johnnie To Kei-fung oder Alan Mak in den letzten Jahrzehnten die Polizei in ihren Filmen immer wieder als effektive, engagierte, unkorrumpierbare und dem Allgemeinwohl verpflichtete Institution porträtiert. Seit immer deutlicher wird, dass China versucht, in Hongkong verstärkt ins politische und kulturelle Geschehen einzugreifen, kann man diese Filme auch als einen Versuch auffassen, die Rechtsstaatlichkeit und das Potential des politischen Modells Hongkongs zu betonen. Die Gesetzestreue seiner Polizei fungierte immer als Lackmustest einer fairen, regelbasierten öffentlichen Ordnung, die es in China nicht gibt.

Infernal Affairs

So betrachtet handelt es sich bei den drei international höchst erfolgreichen Filmen aus der Infernal Affairs-Reihe (2002/2003) von Andrew Lau und Alan Mak, die auch die Vorlage für Martin Scorseses US-Remake The Departed (2006) lieferten, um geradezu staatsbürgerliche Angelegenheiten. 6 Der Titel spielt zum einen auf die Hölle an, zum andern aber auch auf die Abteilung für »Internal Affairs« der Hongkonger Polizei, die mögliches Fehlverhalten von Polizisten untersuchen soll, um Amtsmissbrauch zu verhindern.

In der Trilogie geht es darum, wie die Polizei von Hongkong die chinesische Triaden-Mafia mit Informanten unterwandert und ausspioniert, während die Triaden dasselbe mit der Polizei tun. Die Superstars Andy Lau Tak-wah und Tony Leung Chiu Wai spielen die beiden Maulwürfe, die ins jeweils andere Lager eingeschmuggelt werden. Die ehemaligen Schulfreunde werden schließlich aufeinander angesetzt, nachdem ihre jeweiligen Auftraggeber gleichzeitig darauf aufmerksam werden, dass sie unterwandert wurden. Am Beispiel der beiden Undercover-Spione werden – ähnlich wie in Fritz Langs M – Eine Stadt sucht einen Mörder (1931) – die Ähnlichkeiten zwischen den beiden Organisationen hervorgehoben, die sich hier bekämpfen. Es werden aber auch die moralischen Widersprüche deutlich, in die sich die beiden Protagonisten jeweils verstricken. Ganz klar stehen diese Filme auf der Seite von Recht und Ordnung und damit auf der Seite der Polizei von Hongkong, während die von Festlandchinesen geführten Triaden als Vertreter der Rechtlosigkeit verstanden werden können, die in China herrscht.

Da Hongkongs Filmindustrie inzwischen stark auf Koproduktionen mit Firmen aus Festlandchina angewiesen ist und sich darum mit den für diese geltenden Einschränkungen arrangieren muss, wäre es heute wohl unmöglich, einen Film mit solch kritischen Untertönen zu drehen. Weiterhin entstanden in Hongkong jedoch Jahr für Jahr zahlreiche Filme, die die Arbeit der Polizei in den Mittelpunkt stellen. Ihre Zahl blieb in den letzten Jahren stabil. In dieser Zeit wurde jedoch immer deutlicher, dass China sich nicht an die Vereinbarung mit den ehemaligen britischen Kolonialherren zu halten gedenkt, dass bis 2046 das Prinzip »Ein Land, zwei Systeme« zu gelten habe.

Immer unübersehbarer wurde die Absicht, Peking-treue Mitarbeiter in der Stadtregierung und dem Hongkonger Legislativrat zu installieren. Auch die Entführung einiger Buchhändler aus Hongkong durch den chinesischen Geheimdienst demonstrierte die Absicht Pekings, sich immer stärker in das politische Leben der Stadt einzumischen und Menschenrechtsaktivisten und politische Gegner einzuschüchtern. Die Hongkonger Bevölkerung setzte sich dagegen immer wieder zur Wehr: zunächst mit den friedlichen »Regenschirm-Protesten« von 2014 und dann mit den wesentlich aggressiveren Demonstrationen seit August 2019.

Eine Besonderheit des Kinos von Hongkong ist die große Zahl von Filmen über die Independent Commission Against Corruption (ICAC), eine Behörde zur Untersuchung von Polizeikorruption. In David Lams erfolgreichen Storm-Filmen geht es ausschließlich um deren Arbeit: Z Storm (2014), S Storm (2016 – die beiden sind aktuell auf Netflix zu sehen), L Storm (2018) und P Storm (2019 – eine fünfte Folge ist derzeit in der Produktion) handeln in immer neuen Variationen von der Rolle der ICAC bei der Aufrechterhaltung von Rechtsstaatlichkeit und öffentlicher Ordnung.

Das Hongkong-Kino ist nicht dafür bekannt, politische Botschaften zu verbreiten. Es ist vielmehr durch und durch kommerziell, und wenn es die sozialen oder politischen Zustände in Hongkong thematisiert, dann tut es das meist im Gewand von Genres wie dem Melodrama, dem Thriller, dem Horrorfilm oder der romantischen Komödie. In der Regel muss man zwischen den Zeilen lesen können, um zeitkritische Kommentare zu finden. Arthouse- und Independent-Regisseure wie Wong Kar-Wai, Ann Hui oder Fruit Chan waren in Hongkong immer nur die Ausnahmen, die die Regel des strikt gewinnorientierten Filmemachens bestätigten. Oft waren sie im Ausland erfolgreicher als zu Hause, oder sie mussten Auftragsarbeiten annehmen, um sich über Wasser zu halten.

Kommission gegen Korruption

Auch wenn die Filmindustrie Hongkongs in den letzten Jahren Marktanteile an Hollywood verloren hat, ist sie für ihre Bürger eine Quelle des Stolzes und nach wie vor ein identifikationsstiftender gemeinsamer Bezugspunkt. Noch immer sind bei Festtagen wie dem chinesischen Neujahrsfest lokale Produktionen verlässliche Publikumsmagneten. Und dann bietet das Hongkong-Kino seinem lokalen Publikum nach wie vor das – wie es der Hongkonger Filmkritiker Perry Lam nennt – »einzigartige und unvergleichliche Vergnügen«, sich auf der Leinwand wiederzuerkennen. 7 Die identitätsstiftende Wirkung des Hongkong-Kinos ist von Filmwissenschaftlern wie von Stadthistorikern und -soziologen immer wieder hervorgehoben worden. 8

Womit wir wieder bei der Independent Commission Against Corruption sind, mit der sich in den letzten Jahren so viele Filme beschäftigt haben. Die Behörde ist ein direktes Resultat der Kolonialgeschichte Hongkongs und in den letzten Jahren ein so wichtiges Element eines neu entstandenen Selbstverständnisses geworden, dass sie sich offenbar als Thema empfahl. Bis Anfang der siebziger Jahre galten die Ordnungshüter von Hongkong als die korrupteste in ganz Asien. In der damaligen britischen Kronkolonie wurde die Polizei in regelmäßigen Abständen von Bestechungsskandalen heimgesucht. Die Korruption reichte von einfachen Streifenbeamten, die nur tätig wurden, wenn sie dafür »tea money« erhielten, bis in die höchste Führungsebene. Die Polizei war dabei nur Teil einer weitverbreiteten Kultur der Bestechlichkeit: Auch die Feuerwehr rückte nur gegen Bezahlung aus (»You pay, we spray«, heißt es in dem Filmklassiker House of 72 Tenants von 1973), und wer im Krankenhaus ordentlich versorgt werden wollte, musste sich das ebenfalls mit Sonderzahlungen an das Personal erkaufen.

Nach schweren Ausschreitungen 1967, die sich gegen die sozialen Missstände in Hongkong wendeten, begann die britische Kolonialregierung damit, die Verwaltung der Stadt zu modernisieren. Anfang der 1970er Jahre startete der britische Polizeichef Charles Sutcliffe eine Antikorruptionskampagne, die dazu führte, dass etwa vierzig Beamte mit illegalen Einnahmen in Millionenhöhe ins Ausland flohen. Doch Sutcliffe ließ nicht nur schuldige Beamte bestrafen, sondern sorgte auch für bessere Bezahlungen und Arbeitsbedingungen für seine Polizisten. Und er leitete 1974 die Gründung der Independent Commission Against Corruption (ICAC) ein, die nicht in die Polizeiorganisation eingebunden ist, sondern direkt dem Regierungschef von Hongkong untersteht. Sie musste sich in ihrer Anfangszeit gegen starke Gegenwehr aus den Reihen der Polizei durchsetzen, bis hin zu Schlägereien zwischen Polizisten und ICAC-Angehörigen.

So begann die Verwandlung Hongkongs von einer asiatischen Metropole der Bestechung zu einem der am wenigsten korrupten Orte der Welt, was ab den 1980er Jahren auch zunehmend von internationalen Institutionen wie der Weltbank oder Transparency International zur Kenntnis genommen und anerkannt wurde. Unter dem Wahlspruch »We serve with pride and care« entwickelte sich die Polizei von Hongkong zu einer Bürgerpolizei, die sich den Menschenrechten und dem »due process« verpflichtet sah. Die ICAC hat bei diesem Prozess eine wichtige Rolle gespielt und genießt unter vielen Bürgern darum eine Hochachtung, die eigentlich im Widerspruch zu ihrem Status als bürokratische Kontrollinstitution steht.

»The rule of law is Hong Kong’s most precious core value. If anything goes wrong with any law enforcement agency, Hong Kong is finished«, erklärt Ermittler William Luk (Louis Koo) gleich zu Beginn von Z Storm bei der Verhaftung eines korrupten Polizisten, als müsste er eine Lektion in Staatsbürgerkunde erteilen. Oder als wolle da jemand eine Botschaft an den Teil Chinas senden, der kein Rechtsstaat ist und in dem Bestechlichkeit und Machtmissbrauch auch die große Antikorruptionskampagne von Staatspräsident Xi Jinping überstanden haben.

Recht und Ordnung

Die Flut von Polizeifilmen in den letzten Jahren wurde von dem außerordentlich erfolgreichen Cold War (2012) von Longman Leung und Sunny Luk ausgelöst, der die Bedeutung der Polizei für die Sicherung der öffentlichen Ordnung in den Mittelpunkt stellt. Auch in diesem Film werden staatstragende Reden gehalten. Der Innensenator preist in einer Szene Hongkong als liberale Stadt und als Finanzzentrum, für das bürgerliche Freiheiten, Rechtsstaatlichkeit und Pressefreiheit unerlässlich sind – die außerdem »eine große Errungenschaft« seien. Sein Versprechen, Hongkong sei die »sicherste Großstadt Asiens«, wird allerdings durch die Entführung eines Mannschaftswagens der Polizei samt Besatzung konterkariert.

Dieser Fall ist nicht nur deswegen dramatisch, weil dadurch dem Steuerzahler ein immenser Schaden entstanden ist, sondern auch, weil der mit den neuesten technischen Errungenschaften ausgestattete Transporter eigentlich ein sicheres Ortungssystem haben sollte. Dass er trotzdem verschwindet, stellt die Befähigung der Polizei infrage, in der Stadt für Sicherheit und Ordnung zu sorgen. Schlimmer noch: Als die Polizisten zu einem vermeintlichen Versteck der Entführten gelockt werden, finden sie dort nur einen alten Fernseher. Der zeigt ein Video, in dem der frühere Polizeichef die Sicherheit der Stadt Hongkong preist.

Überwachungstechnologie und andere Formen von Hightech spielen eine große Rolle im ganzen Film. Die geschäftigen Straßenszenen, die Märkte und Tempel, die in vielen früheren Hongkong-Filmen die Stadt charakterisieren, fehlen hier fast völlig. Stattdessen spielt der Film vorwiegend in sterilen Hochhausbüros und Tiefgaragen, auf blitzsauberen Innenstadtautobahnen und vor der Kulisse neu erbauter Wolkenkratzer. Die Szenen werden oft im Halbdunkel mit metallisch grauen und blauen Farbschemata gezeigt; die Polizisten sitzen in großzügigen, eleganten Büros und tragen maßgeschneiderte Anzüge und modische Frisuren, die mit viel Brillantine in Form gehalten werden. Dieser visuelle Stil prägt auch die Polizeifilme, die auf Cold War folgten: Immer operiert die Polizei in einer Welt aus Glas, Stahl und Beton, die wimmeligen Nachtmärkte, Hafenanlagen, Restaurants und Bürgersteige sind durch stylische Neubauten ersetzt worden

Die ICAC spielt auch in Cold War eine entscheidende Rolle. Einer der entführten Polizisten ist der Sohn des stellvertretenden Polizeipräsidenten (Tony Leung Ka-Fai), der aus Sorge um sein Kind seine beruflichen Befugnisse überschreitet. (Der Chef der ICAC wird übrigens von einem wirklichen ehemaligen Mitarbeiter der Behörde gespielt, der 1994 wegen eines Interessenkonflikts gefeuert wurde.) Die ICAC sorgt dafür, dass persönliche Betroffenheit nicht die Ermittlungen beeinträchtigt, denn nicht Familienbande, sondern »die Sicherheit der Bürger steht über allem«, wie der stellvertretende Polizeipräsident an einer Stelle belehrt wird.

Auch in den Storm-Filmen ermitteln ICAC-Beamte, die wie Dressmen aussehen, in neonerleuchteten Hightech-Offices in Bürotürmen hoch über der Stadt. Dass dort der Hongkonger Wohltätigkeitsfond Community Care Fund sein Vermögen durch Aktienspekulationen vermehren soll, verweist einerseits auf die Bedeutung Hongkongs für den globalen Finanzmarkt, andererseits auf die geringe Rolle der Regierung bei der sozialen Absicherung ihrer Bürger.

Die erste Hälfte des Films erscheint streckenweise fast wie eine Einführung in die Arbeit der ICAC: Wir erfahren, dass die Beamten sich regelmäßigen Überprüfungen ihrer Integrität, ihrer finanziellen Verhältnisse und anderer persönlicher Lebensumstände unterziehen müssen, denn »we are a law enforcement agency with power. And power is corruptive«, wie ICAC-Ermittler Luk sagt. Als Polizei und ICAC bei einer Korruptionsermittlung doch zusammenarbeiten müssen, versucht Luk diese Kooperation immer wieder zu verhindern, weil sie seinem Verständnis von Unabhängigkeit widerspricht. Erst nach einer Reihe von erfolglosen Versuchen, den ihm zugeordneten Polizeikommissar kaltzustellen, bezieht Luk ihn widerwillig in den Fall ein. Der Polizist staunt dann zum Beispiel über die technische Ausstattung des Transporters, aus dem heraus die ICAC-Beamten einen Verdächtigen überwachen. Als am Ende die Zerstörung des Community Care Funds durch Finanzspekulation verhindert werden kann, sparen sich die ICAC-Beamten jedes Eigenlob, stattdessen heißt es »the people did win«, gefolgt von der Warnung: »There’s no end to corruption.«

Ein Glück für Regisseur David Lam und seine Produzenten, denn so konnten sie bisher drei – allerdings immer schlechter werdende – Fortsetzungen drehen. Die Storm-Filme sind wahrlich kein großes Kino und scheinen vor allen Dingen für den lokalen Markt gemacht worden zu sein. Auch in Hongkong konnte die Kritik an den Filmen wenig Gutes finden, LoveHKfilm.com kritisierte sie gar als »Regierungspropaganda«.

Aber dann gibt es den Publikumserfolg dieser Filme, in denen immer wieder in pathetischem Ton erklärt wird, dass »Hongkong untergehen wird, wenn es seine Grundwerte aufgibt«. Das mag Propaganda für ein politisches System sein, aber es sind profitorientierte Filmstudios, die diese Propaganda verbreiten, weil sie sich damit Erfolg beim Publikum versprechen. Und es handelt sich nicht um Regierungspropaganda wie bei dem Internetclip des chinesischen Staatsfernsehens, der übrigens ironischerweise auch einen kurzen Ausschnitt aus Z Storm enthält.

 

FUSSNOTEN & QUELLENANGABEN

  1. https://youtu.be/eY8kRNl1zN4
  2. Jeffie Lam, Police reputation in tatters across the political divide according to online survey of Hong Kong voters. In: South China Morning Post vom 21. Dezember 2019.
  3. Yonden Lhatoo, Fine then, let’s disband Hong Kong’s police force if that’s what the people want. In: South China Morning Post vom 21. Dezember 2019.
  4. Cop thrillers shunned as Hong Kong protests fuel resentment towards police. In: Today vom 5. Januar 2020.
  5. Suzanne Sataline, From Asia’s Finest to Hong Kong’s Most Hated. In: The Atlantic vom 1. September 2019.
  6. Gina Marchetti, Andrew Lau and Alan Mak’s Infernal Affairs – The Trilogy. Hong Kong University Press 2007.
  7. Perry Lam, Once a hero. The Vanishing Hong Kong Cinema. Hongkong: East Slope Publishing 2011.
  8. Petra Rehling, Schöner Schmerz. Das Hongkong-Kino zwischen Traditionen, Identitätssuche und 1997-Syndrom. Mainz: Bender 2005; H. M. G. Forsgate (Hrsg.), Changes in Hong Kong Society Through Cinema. Katalog der Retrospektive des 12. Hong Kong International Film Festivals. Hongkong: Urban Council 1988.

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